Archiv des Autors: Isabel&Franziska

¡Viva el Carnaval! – die fünfte Jahreszeit mal anders

Schon bald ist es wieder so weit: die Mainzer Straßen füllen sich mit mehr als einer halben Million Menschen in quietschbunten, albernen Kostümen, nahezu alle sind in schnapsfröhlicher Stimmung, werfen Süßigkeiten durch die Gegend und schreien dabei „Helau“. Mit Büttenreden, Gardetänzen und Umzügen wird in der Mainzer Fastnacht der Winter vertrieben. Am Rosenmontagsumzug findet die Feierei ihren Höhepunkt, wenn man erst die für Mainz typischen „Schwellköpp“, überdimensionale Köpfe aus Pappmaché, die Persönlichkeiten der Stadt Mainz verkörpern, beim Umzug bestaunt und  danach von Kneipe zu Kneipe zieht. Hier werden Schlagerhits wieder rausgekramt, bis zum Umfallen gehört und dazu kräftig geschunkelt.

bunte und aufwändige traditionelle Kleider

Auch in Kolumbien werden bald wieder bunte Röcke gewirbelt, auf dem Carnaval de Barranquilla, dem laut der Zeitschrift „Forbes“ größten Fasching Südamerikas nach Río de Janeiro. Über eine Million Leute aus aller Welt kommen in die karibische Hafenstadt und beobachten staunend die farbenfrohen Kostüme. Mal bestehen diese aus riesigen Tierköpfen, mal aus aufwendig gestalteten, traditionellen Kleidern und mal wird auf kunstvolle Art möglichst viel nackte Haut gezeigt. Zu Cumbia und Salsa bewegen sich die vielen Tänzer rhythmisch durch die Straßen, jeden Tag treten Gruppen zu verschiedenen Themen in den Paraden auf.

zu Cumbia und Salsamusik werden auf den Paraden die Hüften geschwungen

Der erste Tag startet mit dem Höhepunkt des Carnavals, der Batalla de Flores, „Blumenschlacht“. Hier fällt neben den blumigen Tanzoutfits vor allem die Reina del Carnaval auf, die Faschingskönigin, die das ausgefallenste und prächtigste Kostüm von allen trägt. Es folgen die Gran Parada am Sonntag, ein Marsch mit vielen traditionell gestalteten Kostümen, und am Montag die „Parade der Fantasie“, in der sich die einzelnen Tanzgruppen mit ihren bunten und extravaganten Kostümen gegenseitig übertreffen. Doch die Umzüge sind nicht alles: die ganze Stadt besteht aus einem einzigen Fest, überall sieht man Leute voller Lebensfreude auf der Straße tanzen. Und natürlich fließt auch der Alkohol, vor allem kolumbianisches Bier und Aguardiente (kolumbianischer Anisschnaps) in Strömen. Weiterlesen

„Wohl eher ins Zaubereiministerium!“ – Toilettengeflüster an der JGU

Von Isabel Knippel und Milan Schröder

Bei gewissen natürlichen Bedürfnissen neigen Manche dazu, stets einen festen Ort aufzusuchen. Als Student*in an der Johannes Gutenberg-Universität lohnt es sich allerdings beim Toilettengang etwas zu variieren. Lesestoff wird nicht benötigt, die Kabinen selbst bieten davon ausreichend. Und es wird jeden Tag mehr.

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Unter anderem Zeichnungen zieren die Wände der Toiletten auf dem Campus

Von politischen Debatten über chemische Formeln und Kontaktanzeigen bis hin zu Fußballrivalitäten – Die Keramikabteilung der JGU hält so Einiges zu entdecken bereit. Denn abgesehen vom praktischen Nutzen des Örtchens ist sie nicht nur Rückzugsort und Ort des In-Sich-Gehens, sondern auch soziales Medium. An Wänden und Türen verewigt findet man (fast) alles: Weiterlesen

„Bassd scho“ – ein Abstecher in die unterfränkische Mainmetropole Würzburg

„Bassd scho“ – wenn ein Franke diesen Ausdruck (hochdeutsch: Das ist in Ordnung. ) verwendet, ist er wohl außerordentlich begeistert von der Stadt, denn diese Bemerkung gilt in Franken als höchstes Lob, das man bekommen kann. Die fränkische Herzlichkeit ist eben etwas ganz besonderes, jedoch lange nicht das Einzige, was Würzburg zu bieten hat:

Obwohl es die Stadt im 2. Weltkrieg schwer getroffen hat und so einiges zerstört wurde, gibt es zahlreiche schöne, mit Stuckarbeiten verzierte Häuser in der Altstadt. Hier fallen vor allem die vielen Kirchen auf, allen voran der Dom, von dessen Spitze man sogar bis zur Nordsee schauen kann (sagt man zumindest). Zu jeder vollen Stunde tönt Glockengeläut aus allen Ecken der Stadt.

Bekannt aber ist Würzburg vor allem durch seine barocke Residenz, die vom berühmten Architekten Balthasar Neumann erbaut wurde und zum Weltkulturerbe der UNESCO zählt. Über der Stadt thront die Festung Marienberg – nicht wie von vielen Fremden angenommen die „Würzburg“. Wenn man hier durch die Burganlagen schreitet, fühlt man sich fast wieder wie im Mittelalter. Oder man breitet die Picknickdecke aus und setzt sich mit einem Glas Wein zum Festungsflimmern, einem Openairkino am Festungsberg.

Nicht nur die Festung sieht man schon von weitem, eingerahmt wird Würzburg auch durch die vielen Weinberge mit ihren je nach Jahreszeit unterschiedlichen Farben. Im Sommer werden in Würzburg und Umgebung dann viele Weinfeste veranstaltet. Es herrscht eine gemütliche Atmosphäre, wenn Bierbänke in den Gassen der Dörfer aufgestellt werden und junge Mädchen mit Tragekörben voller unterschiedlichster Weinsorten umherlaufen. Oder man sitzt zwischen Weinreben über den Dächern der Stadt, lauscht angenehmer Musik und tauscht sich über den neuesten Klatsch und Tratsch aus.

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Die Festung Marienberg thront über Würzburg, darunter der Main mit der Alten Mainbrücke

Wenn man also nicht gerade auf einem der Weinfeste unterwegs ist, solle man bei einem Streifzug durch die Stadt auf jeden Fall Halt auf der Alten Mainbrücke machen: Jeden Abend versammeln sich dort die Leute, um bei einem Blick auf den Main und die untergehende Sonne mit einem Glas Brückenschoppen den Tag ausklingen zu lassen.

 

Doch auch sportlich zeigt sich Würzburg: 2016 verfolgten die Würzburger den Aufstieg der Würzburger Kickers in die 2. Liga und jede Woche fiebert man bei den Spielen der s. Oliver Baskets mit (1. Liga). Besonders stolz sind die Würzburger auf Dirk Nowitzki, der in Würzburg aufgewachsen ist und als Profibasketballspieler der NBA Bekanntheit erlangte.

Außerdem ist Würzburg mit seinen  über 35 000 Studenten (insgesamt: 127 000 Einwohner) sehr vom Universitätsflair und den vielen jungen Leuten geprägt. An einem typischen Sommertag sieht man viele Studenten auf den weitläufigen Mainwiesen liegen, Volleyball spielen, Fahrrad fahren oder einfach die Wärme genießen.

Auch zu Fasching ist in Würzburg einiges los: Faschingsumzüge, Prunksitzungen und andere Veranstaltungen – und die Fastnacht in Franken. Bayerische Politiker in den ulkigsten Kostümen lassen sich von Kabarettisten zurechtweisen  – schon allein dafür lohnt es sich, die unterfränkische Prunksitzung mit Kultstatus anzuschauen. Nicht nur die Politik, auch die ewigen Kabbeleien zwischen Bayern und Franken sind Thema. Während die Bayern die Franken mit ihrem „weichen und harten D“ (hochdeutsch: D und T) und dem gerollten R nicht so richtig ernst nehmen wollen, ist den Franken ihre eigene Identität sehr wichtig. Man darf also einen Franken nie als Bayern bezeichnen, außer man will es sich mit demjenigen verscherzen.

Würzburg hat also einiges zu bieten. Gerade in  der Innenstadt findet man zudem viele schöne Geschäfte, ob individuelle Klamottenläden, kleine, süße Cafés oder Bars und Clubs in alten Gewölbekellern. Hier sind ein paar kulinarische und kulturelle Tipps, falls es euch mal in die unterfränkische Mainmetropole verschlägt:

Wunschlos Glücklich –  Der Name ist Programm in diesem Café, indem man sich wie in Omas Wohnzimmre fühlt: gemütliche Ohrensessel und Sofas laden zu Verweilen ein und ein heißer Tee einer ungewöhnlichen Sorte und eine der süßen oder deftigen Waffeln, die hier angeboten werden, tun ihr Übriges zum Wohlergehen der Gäste. http://wunschlos-gluecklich.net/home/

Backöfele – Wer mal so richtig nach einheimischer Tradition essen gehen will, ist hier genau richtig. In der urigen Stube kriegt man von gebackenem Camembert bis zum Fränkischen Hochzeitsessen (Tafelspitz mit Meerrettichsoße und Nudeln) alles, was das (fränkische) Herz begehrt. http://www.backoefele.de/main/index.php

Wohnzimmer – Dank günstiger Preise und ganztäglichem Frühstück ist das Wohnzimmer vor allem für Studenten ein beliebter Aufenthaltsort. Abends wird es durch täglich variierende Getränkespecials und Fernsehliveübertragung zum geselligen Treffpunkt. http://www.geilste-bar.com/wohnzimmer-wuerzburg

Bombe – Eine Gewölbekellerbar, in der man sich in gemütliche Sessel lümmeln kann und mit dem Barkeeper fast allein ist – das ist die Bombe vor 12 Uhr. Nach Mitternacht „explodiert“ sie dann, die „Bombe“: die Musik wird aufgedreht, Studenten strömen die schmalen Stufen hinunter und die Leute erheben sich aus ihren Sesseln und tanzen bis in die frühen Morgenstunden. http://www.bombe-wuerzburg.de/

Das Käuzle – Die Würzburger Kultkneipe mit der größten Altersvariation wird von allen nur noch die „Uschi“ genannt, nach dem Namen der Besitzerin. Ob Junggesellenabschiede, Studenten oder Mallorcafans, so manche/r hat in der „Uschi“ schon unvergessliche Nächste erlebt und zu der Ballermann- Musik mitgegrölt. https://de-de.facebook.com/K%C3%A4uzle-W%C3%BCrzburg-453729454790925/

Das Boot – Die beliebte Studentendisko befindet sich, wie schon der Name sagt, nicht an Land, sondern zu Wasser. Über einen Steg gelangt man auf die drei Decks mit unterschiedlicher Musikausrichtung, die von Donnerstag bis Samstag immer gut gefüllt sind. http://www.das-boot.com/

 

Meine Mainzer Heimatmomente

Nach dem Abi haben ja viele erstmal den Drang danach, rauszukommen aus der Stadt, in der sie bisher vielleicht ihr ganzes Leben gewohnt haben. Warum nicht den Neuanfang in einer bisher unbekannten Stadt wagen, die zu weit weg ist, um jeden Tag dorthin zu pendeln?!Ein bisschen Selbständigkeit und Freiheit, dachte ich mir ein bisschen naiv, googelte ein paar Universitäten und Städte und verschickte Bewerbungen.

Und dann ging das alles irgendwie so schnell: Nach der Zusage der Johannes Gutenberg Universität die Zusage zum Wohnheim, und schon war die Fahrt gebucht und ich stand mit meinem Koffer in Mainz. Allzu viel wusste ich nicht über die Stadt und ihre Bewohner. Warum eigentlich Mainz? Darauf hatte ich selbst nicht wirklich eine Antwort. Ich war hier bisher zuvor einmal gewesen, ich konnte mich jedoch nur noch vage erinnern. Alles schien mir fremd. Ich kannte niemanden außer meiner Cousine und den Hausmeister des Wohnheims von den E-Mails, die ich mit ihm ausgetauscht hatte. Ich würde in einem Studentenwohnheim wohnen, mit 17 Leuten auf dem Flur, geteilter Küche und Bad.

Also bezog  ich mein Zimmer, aber es wirkte noch ziemlich leer: weiße, kahle Wände, ein Bett, ein Schrank, ein Tisch, ein Stuhl. Wie in einer Jugendherberge. Noch konnte ich mir nicht vorstellen, mich hier irgendwann so richtig zuhause zu fühlen. Ich hatte das Bild meines gemütlichen Zimmers in der Heimat vor Augen. Ich sah meine Schwestern, die in mein Zimmer stürmten, um etwas mit mir zu machen, meine Familie um mich herum, all das Bekannte…und schob die Gedanken weg. Denn obwohl ein Heimwehgedanke bleibt, ist es doch aufregend, sich in einer fremden Stadt ein neues Zuhause aufzubauen.

Neuer Ort, neue Leute, neues Leben. Ich hatte große Pläne: Einen Job finden, Sport machen,  mich sozial engagieren, natürlich fleißig für die Uni sein und trotzdem jeden Tag Party bis in die frühen Morgenstunden. Außerdem waren da so viele Fragen in meinem Kopf, und auch ein paar Zweifel. Mein Studium, ist das überhaupt was für mich? Was ist das eigentlich, was ich studieren will?

Durch Tanten, Onkel und Bekannte hatte ich ein einschlägiges Bild vermittelt bekommen: Mainz, da würden die zwar ein wenig anders sprechen, aber es sei schon eine schöne Stadt. Ich wollte aber meine eigenen Erfahrungen machen. Also machte ich eine Stadtführung, besuchte mal mehr, mal weniger interessante Vorträge, Vorlesungen und Seminare, ging zu Veranstaltungen im Wohnheim und lernte das Mainzer Nachtleben kennen. Ich scheiterte daran, mir die Riesenflut von neuen Namen zu merken, und ging feiern mit Leuten, über die ich kaum etwas wusste, doch die mir bald schon wie alte Bekannte vorkamen.

Und irgendwann merkte ich, dass die Leute, mit denen ich stundenlang zusammensitzen konnte, ob in der Mensa, in der Wohnheimsküche oder irgendeiner Kneipe, mit denen ich lachen, über Gott und die Welt reden oder einfach nur die ganze Nacht lang tanzen konnte, mir ans Herz gewachsen waren. Dass ich nicht mehr ziellos auf dem Campus herumirrte, beim Einkaufen nicht mehr ewig herumsuchen musste, bis ich gefunden hatte, was ich wollte. Mein Zimmer füllte sich nach und nach mit mehr Farben, mit Postern, Bildern und Fensterschmuck. Dann, irgendwo zwischen Fastnachtslieder- Singen mit verkleideten Leute am elften November, Plätzchenbacken mit den Mitbewohnern oder dem  ersten Glühweintrinken auf dem so schön glitzernden Weihnachtsmarkt, wurde mir klar, dass ich mich in der Stadt der Mainzelmännchen und des Spundekäs schon längst Zuhause fühlte.

Wie kann man Mainz auch nicht mögen – nicht nur die Busfahrer-„Mannis“ sind hier fast immer nett und hilfsbereit. Außerdem gibt es Dönerläden an jeder Straßenecke und eine Vielzahl von kleinen süßen Cafés in der Neustadt. Nicht zu vergessen ist, dass man eigentlich überall relativ schnell mit dem Fahrrad hinkommt, ob zum Spazieren gehen am Rhein oder Schlendern durch die Altstadt.

Am Anfang waren einige Dinge ein bisschen gewöhnungsbedürftig an Mainz: Ich hatte noch nie vorher so viele Saarländerwitze gehört, und an den Dialekt musste ich mich auch erstmal gewöhnen. Doch bald wusste ich, was „Weck, Worscht und Woi“ bedeutet und dass man lieber keine Diskussionen über Fußball anfängt.

Trotzdem ist es immer schön, nach ein paar Wochen mal wieder in der Heimat aufzukreuzen, die dortigen Freunde und Familie wiederzusehen und sich einfach ein bisschen im Hotel Mama verwöhnen zu lassen. Finanziell und organisatorisch ist es zudem leichter, daheim zu wohnen: Man wird jeden Tag bekocht, hat nie diese gähnende Leere im Kühlschrank oder ernährt sich Ende des Monats nur noch von Eintopf, weil man doch nicht so mit dem Monatsgeld zurechtkommt. Auch kennt man nicht dieses Gefühl der Zerrissenheit, weil man nicht weiß, wo man gerade lieber wäre, und muss nicht alle Termine in der Heimat, ob mit Freunden, Verwandten oder beim Arzt, in ein Wochenende quetschen. Dennoch ich bin zufrieden damit, wie es ist. Denn genauso freut es mich, wieder zurück zu kommen in mein kleines gemütliches Zimmer in Mainz, um dann erst mal mit den Mitbewohnern stundenlang in der Küche zu sitzen und zu erzählen oder sich zum Tatort Schauen in der Stammkneipe zu treffen.