Von guten Mächten unter den Nationalsozialisten-die SS als Wunscherfüller

„Von guten Mächten treu und still umgeben,
behütet und getröstet wunderbar,
so will ich diese Tage mit euch leben und mit euch gehen in ein neues Jahr;
noch will das alte unsre Herzen quälen,
noch drückt uns böser Tage schwere Last.
Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen das Heil, für das Du uns geschaffen hast.
Und reichst Du uns den schweren Kelch, den bittern,
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern aus Deiner guten und geliebten Hand.
Doch willst Du uns noch einmal Freude schenken
an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
dann wollen wir des Vergangenen gedenken, und dann gehört Dir unser Leben ganz.
Laß warm und hell die Kerzen heute flammen
die Du in unsre Dunkelheit gebracht,
führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen! Wir wissen es, Dein Licht scheint in der Nacht.
Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so laß uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet, all Deiner Kinder hohen Lobgesang.
Von guten Mächten wunderbar geborgen
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiß an jedem neuen Tag“

Dieses Gedicht aus dem Jahr 1944 ist das Weihnachtsgeschenk eines Mannes an seine Verlobte und seine Kinder.
Der Theologe Dietrich Bonhoeffer verfasste es im Konzentrationslager in Flossenburg. Drei Monate später wurde er als Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus gehängt.
Genauso wie er verbrachten viele Häftlinge Weihnachtsfeste in Konzentrationslagern.

Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht

Die Eindrücke der Häftlinge gleichen sich in der Ansicht, dass das Weihnachtsfest im Konzentrationslager ein Lichtblick war. Ein Lichtblick in der wohl schlimmsten und dunkelsten Zeit ihres Lebens.
Doch wie ist es wirklich, das Fest des Lichtes an einem düsteren und erdrückenden Ort wie einem Konzentrationslager zu verbringen?
Werfen wir einen Blick auf die vergangenen Weihnachtsfeste zur Zeit des zweiten Weltkrieges (1933-1945).
In vielen Konzentrationslagern steht ein großer Weihnachtsbaum auf dem Appellplatz. So groß, dass man ihn schon von weit außerhalb des Konzentrationslagers sehen kann.
Im Konzentrationslager in Neuengamme lassen sich die Häftlinge eine zusätzliche Kartoffel zu den sonstigen Mahlzeiten schmecken.
Der 14-jährige Häftling Maria Köster freut sich über die Milchsuppe mit Haferflocken, die sie an Weihnachten 1943 im Konzentrationslager Ravensbrück anstatt der dünnen Kohlsuppe bekam.
Im Konzentrationslager in Dachau setzt man Häftling Edgar Kupfer-Koberwitz an Weihnachten 1942 sogar Kartoffelsalat und rote Wurst vor. Die Häftlinge freuen sich auf drei freie Tage und eine Stunde mehr Schlaf.
Der Blockschreiberhäftling seiner Baracke trägt einen bunten Hut, spielt Lieder auf der Gitarre und muntert die Mithäftlinge mit einer Ansprache auf.
Sie seien Kameraden und alle in derselben Situation. Danach werden Witze erzählt.

Dann wollen wir des Vergangenen gedenken

„Es herrschte eine oberflächliche Lustigkeit, keine aus dem Innern, keine, die die Menschen beschwingt und befreit hätte. Der Mund lachte, aber das Herz blieb leer.“ So nimmt Edgar Kupfer- Koberwitz den „Auftritt“ des Blockschreiberhäftlings wahr.
„Trotz einiger zusätzlicher Kartoffeln war Weihnachten der Schmerz am größten“, so die Häftlinge in Neuengamme.
Viele erinnert der Weihnachtsbaum auf dem Appellplatz an vergangene Weihnachten im Kreise der Familie. Einige Häftlinge macht dies wütend und sie schimpfen beim Anblick des Baumes.
„Jetzt zünden sie zu Hause den Christbaum an und denken an mich und weinen. Und die Geschenke für mich legen sie unter den Baum und sind traurig, dass sie mir gar nichts schicken dürfen, nicht einmal einen Brief. Es wird ein trauriges Fest bei ihnen sein, viel trauriger als für mich hier. Die armen Kinder, die arme Frau.“- so die Worte eines Mithäftlings von Kupfer-Koberwitz. Nach diesen Worten bricht er zusammen. Weinen aber kann er nicht mehr.

Noch drückt uns böser Tage schwere Last

Der einzige, der an diesem Abend im Konzentrationslager Dachau weint, ist ein junger tschechischer Häftling, ein Kind, das die Einsamkeit fürchtet.
Er wird des Brotdiebstahls überführt. Ein Stück rote Wurst und ein Löffel Kartoffelsalat nach Wochen der Unterernährung reichen ihm nicht.
Seine Mithäftlinge verprügeln und beschimpfen ihn zum Fest der Liebe. Man forderte Todesstrafe. Er muss Weihnachten allein im Schlafsaal verbringen und weint. Auch das machte man ihm zum Vorwurf.
Im Konzentrationslager noch weinen zu können, sei eine Schande.
Die einzige Sanktion des Heiligen Abends bleibt dieses Ereignis nicht.
Ein Häftling stielt Holz, um die Baracken seiner Mithäftlinge zu beheizen. Er wird von den Aufsehern erwischt und muss 25 Tage in einem Bunker verbringen. Die Mithäftlinge seiner Baracke frieren entsetzlich.
Die 14-jährige Maria Köster erfährt die Kälte in einem noch erbärmlicheren Ausmaß. Wie jeden Morgen muss sie am Weihnachtstag barfuß und in Unterwäsche zum Appellplatz gehen.
Zudem werden diverse Häftlinge neben dem Weihnachtsbaum auf dem Appellplatz für weitere Vergehen von Aufsehern ausgepeitscht und erhängt.
Im Gegensatz zum großen Weihnachtsbaum sieht man die Folter nicht von weit außerhalb des Konzentrationslagers.
In Flossenburg verlangen die Aufseher von den Häftlingen, bei den Sanktionen und Morden auf dem Appellplatz zuzuschauen und verbieten ihnen, traurig zu schauen. Wer traurig schaut, wird bestraft.
„Über unsere Seele wuchs langsam eine Nilpferdhaut. Diese Nilpferdhaut über meiner Seele war noch sehr dünn. Ich wurde nicht einmal mit dem Erlebnis dieses ersten Dachauer Weihnachtsfestes fertig. Schließlich schlief auch ich ein. Vielleicht begann ich langsam ein wirklicher Häftling zu werden. Ich schien es doch zu lernen, keine Gefühle mehr zu haben.
Die Nilpferdhaut wuchs.“, so Kupfer-Koberwitz.

Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen das Heil, für das Du uns geschaffen hast

„Manche Texte übermittelten einem sogar das Gefühl, einige Häftlinge hätten die Nazis während der Weihnachtszeit als großzügig angesehen“, so eine Schülerin, die Zeitzeugenberichte von Weihnachtsfesten im Konzentrationslager Neuengamme gelesen hat.
Doch wirft man einen genauen Blick hinter die scheinbaren Großzügigkeiten, so sind es die Nationalsozialisten selbst, die sich großzügig darstellen möchten. Sie legen Wert auf Prestigeobjekte wie einen großen gut sichtbaren Tannenbaum.
Wenn ein Mensch über Wochen hinweg Hunger leiden muss, nimmt er natürlich nahrhafteres Essen dankend an.
Die Frage ist hier aber nicht, wer den Häftlingen das Weihnachtsmahl ermöglicht, sondern aus welchem Grund sie überhaupt hungern müssen. Warum sie das Weihnachtsfest nicht im Kreise ihrer Familie feiern dürfen.
Allein die Hoffnung, dies könne das letzte Weihnacht im Konzentrationslager sein, ermutigt und entmutigt die Häftlinge zugleich, so stellt es Kupfer-Koberwitz dar.
Denn die Vorstellung, noch ein Jahr im Konzentrationslager zu verbringen, scheint unerträglich. Emotionslosigkeit und Innere Kälte schützen die Häftlinge vor dem Wahnsinn und der emotionalen Verwundbarkeit.
Was die SS-Aufseher des Konzentrationslagers allerdings nicht wissen, ist, dass sie am Heiligen Abend vielen Häftlingen ihren größten Wunsch erfüllen: Sterben.
„Ist nicht der Tod das Tor zum Leben?“, fragt ein Häftling.
Manchen Häftlingen erfüllt die SS ihren Weihnachtswunsch nicht.
Wen die Hoffnungslosigkeit erfüllt, wer nicht schon verhungert oder von den Hunden der SS zerfleischt worden ist, wer nicht in einem Streit mit Mithäftlingen um Kartoffelschalen ermordet wird, der nimmt sich am elektrisch geladenen Stacheldrahtzaun selbst das Leben.
Nach den Feiertagen werden die Leichen mit langen Stangen von den Zäunen abgehangen und im Krematorium zu Asche verbrannt. Diese walzen die Überlebenden auf Lagerstraßen flach, als Grundlage für neue Transportwege im Konzentrationslager.

Allen, die dies hier lesen, wünsche ich ein gesegnetes Weihnachtsfest und viele fröhliche Wünsche zu Weihnachten, die sich erfüllen.
Mich schockiert es zutiefst, auf welche Realität sich im Alltag eines Konzentrationslagers berufen wird.
Mein Wunsch ist es, dass aus dieser historischen Reportage niemals eine Nachrichtenmeldung wird

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