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Meine Mainzer Heimatmomente

Nach dem Abi haben ja viele erstmal den Drang danach, rauszukommen aus der Stadt, in der sie bisher vielleicht ihr ganzes Leben gewohnt haben. Warum nicht den Neuanfang in einer bisher unbekannten Stadt wagen, die zu weit weg ist, um jeden Tag dorthin zu pendeln?!Ein bisschen Selbständigkeit und Freiheit, dachte ich mir ein bisschen naiv, googelte ein paar Universitäten und Städte und verschickte Bewerbungen.

Und dann ging das alles irgendwie so schnell: Nach der Zusage der Johannes Gutenberg Universität die Zusage zum Wohnheim, und schon war die Fahrt gebucht und ich stand mit meinem Koffer in Mainz. Allzu viel wusste ich nicht über die Stadt und ihre Bewohner. Warum eigentlich Mainz? Darauf hatte ich selbst nicht wirklich eine Antwort. Ich war hier bisher zuvor einmal gewesen, ich konnte mich jedoch nur noch vage erinnern. Alles schien mir fremd. Ich kannte niemanden außer meiner Cousine und den Hausmeister des Wohnheims von den E-Mails, die ich mit ihm ausgetauscht hatte. Ich würde in einem Studentenwohnheim wohnen, mit 17 Leuten auf dem Flur, geteilter Küche und Bad.

Also bezog  ich mein Zimmer, aber es wirkte noch ziemlich leer: weiße, kahle Wände, ein Bett, ein Schrank, ein Tisch, ein Stuhl. Wie in einer Jugendherberge. Noch konnte ich mir nicht vorstellen, mich hier irgendwann so richtig zuhause zu fühlen. Ich hatte das Bild meines gemütlichen Zimmers in der Heimat vor Augen. Ich sah meine Schwestern, die in mein Zimmer stürmten, um etwas mit mir zu machen, meine Familie um mich herum, all das Bekannte…und schob die Gedanken weg. Denn obwohl ein Heimwehgedanke bleibt, ist es doch aufregend, sich in einer fremden Stadt ein neues Zuhause aufzubauen.

Neuer Ort, neue Leute, neues Leben. Ich hatte große Pläne: Einen Job finden, Sport machen,  mich sozial engagieren, natürlich fleißig für die Uni sein und trotzdem jeden Tag Party bis in die frühen Morgenstunden. Außerdem waren da so viele Fragen in meinem Kopf, und auch ein paar Zweifel. Mein Studium, ist das überhaupt was für mich? Was ist das eigentlich, was ich studieren will?

Durch Tanten, Onkel und Bekannte hatte ich ein einschlägiges Bild vermittelt bekommen: Mainz, da würden die zwar ein wenig anders sprechen, aber es sei schon eine schöne Stadt. Ich wollte aber meine eigenen Erfahrungen machen. Also machte ich eine Stadtführung, besuchte mal mehr, mal weniger interessante Vorträge, Vorlesungen und Seminare, ging zu Veranstaltungen im Wohnheim und lernte das Mainzer Nachtleben kennen. Ich scheiterte daran, mir die Riesenflut von neuen Namen zu merken, und ging feiern mit Leuten, über die ich kaum etwas wusste, doch die mir bald schon wie alte Bekannte vorkamen.

Und irgendwann merkte ich, dass die Leute, mit denen ich stundenlang zusammensitzen konnte, ob in der Mensa, in der Wohnheimsküche oder irgendeiner Kneipe, mit denen ich lachen, über Gott und die Welt reden oder einfach nur die ganze Nacht lang tanzen konnte, mir ans Herz gewachsen waren. Dass ich nicht mehr ziellos auf dem Campus herumirrte, beim Einkaufen nicht mehr ewig herumsuchen musste, bis ich gefunden hatte, was ich wollte. Mein Zimmer füllte sich nach und nach mit mehr Farben, mit Postern, Bildern und Fensterschmuck. Dann, irgendwo zwischen Fastnachtslieder- Singen mit verkleideten Leute am elften November, Plätzchenbacken mit den Mitbewohnern oder dem  ersten Glühweintrinken auf dem so schön glitzernden Weihnachtsmarkt, wurde mir klar, dass ich mich in der Stadt der Mainzelmännchen und des Spundekäs schon längst Zuhause fühlte.

Wie kann man Mainz auch nicht mögen – nicht nur die Busfahrer-„Mannis“ sind hier fast immer nett und hilfsbereit. Außerdem gibt es Dönerläden an jeder Straßenecke und eine Vielzahl von kleinen süßen Cafés in der Neustadt. Nicht zu vergessen ist, dass man eigentlich überall relativ schnell mit dem Fahrrad hinkommt, ob zum Spazieren gehen am Rhein oder Schlendern durch die Altstadt.

Am Anfang waren einige Dinge ein bisschen gewöhnungsbedürftig an Mainz: Ich hatte noch nie vorher so viele Saarländerwitze gehört, und an den Dialekt musste ich mich auch erstmal gewöhnen. Doch bald wusste ich, was „Weck, Worscht und Woi“ bedeutet und dass man lieber keine Diskussionen über Fußball anfängt.

Trotzdem ist es immer schön, nach ein paar Wochen mal wieder in der Heimat aufzukreuzen, die dortigen Freunde und Familie wiederzusehen und sich einfach ein bisschen im Hotel Mama verwöhnen zu lassen. Finanziell und organisatorisch ist es zudem leichter, daheim zu wohnen: Man wird jeden Tag bekocht, hat nie diese gähnende Leere im Kühlschrank oder ernährt sich Ende des Monats nur noch von Eintopf, weil man doch nicht so mit dem Monatsgeld zurechtkommt. Auch kennt man nicht dieses Gefühl der Zerrissenheit, weil man nicht weiß, wo man gerade lieber wäre, und muss nicht alle Termine in der Heimat, ob mit Freunden, Verwandten oder beim Arzt, in ein Wochenende quetschen. Dennoch ich bin zufrieden damit, wie es ist. Denn genauso freut es mich, wieder zurück zu kommen in mein kleines gemütliches Zimmer in Mainz, um dann erst mal mit den Mitbewohnern stundenlang in der Küche zu sitzen und zu erzählen oder sich zum Tatort Schauen in der Stammkneipe zu treffen.

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