„Wohl eher ins Zaubereiministerium!“ – Toilettengeflüster an der JGU

Von Isabel Knippel und Milan Schröder

Bei gewissen natürlichen Bedürfnissen neigen Manche dazu, stets einen festen Ort aufzusuchen. Als Student*in an der Johannes Gutenberg-Universität lohnt es sich allerdings beim Toilettengang etwas zu variieren. Lesestoff wird nicht benötigt, die Kabinen selbst bieten davon ausreichend. Und es wird jeden Tag mehr.

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Unter anderem Zeichnungen zieren die Wände der Toiletten auf dem Campus

Von politischen Debatten über chemische Formeln und Kontaktanzeigen bis hin zu Fußballrivalitäten – Die Keramikabteilung der JGU hält so Einiges zu entdecken bereit. Denn abgesehen vom praktischen Nutzen des Örtchens ist sie nicht nur Rückzugsort und Ort des In-Sich-Gehens, sondern auch soziales Medium. An Wänden und Türen verewigt findet man (fast) alles: von Kommentaren, die sich bloß aufs eigene Geschäft, Geruchsmerkmale oder „die Wand …sie ist so schön kalt …und steinig“ konzentrieren, über „Flower-Power“-Hippie-Statements bis hin zu mal mehr, mal weniger originalgetreuen Zitaten.

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Wände gespickt mit Zitaten bekannter Persönlichkeiten

„Graffiti ist Kunst! Mädels an die Kannen!“, ruft ein Spruch andere Klogängerinnen auf, kreativ zu werden. Viele sind dem Aufruf gefolgt, die eigentliche Wandfarbe ist in manchen Toiletten schon gar nicht mehr erkennbar. Doch ist die Mischung aus Kritzeleien, spontanen Zeichnungen und Aufklebern wirklich Kunst? Oder sogar Bildung? Oder doch nur Schmiererei und Sachbeschädigung?

Fakt ist: Die unzählbaren Sticker, Botschaften und Zeichnungen sind so vielseitig wie die Student*innenschaft selbst. Natürlich ist dieses Abbild nicht maßstabsgetreu. Wer am Meisten klebt und kritzelt ist dadurch noch lange nicht die Mehrheit. Das ist auch gut so, schaut man sich die Bemerkungen zu den Themen sexuelle Vielfalt und Nah-Ost-Konflikt an, die im Schutze der (relativen) Anonymität nicht selten beleidigend sind oder offen zu Hass und Gewalttaten aufrufen. Erschreckenderweise finden sich in der Alten Mensa und im Georg-Förster-Gebäude auch immer wieder einige Hakenkreuze – allerdings lässt die Antwort (in welcher Form auch immer) nie lange auf sich warten: Die Dominanz auf dem Stickermarkt liegt ganz klar bei der linken Szene.

In der Regel stelle die Universität bei Bekanntwerden derartiger Schmierereien Strafanzeige gegen unbekannt. Da die Kosten zur Beseitigung der JGU allerdings nicht erstattet werden, sehe man sich auch mit einem wachsenden finanziellen Problem konfrontiert. Daher fänden Überstreichungen nach Möglichkeit im Rahmen regulärer Baumaßnahmen statt. „Im Rahmen des ohnehin geringen Bauunterhaltungsbudgets können allerdings nur die notwendigsten Maßnahmen ergriffen werden, zum Beispiel die kurzfristige Entfernung von Graffitis mit rechtsradikalem Inhalt.“, erklärt Universitätspräsident Prof. Dr. Georg Krausch. „Diskriminierende Haltungen oder gegen Minderheiten gerichtete Ideologien finden an der Johannes Gutenberg-Universität keinen Platz.“

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politische Statements und Diskussionen – hier zum Thema „Freiheit für Palästina“

Zum Glück sieht man Kritzeleien dieser Art nicht allzu oft Umso häufiger dagegen sind Zitate von Liedtexten oder Aussagen von Persönlichkeiten wie Malcolm X, 2Pac oder Bob Marley.Mit diesen und anderen Kommentaren stellen sich Student*innen gegen Rassismus und treten für mehr Offenheit und Toleranz ein. Auch auf Missstände wie die Situation von Kurden in der Türkei, Deutschlands Rolle dabei, festgefahrene Konflikte wie den zwischen Israel und Palästina sowie Menschen- und Tierrechte wird hingewiesen.

Insgesamt wird viel Mitgefühl gezeigt und positive und aufbauende Sprüche kommen auf ein deprimiertes „Maybe we’re not supposed to be happy.“ Für eine Studentin, die enttäuscht schrieb: „Es gibt keine guten und treuen Männer mehr!“ gab es sogar folgenden Rat: „Doch gibt es! Melde dich bei Alex, er ist nett, sieht gut aus und ist völlig unverdient Single“ mit anschließender Telefonnummer.

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Eine typische Wand in der Mädelstoilette

So viele Informationen werden andernorts, auf der Herrentoilette im Erdgeschoss des GfG, gar nicht benötigt. Mehr als das unverblümte Interesse, Ort und Zeit, vielleicht noch das Alter ist hier nicht nötig. Zu den Erfolgsaussichten kann hier allerdings keine Angabe gemacht werden. Die Spur der meisten Treffen führt in den Keller unter der Zentralbibliothek. Der zeichnet sich weniger durch die (Debatten-)Kultur, sondern vielmehr durch die ruhige Lage und die zwei berühmten „Glory Holes“ aus – Für diesen Zweck also der ideale Ort!

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Kontaktanzeigen mal anders – mit Aussicht auf Erfolg?

Andere fragen nach dem Sinn des Lebens und üben Gesellschaftskritik aus: „Effizienz-Erfolg-Geld-Profitstreben – ist das wirklich alles was ihr wollt?“ Die antwortende Studentin ist sicher:

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Fußballrivalitäten- über den Lieblingsverein lässt sich auch an der Klotür streiten

„Was ihr wollt ist Maoam!“ und schließt so von ihrer Süßigkeiten-Vorliebe auf andere, während eine weitere findet: „Naja, soviel mehr gibt es ja nicht, außer Gesundheit und Glück vielleicht.“

Eine Etage höher bietet das GfG einen ganz anderen Schwerpunkt: Abwechselnd werden hier Liebe und Verachtung zu allen möglichen Fußballvereinen bekundet: von Mainz 05 und Darmstadt 98 über Hertha BSC und den FCK bis hin zu Eintracht Frankfurt und Inter Mailand. Flankiert meist von Anmerkungen wie „Fußball Idioten“ oder Ähnlichem.

Natürlich darf auch die Verbesserung von Rechtschreibfehlern nicht fehlen, mit der wohl einige Lehramtsstudent*innen bereits für die Zukunft üben. Nicht immer gelingt jedoch das Ausbessern, es kommt eben auf „wem seine wessen Bildung? Unsere Bildung!“ an. Während man bei einigen Sätzen an der Rechtschreibung zweifelt, erschließt sich bei anderen einfach nicht der Sinn, oder lässt eben viel Platz für Interpretationen, wie bei „Mein Geheimnis ist: ein Geheimnis, unantastbar, Kartoffel.“ Das fällt den Schreiberlingen dann manchmal aber auch selbst ein: „Ich dachte gerade – und dann doch nicht.“

Man kann darüber streiten, ob man diese geistigen Ergüsse als Kunst bezeichnen kann, doch sind sie kreativ, sorgen für Abwechslung auf der sonst grauen Wand und regen an, über Dinge nachzudenken, die einem vielleicht sonst nie in den Sinn gekommen wären. Ein Teil Kultur, ein Teil Kommunikation und ein Teil Unterhaltung – oder, um es mit einem Statement aus der Toilette zu sagen:

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Die Toilette als Ort des Austausches, jedoch nicht als Forum für anonyme Beleidigungen

Und sollte man die Toilette, die zur eigenen Vorliebe passt noch nicht gefunden oder die Wände tatsächlich mal keinen interessanten Lesestoff zu bieten haben, liefern sie zumindest an jeder Ecke die passende Alternative: „Bisschen länger auf Klo? Lest doch mal! Ist auch kurz.“, so wird auf fast jeder Toilette der Uni für den Studentenroman: ‚In unseren Köpfen war Frau Schwarz ein Schwan‘ geworben. Dazu hier unsere Kritik.

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