„Es ist eine andere Welt.“

Ballett: Zwischen Hochleistungssport und Kunst, zwischen blutigen Füßen und Eleganz

sarah

Nach dem Abitur Studieren oder doch ein Auslandsjahr? Diese Frage stellt sich nicht jedem.
Sarah Altherr hat vor zwei Jahren parallel zum Abitur  ihre Ausbildung zur Balletttänzerin abgeschlossen. Sie berichtet vom etwas anderen Lebensweg.

Du hast deine Ausbildung beim Starballett Mainz gemacht. Wie lange dauert die Ausbildung zur Tänzerin?

Eine Berufsausbildung zu Tänzerin dauert normalerweise um die 8 Jahre. Man beginnt mit ungefähr 10 Jahren und schließt dementsprechend mit 18 Jahren die Berufsausbildung ab, und kann dann auch direkt anfangen zu arbeiten.

Und wie muss man sich so eine Ausbildung vorstellen?

Es gibt verschiedene Ausbildungsmethoden. Ich selbst wurde mit der russischen Waganowa-Methode unterrichtet. Wie in der Schule hatte ich verschiedene Fächer wie etwa Dehnungstraining, Ausdruckstraining, Übungen an der Stange, aber auch Klassisches Ballettrepertoire, Modernen Tanz, Ausdruckstanz und verschiedene historische und folklorische Tänze. Am Ende jedes Jahres finden Abschlussprüfungen in jedem Fach statt bei denen man Noten bekommt, sodass man am Ende des Jahres eine Art Zeugnis bekommt. Abhängig von diesem Diplom wird man zum nächsten Jahr der Ausbildung zugelassen oder nicht.

Wie beurteilst du den Stellenmarkt für junge Tänzer*innen?

Leider sind die Jobaussichten im Ballett nicht sehr gut. Es gibt viel mehr Tänzer*innen als freie Stellen. Das liegt hauptsächlich daran, dass Kunst einen immer weiter abnehmenden Stellenwert in unserer momentanen Gesellschaft hat. Deswegen haben die Theater und Companies immer weniger Geld zu Verfügung und werden immer kleiner. Man kann von dem Beruf kaum noch leben. Hinzu kommt die Problematik, dass man als Balletttänzer*in möglichst jung sein sollte, gleichzeitig sollte man aber auch viel Erfahrung mitbringen. Das ist schwer zu vereinbaren.  Junge Tänzer*innen die gerade aus der Ausbildung kommen bekommen schwer Stellen und müssen zunächst die Hürde überwinden in der professionelle Welt Fuß zu fassen und erste Arbeitserfahrungen zu sammeln. Dazu benötigt es auch ein wenig Glück.

Viele bewundern das Ballett für seine Eleganz und Schönheit. Was sind die Kehrseiten der Medaille?

Vor allem, dass es für Eleganz und Schönheit sehr viel harte Arbeit braucht. Ballett ist nicht nur irgendein Beruf wie jeder andere. Man kann nicht einfach morgens aufstehen und zur Arbeit fahren und abends nach Hause kommen und die Arbeit hinter sich lassen. Ballett muss deine Leidenschaft sein, und du musst gewissermaßen dein Leben dafür opfern. Ich sehe das natürlich nicht als Opfer, doch man muss einfach unglaublich viel Kraft und Zeit investieren, und das auch außerhalb der Arbeitszeiten: Man muss ständig auf seinen Körper achten. Sei es Ernährung, Pflege, regelmäßiges Dehnen oder das Durchgehen von Choreographien. Physische und psychische Gesundheit sind gewissermaßen die wichtigsten Werkzeuge für diesen Beruf. Man muss immer alles geben. Ballett ist kein Beruf, es ist eine Berufung, es ist dein Leben.

Blutige Füße und schwule Jungs in Strumpfhosen: Es wimmelt nur so von Vorurteilen gegen deine Profession. Wie würdest du sie verteidigen?

Ich denke in jedem Vorurteil steckt ein Fünkchen Wahrheit. Vorurteile gibt es gegen alles und jeden, sie entstehen einfach, weil Menschen nur von außen auf etwas schauen und sich voreilig ein Bild machen. Ballett kann man nicht verstehen, wenn man es nicht gelebt hat. Es ist einfach eine andere Welt.
Es stimmt das Ballett nicht sehr gut für den Körper ist, aber das ist ja meistens so bei Hochleistungssport. Dass Ballett nichts für Jungs ist denken die Leute, weil Ballett davon lebt, dass man seinen Körper kontrolliert und anmutig bewegt. Anmut und Eleganz werden häufig eher Mädchen zugeschrieben. Aber Ballett ist mehr als Bewegungen, als eine physische Aktivität. Es ist hat auch viel mit Emotionen zu tun. Und auch wenn manche Männer so tun als wäre es anders, ich glaube Fühlen und Gefühle zeigen, das ist etwas, was sowohl Jungen und Mädchen können.
Nicht nur Frauen können Künstler sein, denn ja – für mich ist Tanzen Kunst.

Ballett – irgendwo zwischen Hochleistungssport und Kunst: Ist das manchmal schwierig?

Ja, die Definition des Berufs ist sehr schwierig. Manche sehen nur einen der beiden Aspekte und vergessen den anderen, obwohl es ein Zusammenspiel beider ist. So gibt es Companies in den es nur um den Sport geht und alles eine einzige Gymnastik wird, in anderen geht es nur um die Kunst und es wird vergessen, dass wir fast an unsere körperlichen Grenzen gehen.

Zu guter Letzt würde ich dich gerne fragen was du an deinem Beruf am meisten liebst.

Ich halte mich selbst für eine spirituelle, kreative Person, oder wie auch immer man das nennen möchte. Für mich zählen materielle Dinge nicht wirklich, mir ist es wichtiger seelisch voranzukommen. Das schönste an meinem Beruf ist, dass ich meine Leidenschaft leben kann, dass ich Emotionen ausdrücken und eine Künstlerin sein kann. Ich glaube, das ist etwas sehr seltenes.

Vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast um meine Fragen zu beantworten!

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