Porno oder Oper-brauchen wir Brüste auf der Bühne?

Es ist Donnerstagabend. Im Mainzer Staatstheater beginnt der erste Akt der Oper „Norma“, ein tragisches Werk in zwei Akten von Vincenco Bellini aus dem Jahr 1831.
Der Großteil der Zuschauer ist über 60 Jahre alt. Die Damen tragen teure Kostüme, die Männer steife Anzüge. Die ersten Klänge der italienischen Oper ertönen. An den Seiten der Bühne wird der gesungene Text in Deutsch angezeigt. Nach jeder Arie ertönt verhaltener Applaus.
Eine Gruppe von Frauen in gelben Mänteln versammelt sich auf der Bühne um einen Altar. Es soll eine Opferung dargestellt werden. Ein Mann in einer Pelzjacke greift eine der Frauen am Arm. Sie dreht sich mit dem Rücken zu ihm. Er reißt ihr die Bekleidung vom Körper. Unter ihrem Mantel trägt die Frau kein Kleid und keine Hose. Sie trägt nichts. Der Mann tritt einen Schritt zur Seite und das Publikum starrt auf den Hintern der Frau. Sie verharrt in dieser Position. Dann dreht sie sich um und legt sich auf den Rücken auf den Altar. Ihre Fußspitzen zeigen zum Publikum. Eine Szene, die man eher aus pornografischen Medien kennt als aus Opern.
Ein Raunen zieht durch die Zuschauermenge.
Ein älterer Mann hinter mir flüstert: „Die 70er sind zurück.“ Die ältere Dame neben mir zuckt zusammen. Sie hat die Oper durch ein Opernglas verfolgt und hätte vermutlich eine gynäkologische Diagnose erstellen können.
Ich kann ihre Reaktion verstehen, bin aber gleichzeitig beeindruckt von der Leistung der nackten Schauspielerin. Es muss Mut dazu gehören, sich vor einem ausverkauften Saal zu entkleiden.
Mir stellt sich die Frage: Ist es tatsächlich nötig, dass sich Schauspieler für ein Stück gänzlich entblößen? Verlangt dies die Dramaturgie vielleicht sogar?
Die Schauspielerin Nicola Beller-Carbone, die wie die Frau im gelben Mantel oft nackt auf der Bühne zu sehen ist, hat darauf folgende Antwort: „Ich kann diese totale Entblößung inhaltlich begründen und habe kein Problem damit, mich auf der Bühne nackt zu zeigen.“ Sie hält die Empörung der Zuschauer für den „Ausdruck eines Schamgefühls unserer christlichen Zivilisation“. Ihr erstes Mal nackt auf der Bühne war für sie eine Befreiung.
Diese „totale Entblößung“ kann vielschichtige Bedeutungen haben.
Sie ist unter anderem abhängig von der Persönlichkeit, die der Darsteller spielt.
Nicola Beller-Carbone stand mehrfach komplett entblößt auf der Bühne, so zum Beispiel auch als Salome, eine jüdische Prinzessin in der Inszenierung von Marguerite Borie.
Sie reflektiert ihre Rolle: „Das Kostüm Salomes besteht bei ihr aus einem Kleid aus sieben Schichten, die während des Stückes nach und nach fallen. Salome macht gleichsam eine Art „Häutung“ durch und steht zum Schluss als „der Mensch an sich“ da, ohne Hülle, ohne Schutz, aber auch ohne gesellschaftliche Zwänge und Hierarchien.“ Die Nacktheit stellt bei Salome eine innere Entwicklung dar, die visuell dargestellt werden soll, ein Prozess von „Kleider machen Leute“ zum Kern des Menschlichkeit und Natürlichkeit.
Allerdings kann die Nacktheit auf der Bühne auch oberflächlichen Ursprungs sein.
„Außer als Salome bin ich auch als Nyssia in Zemlinskys „König Kandaules“ nackt auf der Bühne gestanden. In dem Stück von André Gide geht es ja auch gerade um dieses Thema. Permanent wird darin die Schönheit von Nyssia gelobt, ihre Nacktheit ist ein fester Bestandteil der Dramaturgie – genau wie bei der „nackten Susanna im Bade“ in Paul Engels Oper „Daniel“, in der ich ebenfalls splitternackt ins Wasser steige.“, sagt Nicola Beller-Carbone. Eine Schönheit muss sich nicht verstecken oder durch Kleidung verdecken.
Diese Oberflächlichkeit ist zudem von Bedeutung, wenn Schauspieler tanzen müssen. Es sieht optisch ästhetischer und reiner aus, wenn Tänzer nackt sind und man ihren Körper sehen kann. Viele Inszenierungen vom Ballett „Schwanensee“ zeigen daher seit neustem nackte männliche Tänzer als Schwäne.
Zudem gibt es Tätigkeiten, die nackt authentischer auf der Bühne wirken, da man sie in der Realität gar nicht angezogen ausführen kann. In „Die Entführung aus dem Serail“ von Mozart sind in der Inszenierung der Berliner Oper nackte Menschen zu sehen, die einen Geschlechtsakt darstellen sollen. So müssen bestimmte Handlungen nur angedeutet werden, um Intimität zu suggerieren.

Der Australier Barrie Kosky inszenierte Glucks „Iphigenie auf Tauris“ mithilfe einer Herde nackter alter Männer, die über die Bühne rennen. Sie stehen nicht für das, was sie sind, sondern für eine Vervielfältigung eines alten Elternpaares, Nacktheit ist hier eine Metapher.
Vielfalt ist in diesem Fall ohnehin das Stichwort: „Wir haben viel wunderbar schönes altes Fleisch auf der Bühne. Ich liebe es, verschiedene Körper auf der Bühne zu haben.“, so Kosky.
Er kritisiert klassisches Ballett für „Körper-Faschismus“.
Angesichts der oben genannten Kriterien scheint die Nacktheit auf der Bühne im Sinne der Kunst und der Ausdruckskraft fast nachvollziehbar.
Doch gibt es Inszenierungen, in welchen Nacktheit so stark in der Kritik war, dass das gehobene Publikum die Schauspieler ausbuhte. Dies geschah im Königlichen Opernhaus in London bei der Aufführung der Oper „Wilhelm Tell“ von Gioachino Rossini.
Eine Vergewaltigungsszene soll dargestellt werden. Männer flößen der Schauspielerin Champagner ein und streicheln sie mit Waffen. Danach werden ihr die Kleider vom Leib gerissen und sie muss sich nackt auf das Bankett legen.
Kaspar Holton, der Direktor des Royal Opera House, ist zu einer Rechtfertigung gezwungen. Er entschuldigt sich, stellt aber eine letzte wichtige Funktion der Nacktheit im Theater heraus: Aufklären durch Provokanz. Zu Kriegszeiten sei sexuelle Gewalt eine „tragische Tatsache“ gewesen. Es sei beabsichtigt gewesen, dass ein unangenehmes Gefühl entstehe.
Der Regisseur dieser Inszenierung lehnt die Kritik ab: Wenn man die Brutalität, mit der die Leute hätten umgehen müssen, nicht spüren könne, wenn man sie verstecke, dann werde es „etwas für Kinder“.

Zusammenfassend kann man feststellen, dass Nacktheit in Opern eine Gradwanderung zwischen Erfolg und Misserfolg der Inszenierung ist.
Es ist fraglich, ob eine ohnehin erfolgreiche und berühmte Oper wie „Wilhelm Tell“ durch eine extreme und vor allem extrem lange Nacktszene neu inszeniert werden muss. Denn die Oper war schon 1829 bei ihrer Uraufführung erfolgreich. Zuschauer erwarten bei einem Klassiker wie „Wilhelm Tell“ möglicherweise die Inszenierung, die sie kennen und sind enttäuscht über Neuerungen.
Zudem fühlen sich viele Zuschauer überrumpelt, wenn die nackten Schauspieler Szenen nachstellen, in denen es zu sexuellen Handlungen kommt. Der Zuschauer hat nicht die Möglichkeit, sich schnell der Situation zu entziehen und ist überfordert mit dem Anblick des Schauspiels.
Wenn die Schauspieler allerdings nackt sind, weil sie eine tiefere Bedeutung vermitteln wollen und nicht um des Nacktseins Willen nackt sind, erhält das Stück neue interpretatorische Ansätze, sei es eine Lehrer oder eine Warnung.
Nacktheit ist ein Gestaltungsmittel wie ein Kostüm oder eine Requisite. Voraussetzung ist, dass der Zuschauer diese erkennt und sich nicht von Brüsten und Co. ablenken lässt.
Abschließend hat aber der Regisseur des Stückes das Wort: Oper bedeutet Kunst und Kunst ist nicht vorhersehbar und unberechenbar. Wer sich dazu entscheidet, in die Oper zu gehen, muss wissen, auf was er sich einlässt.
„Mich interessiert die Bühne als Ort der wilden Schönheit, der emotionalen Nacktheit und der unverstellten Poesie. Meine Intention ist nicht der Skandal.“, so Regisseur Benedict Andrews.
Solange es Rezipienten gibt, die diese Intention erkennen und anerkennen, spricht nichts gegen eine Weiterführung der Nacktheit in Opern.
Sollte der eine oder andere im Publikum von zu viel Haut verschreckt sein, muss trotzdem der Anstand gewahrt werden. Es steht jedem frei, die Oper während der 30-minütigen Pause zu verlassen.
Man buht grundsätzlich keine nackten Menschen aus-in keiner Situation.

Nacktheit-Natürlichkeit oder der Inbegriff von Sünde?

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