Das erste Semester

Nach der Schule anfangen zu studieren – ob freudig erwartet oder doch insgeheim gefürchtet, ist es für die Meisten ein kompletter Neuanfang. Besonders im ersten Semester muss Student und Studentin sich erst mal zurechtfinden. Zwei Mainzer Studentinnen erzählen von ihrem ersten Semester und wie Angst vorm Studienbeginn eigentlich völlig unbegründet ist.

Sina (Buchwissenschaft und Publizistik)

8.Oktober 2018, Mainz:

Die Torbögen der Universität sind überschwemmt mit Studentenmassen. Verwirrte Blicke ziehen über die Steinblöcke, leise Stimmen hallen über den Platz während immer mehr Neuankömmlinge aus den Bahnen steigen. Es war mal wieder soweit – Ersti-Woche an der JGU und mittendrin: Ich, alleine in einer neuen Stadt, die ich noch nicht einmal annähernd kannte. Gute 2  1/2 Stunden Autofahrt trennten mich von meiner Heimatstadt Duisburg und allem was ich bis dahin kannte.

Bis zu diesem Punkt war mir, glaube ich, tatsächlich nicht bewusst gewesen, was ich dort beginnen würde. Die Wochen vorher  waren wie im Flug vergangen. Immerhin gab es mächtig viel zu tun. Umzug, Ummeldung, das Zimmer zu Hause leer räumen… bis ich unter dem Torbogen stand hatte ich kaum Zeit zum Durchatmen. Umschlossen von den Mengen an Menschen jedoch begann die Realität aufzuholen. Es war Studienbeginn. Abitur war durch und jetzt würde ein neues Kapitel in meinem Leben anfangen.

Während ich also versuchte mich über den Campus zu navigieren wurde mir bewusst, dass ich tatsächlich niemanden dort  kannte. Ziemlich verloren begann ich also mich auf die Suche nach den verschiedenen Veranstaltungen zu machen in der Hoffnung irgendjemanden zu finden, der genauso verwirrt aussah wie ich und in die gleiche Richtung zu gehen schienen…

13.02.2019, Mainz:

Ein ganzes Semester ist seit diesem Zeitpunkt vergangen und so viel ist passiert. In einer unglaublichen Ersti-Woche wurde alles dafür getan, dass man neue Freunde kennenlernt und Spaß hat. Über Campus-Rallys, Kneipentouren und einem überfüllten Sektempfang gelang dies auch problemlos. Bald hatte ich einen neuen Freundeskreis gefunden, der genauso wenig Plan hatte was sie taten wie ich. Dadurch konnte dann auch selbst die anfängliche Orientierungsphase mit all ihren Problemen Spaß machen.

Zwischen Einführungsmodulen, Präsentationen und neuen Freundschaften festigen  war es zunächst leicht überfordert zu werden.  Vorlesungen mussten aufgearbeitet werden, Artikel geschrieben und Texte vorbereitet. Da kann es vorkommen, dass mal die ein oder andere Aufgabe vergessen wird. Mit der Zeit jedoch findet sich da ganz natürlich eine Routine, mit der man dann doch noch alles meistern kann.  Stressig wurde es erst wieder nach Beginn der Prüfungsphase. Panikattacken und emotionale Zusammenbrüche blieben allerdings aus und auch dort galt wieder- nicht zu viel Stress machen. Mit genügend Disziplin und Einsatz sind auch die Klausuren leicht geschrieben.

Parallel lief das Einleben in Mainz wie am Schnürchen. Die Menschen hier sind freundlich und die Stadt die perfekte Balance zwischen nicht zu groß und nicht zu klein. Alles ist wunderbar zu Fuß erreichen, auch wenn die gleich aussehenden kleinen Straßen dazu verführen sich die ersten Tage zu verlaufen.

Während ich in meinem Zimmer, das mit Bildern und Deko anfängt nach Zuhause auszusehen, sitze und diesen Artikel schreibe ist mein Kopf gefüllt mit Erinnerungen und Lektionen, die ich nie vergessen werde und die einzige Frage, die ich mir mittlerweile stelle ist, warum ich damals als ich hier einzog so nervös war. Rückblickend hatte ich mir keinerlei Sorgen zu machen.

Svea (Publizistik und Politikwissenschaft)

01.Oktober 2018

Um 03:00 nachts kann ich nicht mehr schlafen. Vor lauter Unruhe stürze ich aus meinem Bett und wecke meinen Vati und meine Schwester kurz auf, mit der Begründung das ich jetzt losmache. Eine volle Stunde vor Zeitplan. Ich musste erst um 09:00 in Mainz zur Schlüsselabgabe sein, aber ich hatte schließlich auch noch 500 km Autobahn hinter mich zu bringen.

Um 07:30 gelange ich dann das erste Mal in die Stadt, die nun mein Zuhause werden sollte. Vollkommen allein, ohne Plan wie die Schlüsselabgabe laufen sollte und mit der Gewissheit auf eine völlig fremde Mitbewohnerin zu treffen. Da das alles nicht schon genug ist, schramme ich beim Einparken erst mal ein anderes Auto und hinterlasse eine ordentliche Kratzerspur. Kurz und knapp, mein Studentenleben hat nicht besonders großartig angefangen.

14.02.2019

Im Nachhinein lässt sich sagen, dass der erste Tag in Mainz mein persönlicher Tiefpunkt war. Danach ging es aber immerhin nur noch aufwärts. Sämtliche Kollateralschäden ließen sich irgendwie beheben, neue Probleme, wie den Stundenplan erstellen, ebenso. Neue Freunde zu finden erweist sich außerdem als wesentlich einfacher, wenn auch alle anderen nach Freunden suchen und Kneipentouren veranstaltet werden.
Das Studium fühlte sich sehr lange wie erster Schultag an. Alles war ungewohnt, man hatte ja 12 Jahre mehr oder weniger jeden Tag dasselbe gemacht. Nun konnte man auf einmal in der Vorlesung Pläne fürs Kuchenbacken schmieden, ohne gleich vom Lehrer eins auf den Deckel zu bekommen. Spätestens als sich der erste Student in der Abendvorlesung das Bierglas aufmachte wurden sämtliche Vergleiche zur Schule fallen gelassen.

Das Einzige was ich an meinem ersten Semester bereue ist, dass ich nicht soviel fürs Studium getan habe wie ich hätte müssen. In der Schule hatte ich über Jahre eine konkrete Lernstrategie. Die hat im Studium aber leider so gar nicht funktioniert.

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