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„Sie sind überall und umkreisen mich“-ein Besuch bei den Kannibalen

Es ist der 20.01.2017, der Tag, an dem ich mich mit drei Freunden auf den Weg zu einem Konzert von Kannibalen mache. Genauer gesagt: Es geht zu KIZ, den Kannibalen in Zivil. Die Jungs Tarek, Maxim, Nico und ihr DJ, alle vier geliebt und gefürchtet für ihren satirischen Hip-Hop-Rap, geben ein Zusatzkonzert. Anlässlich ihrer Tour „Hurra, die Welt geht immernoch unter“ zieht es sie in die Stadthalle nach Offenbach.

Aliengehirn und Zwergkanninchen-ein langer Weg zu den Kannibalen

Die Zugverbindung von Mainz nach Offenbach dauert ohne Umstieg circa eine Stunde.
Wer seine Konzertkarten für knapp 35€ bei Eventim () gekauft hat, der kann sich über eine kostenlose An-und Abreise am Tag des Events freuen (Vorausgesetzt, man liest das Kleingedruckte auf den Karten.) Nachdem wir die Deutsche Bahn unterstützt haben, kommen wir schließlich am Marktplatz in Offenbach an. Wir treffen Menschen, die den gleichen Weg wie wir vor uns haben und nutzen den Supermarkt Rewe, um uns für den Weg zur Stadthalle einzudecken. Ich bin begeistert vom Tomatenangebot und erstatte eine seltsam geformte Tomate, die wir liebevoll „Aliengehirn“ nennen.
Der Fußweg vom Bahnhof zur Stadthalle dauert dreißig Minuten und führt an diversen Tierhandlungen mit süßen Zwerkanninchen vorbei. Zum Glück gibt es Google Maps und einen Menschen mit vollem Datenvolumen, denn keinerlei Wegschilder weisen uns den Weg zu KIZ. Immerhin, man muss nirgendwo abbiegen sondern läuft der Nase nach zur Stadthallen, falls, wie gestern, alle Buslinien streiken.

„Soll ich hier vor die Bühne pinkeln?“ „Klar, mach doch“

Vor der Stadthalle finden wir glücklicherweise keine Riesenschlange vor und kommen nach Vorzeigen des Tickets und einer kurzen Taschenkontrolle schnell in die Halle. Die Garderobe kostet 1,50€. Sowohl dort, als auch vor der Toilette sieht man keine Riesenschlange.
Die Riesenschlange ist im eigentlichen Konzertraum. Sie hat blondgefärbte Haare und trägt einen Nasenpiercing. Noch vor dem Konzert lässt sie keinen Menschen vorbei und beschwert sich, wenn Konzertbesucher sich an ihr vorbeidrängen, um auf die Toilette zu gehen. Dabei ist der Konzertsaal nicht einmal allzu voll und viele KIZ Fans sitzen auf bereitgestellten Stühlen.
Die Infrastruktur in der Stadthalle ist theoretisch ideal, leider kann man mit der Höflichkeit der Fans nicht immer rechnen. Dazu später mehr.

Der Papst reist an

Pünktlich um 19 Uhr beginnt die Vorgruppe Audio 88 und Yassin mit ihrer Show. Die Artists sind als kirchliche Oberhäupter wie Papst und Bischof verkleidet und unterhalten das Publikum mit Songs, die alle mitsingen können. Die Kostüme passen zu ihrem aktuellen Hit „Halleluja“ und stimmen die Menge, die offenbar nicht streng katholisch ist, ein.
Nach einer viertelstündigen Pause nach den Kirchenleuten sind sie schließlich da, die Kannibalen.

Hier eine kleine Songauswahl der Vorgruppe:
„Halleluja“
„Schellen“
„Asia Box“

Mein erster Moshpit

Zugegeben muss man sagen, dass Konzerte nicht der Ort sind, den man aufsuchen sollte, wenn man klaustrophobisch veranlagt ist. Wenn die Stimmung bei Audio 88 und Yassin schon brodelte, kocht sie über bei der Ankunft von KIZ. Vier riesige Statuen der Band stehen auf der Bühne, vornedran ihre menschlichen Versionen. Währen ich versuche, das simple und beeindruckende Bühnenbild auf mich wirken zu lassen und gerade anfangen will, die erste Line mitzurappen, springt mir ein Fremder ins Kreuz. Ich drehe mich um und sehe, dass ich umringt von einigen Leuten bin, die sich anrempeln. Sie sind überall und umkreisen mich. Ich denke mir: „Gut, das ist also ein Moshpit, du rempelst mal zurück.“ Ich habe den Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, da hüpft ein übergewichtiger Mann ohne T-Shirt auf mich zu. „Urlaub fürs Gehirn“- der Song, der gerade gespielt wird, spiegelt meine geistige Lage. Ich hüpfe ihm entgegen und habe das Gefühl wie Harry Potter gegen eine Wand zu laufen. Leider lande ich nicht am Gleis 9 ¾ sondern auf dem Boden. Der Hänkel meiner Handtasche ist gerissen und Leute trampeln darauf herum. Ich habe das Gefühl, dass gleich noch eine wichtige Sehne von mir reißt und ich krabbel auf dem Boden, um meine Tasche zu suchen. Nun gut, jetzt ist die Tasche ja schon hinüber, dann kann ich ja auch weitermachen.“Spast“, das ist der nächste Song. Ja, ich weiß, auch mit diesem Song kann ich mich im Moment identifizieren. Ich halte meine Tasche in den Händen und springe gegen fremde Menschen.

Hier eine Auswahl an Songs, die KIZ gespielt hat:
„Urlaub fürs Gehirn“
„Spast“
„Geld essen“
„Verrückt nach dir“
„Hurra, die Welt geht unter“
„Boom, Boom, Boom“
„Kannibalenlied“
„Wir“
„Käfigbett“

Nackte Frauen, Terroristen und ein Baby

Wie schon erwähnt stehen während dem gesamten Auftritt vier Statuen der Rapper im Hintergrund.
Zum „Kannibalenlied“ treten vier weitere Männer auf die Bühne, die Plastikkanonen in den Händen halten und aussehen, als würden sie gleich die Halle sprengen. Angesichts der zeitigen Lage ist diese Inszenierung sehr, fast schon zu provokant. Vielleicht ist dies aber auch die Taktik, die KIZ ausmacht.
Beim Song „Käfigbett“ werden überdimensionale gespreizte Beine einer Frau aus Pappe aufgebaut. Einer der Rapper trägt eine Windel und ist mit Blut verschmiert, quasi wie ein Säugling der gerade auf die Welt kommt.
Während des Konzerts ertönen des Öfteren Kanonengeschosse und orange-weiße Fäden regnen von der Decke.
Die Rapper verhalten sich so, als seien sie unter Freunden und nicht unter Fans: Nico, einer der Rapper, steckt sich mehrfach Zigaretten trotz des Rauchverbotes an und kippt Bier und Sekt in die Menge. Auch sagt er: „Ich will im Moshpit endlich mal Verletzte sehen.“ Ich kann nur hoffen, dass diese Bitte ein schlechter Scherz ist und eine ungünstige Formulierung für : „Ihr dürft ruhig ein bisschen wilder sein.“ Glücklicherweise kommt es nicht zu Verletzten.
Von Seiten der Zuschauer regnet es Bier und es riecht vermehrt nach Marihuana. Man bekommt das Gefühl, als wollen sie die Zuschauer der Gesetzlosigkeit des Konzertes anpassen.
Nun gut, Geschmäcker sind verschieden, aber eins muss man festhalten: KIZ hat keine Show gemacht, um ihren Auftritt besonders zu machen, Provokanz macht sie aus und das spiegeln sie auch in ihrem Bühnenbild und ihren Fans wider.

Die Jan Böhmermann Krise

Sind KIZ wirklich durch und durch Rebellen? Jein. Tarek von KIZ entschuldigte sich offiziell bei den Gästen für eine Phrase, die er auf einem vergangenen Konzert gesagt habe.
Er bezeichnete Jan Böhmermann, den Satiriker, als pädophil. Diese Aussage nimmt Tarek zurück.
Leider wird seine Entschuldigung etwas entschärft. Beim Song „Hurra, die Welt geht unter“ rappt er anstelle „Die Kinder gruseln sich, denn ich erzähle vom Papst“: „Die Kinder gruseln sich, denn ich erzähle von Jan Böhmermann“.
Gut, ob es jetzt schlimmer ist, den Papst oder einen ZDF Moderator zu beleidigen, das kann jetzt jeder für sich selbst entscheiden.

Alles hat ein Ende, nur die Schlange hat keins

Nach dem dreistündigen Konzert mit etlichen Zugaben, unter anderem mit dem Papst (von Audio 88), drängte sich die Menge zu den Garderoben. Ein Securitymann steht Spalier vor der Tür zur Garderobe und lässt eine geringe Anzahl von Leuten in den Raum. Die Konsequenz: Menschen stehen dicht gedrängt aneinander und drücken in Richtung Tür. Ich muss sagen, diese Erfahrung war schlimmer als im Moshpit. Hiermit appelliere ich offiziell an die Vernunft von einigen Konzertbesuchern: Es geht nicht schneller, wenn man sich beschimpft, anrempelt oder schubst. Die Veranstalter haben ein System vorgegeben, aber ein System ist nutzlos, wenn es nicht angenommen wird.
Leider muss ich aber auch die Veranstalter kritisieren. Ein Wasser für 5 € zu verlangen grenzt an einer Unverschämtheit. Allerdings kann man sich über frisch belegte Brötchen freuen, wenn man nach dem Konzert noch ein bisschen Hunger hat.

Bin ich zum Partypatriot geworden?

Alles in allem kann ich sagen, dass ich mit dem Auftritt von KIZ sehr zufrieden war. Sie haben sich genauso gezeigt, wie ihre Songs sind: frech, ehrlich, talentiert und lustig.
Ich würde ein KIZ Konzert nur den Leuten empfehlen, die keine Berührungsängste haben und sich nicht über jeden Vekalausdruck aufregen. Nehmt nicht alle Aussagen zu ernst und fühlt euch persönlich angegriffen. Dass KIZ ihre Fans am Herzen liegen, erkennt man schon daran, dass sie uns keine Minute haben warten lassen und pünktlich mit der Show begonnen haben. Hart aber herzlich-so würde ich die Jungs beschreiben.Wer nicht unbedingt Teil eines Moshpits sein möchte, sucht sich am besten einen Sitzplatz oder einen Stehplatz am Rand.
Nach dem Konzert postet KIZ folgendes Statement auf Instagram: „Offenbach, das war ganz in Ordnung“.

Danke, Jungs, für diese Erfahrung. Ich fand euch mehr als in Ordnung.

Deutscher Rap-eine Frage der Intelligenz oder der Dummheit? -So asozial muss man sein

08.01.2017

Alle Deutsch Rap-Hörer werden früher oder später auf sie stoßen: Begriffe, die, wenn man sie im Alltag verwendet, nicht selten zu einer Strafanzeige wegen Beleidigung führen.
Die Künstler selbst sind davor auch nicht geschützt. Der Berliner Rapper Bushido kann selbst ein Lied davon singen (oder rappen). Er wurde wegen dem Song „Stress ohne Grund“ im Jahr 2014 wegen Volksverhetzung angezeigt. Gewaltfantasien und schwulenfeindliche Parolen wurden von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien kritisiert (Lyrics zu „Stress ohne Grund“ unter: http://www.lyricsmania.com/stress_ohne_grund_lyrics_bushido.html).
Sido verteidigt Bushido in einer Talkshow von Markus Lanz am 24.11.2014: Bushidos Beleidigungen seien „ganz normales Geschimpfe“ (Talkshow ersichtlich unter: https://www.youtube.com/watch?v=jOolAfjv3xg). Trotzdem entschuldigte sich Bushido für seine Worte.
Die Frage, die dabei aufkommt ist: Ist es korrekt eine Kunstform zu kritisieren und sind alle Beleidigungen so gemeint, wie sie ausgesprochen werden?

Rap macht es uns nicht leicht

Zugegeben, machen es uns Vertreter des Deutschen Raps nicht leicht, ihn als moralisch wertvoll zu betrachten.
Die Rapgruppe „Trailerpark“ veranstaltete beispielsweise eine Ü 18- Show. Dort wurden unter anderem Prostituierte zur Schau gestellt, die mit Zuschauern Livesex auf der Bühne hatten. Des Weiteren fanden Liveactst statt, die weit in die Fetischszene der Pornografie hineinreichen. Videos zu der Show sind nur auf Pornoseiten ersichtlich (diese werden hier nicht verlinkt).
Der Rapper Bushido machte zudem Schlagzeilen wegen Körperverletzung an seiner Ehefrau.
Der Künstlername des Rappers Sido (Superintelligentes Drogenopfer) spricht für sich.
All diese Attribute einiger deutscher Rapper führen zu einem vornherein negativ konnotierten Bild des Deutschen Raps. Doch was haben die Skandale mit der eigentlichen Musik zu tun?
Nichts.

Rap ist Bildung

Um ehrlich zu sein, ist an manchen Parolen des Deutschen Raps kein weiterführender Hintergrund zu sehen. Die Line „Ich schieß auf Claudia Roth und sie kriegt Löcher wie ein Golfplatz“ (aus „Stress ohne Grund“) ist eine klare Beleidigung, die nicht rechtens ist und nicht gerechtfertigt werden darf.
Analog dazu sollte jede Form von Gewalt verurteilt werden, insbesondere dann, wenn sie in der Realität stattfindet und im Rap genauso gemeint ist, wie sie ausgesprochen wird.
Darin befindet sich der Knackpunkt des Raps: Man muss jede Line hinterfragen und zwischen den Zeilen lesen.
Die Band KIZ ist ebenfalls bekannt für sexistische und provokante Texte voll schwarzem Humor, Ironie, Sarkasmus und Zynismus. Doch sie nutzen diese Kombination aus Stilmitteln um Kritik an der Gesellschaft auszuüben, die auf großflächigen Anklang trifft.
Mit der Line „Ihr Partypatrioten seid nur weniger konsequent als diese Hakenkreuzidioten“ kritisiert KIZ nicht nur Rechtsradikale, sondern auch die Gesellschaftsschicht, die rechtsradikales Gedankengut hat und zu feige ist, offen dazu zu stehen.
In dem Video zum Song „Geld essen“ strippt unter anderem eine Frau in einer KIZ Uniform, die an die Uniform der SS angelehnt ist.
Dabei ist KIZ nicht frauenfeindlich. Sie machen nur darauf aufmerksam, dass die Nationalsozialisten es waren.
Zudem sind manche „Frauenfeindlichkeiten“ Kritik an übersteigertem Feminismus.
KC-Rebel rappt in seinem Song „Anhörung“: „Zu viele Männer haben an Frauen ihren Stolz verkauft.“
Des Weiteren ist die Inszenierung eines Raps oft missverständlich: Mo Trip rappt in seinem Song „Triptheorie“ über die drogenhaftige Verbreitung des Raps. Im Musikvideo hat er die Rolle des Dealers inne, der in einer Drogen verschickt, umringt von Models in Unterwäsche
Man warf ihm Verherrlichung von Drogen vor, dabei handelte es sich bei dem Video um eine Metapher.

Ihr seid cool, aber nicht kühl – das Prinzip der erregten Teekanne

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Durch metaphorische Darstellungen wie bei „Triptheorie“ wird klar, welche Rolle Rapper in ihrem Beruf haben: Sie sind moderne Dichter. Beim Rappen wandeln sie ihre Gedichte in Sprechgesang um. Dies gelingt ihnen mit Stilmitteln, die schon Goethe, Schiller und viele mehr verwendet haben.
„Nach der Morgenröte kam das Tagesgelb
in der Nacht warn wir blauer als die Farbe selbst,
jetzt ist alle monochrom,
der Mensch ist elektrisch,
seit du weg bist,
bin ich ohne Strom.“
Diese Lines stammen vom Rapper Prinz Pi aus dem Song „Laura“. Was er darstellen möchte, ist logisch: Leere, Sehnsucht und Einsamkeit. Doch macht er Gebrauch von Metaphern und verleiht dadurch dem Rap Lebendigkeit.
Auf seine Weise macht dies auch Bushido mit einem Wortspiel:
Er rappt „ Ich bin Asi, aber dein Gesicht ist asy-mmetrisch“ (aus „Stress ohne Grund“).
Allgemein muss man daher feststellen, dass sich der Aufwand der Rapschreibung schlichtweg nicht lohnen würde, wenn Rapper nur „pöbeln“ und beleidigen wollten.
Zudem muss man sagen, dass Begriffe, die homosexuellenfeindlich oder frauenfeindlich scheinen, oft mit einer anderen Bedeutung konnotiert sind.
Man kann dieses Phänomen mit den Begriffen „cool“ oder „geil“ vergleichen.
„Cool“ wird in unserer Gesellschaft nicht als „kalt“ aufgefasst, man bezeichnet etwas als cool, wenn es hip ist. Zudem meint man mit der Bezeichnung „Das ist aber eine geile Teekanne“ nicht, dass die Teekanne sexuell erregt ist, sondern dass sie schön anzusehen ist.
Leider wird im Rap anstelle der Begriffe „geil“ und „cool“ häufig Wörter verwendet, die sich gegen Minderheiten richten und Negatives konnotieren sollen, sodass es zu Missverständnissen kommt.
Dazu muss hinzugefügt werden, dass hinter jedem Dichter (und Rapper) eine Privatperson steht.
Rapper haben fast immer Künstlernamen und sind Kunstfiguren. Die Einstellungen der Kunstfigur sind nicht immer deckungsgleich mit den Einstellungen der Menschen.

„Es liegt an eurem geistigen Fassungsvermögen, wenn ihr bei KIZ nicht lacht, ihr Amöben“ (aus
„ Wir“ von KIZ)

Some amoebas like this one form shells. Shell is composed of bits of rock (sand), diatom shells, and other debris. Live specimen. Wet mount, 40X objective, transmitted brightfield illumination. Note - motion blur of live animal, very shallow depth of field, chromatic aberration and uneven focus are inherent in light microscopy.

Letzten Endes muss man feststellen, dass viele Rap eine Form des Entertainments ist.
Wer in dieser Branche tätig ist, möchte Massen mitreißen und sie unterhalten.
Dabei helfen natürlich Hits, die polarisieren. Beispielhaft sind dabei Hits wie „F*** dein Abitur“ von Metrickz oder „F*** die Uni“ von Antilopengang.
Zuhörer vertreten die Einstellung des Songs meist nur situationsbedingt und erreichen durch den Rap eine Bestätigung ihres Grolls. Das heißt aber noch lange nicht, dass sie deswegen aufhören zu studieren oder zu lernen.
Sollte dies der Fall sein, kann man nicht den Rap dafür verantwortlich machen. Denn wer gebildet ist, wird wegen eines Songs nicht seine Zukunft gefährden. Umgekehrt ist es nicht die Schuld des Rappers, wenn ihnen die Worte im Mund herumgedreht werden.
Damit ist bewiesen, dass Rapverständis den Intellekt des Zuhörers bedarf.

Und falls es doch mal eng wird: „Unter den Pflastersteinen wartet der Sandstrand,
wenn nicht mit Rap,
dann mit der Pumpgun.“ (aus „Hurra, die Welt geht unter“ von KIZ)

Ankündigung

Am 20.Januar 2017 findet ein Konzert von KIZ der Tour „Hurra, die Welt geht unter“ in Offenbach statt. Dort möchte ich zurechnungsfähige Zuschauer befragen, ob sie sich mit den Texten der Band auseinander gesetzt haben und um die Satirehaftigkeit dieser wissen. Zudem schaue ich mir die Inszenierung von KIZ an und überprüfe, ob diese von den eigentlichen Texten ablenkt.
Fotos wird es auch geben, falls mein Handy (und meine Knochen) den Moshpit überleben.
Dazu folgt ein Bericht auf dem Blog des Seminars.

Wir glauben das, was wir sehen-blind vor Hass, sichtbar durch Leid

Ein kleines asiatisches Mädchen rennt schreiend und weinend einen Weg entlang. Splitternackt und mit verbrannten Armen, scheinbar völlig in Panik, scheint sie zu fliehen. Flüssiger Brennstoff hat die Haut an ihrem Rücken größtenteils verätzt.
Im Jahr 1972 wurde das Foto der 9-jährige in vielen Zeitschriften, Reportagen und anderen medialen Darstellungsformen gezeigt. Das Mädchen ist Kim Phuk. Ihr Dorf Trang Bang wurde im Vietnamkrieg aus der Luft angegriffen.
Die Fotografie zeigt den Konsumenten in allen Einzelheiten die Grausamkeit und Ungerechtigkeit des Krieges. Doch die Medien machen Kim zudem zu einem Symbol des Vietnamkriegs, zum Sinnbild aller Kriegesopfer.
Genau diese bildliche Darstellung von Gewalt und Leid in Medien wird im Pressekodex (Ziffer 11), der seit 1973 Bestand hat, kritisiert:

„Unangemessen sensationell ist eine Darstellung, wenn in der Berichterstattung der Mensch zum Objekt, zu einem bloßen Mittel, herabgewürdigt wird. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn über einen sterbenden oder körperlich oder seelisch leidenden Menschen in einer über das öffentliche Interesse und das Informationsinteresse der Leser hinausgehenden Art und Weise berichtet wird. Bei der Platzierung bildlicher Darstellungen von Gewalttaten und Unglücksfällen auf Titelseiten beachtet die Presse die möglichen Wirkungen auf Kinder und Jugendliche.“

Die Frage, die sich hierbei stellt ist: Wenn Journalisten als objektive Faktenvermittler gelten und Leid und Gewalt Fakten im Weltgeschehen sind, sollte Ziffer 11 nicht verändert werden?
Zunächst einmal ist es wichtig, dass die Persönlichkeitsrechte jeglicher (!) „Fotoobjekte“ gewahrt werden-Menschen sollen das Recht haben, zu entscheiden, ob sie auf Covern und Ähnlichem auftauchen. Menschen haben selbst als Leichen noch Persönlichkeitsrechte, die weder von der Presse noch von andern Instanzen gebrochen werden dürfen.
Zudem sollte nicht ein einziges Gesicht zum Sinnbild für das Leiden ganzer Nationen gemacht werden. Erinnern wir und an das Bild des dreijährigen Syrers Aylan Kurdi. Seine Leiche wurde mehrfach am Strand von Bodrum abgelichtet und in den Medien gezeigt. Im Sommer 2015 ist er bei seiner Flucht aus Syrien über das Mittelmeer ertrunken. Anstatt, dass man ihn beispielhaft für das Schicksal anderer Flüchtlingskinder erwähnt, wurde seine persönliche Geschichte in den Vordergrund gestellt. Die Berichterstattung ging sogar so weit, dass man geglaubt hat, sein Tod sei geschickt eingesetzt worden, um Mitleid bei westlichen Ländern zu erzeugen. Seelenfrieden nach dem Tod? Für den kleinen Aylan wohl kaum.
Ich hätte mir mehr Schlagzeilen wie „Mehr Hilfe für Flüchtlingskinder“ anstatt „Die Lüge um den Jungen im roten T-shirt-jetzt spricht der Vater“ gewünscht. Fakt ist, dass Aylan ertrunken ist, so wie viele andere Syrer auch. Wilde Spekulationen retten keinen, Hilfsbereitschaft und Aufmerksamkeitslenkung durch genaue faktische Berichterstattung umso mehr. Hierbei wird zudem klar, wie wichtig die Botschaft ist, die um das Foto herum verschriftlicht wird.
Ein weiterer Kritikpunkt ist für mich der Bezug zum Jugendschutz. Natürlich sollen Kinder nicht regelmäßig mit Darstellung von Gewalt und Leid in Verbindung kommen.
Dieser Ansatz ist aber rein normativ. Man kann Kinder in der Realität nicht davor schützen. Wenn Sie keine Computerspiele mit gewaltvollem Inhalt spielen, dann erfahren sie Gewalt in einem Actionfilm. Wenn dem nicht so ist, gelangen sie auf Pornoseiten im Internet oder durchstöbern den Playboy des älteren Bruders.
Wie kann es sein Kinder Gewalt fiktional oder schauspielerisch konsumieren, aber die Gewalt und das Leid, das in der Realität da ist, nicht visualisiert wird?
Kinder müssen abgehärtet und sensibilisiert werden. Abgehärtet dahingehend, dass sie wissen: Es gibt Terror und Leid in der Welt, das über ein verschütteten Becher Kakao hinausgeht. Sensibilisiert dahingehend, dass sie wissen, dass dies nicht richtig oder moralisch gut ist.
Im Gegensatz zum Pressekodex halte ich von enormer Bedeutung, dass Kinder wissen, was in der Welt tatsächlich los ist. Sie werden keinen vollständigen Zeitungsartikel lesen, aber wie heißt es so schön: „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.“
Mit den Kindern ist es manchmal wie mit den Erwachsenen. Sie machen sich teilweise nicht die Mühe, einen Fernsehbericht aufmerksam zu Ende zu verfolgen. Parallel wir telefoniert, gekocht und am Ende heißt es: „Ach, da ist ein LKW in eine Menschenmenge reingerast und hat 12 Weihnachtsmarktbesucher getötet, wie schrecklich“. Dann wird vielleicht ein Bildchen auf Instagram gepostet (#prayforberlin) und dann weiter die Kartoffeln geschält.
Diese überspitzte Darstellung soll das Hauptproblem des Kodex aufzeigen. Der Satz des Nachrichtensprechers „Es gibt circa 50 Verletzte“ ist nicht so eindrucksvoll wie ein Bild der Verletzten.
So wie unsere Gesellschaft geartet ist, hilft nur noch die „Schockvariante“, nur noch darauf reagieren wir.
Ich bin mir sicher, dass so manchem Hobbypolitiker beim Anblick des Bildes die Worte fehlen würden und die unüberlegten Kommentare im Halse stecken bleiben.
Hier mein Kompromissvorschlag für den Pressekodex: Zu drastische Gewaltfotos sind meiner Ansicht nach zwar sinnvoll, wenn sie der Realität entsprechen, können aber zu Abnahme des Medienkonsums führen, da sich Menschen fürchten oder ekeln, vor dem was sie sehen. Gerade die jüngere Generation sollte sich aber informieren über das, was in der Welt passiert. Daher kann man im Anblick dieser Gefahr darauf verzichten.
Zudem erzeugt Gewalt Gegengewalt, was auch nicht von Vorteil ist, wenn Täter noch nicht gefasst sind und sich die Wut aus der Unwissenheit heraus bildet.
Man sollte differenzieren: Gewalt kann vielseitig sein und löst verschiedenste Reaktionen bei Konsumenten aus: Aggression, Trauer, Ekel und vieles mehr.
Leid, das aus Gewalt heraus entsteht, verbindet dagegen alle Menschen. Wir verstehen die Gewalt nicht, die hinter der Tat in Berlin stand, wir verstehen aber das Leid der Angehörigen der Opfer und der Verletzten.
Die Medien müssen es schaffen, durch Bilder des Leidens internationalen Konsens zu schaffen und am anderen Ende des Terrors ansetzen. So können wir nicht unbedingt Weltfrieden, aber das Einheitsgefühl einer Weltgesellschaft entstehen lassen und eine Einheit gegen die Stifter des Leidens bilden.

Porno oder Oper-brauchen wir Brüste auf der Bühne?

Es ist Donnerstagabend. Im Mainzer Staatstheater beginnt der erste Akt der Oper „Norma“, ein tragisches Werk in zwei Akten von Vincenco Bellini aus dem Jahr 1831.
Der Großteil der Zuschauer ist über 60 Jahre alt. Die Damen tragen teure Kostüme, die Männer steife Anzüge. Die ersten Klänge der italienischen Oper ertönen. An den Seiten der Bühne wird der gesungene Text in Deutsch angezeigt. Nach jeder Arie ertönt verhaltener Applaus.
Eine Gruppe von Frauen in gelben Mänteln versammelt sich auf der Bühne um einen Altar. Es soll eine Opferung dargestellt werden. Ein Mann in einer Pelzjacke greift eine der Frauen am Arm. Sie dreht sich mit dem Rücken zu ihm. Er reißt ihr die Bekleidung vom Körper. Unter ihrem Mantel trägt die Frau kein Kleid und keine Hose. Sie trägt nichts. Der Mann tritt einen Schritt zur Seite und das Publikum starrt auf den Hintern der Frau. Sie verharrt in dieser Position. Dann dreht sie sich um und legt sich auf den Rücken auf den Altar. Ihre Fußspitzen zeigen zum Publikum. Eine Szene, die man eher aus pornografischen Medien kennt als aus Opern.
Ein Raunen zieht durch die Zuschauermenge.
Ein älterer Mann hinter mir flüstert: „Die 70er sind zurück.“ Die ältere Dame neben mir zuckt zusammen. Sie hat die Oper durch ein Opernglas verfolgt und hätte vermutlich eine gynäkologische Diagnose erstellen können.
Ich kann ihre Reaktion verstehen, bin aber gleichzeitig beeindruckt von der Leistung der nackten Schauspielerin. Es muss Mut dazu gehören, sich vor einem ausverkauften Saal zu entkleiden.
Mir stellt sich die Frage: Ist es tatsächlich nötig, dass sich Schauspieler für ein Stück gänzlich entblößen? Verlangt dies die Dramaturgie vielleicht sogar?
Die Schauspielerin Nicola Beller-Carbone, die wie die Frau im gelben Mantel oft nackt auf der Bühne zu sehen ist, hat darauf folgende Antwort: „Ich kann diese totale Entblößung inhaltlich begründen und habe kein Problem damit, mich auf der Bühne nackt zu zeigen.“ Sie hält die Empörung der Zuschauer für den „Ausdruck eines Schamgefühls unserer christlichen Zivilisation“. Ihr erstes Mal nackt auf der Bühne war für sie eine Befreiung.
Diese „totale Entblößung“ kann vielschichtige Bedeutungen haben.
Sie ist unter anderem abhängig von der Persönlichkeit, die der Darsteller spielt.
Nicola Beller-Carbone stand mehrfach komplett entblößt auf der Bühne, so zum Beispiel auch als Salome, eine jüdische Prinzessin in der Inszenierung von Marguerite Borie.
Sie reflektiert ihre Rolle: „Das Kostüm Salomes besteht bei ihr aus einem Kleid aus sieben Schichten, die während des Stückes nach und nach fallen. Salome macht gleichsam eine Art „Häutung“ durch und steht zum Schluss als „der Mensch an sich“ da, ohne Hülle, ohne Schutz, aber auch ohne gesellschaftliche Zwänge und Hierarchien.“ Die Nacktheit stellt bei Salome eine innere Entwicklung dar, die visuell dargestellt werden soll, ein Prozess von „Kleider machen Leute“ zum Kern des Menschlichkeit und Natürlichkeit.
Allerdings kann die Nacktheit auf der Bühne auch oberflächlichen Ursprungs sein.
„Außer als Salome bin ich auch als Nyssia in Zemlinskys „König Kandaules“ nackt auf der Bühne gestanden. In dem Stück von André Gide geht es ja auch gerade um dieses Thema. Permanent wird darin die Schönheit von Nyssia gelobt, ihre Nacktheit ist ein fester Bestandteil der Dramaturgie – genau wie bei der „nackten Susanna im Bade“ in Paul Engels Oper „Daniel“, in der ich ebenfalls splitternackt ins Wasser steige.“, sagt Nicola Beller-Carbone. Eine Schönheit muss sich nicht verstecken oder durch Kleidung verdecken.
Diese Oberflächlichkeit ist zudem von Bedeutung, wenn Schauspieler tanzen müssen. Es sieht optisch ästhetischer und reiner aus, wenn Tänzer nackt sind und man ihren Körper sehen kann. Viele Inszenierungen vom Ballett „Schwanensee“ zeigen daher seit neustem nackte männliche Tänzer als Schwäne.
Zudem gibt es Tätigkeiten, die nackt authentischer auf der Bühne wirken, da man sie in der Realität gar nicht angezogen ausführen kann. In „Die Entführung aus dem Serail“ von Mozart sind in der Inszenierung der Berliner Oper nackte Menschen zu sehen, die einen Geschlechtsakt darstellen sollen. So müssen bestimmte Handlungen nur angedeutet werden, um Intimität zu suggerieren.

Der Australier Barrie Kosky inszenierte Glucks „Iphigenie auf Tauris“ mithilfe einer Herde nackter alter Männer, die über die Bühne rennen. Sie stehen nicht für das, was sie sind, sondern für eine Vervielfältigung eines alten Elternpaares, Nacktheit ist hier eine Metapher.
Vielfalt ist in diesem Fall ohnehin das Stichwort: „Wir haben viel wunderbar schönes altes Fleisch auf der Bühne. Ich liebe es, verschiedene Körper auf der Bühne zu haben.“, so Kosky.
Er kritisiert klassisches Ballett für „Körper-Faschismus“.
Angesichts der oben genannten Kriterien scheint die Nacktheit auf der Bühne im Sinne der Kunst und der Ausdruckskraft fast nachvollziehbar.
Doch gibt es Inszenierungen, in welchen Nacktheit so stark in der Kritik war, dass das gehobene Publikum die Schauspieler ausbuhte. Dies geschah im Königlichen Opernhaus in London bei der Aufführung der Oper „Wilhelm Tell“ von Gioachino Rossini.
Eine Vergewaltigungsszene soll dargestellt werden. Männer flößen der Schauspielerin Champagner ein und streicheln sie mit Waffen. Danach werden ihr die Kleider vom Leib gerissen und sie muss sich nackt auf das Bankett legen.
Kaspar Holton, der Direktor des Royal Opera House, ist zu einer Rechtfertigung gezwungen. Er entschuldigt sich, stellt aber eine letzte wichtige Funktion der Nacktheit im Theater heraus: Aufklären durch Provokanz. Zu Kriegszeiten sei sexuelle Gewalt eine „tragische Tatsache“ gewesen. Es sei beabsichtigt gewesen, dass ein unangenehmes Gefühl entstehe.
Der Regisseur dieser Inszenierung lehnt die Kritik ab: Wenn man die Brutalität, mit der die Leute hätten umgehen müssen, nicht spüren könne, wenn man sie verstecke, dann werde es „etwas für Kinder“.

Zusammenfassend kann man feststellen, dass Nacktheit in Opern eine Gradwanderung zwischen Erfolg und Misserfolg der Inszenierung ist.
Es ist fraglich, ob eine ohnehin erfolgreiche und berühmte Oper wie „Wilhelm Tell“ durch eine extreme und vor allem extrem lange Nacktszene neu inszeniert werden muss. Denn die Oper war schon 1829 bei ihrer Uraufführung erfolgreich. Zuschauer erwarten bei einem Klassiker wie „Wilhelm Tell“ möglicherweise die Inszenierung, die sie kennen und sind enttäuscht über Neuerungen.
Zudem fühlen sich viele Zuschauer überrumpelt, wenn die nackten Schauspieler Szenen nachstellen, in denen es zu sexuellen Handlungen kommt. Der Zuschauer hat nicht die Möglichkeit, sich schnell der Situation zu entziehen und ist überfordert mit dem Anblick des Schauspiels.
Wenn die Schauspieler allerdings nackt sind, weil sie eine tiefere Bedeutung vermitteln wollen und nicht um des Nacktseins Willen nackt sind, erhält das Stück neue interpretatorische Ansätze, sei es eine Lehrer oder eine Warnung.
Nacktheit ist ein Gestaltungsmittel wie ein Kostüm oder eine Requisite. Voraussetzung ist, dass der Zuschauer diese erkennt und sich nicht von Brüsten und Co. ablenken lässt.
Abschließend hat aber der Regisseur des Stückes das Wort: Oper bedeutet Kunst und Kunst ist nicht vorhersehbar und unberechenbar. Wer sich dazu entscheidet, in die Oper zu gehen, muss wissen, auf was er sich einlässt.
„Mich interessiert die Bühne als Ort der wilden Schönheit, der emotionalen Nacktheit und der unverstellten Poesie. Meine Intention ist nicht der Skandal.“, so Regisseur Benedict Andrews.
Solange es Rezipienten gibt, die diese Intention erkennen und anerkennen, spricht nichts gegen eine Weiterführung der Nacktheit in Opern.
Sollte der eine oder andere im Publikum von zu viel Haut verschreckt sein, muss trotzdem der Anstand gewahrt werden. Es steht jedem frei, die Oper während der 30-minütigen Pause zu verlassen.
Man buht grundsätzlich keine nackten Menschen aus-in keiner Situation.

Nacktheit-Natürlichkeit oder der Inbegriff von Sünde?

Nacktheit-Natürlichkeit oder der Inbegriff von Sünde?

Von guten Mächten unter den Nationalsozialisten-die SS als Wunscherfüller

„Von guten Mächten treu und still umgeben,
behütet und getröstet wunderbar,
so will ich diese Tage mit euch leben und mit euch gehen in ein neues Jahr;
noch will das alte unsre Herzen quälen,
noch drückt uns böser Tage schwere Last.
Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen das Heil, für das Du uns geschaffen hast.
Und reichst Du uns den schweren Kelch, den bittern,
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern aus Deiner guten und geliebten Hand.
Doch willst Du uns noch einmal Freude schenken
an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
dann wollen wir des Vergangenen gedenken, und dann gehört Dir unser Leben ganz.
Laß warm und hell die Kerzen heute flammen
die Du in unsre Dunkelheit gebracht,
führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen! Wir wissen es, Dein Licht scheint in der Nacht.
Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so laß uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet, all Deiner Kinder hohen Lobgesang.
Von guten Mächten wunderbar geborgen
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiß an jedem neuen Tag“

Dieses Gedicht aus dem Jahr 1944 ist das Weihnachtsgeschenk eines Mannes an seine Verlobte und seine Kinder.
Der Theologe Dietrich Bonhoeffer verfasste es im Konzentrationslager in Flossenburg. Drei Monate später wurde er als Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus gehängt.
Genauso wie er verbrachten viele Häftlinge Weihnachtsfeste in Konzentrationslagern.

Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht

Die Eindrücke der Häftlinge gleichen sich in der Ansicht, dass das Weihnachtsfest im Konzentrationslager ein Lichtblick war. Ein Lichtblick in der wohl schlimmsten und dunkelsten Zeit ihres Lebens.
Doch wie ist es wirklich, das Fest des Lichtes an einem düsteren und erdrückenden Ort wie einem Konzentrationslager zu verbringen?
Werfen wir einen Blick auf die vergangenen Weihnachtsfeste zur Zeit des zweiten Weltkrieges (1933-1945).
In vielen Konzentrationslagern steht ein großer Weihnachtsbaum auf dem Appellplatz. So groß, dass man ihn schon von weit außerhalb des Konzentrationslagers sehen kann.
Im Konzentrationslager in Neuengamme lassen sich die Häftlinge eine zusätzliche Kartoffel zu den sonstigen Mahlzeiten schmecken.
Der 14-jährige Häftling Maria Köster freut sich über die Milchsuppe mit Haferflocken, die sie an Weihnachten 1943 im Konzentrationslager Ravensbrück anstatt der dünnen Kohlsuppe bekam.
Im Konzentrationslager in Dachau setzt man Häftling Edgar Kupfer-Koberwitz an Weihnachten 1942 sogar Kartoffelsalat und rote Wurst vor. Die Häftlinge freuen sich auf drei freie Tage und eine Stunde mehr Schlaf.
Der Blockschreiberhäftling seiner Baracke trägt einen bunten Hut, spielt Lieder auf der Gitarre und muntert die Mithäftlinge mit einer Ansprache auf.
Sie seien Kameraden und alle in derselben Situation. Danach werden Witze erzählt.

Dann wollen wir des Vergangenen gedenken

„Es herrschte eine oberflächliche Lustigkeit, keine aus dem Innern, keine, die die Menschen beschwingt und befreit hätte. Der Mund lachte, aber das Herz blieb leer.“ So nimmt Edgar Kupfer- Koberwitz den „Auftritt“ des Blockschreiberhäftlings wahr.
„Trotz einiger zusätzlicher Kartoffeln war Weihnachten der Schmerz am größten“, so die Häftlinge in Neuengamme.
Viele erinnert der Weihnachtsbaum auf dem Appellplatz an vergangene Weihnachten im Kreise der Familie. Einige Häftlinge macht dies wütend und sie schimpfen beim Anblick des Baumes.
„Jetzt zünden sie zu Hause den Christbaum an und denken an mich und weinen. Und die Geschenke für mich legen sie unter den Baum und sind traurig, dass sie mir gar nichts schicken dürfen, nicht einmal einen Brief. Es wird ein trauriges Fest bei ihnen sein, viel trauriger als für mich hier. Die armen Kinder, die arme Frau.“- so die Worte eines Mithäftlings von Kupfer-Koberwitz. Nach diesen Worten bricht er zusammen. Weinen aber kann er nicht mehr.

Noch drückt uns böser Tage schwere Last

Der einzige, der an diesem Abend im Konzentrationslager Dachau weint, ist ein junger tschechischer Häftling, ein Kind, das die Einsamkeit fürchtet.
Er wird des Brotdiebstahls überführt. Ein Stück rote Wurst und ein Löffel Kartoffelsalat nach Wochen der Unterernährung reichen ihm nicht.
Seine Mithäftlinge verprügeln und beschimpfen ihn zum Fest der Liebe. Man forderte Todesstrafe. Er muss Weihnachten allein im Schlafsaal verbringen und weint. Auch das machte man ihm zum Vorwurf.
Im Konzentrationslager noch weinen zu können, sei eine Schande.
Die einzige Sanktion des Heiligen Abends bleibt dieses Ereignis nicht.
Ein Häftling stielt Holz, um die Baracken seiner Mithäftlinge zu beheizen. Er wird von den Aufsehern erwischt und muss 25 Tage in einem Bunker verbringen. Die Mithäftlinge seiner Baracke frieren entsetzlich.
Die 14-jährige Maria Köster erfährt die Kälte in einem noch erbärmlicheren Ausmaß. Wie jeden Morgen muss sie am Weihnachtstag barfuß und in Unterwäsche zum Appellplatz gehen.
Zudem werden diverse Häftlinge neben dem Weihnachtsbaum auf dem Appellplatz für weitere Vergehen von Aufsehern ausgepeitscht und erhängt.
Im Gegensatz zum großen Weihnachtsbaum sieht man die Folter nicht von weit außerhalb des Konzentrationslagers.
In Flossenburg verlangen die Aufseher von den Häftlingen, bei den Sanktionen und Morden auf dem Appellplatz zuzuschauen und verbieten ihnen, traurig zu schauen. Wer traurig schaut, wird bestraft.
„Über unsere Seele wuchs langsam eine Nilpferdhaut. Diese Nilpferdhaut über meiner Seele war noch sehr dünn. Ich wurde nicht einmal mit dem Erlebnis dieses ersten Dachauer Weihnachtsfestes fertig. Schließlich schlief auch ich ein. Vielleicht begann ich langsam ein wirklicher Häftling zu werden. Ich schien es doch zu lernen, keine Gefühle mehr zu haben.
Die Nilpferdhaut wuchs.“, so Kupfer-Koberwitz.

Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen das Heil, für das Du uns geschaffen hast

„Manche Texte übermittelten einem sogar das Gefühl, einige Häftlinge hätten die Nazis während der Weihnachtszeit als großzügig angesehen“, so eine Schülerin, die Zeitzeugenberichte von Weihnachtsfesten im Konzentrationslager Neuengamme gelesen hat.
Doch wirft man einen genauen Blick hinter die scheinbaren Großzügigkeiten, so sind es die Nationalsozialisten selbst, die sich großzügig darstellen möchten. Sie legen Wert auf Prestigeobjekte wie einen großen gut sichtbaren Tannenbaum.
Wenn ein Mensch über Wochen hinweg Hunger leiden muss, nimmt er natürlich nahrhafteres Essen dankend an.
Die Frage ist hier aber nicht, wer den Häftlingen das Weihnachtsmahl ermöglicht, sondern aus welchem Grund sie überhaupt hungern müssen. Warum sie das Weihnachtsfest nicht im Kreise ihrer Familie feiern dürfen.
Allein die Hoffnung, dies könne das letzte Weihnacht im Konzentrationslager sein, ermutigt und entmutigt die Häftlinge zugleich, so stellt es Kupfer-Koberwitz dar.
Denn die Vorstellung, noch ein Jahr im Konzentrationslager zu verbringen, scheint unerträglich. Emotionslosigkeit und Innere Kälte schützen die Häftlinge vor dem Wahnsinn und der emotionalen Verwundbarkeit.
Was die SS-Aufseher des Konzentrationslagers allerdings nicht wissen, ist, dass sie am Heiligen Abend vielen Häftlingen ihren größten Wunsch erfüllen: Sterben.
„Ist nicht der Tod das Tor zum Leben?“, fragt ein Häftling.
Manchen Häftlingen erfüllt die SS ihren Weihnachtswunsch nicht.
Wen die Hoffnungslosigkeit erfüllt, wer nicht schon verhungert oder von den Hunden der SS zerfleischt worden ist, wer nicht in einem Streit mit Mithäftlingen um Kartoffelschalen ermordet wird, der nimmt sich am elektrisch geladenen Stacheldrahtzaun selbst das Leben.
Nach den Feiertagen werden die Leichen mit langen Stangen von den Zäunen abgehangen und im Krematorium zu Asche verbrannt. Diese walzen die Überlebenden auf Lagerstraßen flach, als Grundlage für neue Transportwege im Konzentrationslager.

Allen, die dies hier lesen, wünsche ich ein gesegnetes Weihnachtsfest und viele fröhliche Wünsche zu Weihnachten, die sich erfüllen.
Mich schockiert es zutiefst, auf welche Realität sich im Alltag eines Konzentrationslagers berufen wird.
Mein Wunsch ist es, dass aus dieser historischen Reportage niemals eine Nachrichtenmeldung wird