Archiv der Kategorie: Politische Bildung

Kommentar: Ich verstehe die Welt nicht mehr…

Ich verstehe die Welt einfach nicht mehr.

Hier sitze ich also an meinem Laptop, umgeben von Lernzettel, Vorlesungen, Schoko-Lebkuchen (don’t judge me) und den Nachrichten im Fernseher. Man möge es kaum glauben, aber bis vor mehr als einem Jahr habe ich noch nicht einmal die Nachrichten geschaut, geschweige denn mehrmals am Tag verfolgt. Das Adjektiv politikverdrossen hat mich wirklich am besten beschrieben.

Jetzt aber muss ich mich davor zügeln Spiegel Online, die Welt etc. jede halbe Stunde zu checken und zu sehen, was so alles auf der Welt geschieht. Woher dieser Wandel kam? Ganz einfach: Ich habe ein ganzes Jahr in den Vereinigten Staaten mit einer politisch-aktiven republikanischen Familie verbracht. In diesem Jahr wurde ich so stark desillusioniert, dass ich schon gar nicht mehr verstehe, wie ich nur so abgekapselt von dem allgemeinen politischen Kima, nicht nur hier in Deutschland, sondern auf der ganzen Welt, sein konnte. Meine komplette naive Weltanschauung hat sich von mir ohne eine Vorwarnung verabschiedet.

Und jetzt, wo ich endlich so informiert bin, frage ich einfach mal in die Runde:

What the fuck is going on?

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„Sie sind überall und umkreisen mich“-ein Besuch bei den Kannibalen

Es ist der 20.01.2017, der Tag, an dem ich mich mit drei Freunden auf den Weg zu einem Konzert von Kannibalen mache. Genauer gesagt: Es geht zu KIZ, den Kannibalen in Zivil. Die Jungs Tarek, Maxim, Nico und ihr DJ, alle vier geliebt und gefürchtet für ihren satirischen Hip-Hop-Rap, geben ein Zusatzkonzert. Anlässlich ihrer Tour „Hurra, die Welt geht immernoch unter“ zieht es sie in die Stadthalle nach Offenbach.

Aliengehirn und Zwergkanninchen-ein langer Weg zu den Kannibalen

Die Zugverbindung von Mainz nach Offenbach dauert ohne Umstieg circa eine Stunde.
Wer seine Konzertkarten für knapp 35€ bei Eventim () gekauft hat, der kann sich über eine kostenlose An-und Abreise am Tag des Events freuen (Vorausgesetzt, man liest das Kleingedruckte auf den Karten.) Nachdem wir die Deutsche Bahn unterstützt haben, kommen wir schließlich am Marktplatz in Offenbach an. Wir treffen Menschen, die den gleichen Weg wie wir vor uns haben und nutzen den Supermarkt Rewe, um uns für den Weg zur Stadthalle einzudecken. Ich bin begeistert vom Tomatenangebot und erstatte eine seltsam geformte Tomate, die wir liebevoll „Aliengehirn“ nennen.
Der Fußweg vom Bahnhof zur Stadthalle dauert dreißig Minuten und führt an diversen Tierhandlungen mit süßen Zwerkanninchen vorbei. Zum Glück gibt es Google Maps und einen Menschen mit vollem Datenvolumen, denn keinerlei Wegschilder weisen uns den Weg zu KIZ. Immerhin, man muss nirgendwo abbiegen sondern läuft der Nase nach zur Stadthallen, falls, wie gestern, alle Buslinien streiken.

„Soll ich hier vor die Bühne pinkeln?“ „Klar, mach doch“

Vor der Stadthalle finden wir glücklicherweise keine Riesenschlange vor und kommen nach Vorzeigen des Tickets und einer kurzen Taschenkontrolle schnell in die Halle. Die Garderobe kostet 1,50€. Sowohl dort, als auch vor der Toilette sieht man keine Riesenschlange.
Die Riesenschlange ist im eigentlichen Konzertraum. Sie hat blondgefärbte Haare und trägt einen Nasenpiercing. Noch vor dem Konzert lässt sie keinen Menschen vorbei und beschwert sich, wenn Konzertbesucher sich an ihr vorbeidrängen, um auf die Toilette zu gehen. Dabei ist der Konzertsaal nicht einmal allzu voll und viele KIZ Fans sitzen auf bereitgestellten Stühlen.
Die Infrastruktur in der Stadthalle ist theoretisch ideal, leider kann man mit der Höflichkeit der Fans nicht immer rechnen. Dazu später mehr.

Der Papst reist an

Pünktlich um 19 Uhr beginnt die Vorgruppe Audio 88 und Yassin mit ihrer Show. Die Artists sind als kirchliche Oberhäupter wie Papst und Bischof verkleidet und unterhalten das Publikum mit Songs, die alle mitsingen können. Die Kostüme passen zu ihrem aktuellen Hit „Halleluja“ und stimmen die Menge, die offenbar nicht streng katholisch ist, ein.
Nach einer viertelstündigen Pause nach den Kirchenleuten sind sie schließlich da, die Kannibalen.

Hier eine kleine Songauswahl der Vorgruppe:
„Halleluja“
„Schellen“
„Asia Box“

Mein erster Moshpit

Zugegeben muss man sagen, dass Konzerte nicht der Ort sind, den man aufsuchen sollte, wenn man klaustrophobisch veranlagt ist. Wenn die Stimmung bei Audio 88 und Yassin schon brodelte, kocht sie über bei der Ankunft von KIZ. Vier riesige Statuen der Band stehen auf der Bühne, vornedran ihre menschlichen Versionen. Währen ich versuche, das simple und beeindruckende Bühnenbild auf mich wirken zu lassen und gerade anfangen will, die erste Line mitzurappen, springt mir ein Fremder ins Kreuz. Ich drehe mich um und sehe, dass ich umringt von einigen Leuten bin, die sich anrempeln. Sie sind überall und umkreisen mich. Ich denke mir: „Gut, das ist also ein Moshpit, du rempelst mal zurück.“ Ich habe den Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, da hüpft ein übergewichtiger Mann ohne T-Shirt auf mich zu. „Urlaub fürs Gehirn“- der Song, der gerade gespielt wird, spiegelt meine geistige Lage. Ich hüpfe ihm entgegen und habe das Gefühl wie Harry Potter gegen eine Wand zu laufen. Leider lande ich nicht am Gleis 9 ¾ sondern auf dem Boden. Der Hänkel meiner Handtasche ist gerissen und Leute trampeln darauf herum. Ich habe das Gefühl, dass gleich noch eine wichtige Sehne von mir reißt und ich krabbel auf dem Boden, um meine Tasche zu suchen. Nun gut, jetzt ist die Tasche ja schon hinüber, dann kann ich ja auch weitermachen.“Spast“, das ist der nächste Song. Ja, ich weiß, auch mit diesem Song kann ich mich im Moment identifizieren. Ich halte meine Tasche in den Händen und springe gegen fremde Menschen.

Hier eine Auswahl an Songs, die KIZ gespielt hat:
„Urlaub fürs Gehirn“
„Spast“
„Geld essen“
„Verrückt nach dir“
„Hurra, die Welt geht unter“
„Boom, Boom, Boom“
„Kannibalenlied“
„Wir“
„Käfigbett“

Nackte Frauen, Terroristen und ein Baby

Wie schon erwähnt stehen während dem gesamten Auftritt vier Statuen der Rapper im Hintergrund.
Zum „Kannibalenlied“ treten vier weitere Männer auf die Bühne, die Plastikkanonen in den Händen halten und aussehen, als würden sie gleich die Halle sprengen. Angesichts der zeitigen Lage ist diese Inszenierung sehr, fast schon zu provokant. Vielleicht ist dies aber auch die Taktik, die KIZ ausmacht.
Beim Song „Käfigbett“ werden überdimensionale gespreizte Beine einer Frau aus Pappe aufgebaut. Einer der Rapper trägt eine Windel und ist mit Blut verschmiert, quasi wie ein Säugling der gerade auf die Welt kommt.
Während des Konzerts ertönen des Öfteren Kanonengeschosse und orange-weiße Fäden regnen von der Decke.
Die Rapper verhalten sich so, als seien sie unter Freunden und nicht unter Fans: Nico, einer der Rapper, steckt sich mehrfach Zigaretten trotz des Rauchverbotes an und kippt Bier und Sekt in die Menge. Auch sagt er: „Ich will im Moshpit endlich mal Verletzte sehen.“ Ich kann nur hoffen, dass diese Bitte ein schlechter Scherz ist und eine ungünstige Formulierung für : „Ihr dürft ruhig ein bisschen wilder sein.“ Glücklicherweise kommt es nicht zu Verletzten.
Von Seiten der Zuschauer regnet es Bier und es riecht vermehrt nach Marihuana. Man bekommt das Gefühl, als wollen sie die Zuschauer der Gesetzlosigkeit des Konzertes anpassen.
Nun gut, Geschmäcker sind verschieden, aber eins muss man festhalten: KIZ hat keine Show gemacht, um ihren Auftritt besonders zu machen, Provokanz macht sie aus und das spiegeln sie auch in ihrem Bühnenbild und ihren Fans wider.

Die Jan Böhmermann Krise

Sind KIZ wirklich durch und durch Rebellen? Jein. Tarek von KIZ entschuldigte sich offiziell bei den Gästen für eine Phrase, die er auf einem vergangenen Konzert gesagt habe.
Er bezeichnete Jan Böhmermann, den Satiriker, als pädophil. Diese Aussage nimmt Tarek zurück.
Leider wird seine Entschuldigung etwas entschärft. Beim Song „Hurra, die Welt geht unter“ rappt er anstelle „Die Kinder gruseln sich, denn ich erzähle vom Papst“: „Die Kinder gruseln sich, denn ich erzähle von Jan Böhmermann“.
Gut, ob es jetzt schlimmer ist, den Papst oder einen ZDF Moderator zu beleidigen, das kann jetzt jeder für sich selbst entscheiden.

Alles hat ein Ende, nur die Schlange hat keins

Nach dem dreistündigen Konzert mit etlichen Zugaben, unter anderem mit dem Papst (von Audio 88), drängte sich die Menge zu den Garderoben. Ein Securitymann steht Spalier vor der Tür zur Garderobe und lässt eine geringe Anzahl von Leuten in den Raum. Die Konsequenz: Menschen stehen dicht gedrängt aneinander und drücken in Richtung Tür. Ich muss sagen, diese Erfahrung war schlimmer als im Moshpit. Hiermit appelliere ich offiziell an die Vernunft von einigen Konzertbesuchern: Es geht nicht schneller, wenn man sich beschimpft, anrempelt oder schubst. Die Veranstalter haben ein System vorgegeben, aber ein System ist nutzlos, wenn es nicht angenommen wird.
Leider muss ich aber auch die Veranstalter kritisieren. Ein Wasser für 5 € zu verlangen grenzt an einer Unverschämtheit. Allerdings kann man sich über frisch belegte Brötchen freuen, wenn man nach dem Konzert noch ein bisschen Hunger hat.

Bin ich zum Partypatriot geworden?

Alles in allem kann ich sagen, dass ich mit dem Auftritt von KIZ sehr zufrieden war. Sie haben sich genauso gezeigt, wie ihre Songs sind: frech, ehrlich, talentiert und lustig.
Ich würde ein KIZ Konzert nur den Leuten empfehlen, die keine Berührungsängste haben und sich nicht über jeden Vekalausdruck aufregen. Nehmt nicht alle Aussagen zu ernst und fühlt euch persönlich angegriffen. Dass KIZ ihre Fans am Herzen liegen, erkennt man schon daran, dass sie uns keine Minute haben warten lassen und pünktlich mit der Show begonnen haben. Hart aber herzlich-so würde ich die Jungs beschreiben.Wer nicht unbedingt Teil eines Moshpits sein möchte, sucht sich am besten einen Sitzplatz oder einen Stehplatz am Rand.
Nach dem Konzert postet KIZ folgendes Statement auf Instagram: „Offenbach, das war ganz in Ordnung“.

Danke, Jungs, für diese Erfahrung. Ich fand euch mehr als in Ordnung.

Von syrischen Routinen und deutschen Regeln – Wie unterschiedlich sind wir wirklich?

Man hört in diesen Tagen vieles darüber, wie groß doch die Unterschiede seien zwischen „uns“ und „denen“. Gemeint sind Deutsche und Geflüchtete. Viele reden über Unterschiede, darüber, wie das denn funktionieren soll mit dem Zusammenleben. Die Wenigsten allerdings können sich dabei auf praktische Erfahrungen berufen. Jemand, der diese Erfahrungen hat ist Prof. Dr. Anton Escher. Deshalb lud das Studierendenwerk Mainz am Freitag, den 09.12.2016 zu Vortrag und Podiumsdiskussion mit syrischen Studierenden und Flüchtlingsberaterinnen in die Mainzer Universität ein. Vor über 150 Interessierten berichtete Escher, Sprecher des Zentrums für Interkulturelle Studien der JGU, von seinen 16 persönlichen Verständisregeln, die er bei jährlichen Aufenthalten in Syrien in über 25 Jahren entwickelt hat.

Auf fast schon symbolische Weise endete der insgesamt ausgesprochen herzliche Abend mit einer Umarmung.
Das Studierendenwerk beschrieb den Abend als gelungenen Schritt in die richtige Richtung. Man habe gemerkt, „dass es für die deutschen und syrischen Anwesenden eine Herzensangelegenheit war, die andere Kultur besser zu verstehen, voneinander zu lernen und miteinander zu kommunizieren.“

Professor Escher begann seine Ausführungen mit einer kurzen Vorstellung von Syrien im Allgemeinen: dem autoritativen Staat, der besonderen Wichtigkeit der Familie als eine Art Sozialsystem, der stark heterogenen Bevölkerung auf kozentriertem Lebensraum.
Vor diesem Hintergrund waren viele der anschließend aufgezeigten Regeln weitaus besser zu verstehen.
So erklären sie zum Beispiel die Erfahrung, dass individuelle Lösungen staatlichen meist vorgezogen werden. Der autoritative Staat begründe auch die Akzeptanz eines Lebens mit Widersprüchen, wie es im aufgeklärten Europa nicht mehr denkbar wäre. Ebenfalls ergebe sich aus der Assad-Herrschaft ein anderes Verständnis von Wahrheit: Die syrische Lebenswelt teile sich auf in ein „Außen“ und ein „Innen“, so Escher. Diese Trennung sei zum Selbstschutz notwendig:
Als Außenstehende*r werde man stets mit Respekt behandelt, so gehöre zum Beispiel das gegenseitige Grüßen bei jeder Begegnung einfach dazu. Die syrische Höflichkeit sehe außerdem kein „Nein“ vor. Stattdessen sage man „Inschallah“ – „So Gott will“ werde man etwas also tun oder bleiben lassen.
Man könne allerdings nicht erwarten, von seiner*m Gesprächspartner*in die Wahrheit zu hören. Da das dem Adressaten auch immer bewusst sei, handle es sich auch nicht um eine Lüge.
Benötigt man eine verlässliche Antwort, so müsse man ins „Innen“, die erweiterte Familie vorstoßen. Daher müsse man für eine authentische Aussage den Anderen mit „Bruder“ ansprechen.
Was so unter vier Augen besprochen wird, ist damit aber noch keine Wirklichkeit: Diese enstehe erst durch das Öffentlichwerden.
Prof. Escher konnte hier auch aus eigener Erfahrung sprechen: Auf einer Busfahrt, so berichtete er, habe er seinen syrischen Begleitern einen Wortwitz auf Kosten Assads erzählt. Diese hätten daraufhin getobt und versucht, die Äußerung zu überspielen. Abdulkadar Baki, syrischer Doktorand in Nanotechnologie an der JGU, sagte dazu, derjenigen, von dem er diesen Witz hatte, hätte ihm damit „vertraut bis zum Tod“.
In Syrien herrsche außerdem eine Gewisse Mythengläubigkeit. Assad ist ein solcher Mythos. Mache man sich über den Herrscher lustig, greife man diesen Mythos an und stelle damit seine Macht infrage. Diese Macht aber sei nicht verhandelbar. Assad ist der Staat. Ein Rücktritt, so Escher sei somit garnicht möglich.
Vor diesem Hintergrund lässt sich auch erkennen, warum ein Staat mit Folter gegen kritische Graffitis vorgeht. Dies hat allerdings auch noch einen zweiten Grund, der sich in einer weiteren Regel findet: Das Wort ist die Tat! Kündigt man an etwas zu tun, hat man es damit schon getan. So erklärt sich, wie aus einen harmlosen Schriftzug „Nieder mit dem Präsidenten“, gesprayt von ein paar Jugendlichen, ein Bürgerkrieg erwachsen kann.
Ein weiterer Grundsatz, um in der Assad’schen Gesellschaft nicht unter Verdacht zu geraten, laute „Stelle immer eine Situation her, in der du kontrolliert werden kannst!„. Dieser lasse sich auch am typischen offenen Baustil ablesen. Die Gemeinschaft kontrolliere so die gesellschaftlichen Regeln und Gesetze. Diese Gestze im Übrigen könne man nicht etwas übertreten, sondern nur ganz oder garnicht. Abstufungen seien nicht vorgesehen. Außerdem gelten für Frauen andere Regeln. In Teilen der Gesellschaft soll sich ihr Leben auf das „Innen“ des erweiterten Familienkreises begrenzen.
Zwei Erfahrungen hatte Prof. Escher noch speziell aus seiner wissenschaftlichen Tätigkeit zu bieten: Man versteife sich nicht zu sehr auf Genauigkeit – auf Kosten der wissenschaftlichen Exaktheit. Außerdem sei kritisches Reflektieren nicht vorgesehen – dafür könnten Syrer*innen allerdings beeindruckend gut auswendiglernen. Da das auch für Sprachen gilt, seien sie auch überall auf der Welt so fantastisch integriert. All das untermauerte er mit Beispielen aus seinem reichen Erfahrungsschatz.

Die anschließende Diskussionsrunde begann mit Stellungnahmen der Podiumsgäste zum Vortrag. Omar Ez Eddin, Geflüchteter und angehender Student an der JGU, konnte nur zustimmen. Speziell zum Thema Lernen gab er Escher in beeindruckend gutem Deutsch Recht. Das Sprachenlernen fiele Syrern so oft leichter, allerdings seien die deutschen Lehrmethoden eine große Umstellung. Zum Punkt der Mythengläubigkeit merkte er noch an, auch das Familienbild sei ein solcher Mythos.
Abdulkadar Baki lobte die Beschreibung, insbesondere die der Vorsicht bei Gesprächen – Die Situation in Syrien vor dem Bürgerkrieg sei vergleichbar mit dem Film „Das Leben der Anderen“. Auch die syrische Höflichkeit entspräche genau der Beschreibung. Ein „Nein“ sei in der Tat eine Frechheit. Er betonte allerdings, die Sicht Eschers sei eher eine dörfliche und treffe in den Städten nur bedingt zu.
Medizinstudentin Yara Al-Zamel erklärte, aufgrund der vielen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen sei es eigentlich nicht korrekt über Syrien als Ganzes zu sprechen. Abhängig von Ethnie, Lebensort, aber auch Geshlecht befinde man sich in ganz unterschiedlichen Lebenswelten. Sie stellte außerdem fest, dass sich vor allem in den Städten eine Entwicklung hin zur Kleinfamilie erkennen ließe. Auch die Mythengläubigkeit habe stark abgenommen – zu Gunsten von Bildung. In einem Punkt musste sie Escher allerdings doch widersprechen: Dort, wo es tatsächlich nötig sei, arbeiteten Syrer durchaus exakt. Man müsse allerdings eine Hühnerfarm nicht genauso aufwendig planen wie eine Brücke. Sie bemühte sich außerdem klar zu machen, dass sexuelle Übergriffe in Syrien ebenso gesellschaftlich geächtet sind wie in Deutschland.

Die beiden Flüchtlingsberaterinnen Astrid Becker und Christine Skwara sahen in vielen der angesprochenen Punkte auch Gründe für die einfache Zusammenarbeit. So erkläre das syrische Bildungssystem, warum Vielen das Auswendiglernen so leicht falle. Auch die Höflichkeit sei oft erfahrbar: Man bekomme tatsächlich so gut wie nie ein „Nein“ zu hören, weshalb auch Konfrontationen sehr selten seien. Außerdem sei auch der Wert des Wortes offensichtlich. So habe der Satz „Bitte Hausschuhe mitbringen!“ auf der Gebrtstagseinladung ihres Sohnes eine der betreuten Familien veranlasst, diese extra zu kaufen.
Nach Schwierigkeiten durch die unterschiedlichen Lebensweisen gefragt, wurde zuerst die deutsche Direktheit genannt. Diese sei zuerst als Unfreundichkeit verstanden worden. Außerdem nannten alle die anstrengende Bürokratie und übertriebene Exaktheit. Deutsche seien oft versessen auf das Begleichen von Kleinstschulden, allerdings habe diese Exaktheit auch positive Seiten, lobten doch alle drei insbesondere die Verlässlichkeit der Deutschen Bahn.
Aus deutscher Sicht sprach eine der Beraterinnen an, der Dialog mit den Übersetzern sei oft sehr viel länger als die Antwort, die schließlich herauskomme. Man bekomme so fast das Gefühl, dabei würde die eigentliche Beratung stattfinden. Yara Al-Zamel erklärte dies als Missverständnis. Man führe einfach bei jeder Gelegenheit Smalltalk und dieser brauche nun wirklich nicht übersetzt zu werden.
Auch auf die Frage, was Deutsche von Syrern lernen könnten, gab es viele Antworten. Vor allem offene Herzlichkeit, Lockerheit und Respekt wurden dabei oft genannt. In Syrien hätte man oft nach zwei Minuten im Bus neue Freunde gefunden. Auch das große Familiennetzwerk von etwa 500 Verwandten habe viele Vorteile. „Egal was du brauchst, irgendjemand kann dir immer weiterhelfen“. Außerdem könnten die Deutschen viel lernen, was das Essen angeht.
Die Beraterinnen hoben vor allem die besondere Freundlichkeit, speziell bei der Begrüßung, und den Humor auch bei schweren Themen heraus. Doktorand Baki merkte – übrigens in nahezu akzentfreiem Deutsch – dazu  an, die Hauptsache sei zu lachen, am besten über sich selbst.

Den ganzen Abend fasste schließlich eine Szene fast symbolisch zusammen: Ein syrischer Hörer umaramte Professor Escher zum Dank für seinen Beitrag zur Verstädigung der Kulturen aufs Herzlichste. Eine Hörerin wies noch auf die Möglichkeit hin zum Beispiel über welcomedinnermainz selbst ins Gespräch zu kommen und sich so besser kennen zu lernen.

„Taste the Waste“ – Gemeinsam Kochen gegen Lebensmittelverschwendung

Lebensmittelverschwendung ist ein großes Problem. Und eins, gegen das jede*r Einzelne etwas unternehmen kann. Jedes Jahr werden laut einer UN-Studie 1,3 Milliarden Tonnen an Nahrungsmitteln weggeworfen – der Großteil eigentlich noch genießbar. Genug um ganz Afrika zu ernähren! Um auf dieses Thema aufmerksam zu machen veranstaltet die Grüne Jugend Hessen gemeinsam mit Foodsharing Frankfurt am nächsten Samstag, den 17. Dezember ab 16 Uhr eine „Schnibbelparty“ und zeigt dazu den Film „Taste the Waste“.
Immer mehr, immer billigere Lebensmittel – Und in der Folge immer gigantischere Müllberge. Jede*r Deutsche verschwendet im Schnitt Lebensmittel im Wert von 235 Euro pro Jahr, wie eine Studie des Verbraucherschutzministeriums ergab. Um diesem Missstand entgegen zu wirken erfand die Wiesbadenerin Talley Hoban die sogenannten Schnibbelpartys. Die simple Idee mit geretteten Lebensmitteln gemeinsam zu kochen und zu essen verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Mittlerweile finden sie fast überall auf der Welt statt.
Durch unsere immense Verschwendung schaden wir aber nicht nur unserem eigenen Geldbeutel, sondern insbesondere auch dem globalen Süden: Über 800 Millionen Menschen hungern, der Import von überschüssigem Billigfleisch aus Europa zerstört die Existenzen von Kleinbauer und auch die Folgen für unser Klima sind beträchtlich – Immerhin verursacht allein die Produktion von einem Kilogramm Fleisch über 6 Kilogramm CO₂. Hinzu kommen noch über 15 Tausend Liter Wasser, sowie Ackerfläche, Düngemittel und Medikamente.
Neben dem gemeinsamen Kochen will die Grüne Jugend diese Bilder und Inhalte anhand der vielfach ausgezeichneten Dokumentation „Taste the Waste“ vermitteln. Die Veranstaltung findet in der Landesgeschäftsstelle der Grünen in der Oppenheimer Straße 17 statt. Um vorherige Anmeldung via Facebook oder per Mail an mail@gjh.de wird aus Gründen der Planbarkeit gebeten.