Interview zum Deutschunterricht mit Flüchtlingen

Andrea K. gibt seit einigen Wochen Flüchtlingen in ihrem Heimatdorf Deutschunterricht. Sie ist selbst Gymnasiallehrerin für Englisch und Französisch. In dem Interview berichtet sie, wie sie dazu kam und wie der Umgang mit Flüchtlingen klappt.

Wie kamst du dazu, Flüchtlingen Deutschunterricht zu geben?

Andrea: Ich wollte mich in der Flüchtlingshilfe engagieren und habe mich durchgefragt bei vielen Institutionen und Ansprechpartnern, wo ich mich mit meinen Fähigkeiten und Erfahrungen einbringen kann. Und mir wurde dann u.a. angeboten, in meinem Heimatdorf sechs Flüchtlingen Deutschunterricht zu geben. Ich habe bereits Erfahrungen in Deutsch als Fremdsprache und Deutschlehrer wurden gebraucht.

Woher kommen die Flüchtlinge und wie viele unterrichtest du?

Andrea: Momentan unterrichte ich sechs syrische Männer im Alter von 22 bis 45 Jahren mit unterschiedlichem Bildungsstand. Dazu gehören unter anderem zwei Analphabeten, ein Student und der Älteste ist ein Taxifahrer.

Wie funktioniert die Kommunikation zwischen den Flüchtlingen und dir als Lehrerin?

Andrea: Wenn ich keine Übersetzer habe, läuft viel über Mimik, Gestik, Tonlage, Betonungen und Bildern. Wenn ich einen Übersetzer habe, können grundsätzliche Dinge geklärt werden. Aber für den reinen Sprachunterricht ist ein Übersetzer oft hinderlich. Die Anstrengung etwas zu verstehen, liegt nicht mehr so sehr auf Hinsehen oder Hören, weil durch den Übersetzer sofort die Übersetzung kommt. Außerdem habe ich beobachtet, dass ein Übersetzer manchmal Dinge versehentlich vorsagt, die eigentlich die Syrer beantworten sollten. So liegt der Fokus nicht mehr auf mir als Lehrerin, sondern auf dem Übersetzer.

Ist es ein Vorteil, dass du schon Lehrerin bist und so Erfahrungen im Lehren hast oder kann das deiner Meinung nach jeder machen?

Andrea: Meiner Meinung nach kann das nicht jeder machen. Der Vorteil eines Lehrers ist sicherlich, dass man sich in die Rolle des Schülers versetzen kann. So kann man sich vorstellen, was ein Schüler weiß und was noch nicht und entsprechend seinen Unterricht darauf ausrichten. Was zusätzlich hilfreich ist, ist das Beherrschen von Fremdsprachen, weil man selbst eine Sprache gelernt hat. Besonders vorteilhaft ist, wenn man selbst einen Migrationshintergrund hat, weil man ebenfalls Deutsch lernen musste und sich am besten in die Flüchtlinge hineinversetzen kann. Allgemein braucht man meiner Meinung nach mindestens gewisse pädagogische Veranlagungen. Das kann auch eine Mutter, denn sie begleitet ihr Kind beim Sprache lernen. Für Flüchtlinge ist ein positiver Kontakt sehr wichtig, dabei ist es erstmal zweitrangig, ob es eher eine Mutterfigur oder eine Respektperson ist.

Wie verhalten sie sich dir gegenüber als Frau?

Andrea: Das Verhalten mir gegenüber ist überhaupt kein Problem. Ich fühle mich vollkommen akzeptiert. Unsere Rollenverteilung ist aber auch eher Lehrerin vs. Schüler. Es ist dabei vollkommen unerheblich, dass ich eine Frau bin. Sie schütteln mir die Hände, schauen mir in die Augen und folgen meinen Anweisungen. Offen gesagt ist das eine positive Überraschung. Diese Offenheit und Vertrautheit hatte ich nicht unbedingt erwartet.

Gibt es negative Erfahrungen, die du im Umgang mit den Flüchtlingen gemacht hast?

Andrea: Ja, vor allem an Pünktlichkeit und Verbindlichkeit mangelt es den meisten der sechs Syrer noch. Häufig fehlt das Arbeitsmaterial und die Hausaufgaben wurden nicht gemacht. Ein strukturiertes Lernen ist ihnen absolut fremd. Das basiert aber auf ihrer Mentalität, was sich aber schnell ändern muss, um ein effektives Lernen garantieren zu können. Positiv hervorheben möchte ich aber den 45-jährigen Taxifahrer. Er hat am besten verstanden, dass er die Sprache lernen muss, um sich zu integrieren. Dafür nutzt er jede Gelegenheit.

Lernen sie bereitwillig Deutsch oder ist es problematisch ihnen die Sprache zu vermitteln, die ja grundsätzlich schwierig zu lernen ist? 

Andrea: In den Stunden arbeiten sie bereitwillig mit, aber das Wiederholen und Festigen des Unterrichtsstoffs zu Hause erfolgt nur beschränkt, weil häufig die Motivation fehlt. Was sie gut können ist Sprechen und was geübt werden muss ist Lesen und Schreiben. Das größte Problem liegt in der Schrift, weil die arabische Schrift ja ganz anders ist.

Vielen Dank für die offenen Worte zum Unterricht. Jetzt habe ich noch einige allgemeine Fragen zu der Flüchtlingssituation in deiner Region und dem Modell „Deutschunterricht“.

Lässt sich etwas darüber sagen, ob noch mehr Flüchtlinge in unsere Gegend kommen?

Andrea: Es ist wahrscheinlich, dass noch mehr Flüchtlinge kommen werden, weil noch genug öffentlicher und privater Wohnraum verfügbar ist. Auch momentan treffen immer wieder Familien hier ein.

Gibt es viele Deutschlehrer? Arbeiten die ausschließlich ehrenamtlich?

Andrea: Die Agentur für Arbeit organisiert im Rahmen von „Sprache und Bildung“ Deutschkurse für Flüchtlinge, die morgens stattfinden. Momentan gibt es zwei solcher Kurse, aber in jedem sitzen 25 Schüler, was viel zu viele sind. Deswegen ist nachmittäglicher Unterricht, wie ich ihn anbiete, sehr wichtig, um das Gelernte zu verfestigen und zu wiederholen. In unserem Fall gibt es für sechs Syrer zwei Ehrenamtliche. Wir versuchen mehrere türkischsprachige Übersetzer zu gewinnen, auch bei der Sprachvermittlung mitzuwirken. Dabei ist der persönliche Kontakt ebenfalls wichtig, um von der „künstlichen Unterrichtssituation“ wegzukommen. Mit ihnen einkaufen zu gehen wäre hilfreich, um Sprache erlebbar zu machen.

Was muss deiner Meinung nach beim „System Deutschunterricht“ bundesweit verändert werden?

Andrea: Deutschland investiert viel Geld, dass die Flüchtlinge integriert werden können. Deswegen können und müssen wir erwarten, dass sie sich integrieren. Der Deutschunterricht muss ernst genommen werden, indem Hausaufgaben gemacht werden und sie sich aktiv beteiligen. Wir Deutschen müssen höflich, nett, aber bestimmt zeigen, dass man von ihnen etwas erwartet. Das Problem ist aber, dass niemand kontrolliert, ob sich die Flüchtlinge integrieren oder nicht, weil eine feste Bezugsperson fehlt. Es gibt viele einzelne Teilbereiche in dem Integrationsprozess und für jeden ist eine andere Person zuständig. An der Kommunikation zwischen diesen Bereichen hapert es noch, das muss in naher Zukunft verbessert werden.

Und einen Satz zum Schluss möchte ich auch noch sagen: Der Unterricht ist sehr anstrengend, aber auf eine gewisse Art und Weise befriedigender als der Schulunterricht. Die Bedeutung des Unterrichts ist unmittelbar zu sehen, es wird dringend gebraucht und die Flüchtlinge wollen lernen.

Vielen Dank für das Interview.

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