Von syrischen Routinen und deutschen Regeln – Wie unterschiedlich sind wir wirklich?

Man hört in diesen Tagen vieles darüber, wie groß doch die Unterschiede seien zwischen „uns“ und „denen“. Gemeint sind Deutsche und Geflüchtete. Viele reden über Unterschiede, darüber, wie das denn funktionieren soll mit dem Zusammenleben. Die Wenigsten allerdings können sich dabei auf praktische Erfahrungen berufen. Jemand, der diese Erfahrungen hat ist Prof. Dr. Anton Escher. Deshalb lud das Studierendenwerk Mainz am Freitag, den 09.12.2016 zu Vortrag und Podiumsdiskussion mit syrischen Studierenden und Flüchtlingsberaterinnen in die Mainzer Universität ein. Vor über 150 Interessierten berichtete Escher, Sprecher des Zentrums für Interkulturelle Studien der JGU, von seinen 16 persönlichen Verständisregeln, die er bei jährlichen Aufenthalten in Syrien in über 25 Jahren entwickelt hat.

Auf fast schon symbolische Weise endete der insgesamt ausgesprochen herzliche Abend mit einer Umarmung.
Das Studierendenwerk beschrieb den Abend als gelungenen Schritt in die richtige Richtung. Man habe gemerkt, „dass es für die deutschen und syrischen Anwesenden eine Herzensangelegenheit war, die andere Kultur besser zu verstehen, voneinander zu lernen und miteinander zu kommunizieren.“

Professor Escher begann seine Ausführungen mit einer kurzen Vorstellung von Syrien im Allgemeinen: dem autoritativen Staat, der besonderen Wichtigkeit der Familie als eine Art Sozialsystem, der stark heterogenen Bevölkerung auf kozentriertem Lebensraum.
Vor diesem Hintergrund waren viele der anschließend aufgezeigten Regeln weitaus besser zu verstehen.
So erklären sie zum Beispiel die Erfahrung, dass individuelle Lösungen staatlichen meist vorgezogen werden. Der autoritative Staat begründe auch die Akzeptanz eines Lebens mit Widersprüchen, wie es im aufgeklärten Europa nicht mehr denkbar wäre. Ebenfalls ergebe sich aus der Assad-Herrschaft ein anderes Verständnis von Wahrheit: Die syrische Lebenswelt teile sich auf in ein „Außen“ und ein „Innen“, so Escher. Diese Trennung sei zum Selbstschutz notwendig:
Als Außenstehende*r werde man stets mit Respekt behandelt, so gehöre zum Beispiel das gegenseitige Grüßen bei jeder Begegnung einfach dazu. Die syrische Höflichkeit sehe außerdem kein „Nein“ vor. Stattdessen sage man „Inschallah“ – „So Gott will“ werde man etwas also tun oder bleiben lassen.
Man könne allerdings nicht erwarten, von seiner*m Gesprächspartner*in die Wahrheit zu hören. Da das dem Adressaten auch immer bewusst sei, handle es sich auch nicht um eine Lüge.
Benötigt man eine verlässliche Antwort, so müsse man ins „Innen“, die erweiterte Familie vorstoßen. Daher müsse man für eine authentische Aussage den Anderen mit „Bruder“ ansprechen.
Was so unter vier Augen besprochen wird, ist damit aber noch keine Wirklichkeit: Diese enstehe erst durch das Öffentlichwerden.
Prof. Escher konnte hier auch aus eigener Erfahrung sprechen: Auf einer Busfahrt, so berichtete er, habe er seinen syrischen Begleitern einen Wortwitz auf Kosten Assads erzählt. Diese hätten daraufhin getobt und versucht, die Äußerung zu überspielen. Abdulkadar Baki, syrischer Doktorand in Nanotechnologie an der JGU, sagte dazu, derjenigen, von dem er diesen Witz hatte, hätte ihm damit „vertraut bis zum Tod“.
In Syrien herrsche außerdem eine Gewisse Mythengläubigkeit. Assad ist ein solcher Mythos. Mache man sich über den Herrscher lustig, greife man diesen Mythos an und stelle damit seine Macht infrage. Diese Macht aber sei nicht verhandelbar. Assad ist der Staat. Ein Rücktritt, so Escher sei somit garnicht möglich.
Vor diesem Hintergrund lässt sich auch erkennen, warum ein Staat mit Folter gegen kritische Graffitis vorgeht. Dies hat allerdings auch noch einen zweiten Grund, der sich in einer weiteren Regel findet: Das Wort ist die Tat! Kündigt man an etwas zu tun, hat man es damit schon getan. So erklärt sich, wie aus einen harmlosen Schriftzug „Nieder mit dem Präsidenten“, gesprayt von ein paar Jugendlichen, ein Bürgerkrieg erwachsen kann.
Ein weiterer Grundsatz, um in der Assad’schen Gesellschaft nicht unter Verdacht zu geraten, laute „Stelle immer eine Situation her, in der du kontrolliert werden kannst!„. Dieser lasse sich auch am typischen offenen Baustil ablesen. Die Gemeinschaft kontrolliere so die gesellschaftlichen Regeln und Gesetze. Diese Gestze im Übrigen könne man nicht etwas übertreten, sondern nur ganz oder garnicht. Abstufungen seien nicht vorgesehen. Außerdem gelten für Frauen andere Regeln. In Teilen der Gesellschaft soll sich ihr Leben auf das „Innen“ des erweiterten Familienkreises begrenzen.
Zwei Erfahrungen hatte Prof. Escher noch speziell aus seiner wissenschaftlichen Tätigkeit zu bieten: Man versteife sich nicht zu sehr auf Genauigkeit – auf Kosten der wissenschaftlichen Exaktheit. Außerdem sei kritisches Reflektieren nicht vorgesehen – dafür könnten Syrer*innen allerdings beeindruckend gut auswendiglernen. Da das auch für Sprachen gilt, seien sie auch überall auf der Welt so fantastisch integriert. All das untermauerte er mit Beispielen aus seinem reichen Erfahrungsschatz.

Die anschließende Diskussionsrunde begann mit Stellungnahmen der Podiumsgäste zum Vortrag. Omar Ez Eddin, Geflüchteter und angehender Student an der JGU, konnte nur zustimmen. Speziell zum Thema Lernen gab er Escher in beeindruckend gutem Deutsch Recht. Das Sprachenlernen fiele Syrern so oft leichter, allerdings seien die deutschen Lehrmethoden eine große Umstellung. Zum Punkt der Mythengläubigkeit merkte er noch an, auch das Familienbild sei ein solcher Mythos.
Abdulkadar Baki lobte die Beschreibung, insbesondere die der Vorsicht bei Gesprächen – Die Situation in Syrien vor dem Bürgerkrieg sei vergleichbar mit dem Film „Das Leben der Anderen“. Auch die syrische Höflichkeit entspräche genau der Beschreibung. Ein „Nein“ sei in der Tat eine Frechheit. Er betonte allerdings, die Sicht Eschers sei eher eine dörfliche und treffe in den Städten nur bedingt zu.
Medizinstudentin Yara Al-Zamel erklärte, aufgrund der vielen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen sei es eigentlich nicht korrekt über Syrien als Ganzes zu sprechen. Abhängig von Ethnie, Lebensort, aber auch Geshlecht befinde man sich in ganz unterschiedlichen Lebenswelten. Sie stellte außerdem fest, dass sich vor allem in den Städten eine Entwicklung hin zur Kleinfamilie erkennen ließe. Auch die Mythengläubigkeit habe stark abgenommen – zu Gunsten von Bildung. In einem Punkt musste sie Escher allerdings doch widersprechen: Dort, wo es tatsächlich nötig sei, arbeiteten Syrer durchaus exakt. Man müsse allerdings eine Hühnerfarm nicht genauso aufwendig planen wie eine Brücke. Sie bemühte sich außerdem klar zu machen, dass sexuelle Übergriffe in Syrien ebenso gesellschaftlich geächtet sind wie in Deutschland.

Die beiden Flüchtlingsberaterinnen Astrid Becker und Christine Skwara sahen in vielen der angesprochenen Punkte auch Gründe für die einfache Zusammenarbeit. So erkläre das syrische Bildungssystem, warum Vielen das Auswendiglernen so leicht falle. Auch die Höflichkeit sei oft erfahrbar: Man bekomme tatsächlich so gut wie nie ein „Nein“ zu hören, weshalb auch Konfrontationen sehr selten seien. Außerdem sei auch der Wert des Wortes offensichtlich. So habe der Satz „Bitte Hausschuhe mitbringen!“ auf der Gebrtstagseinladung ihres Sohnes eine der betreuten Familien veranlasst, diese extra zu kaufen.
Nach Schwierigkeiten durch die unterschiedlichen Lebensweisen gefragt, wurde zuerst die deutsche Direktheit genannt. Diese sei zuerst als Unfreundichkeit verstanden worden. Außerdem nannten alle die anstrengende Bürokratie und übertriebene Exaktheit. Deutsche seien oft versessen auf das Begleichen von Kleinstschulden, allerdings habe diese Exaktheit auch positive Seiten, lobten doch alle drei insbesondere die Verlässlichkeit der Deutschen Bahn.
Aus deutscher Sicht sprach eine der Beraterinnen an, der Dialog mit den Übersetzern sei oft sehr viel länger als die Antwort, die schließlich herauskomme. Man bekomme so fast das Gefühl, dabei würde die eigentliche Beratung stattfinden. Yara Al-Zamel erklärte dies als Missverständnis. Man führe einfach bei jeder Gelegenheit Smalltalk und dieser brauche nun wirklich nicht übersetzt zu werden.
Auch auf die Frage, was Deutsche von Syrern lernen könnten, gab es viele Antworten. Vor allem offene Herzlichkeit, Lockerheit und Respekt wurden dabei oft genannt. In Syrien hätte man oft nach zwei Minuten im Bus neue Freunde gefunden. Auch das große Familiennetzwerk von etwa 500 Verwandten habe viele Vorteile. „Egal was du brauchst, irgendjemand kann dir immer weiterhelfen“. Außerdem könnten die Deutschen viel lernen, was das Essen angeht.
Die Beraterinnen hoben vor allem die besondere Freundlichkeit, speziell bei der Begrüßung, und den Humor auch bei schweren Themen heraus. Doktorand Baki merkte – übrigens in nahezu akzentfreiem Deutsch – dazu  an, die Hauptsache sei zu lachen, am besten über sich selbst.

Den ganzen Abend fasste schließlich eine Szene fast symbolisch zusammen: Ein syrischer Hörer umaramte Professor Escher zum Dank für seinen Beitrag zur Verstädigung der Kulturen aufs Herzlichste. Eine Hörerin wies noch auf die Möglichkeit hin zum Beispiel über welcomedinnermainz selbst ins Gespräch zu kommen und sich so besser kennen zu lernen.

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