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Indien – „Eine Realität, die schockiert und nachdenklich macht.“

Indien ist die bevölkerungsdichteste Demokratie der Welt, eine aufstrebende Wirtschaftsmacht und ein Land voller Gegensätze. Viele Reisende sind fasziniert von der kulturellen und sprachlichen Vielfalt des Landes, so auch Sara Hiller. Im zarten Alter von 16 Jahren hat die junge Schülerin ihr Heimatland Deutschland verlassen, um ein Schuljahr in Indien zu verbringen.

Farbenfröhlichkeit und pure Lebenslust - Ein indisches Tanzfestival

Ein farbenprächtiges Tanzfestival in einem Land voller Gegensätze.

Was hat dich dazu motiviert, ein Jahr im Ausland zu verbringen?

Die Idee, einfach mal für ein Jahr abzuhauen und etwas vollkommen Neues zu erleben, hat mich schon lange gereizt. Ein kleiner Anstoß war unsere brasilianische Austauschschülerin Renata, die zuvor bei uns gelebt hatte. Ich wäre an ihrem Abreisetag am liebsten mit nach Sao Paulo gegangen (lacht).

Warum hast du dich für Indien entschieden?

Ich wurde auf AFS aufmerksam, eine internationale Austauschorganisation mit vielen Partnerlänern. Warum es genau Indien wurde, weiß ich nicht. Vielleicht war es Hannah, meine beste Freundin in der Grundschule, durch deren Vater ich die indische Kultur schon früh kennenlernen durfte. Vielleicht war es pure Neugier und Abenteuerlust. Auf jeden Fall war es – eigentlich eher untypisch für mich – eine schnelle und überzeugte Entscheidung.

Hattest du Ängste, bevor du deine Reise angetreten hast?

Angst hatte ich in dem Sinn keine. Ich denke, mit Angst ein Jahr in einem uns so fremden Land zu verbringen, ist auf eine Art hinderlich. Denn Angst lässt einen oft voreingenomme Dinge tun und sagen. Ich hatte vielmehr großen Respekt vor dem, was mich dort erwarten sollte: Werde ich gut aufgenommen?  Wie verständige ich mich? Schmeckt mir das Essen?

Kulturschock Indien? Wie war dein erster Eindruck von dem Land und den Menschen?

Von Delhi nach Ahmedabad fuhr ich mit dem Zug und erlebte Indien pur: der völlig überfüllte Bahnhof, die schwüle, stinkende Luft, der ohrenbetäubende Lärm. Die unglaublich neugierigen Inder, die mich schon im Zug mit Fragen zu meiner Herkunft löcherten. Das Schmatzen beim Essen. Für uns ordnungsliebende Deutsche ist Indien natürlich Chaos pur. Für mich war nur das indische Klo eine Überwindung und erstmal ein Kulturschock: Ein Loch im Boden und ein Eimer Wasser als Klopapier – daran musste ich mich erst gewöhnen (lacht).

Zu meinem ersten Eindruck gehörte natürlich auch die Frontalität der Extremen, die man so nur in Indien erlebt. Die ärmsten der Armen leben in einfachen, zerrissenen Zelten neben den große und modernen Hochhäusern der Stadt. Eine der Realitäten, die sowohl schockieren, als auch nachdenklich machen.

Und dein langfristiger Eindruck?

Was mich das gesamte Jahr über begleitet hat, war definitiv die indische Gastfreundlichkeit und Neugierde.

Ein junges, hellhäutiges Mädchen allein in Indien. Ein Land, von dem man ununterbrochen von der Unterdrückung und von Missbrauchsfällen an Frauen hört…

Für mich als europäisches Mädchen ist das Thema Gleichberechtigung sehr wichtig. Mein Glück war es, als Familienmitglied tiefe Einblicke in die indische Gesellschaft zu bekommen. Mir fällt dazu sofort eine Szene in den ersten Wochen meines Aufenthaltes ein:
Als mein kleiner Gastbruder und ich uns abends in unser kleines, gemeinsames Familienbett schlafen legen wollten, nahm meine Gastmutter ihre Decke und legte sich draußen im Flur auf den kalten Steinboden. Auf meine überraschte Frage, warum sie nun nicht neben uns liege, erklärte mir mein Gastvater, dass sie ihre Periode habe und daher als unrein gelte. Es war uns für die nächsten Tage untersagt, sie anzufassen. Für mich als Frau hieß das: All die Haushaltsaufgaben mussten nun von mir übernommen werden.

Ist die Ungleichheit zwischen Mann und Frau auch in anderen Teilen des Alltags zu finden?

Tatsache ist, dass man tagtäglich in indischen Tageszeitungen von neuen Missbrauchsfällen an Frauen liest, auch innerhalb Familien. Die Polizei ist korrupt, nur die wenigsten Frauen melden überhaupt den Missbrauch. Die Dunkelziffer ist weitaus höher. Fakt ist außerdem, dass Frauen ihre Haare im Tempel verdecken müssen; dass den Söhnen höhere Bildung finanziert wird – ganz im Gegensatz zu den Töchtern, die nur im Haushalt funktionieren müssen.

Frauen in Indien sind also auch heute noch Männern in allen Bereichen unterstellt?

Naja, vor allem in den Städten gibt es immer mehr Frauen in Führungspositionen. Was mich immer wieder aufs Neue überrascht hat: Innerhalb der Familie hat die Frau das Sagen. Sei es in der Erziehung der Kinder oder im Haushalt. Ebenso ist die Küche das Reich der Frau – in dieser Hinsicht ist der Mann mehr als abhängig. Dass Frauen Männern in der indischen Gesellschaft unterstellt sind, hat religiösen Hintergrund. Ebenso lässt das – leider immer noch sehr präsente – Kastensystem nur schwer ein Umdenken in den Köpfen der Menschen zu.

Vielen Dank für deine Antworten!

Von Chiara Hiller

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Diagnose: Völlig durchgeknallt!

Mit Pension Schöller bringt das Staatstheater Mainz eine besonders skurrile Komödie auf die Bühne und damit nicht nur die Zuschauer, sondern auch die Schauspieler selbst zum Lachen.

pension-schoellerhttp://www.staatstheater-mainz.com/web/veranstaltungen/schauspiel1617/pension-schoeller

„Ein super unterhaltsames Stück mit skurrilen Outfits, toller Maske und einem guten Maß an Übertreibung“ – Völlig begeistert kommt Theaterbesucherin Johanna Feth aus dem Theatersaal. Auch die anderen Zuschauer verlassen das kleine Haus des Staatstheaters mit einem amüsierten Grinsen auf den Lippen. Was ist wohl die letzten drei Stunden auf der Bühne geschehen?

Die Komödie handelt von der Berliner Familienpension Schöller und deren Gäste: Eine im höchsten Maß aufdringliche Schriftstellerin, ein Schauspieler mit einem ultra-lustigen Sprachfehler, ein Major, der auch in der Pensionierung das Befehlen nicht lassen kann und ein Löwenjäger, der das Abenteuer sucht. Hinzu kommen der völlig verwirrte Pensionsbesitzer und dessen hübsche Tochter, die als Butler in Männerklamotten die Pension ihres verwirrten Vaters am Laufen zu halten versucht.

Besonderes Merkmal der Produktion: Kostüm, Maske und Bühnenbild sind in Comic-Design gestaltet und jeder Charakter begleitet ein unverkennbares Geräusch.

Alfred und sein wohlhabender Onkel Klapproth, der ebenfalls ein wenig verwirrt zu sein scheint, treffen sich in besagter Pension Schöller. Während sich Alfred mit einem Fotoatelier selbstständig machen will, verlangt sein Onkel im Gegensatz zu dessen finanzieller Unterstützung seinerseits einen Abend im Irrenhaus. Alfred präsentiert seinem Onkel den Gesellschaftsabend der Pension Schöller – und gibt vor, es handele sich um eine Irrenanstalt – nicht zuletzt aus dem Grund, dass er in die Tochter des Pensionsbesitzers verliebt ist. Sein Onkel ist begeistert und völlig überzeugt von den ihm präsentierten Irren: Vom Major, mit dem er sich zum Duell herausfordert, über den Löwenjäger, der ihm eine Giraffe und Tigerbabys zuschicken lässt und ihn zu seiner nächsten Reise mitnehmen will, bis hin zur verrückten Schriftstellerin und dem Schauspieler mit dem amüsanten Sprachfehler – Klapproth ist überzeugt, dass es sich hierbei tatsächlich um eine Irrenanstalt handelt.

Wenig später aber tauchen all diese Charaktere in seinem eigenen Haus auf und führen zu mehrfachen Verwicklungen. Klapproth wird seinerseits als verrückt erklärt.

Geschrieben von den Mainzer Autoren Carl Laufs und Wilhelm Jacoby bietet die Komödie Pension Schöller alles für einen gelungenen Abend: Irrwitzige Dialoge, amüsante Verwechslungen und publikumsbezogene Szenen, die nicht nur die fast ausverkauften Zuschauerreihen zum Kichern bringen, sondern auch die mitwirkendenden Schauspieler auf der Bühne in ungewolltes Gelächter ausbrechen lassen.

Absolut sehenswert!

Chiara Hiller

Kulturschock Stadt?

Von einem 500-Seelen-Ort in die rheinland-pfälzische Landeshauptstadt. Zwischen Anonymität und studentischem Miteinander.

Landleben (chi)

Samstagmorgen. Ich schaue aus dem Fenster, das ganze Dorf liegt unter einer weißen Schneedecke. Die hügelige Alblandschaft um die Burgruine Hohenneuffen ist umhüllt von dichtem Nebel. Die Nachbarn schippen Schnee von der Straße. Ich ziehe mich warm an und geselle mich zu ihnen. Wie es im Studium geht? Ob ich schon Freunde gefunden habe? Ich freue mich über das ehrliche Interesse. Später mache ich mich auf den Weg zu der einzigen Bushaltestelle in Balzholz und muss feststellen: der nächste Bus fährt erst wieder in einer Stunde. Dann gehe ich eben zu Fuß. Balzholz hat Natur zu bieten, viel Natur, öffentliche Verkehrsmittel eher nicht. Ich erinnere mich daran, wie oft meine Eltern Taxi spielen durften, wenn die Minibahn in die nächste Stadt mal wieder nicht fuhr. Oder an Radtouren, sei es zum Abschalten oder ganz einfach: weil ich sonst nicht vom Fleck gekommen wäre. Segen oder Fluch – ohne Auto ist man auf dem Land aufgeschmissen.

Stolze 499 Einwohner hat Balzholz, davon sind 223 über 50 Jahre alt. Auf dem Haldenhof kaufe ich frische Eier und Milch. Der Bär steppt hier nicht, dafür besitzt der örtliche Bauernhof mehr Kühe, Pferde und Hühner als Balzholz Einwohner zählt. Keine Traumvorstellungen für junge Studenten. Aber hier kennt und grüßt man sich. Das ist Landleben, so kenne ich das.

„Mainz ist eine offene Studentenstadt.“

Samstagmorgen. Ich schaue aus dem Fenster. Das gegenüberliegende HDI-Gebäude, der Uni-Campus und die stark befahrene Bundesstraße liegen unter einer weißen Schneedecke. Ich ziehe mich warm an und verlasse meine 15 Quadratmeter. Die Gänge im Wohnheim wirken fast ausgestorben, so leise und leer ist es. Im Aufzug begegne ich endlich einer anderen Studentin und grüße sie lächelnd – und bekomme keine Antwort.  Willkommen in der städtischen Anonymität?

Ich mache mich auf den Weg zur nächsten Bushaltestelle. Dort treffe ich Freunde aus meinem Studiengang. Gemeinsame Kneipentouren, Uni-Partys und Kulturveranstaltungen haben uns nähergebracht. Der nächste Bus fährt in fünf Minuten. In der Mainzer Innenstadt überlegen wir zwischen einem italienischen, einem deutschen und einem afrikanischen Restaurant und entscheiden uns schließlich doch für Sushi. Später beschließen wir spontan, den Fliegenden Holländer im Staatstheater anzuschauen – wie gut, dass die Karten für Studenten kostenlos sind.

Bei rund 35.000 Studenten kommt das studentische Miteinander in Mainz nicht zu kurz. Gemeinsame Uni-Partys, Barabende und studentische Sport- und Kulturveranstaltungen verbinden auch fächer- und semesterübergreifend. Auch die Stadt ermöglicht durch das Semesterticket, kostenlose Theaterkarten und zahlreiche Studentenjobs ein tolles Studentenleben und macht den Einstieg in eine (neue) Stadt leichter.

Chiara Hiller

Pasta vs. Käsebrot

Luca Filosi (23) aus Italien verbringt mit dem europaweiten Erasmus-Programm ein Semester in Mainz und berichtet über seine Erfahrungen, Begegnungen und amüsante Essenstraditionen.

Von Chiara Hiller

Luca, du wohnst nun schon seit zwei Monaten in Mainz. Wo kommst du ursprünglich her und was studierst du?

Ich wohne mit meiner Familie in Trient, das liegt zwischen Bozen und Verona und ist die Hauptstadt von Trentino-Südtirol. Ich studiere Geschichte und bin jetzt im letzten Masterjahr.

Warum hast du dich dafür entschieden in Deutschland zu studieren?

Um mein Deutsch zu verbessern. Ich werde meine Masterarbeit über den Ersten Weltkrieg schreiben. Trient war zu dieser Zeit unter österreichischer Herrschaft, darum sind die meisten für mich relevanten Texte auf Deutsch. Außerdem ist es schön, Deutsch sprechen zu können.

Und warum Mainz?

Eine Freundin von mir hat hier vor zwei Jahren studiert und hat mir davon erzählt. Auch meine Professorin hatte mir die Universität Mainz empfohlen.

Was für Erwartungen hattest du von Deutschland?

Ich dachte, dass es viel kälter wird (lacht). Deutschland gilt in Italien als sehr starker europäischer Staat mit einer stabilen Politik und vielen guten Universitäten. Und die Menschen sollen sehr zielstrebig sein. Angst hatte ich nur vor dem deutschen Essen. Bei uns in Italien heißt es: „Die Deutschen essen nur Kartoffeln“ (lacht).

Wie war deine Ankunft in Mainz? Hast du schnell Anschluss gefunden?

In meiner ersten Woche habe ich nur etwas mit anderen Erasmus-Studenten unternommen, weil meine Mitbewohner noch nicht zurück in Mainz waren. Ich wohne mit drei anderen Studenten in einer WG im Wohnheim Kisselberg. Durch das Erasmus-Programm und gemeinsame Ausflüge an den Wochenenden habe ich schnell Leute kennengelernt.

Wie findest du Mainz als Studentenstadt?

Mainz ist toll! Einfach eine schöne Stadt und ideal für Studenten, mit vielen Bars, Clubs und einem schönen Weihnachtsmarkt. Und sehr gutem Glühwein (lacht). Der große Unicampus ist wirklich cool, weil fast alle Fakultäten an einem Ort sind und mit dem Semesterticket kommt man überall hin.

Haben sich deine Vorstellungen über die Deutschen bestätigt?

Die Deutschen sind wirklich sehr zielgerichtet und vor allem pünktlich. Und sie essen nur Brot mit Käse. (lacht)

Gibt es Unterschiede zwischen dir und deinen deutschen Freunden?

Ja, vor allem beim Essen! Für uns Italiener ist das Abendessen die wichtigste Mahlzeit am Tag und das wird erst ab 21 Uhr gekocht, während meine Mitbewohner pünktlich um 18 Uhr ihr Abendbrot essen. Aber auch ich habe neue Dinge für mich entdeckt: Müsli, Butter mit Marmelade und Spekulatius.

Zum Schluss: Würdest du anderen Studenten ein Erasmus-Programm weiterempfehlen?

Auf jeden Fall! Jeder, der die Möglichkeit dazu hat, sollte das ausprobieren. Man lernt dabei unglaublich viel und verbessert seine Sprachkenntnisse. Man lernt einerseits viel über Selbstständigkeit und andererseits Leute und Kulturen aus der ganzen Welt kennen.

Vielen Dank für deine Antworten!