Zwischen Glitzer, Kitsch und Nostalgie

Es gibt viele Menschen, die sich beschweren, wenn im November in den Supermärkten die Schoko-Nikoläuse stehen und die erste Weihnachtsdeko ausgepackt wird. Andere freuen sich dann schon auf die kommende Weihnachtszeit. So auch Elmar Friederichs. Der 38-Jährige ist Leiter des größten Stands auf dem Mainzer Weihnachtsmarkt. Auf 75m² Verkaufs- und weiteren 75m² Lagerfläche, kann man bei Käthe Wohlfahrt alles kaufen, was das Dekoherz begehrt.


Als ich im Käthe Wohlfahrt Stand ankomme, ist der Laden wie immer voll. Die Menge an klitzernden, breit grinsenden Engeln, Nikoläusen und Schneemännern, von mehrstöckigen Kerzenpyramiden, Baumanhängern und filigranen Glasarbeiten ist überwältigend. Nach einem kurzem Warten kommt Elmar auf mich zu. Er ist groß, trägt Bart sowie einen gemütlichen grünen Pulli. Nach einer kurzen Diskussion mit einem Kunden, der ihn wegen eines angeblich kaputten Dekoartikels anspricht, bittet er mich, ihm auf den Dachboden zu folgen. „Der wollte nur weniger zahlen“, erklärt er mir im Hochgehen – um diesen Mann aus der Ruhe zu bringen, bedarf es schon mehr. Elmar führt mich durch den voll gestopften Lagerraum, in dem sich tausende Schachteln stapeln, in eine freie Ecke, bietet mir beiläufig das Du an und beißt in ein Salamibrot. Sich vom allgemeinen Weihnachtstrubel stressen zu lassen scheint für ihn keine Option zu sein.

Seit wie vielen Jahren machen Sie das jetzt schon auf dem Mainzer Weihnachtsmarkt?

IMG_1982Elmar: Ich mache das jetzt in die achte Saison – habe direkt nach der Uni damit angefangen. Ich hatte vorher auch gar nichts mit Weihnachten zu tun. Bin ganz normal von der Uni gekommen und habe mich einfach mal auf die erstbeste Zeitungsanzeige beworben. War ja eine schwierige Zeit, um Jobs zu bekommen, so kurz nach der Finanzkrise. Ich dachte zwar ich hätte eh keine Chance aber die meinten: „Komm mal nach Rotenburg runter zu einem Vorstellungsgespräch“ und eine Woche später war dann schon die Schulung.

Was genau hast du studiert und macht sich das hier auf dem Weihnachtsmarkt irgendwie bemerkbar?

Elmar: Ich habe damals ich hier in Mainz BWL studiert. Der gesamte betriebswirtschaftliche Ablauf passt schon ganz gut, aber vom dekorieren habe ich selbst auch keine Ahnung gehabt. (lacht)

Was macht man das ganze Jahr über wenn gerade keine Weihnachtszeit ist?

Elmar: Gute Frage, ich mache nämlich das ganze Jahr über nichts mit Weihnachten. Es sind immer vier fünf Wochen im Jahr an denen ich das mache, ansonsten bin ich bei der IG Metal beschäftigt mit einer dreiviertel Stelle, also 75 % einer 35 Stunden Woche. Wenn ich dann aber trotzdem drei oder vier Tage voll arbeiten gehe, sammeln sich Überstunden an, die die Zeit um Weihnachten überbrücken. Mein Arbeitgeber war so freundlich, dass ich das hier weitermachen kann. Den Job bei Käthe Wohlfahrt hatte ich ja auch schon vorher.

Ist das für dich mehr ein Nebenjob oder schon eine Art Hobby?

Elmar: Beides! Also es ist ein Zweitjob aber irgendwie, über die Jahre hinweg, zieht das ganze Zeug dann auch zu Hause ein und dann wird das Ganze schon irgendwie zu einem Hobby. Ich freue mich da immer drauf, wenn es auf Weihnachten zugeht und aus Rothenburg die Post zur Schulung kommt. Dann weiß man schon: Bald geht’s wieder los!


Info: Eine dreitägige Schulung bei Käthe Wohlfahrt ist nötig, um die Gesichte des Unternehmens, einen Überblick über die Artikel sowie Kassen und Abrechnungssystem zu bekommen. Die Schulung wird von jedem Mitarbeiter absolviert.


Ist so viel Weihnachten in diesen vier Wochen nicht viel zu viel?

Elmar: Ja also mir macht das nichts aus. Viele von den neuen Mitarbeitern fragen, ob man ständig Weihnachtsmusik hört, aber irgendwann hört man die einfach nicht mehr. Das ist dann für dich ganz normal und einfach nur ein schöner Job. Man kommt damit ganz gut durch die Winterdepression, die viele Leute haben. Wenn ich jetzt morgens um 6 Uhr aufstehen und im Dunklen zur Arbeit fahre und dann im Dunkeln auch wieder zurück, ist das was ganz anderes, als wenn du hier den ganzen Tag im Glitzer stehst. (lacht)

Viele Leute würden das was ihr hier verkauft Kitsch nennen. Gefällt es selbst?

Elmar: Also mir gefallen am besten die hochwertigen Sachen aus Deutschland. Zum Beispiel die großen Holzpyramiden. Die haben halt ihren Preis, weil das alles Handarbeit ist. Viel von unserer Ware produzieren wir noch im Erzgebirge. Zum Glück. Auch für die Leute, die da wohnen, weil sonst ist da ja nicht viel los. Ich weiß auch, viele unserer Sachen sind in mancherlei Augen sicher kitschig. Aber auch die haben ihre Daseinsberechtigung, die Geschmäcker sind halt eben verschieden.

Es gibt auch Leute die extra für diesen Laden hier anreisen…

Elmar: Ja, dass wir hier in der Hauptstadt von Rheinland-Pfalz sind merkt man schon. Ein bisschen Flair und viel Andrang ist draußen ja schon, ist jetzt ja nicht gerade der Weihnachtsmarkt in Nieder-Olm oder so (lacht). Da kommen schon viele Amerikaner und die kaufen dann auch ganz gerne dieses Good-Old-Germany-Zeugs.

Sind die Kunden alle nett oder passieren auch verrückte Dinge hier?

Elmar: Ha! Jedes Jahr! (lacht laut) Im ersten Jahr ist hier mal einer völlig voll gesoffen umgefallen und lag dann da, bis wir ihn raus gezogen haben. Dann gibt es natürlich immer die, die alles besser wissen und meinen sie kennen jedes Teil. In diesem Jahr war der beste oder besser dämlichste Spruch, als ein Mitarbeiter eine rote Christbaumkugel in der Hand hatte. Wirklich eine ganz normale rote Kugel ohne irgendwas drauf. Einfach nur rot. Dann meinte die Kundin: „Können Sie mir sagen, wo vorne und hinten ist?“ Was soll man auf sowas bitte antworten?

Verrückt. Was glaubst du, macht für die Kunden die Faszination dieses Ladens aus?

Elmar: Ich glaube, dass hier genau das transportiert wird, was die Leute erwarten. Diesen alten deutschen Weihnachtsflair. Es gibt immer mal wieder Tränen hier im Haus (mit hoher Stimme und einem leichten Dialekt, eine ältere Dame imitierend): Ach das erinnert mich an früher, das ist alles so schön“. Dann riecht es hier auch so weihnachtlich und diese Stimmung, die wir hier rüber bringen, die fasziniert die Leute eben so.
Ich glaube auch, dass hier für wirklich jeden etwas dabei ist. Einmal meinte eine Frau, sie habe gar nichts gefunden. Ich habe zu ihr gesagt: „Also wenn Sie hier nichts gefunden haben, dann wollten Sie eh nichts kaufen. Tut mir leid!“
Irgendwas kann man irgendjemandem immer mitbringen…

Vielen Dank für das nette Interview und noch eine Schöne Weihnachtszeit.

Interview: Simon Halm, 5.12.2018
Fotos:  Yanina Fürst

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