„Sie sind überall und umkreisen mich“-ein Besuch bei den Kannibalen

Es ist der 20.01.2017, der Tag, an dem ich mich mit drei Freunden auf den Weg zu einem Konzert von Kannibalen mache. Genauer gesagt: Es geht zu KIZ, den Kannibalen in Zivil. Die Jungs Tarek, Maxim, Nico und ihr DJ, alle vier geliebt und gefürchtet für ihren satirischen Hip-Hop-Rap, geben ein Zusatzkonzert. Anlässlich ihrer Tour „Hurra, die Welt geht immernoch unter“ zieht es sie in die Stadthalle nach Offenbach.

Aliengehirn und Zwergkanninchen-ein langer Weg zu den Kannibalen

Die Zugverbindung von Mainz nach Offenbach dauert ohne Umstieg circa eine Stunde.
Wer seine Konzertkarten für knapp 35€ bei Eventim () gekauft hat, der kann sich über eine kostenlose An-und Abreise am Tag des Events freuen (Vorausgesetzt, man liest das Kleingedruckte auf den Karten.) Nachdem wir die Deutsche Bahn unterstützt haben, kommen wir schließlich am Marktplatz in Offenbach an. Wir treffen Menschen, die den gleichen Weg wie wir vor uns haben und nutzen den Supermarkt Rewe, um uns für den Weg zur Stadthalle einzudecken. Ich bin begeistert vom Tomatenangebot und erstatte eine seltsam geformte Tomate, die wir liebevoll „Aliengehirn“ nennen.
Der Fußweg vom Bahnhof zur Stadthalle dauert dreißig Minuten und führt an diversen Tierhandlungen mit süßen Zwerkanninchen vorbei. Zum Glück gibt es Google Maps und einen Menschen mit vollem Datenvolumen, denn keinerlei Wegschilder weisen uns den Weg zu KIZ. Immerhin, man muss nirgendwo abbiegen sondern läuft der Nase nach zur Stadthallen, falls, wie gestern, alle Buslinien streiken.

„Soll ich hier vor die Bühne pinkeln?“ „Klar, mach doch“

Vor der Stadthalle finden wir glücklicherweise keine Riesenschlange vor und kommen nach Vorzeigen des Tickets und einer kurzen Taschenkontrolle schnell in die Halle. Die Garderobe kostet 1,50€. Sowohl dort, als auch vor der Toilette sieht man keine Riesenschlange.
Die Riesenschlange ist im eigentlichen Konzertraum. Sie hat blondgefärbte Haare und trägt einen Nasenpiercing. Noch vor dem Konzert lässt sie keinen Menschen vorbei und beschwert sich, wenn Konzertbesucher sich an ihr vorbeidrängen, um auf die Toilette zu gehen. Dabei ist der Konzertsaal nicht einmal allzu voll und viele KIZ Fans sitzen auf bereitgestellten Stühlen.
Die Infrastruktur in der Stadthalle ist theoretisch ideal, leider kann man mit der Höflichkeit der Fans nicht immer rechnen. Dazu später mehr.

Der Papst reist an

Pünktlich um 19 Uhr beginnt die Vorgruppe Audio 88 und Yassin mit ihrer Show. Die Artists sind als kirchliche Oberhäupter wie Papst und Bischof verkleidet und unterhalten das Publikum mit Songs, die alle mitsingen können. Die Kostüme passen zu ihrem aktuellen Hit „Halleluja“ und stimmen die Menge, die offenbar nicht streng katholisch ist, ein.
Nach einer viertelstündigen Pause nach den Kirchenleuten sind sie schließlich da, die Kannibalen.

Hier eine kleine Songauswahl der Vorgruppe:
„Halleluja“
„Schellen“
„Asia Box“

Mein erster Moshpit

Zugegeben muss man sagen, dass Konzerte nicht der Ort sind, den man aufsuchen sollte, wenn man klaustrophobisch veranlagt ist. Wenn die Stimmung bei Audio 88 und Yassin schon brodelte, kocht sie über bei der Ankunft von KIZ. Vier riesige Statuen der Band stehen auf der Bühne, vornedran ihre menschlichen Versionen. Währen ich versuche, das simple und beeindruckende Bühnenbild auf mich wirken zu lassen und gerade anfangen will, die erste Line mitzurappen, springt mir ein Fremder ins Kreuz. Ich drehe mich um und sehe, dass ich umringt von einigen Leuten bin, die sich anrempeln. Sie sind überall und umkreisen mich. Ich denke mir: „Gut, das ist also ein Moshpit, du rempelst mal zurück.“ Ich habe den Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, da hüpft ein übergewichtiger Mann ohne T-Shirt auf mich zu. „Urlaub fürs Gehirn“- der Song, der gerade gespielt wird, spiegelt meine geistige Lage. Ich hüpfe ihm entgegen und habe das Gefühl wie Harry Potter gegen eine Wand zu laufen. Leider lande ich nicht am Gleis 9 ¾ sondern auf dem Boden. Der Hänkel meiner Handtasche ist gerissen und Leute trampeln darauf herum. Ich habe das Gefühl, dass gleich noch eine wichtige Sehne von mir reißt und ich krabbel auf dem Boden, um meine Tasche zu suchen. Nun gut, jetzt ist die Tasche ja schon hinüber, dann kann ich ja auch weitermachen.“Spast“, das ist der nächste Song. Ja, ich weiß, auch mit diesem Song kann ich mich im Moment identifizieren. Ich halte meine Tasche in den Händen und springe gegen fremde Menschen.

Hier eine Auswahl an Songs, die KIZ gespielt hat:
„Urlaub fürs Gehirn“
„Spast“
„Geld essen“
„Verrückt nach dir“
„Hurra, die Welt geht unter“
„Boom, Boom, Boom“
„Kannibalenlied“
„Wir“
„Käfigbett“

Nackte Frauen, Terroristen und ein Baby

Wie schon erwähnt stehen während dem gesamten Auftritt vier Statuen der Rapper im Hintergrund.
Zum „Kannibalenlied“ treten vier weitere Männer auf die Bühne, die Plastikkanonen in den Händen halten und aussehen, als würden sie gleich die Halle sprengen. Angesichts der zeitigen Lage ist diese Inszenierung sehr, fast schon zu provokant. Vielleicht ist dies aber auch die Taktik, die KIZ ausmacht.
Beim Song „Käfigbett“ werden überdimensionale gespreizte Beine einer Frau aus Pappe aufgebaut. Einer der Rapper trägt eine Windel und ist mit Blut verschmiert, quasi wie ein Säugling der gerade auf die Welt kommt.
Während des Konzerts ertönen des Öfteren Kanonengeschosse und orange-weiße Fäden regnen von der Decke.
Die Rapper verhalten sich so, als seien sie unter Freunden und nicht unter Fans: Nico, einer der Rapper, steckt sich mehrfach Zigaretten trotz des Rauchverbotes an und kippt Bier und Sekt in die Menge. Auch sagt er: „Ich will im Moshpit endlich mal Verletzte sehen.“ Ich kann nur hoffen, dass diese Bitte ein schlechter Scherz ist und eine ungünstige Formulierung für : „Ihr dürft ruhig ein bisschen wilder sein.“ Glücklicherweise kommt es nicht zu Verletzten.
Von Seiten der Zuschauer regnet es Bier und es riecht vermehrt nach Marihuana. Man bekommt das Gefühl, als wollen sie die Zuschauer der Gesetzlosigkeit des Konzertes anpassen.
Nun gut, Geschmäcker sind verschieden, aber eins muss man festhalten: KIZ hat keine Show gemacht, um ihren Auftritt besonders zu machen, Provokanz macht sie aus und das spiegeln sie auch in ihrem Bühnenbild und ihren Fans wider.

Die Jan Böhmermann Krise

Sind KIZ wirklich durch und durch Rebellen? Jein. Tarek von KIZ entschuldigte sich offiziell bei den Gästen für eine Phrase, die er auf einem vergangenen Konzert gesagt habe.
Er bezeichnete Jan Böhmermann, den Satiriker, als pädophil. Diese Aussage nimmt Tarek zurück.
Leider wird seine Entschuldigung etwas entschärft. Beim Song „Hurra, die Welt geht unter“ rappt er anstelle „Die Kinder gruseln sich, denn ich erzähle vom Papst“: „Die Kinder gruseln sich, denn ich erzähle von Jan Böhmermann“.
Gut, ob es jetzt schlimmer ist, den Papst oder einen ZDF Moderator zu beleidigen, das kann jetzt jeder für sich selbst entscheiden.

Alles hat ein Ende, nur die Schlange hat keins

Nach dem dreistündigen Konzert mit etlichen Zugaben, unter anderem mit dem Papst (von Audio 88), drängte sich die Menge zu den Garderoben. Ein Securitymann steht Spalier vor der Tür zur Garderobe und lässt eine geringe Anzahl von Leuten in den Raum. Die Konsequenz: Menschen stehen dicht gedrängt aneinander und drücken in Richtung Tür. Ich muss sagen, diese Erfahrung war schlimmer als im Moshpit. Hiermit appelliere ich offiziell an die Vernunft von einigen Konzertbesuchern: Es geht nicht schneller, wenn man sich beschimpft, anrempelt oder schubst. Die Veranstalter haben ein System vorgegeben, aber ein System ist nutzlos, wenn es nicht angenommen wird.
Leider muss ich aber auch die Veranstalter kritisieren. Ein Wasser für 5 € zu verlangen grenzt an einer Unverschämtheit. Allerdings kann man sich über frisch belegte Brötchen freuen, wenn man nach dem Konzert noch ein bisschen Hunger hat.

Bin ich zum Partypatriot geworden?

Alles in allem kann ich sagen, dass ich mit dem Auftritt von KIZ sehr zufrieden war. Sie haben sich genauso gezeigt, wie ihre Songs sind: frech, ehrlich, talentiert und lustig.
Ich würde ein KIZ Konzert nur den Leuten empfehlen, die keine Berührungsängste haben und sich nicht über jeden Vekalausdruck aufregen. Nehmt nicht alle Aussagen zu ernst und fühlt euch persönlich angegriffen. Dass KIZ ihre Fans am Herzen liegen, erkennt man schon daran, dass sie uns keine Minute haben warten lassen und pünktlich mit der Show begonnen haben. Hart aber herzlich-so würde ich die Jungs beschreiben.Wer nicht unbedingt Teil eines Moshpits sein möchte, sucht sich am besten einen Sitzplatz oder einen Stehplatz am Rand.
Nach dem Konzert postet KIZ folgendes Statement auf Instagram: „Offenbach, das war ganz in Ordnung“.

Danke, Jungs, für diese Erfahrung. Ich fand euch mehr als in Ordnung.

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