Zwischen Harmonie und Direktheit- das „WG-Leben“ mit meiner Schwester

Die meisten Studenten leben entweder zu Hause, in einem Wohnheim oder in einer WG. Entweder sind ihnen ihre Mitbewohner schon von Geburt an vertraut, oder sie lernen einander erst richtig kennen, wenn sie schon Küche und Badezimmer miteinander teilen. Bei mir ist das etwas anders. Ich lebe in vollster Vertrautheit in einem neuen Umfeld, denn ich lebe zusammen mit meiner ältesten Schwester.

Die Wohnung hat meine Schwester bereits vor zwei Jahren gemietet und teilte sie zunächst mit meiner zweitältesten Schwester. Diese zog es jedoch aus beruflichen Gründen wieder woanders hin und das Zimmer wurde frei.

Für mich, die ich mich gerade mit dem Thema studieren befasste, war dies das ausschlaggebende Kriterium, mich in Mainz zu bewerben und nachdem ich glücklicherweise an der JGU angenommen wurde, bezog ich das bis dato unbewohnte Zimmer. Das neue Leben und die neue Wohnsituation waren natürlich erst einmal ungewohnt. Es ist auf einmal ganz still. Da ist kein Tumult wie zu Hause, wo „immer was los ist“. Man ist auf einmal auch mal allein: eine Situation, die in meiner Familie nur äußerst selten auftritt. Man hat auf einmal nur einen direkten Ansprechpartner, wenn nicht gerade Besuch da ist. Es ist einfach deutlich stiller. Um diese Stille zu überbrücken, habe ich es mir zur Gewohnheit gemacht, erst einmal das Radio einzuschalten, sobald ich die Wohnung betrete und auch, wenn ich vielleicht nur mit einem Ohr so richtig hinhöre, vermittelt diese kleine Geräuschkulisse doch das Gefühl, da sei noch jemand da.

Aber das ist ja zum Glück nicht immer so, denn meistens ist meine Schwester bereits zu Hause, wenn ich aus der Uni komme. Sie musste und muss vermutlich immer noch einiges aushalten, besonders mein Redebedürfnis. Es ist einfach unheimlich schön, wenn die eigene Schwester die „Mitbewohnerin“ ist. Man kennt sich in- und auswendig, man muss sich nicht verstellen, man hat die gleichen Gewohn- und Gepflogenheiten und (was besonders meine Eltern freuen dürfte) die Familie muss nur in eine Stadt fahren, wenn sie mal zu Besuch kommt.

Selbstverständlich läuft in der Realität nicht immer alles so harmonisch ab, wie es die Phantasie vielleicht vorgaukelt. Dadurch, dass man sich eben so gut kennt, kommt es unter Umständen auch vor, dass man über Höflichkeitsnormen hinwegsieht und sich sehr direkt sagt, wenn einem etwas nicht passt. Dann kann es hin und wieder auch zu kleineren, ich sage mal „Gesprächseskalationen“ kommen. Aber Direktheit ist besser, als sich still und heimlich aufzuregen, darin sind wir uns wieder einig.

Außerdem ist offensichtlich, wer seine Pflichten vernachlässigt hat, wenn man vor einem leeren Kühlschrank steht. Da kann man nicht mehr behaupten, dass eigentlich ja der Bruder noch einkaufen gehen wollte. Die Redewendungen „also ich war’s nicht“ oder „das war nicht meine Aufgabe“ funktionieren in einem zwei Personen Haushalt nun leider nicht. Von Vorteil ist an dieser Stelle jedoch, dass man nicht erst Sherlock Holmes spielen muss um herauszufinden, wer den Joghurt gegessen hat- das spart Arbeit. Zu einer größeren Auseinandersetzung ist es zum Glück noch nicht gekommen. Das liegt vermutlich auch daran, dass wir keinen Fernseher haben. Unnötige Streitigkeiten über die Senderauswahl sowie Kämpfe um die Fernbedienung stehen somit nicht auf dem Tagesplan. Aber selbst wenn man sich einmal zu sehr auf den Keks gehen sollte, kann man sich immer noch in sein eigenes Zimmer zurückziehen.

Vielleicht liegt das geringe Spannungsverhältnis auch daran, dass wir beide fast den ganzen Tag in der Uni sind und uns somit ohnehin nur morgens und abends und meistens beim Essen so richtig sehen. Was das „Koch-Thema“ anbelangt, so waren wir uns recht schnell einig, dass meine Schwester diese Aufgabe übernimmt, das ist besser für uns Beide. Gegessen wird dann, wie zu Hause, zusammen. Dann erzählen wir einander, wie unser Tag war und übertreffen uns gegenseitig, wenn es darum geht, wer von uns beiden den stressigeren Tag hatte.

Das „WG-Leben“ mit meiner Schwester ist im Großen und Ganzen sehr harmonisch- man kann einander eben nicht lange böse sein. Aber wenn wir dann an manchem Wochenende die Wohnung hinter uns abschließen und nach Hause fahren, freuen wir uns schon auf die Zeit, in der wir den Rest der Familie sehen. Eine Zeit, in der man unangenehme Aufgaben wieder an andere übermitteln kann und wo man das Radio auch mal abschalten kann.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s