‚Ready for Boarding‘

Die perfiden Foltermethoden der CIA

Das Licht geht aus und es ist still im U17 des Staatstheaters in Mainz. Jeder spürt die bedrückende Stimmung und niemand weiß, ob und wann man mit dem Applaus beginnen soll. Ist es jetzt vorbei?

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Das Werbebild des Projektes gibt eine dunkle Vorahnung auf das, was den Zuschauer erwartet. (Foto: Dominik Breuer)

Dieses eindrucksvolle Ende nahm die Inszenierung des Brachland Ensembles am vergangenen Dienstagabend. In einem Live-Hörspiel wurde der 2014 veröffentlichte CIA-Folterreport vertont – und das schonungslos, aber auf eine faszinierende Art und Weise. Im Anschluss brauchte man Zeit zum Nachdenken. Es ist ein Stück, das den Zuschauer das angebotene Nachgespräch dankbar annehmen lässt. ‚Ready for Boarding‘ lenkt unsere Aufmerksamkeit zwei Jahre nach der Herausgabe der Dokumente wieder auf die grausamen Methoden der US-Geheimdienstbehörde, die wir nach einem kurzen Aufschrei von damals zu schnell wieder vergessen haben.

Die Folgen der Anschläge

Nach den Anschlägen auf die Zwillingstürme des World Trade Centers vom September 2001 richtete sich die amerikanische Politik und mit ihr die Bevölkerung der Vereinigten Staaten auf einen Kampf gegen den Terror aus. Doch neben positiven Auswirkungen auf Gemeinschaft und Identität der US-Bürger wurden drastische Folgen der Angst und vielleicht auch der Hilflosigkeit zahlreichen Menschen zum Verhängnis. Gegen jede menschenrechtliche Grundlage wurden Häftlinge in geheimen CIA-Gefängnissen mit Standorten auf der ganzen Welt festgehalten und gefoltert.

„Wir sind weiterhin der Ansicht, dass Abu Zubaydah Informationen über Bedrohungen zurückhält.“ „Abu Zubaydah ist hysterisch und derart verzweifelt, dass er nicht in der Lage ist, effektiv zu kommunizieren.“ „Verschärfte Verhörmaßnahmen sind weiterhin anzuwenden.“

Eine der größten Demokratien der Welt setzte auf perfide Art und Weise und ohne äußere Kontrolle die Genfer Konventionen als Basis des humanitären Völkerrechts für sich selbst außer Kraft. Waterboarding – das vorgetäuschte Ertränken, wochenlanger Schlafentzug, ununterbrochenes Einspielen von lauter Rockmusik und Kinderliedern, vorgetäuschte Beerdigungen – die Liste der Methoden, die unter dem Namen „verschärftes Verhör“ angewandt wurden ist lang und sie löst Sprachlosigkeit aus.

„Wir müssen unsere dunkle Seite annehmen. Wir müssen uns im Schatten der Geheimdienstwelt bewegen. Vieles wird heimlich passieren müssen, ohne jegliche Diskussion.“ leitete der damalige US-Vizepräsident Dick Cheney den ‚Kampf gegen Terrorismus‘ ein. Später bezeichnet er den veröffentlichten Folterbericht als „full of crap“ – zu Deutsch etwa: „voller Mist“.

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Mit drei Sprechern vertonte das Brachland Ensemble den CIA- Folterreport (Foto: Olga Holzschuh)

Ein Geräusch verdeutlicht, dass sich eine schwere Zellentür öffnet, vier blendende Scheinwerfer sind auf das Publikum gerichtet, ‚Barney & Friends‘, die Titelmelodie einer bekannten US-Sendung für Kleinkinder, war zuvor nur dumpf zu vernehmen und ist jetzt schmerzend laut im gesamten Theatersaal zu hören. „Hallo Mr. Zubaydah“ ertönt der Wortlaut eines Schauspielers. Der Zuschauer wird zum Verhörten.

Schlussendlich kommt die Wahrheit ans Licht

Ungekürzt fasst der CIA-Folterbericht 6200 Seiten und ist geheim. Aus zahllosen Akten filterte der US-Geheimdienstausschuss das Dokument, welches im Dezember 2014 zensiert und gekürzt auf etwas mehr als 500 Seiten der Öffentlichkeit zugänglich wurde. Vor allem Standorte der geheimen Foltergefängnisse und Namen der Beteiligten waren geschwärzt worden.

2015 stimmte der US-Senat mehrheitlich für ein nationales Verbot der ‚enhanced interrogation‘, also der ‚verschärften‘ Verhörmethoden. Bis zum heutigen Tag sind gegen Verantwortliche der CIA, deren Namen bekannt und mittlerweile ebenfalls öffentlich sind, keine strafrechtlichen Ermittlungen eingeleitet worden. Laut eines Berichtes der nichtstaatlichen Organisation Human Rights Watch gibt das US-Justizministerium eine mangelnde Beweislage als Grund dafür an. Sogenannte ‚weiße Folter‘, die vor allem auf den psychischen Zustand der Gefangenen abzielt, hinterlässt keine äußerlichen Spuren. Viele der gefolterten Inhaftierten befinden sich noch immer in Gefangenschaft. In der Annahme, man könne durch die im erweiterten Verhör angewandten Erkenntnisse terroristische Anschläge vereiteln, irrte sich die Geheimdienstbehörde. Entgegen vehementer Behauptungen wurde in dieser Hinsicht nicht ein einziger Erfolg erzielt.

In einem NDR Radio-Interview betont Autor und Regisseur Dominik Breuer, es gehe darum, zu verdeutlichen, dass „ein System, das von Angst und Hysterie getrieben wird, so wie damals durch 9/11, eben Dinge ermöglicht, die Werte aufweichen.“

George W. Bush, unter dessen Präsidentschaft die Foltermethoden angewandt wurden, appellierte in Folge der Veröffentlichung der Berichte an die Bevölkerung: Man könne sich glücklich schätzen, Männer und Frauen zu haben, die bei der CIA hart in unserem Interesse arbeiten.

Und auch der zukünftige Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, Donald Trump, hat eine Position zur Methodik der Folter: „Ich mag Waterboarding sehr. Ich denke nicht, dass es hart genug ist.“ Außerdem verdeutlichte der Politiker seine Bereitschaft dazu, noch „höllisch viel Schlimmeres einzuführen“.

Ist es jetzt vorbei?

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