Lernen ist nie zu spät. (Interview)

Der Analphabetismus – die Unfähigkeit von Menschen zu lesen und zu schreiben. Laut UNESCO gab es im Jahr 2010 circa 759 Millionen erwachsene Analphabeten weltweit. In Deutschland sind 7,5 Millionen von verschiedenen Formen des Analphabetismus betroffen, die Hälfte davon sind Menschen mit dem Migrationshintergrund. Heute spreche ich mit Frau Kunstmann, der Kursleiterin im Alphabetisierungskurs, um mehr über dieses Thema zu erfahren.

Frau Kunstmann, soviel ich weiß, waren Sie früher in einem Integrationskurs tätig.  Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Ihre Arbeitsrichtung zu wechseln?

Fr. Kunstmann: Das war eigentlich kein Richtungswechsel. Das ist auch ein Integrationskurs  aber mit Alphabetisierung. Die Integrationskurse werden vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge gefördert. Dauer bzw. Stundenzahl, Teilnehmeranzahl und Einstiegsniveau der Teilnehmer sind die wichtigsten Unterschiede zwischen einem allgemeinen Integrationskurs und einem Integrationskurs mit Alphabetisierung. Allgemeiner Integrationskurs dauert 600 Stunden, hat maximal 25 Teilnehmer, die mindestens in ihrer Muttersprache alphabetisiert sind. Der Alpha-Kurs dauert 1.200 Stunden und die Höchstteilnehmerzahl beträgt 14 Personen.

Gibt es bei dieser Arbeit besondere Herausforderungen, die Sie bewältigen müssten und für die Sie nicht bereit waren?

Fr. Kunstmann: Um in einem Alpha-Kurs unterrichten zu dürfen, sollte ich eine spezielle Zusatzqualifizierung machen. Ich bin sehr froh, dass ich an dieser Zusatzqualifizierung teilgenommen habe, sonst hätte ich mich gefühlt, wie ins kalte Wasser geworfen. Schon im allgemeinen Integrationskurs sind die Aspekte der Heterogenität im Hinblick auf Sprachstand, Vorkenntnissen, Lerntempo, Lernmotivation und Bildungstand ziemlich groß. In Alphabetisierungskursen sind diese Aspekte noch weit aus vielfältiger. Oft lernen primäre, funktionale und Zweitschrifterwerbsteilnehmer zusammen Lesen und Schreiben.

Frau Kunstmann, was bedeuten die Begriffe „primäre“ und „funktionale“ Analphabeten? Sind das verschiedene Formen des Analphabetismus?

Fr. Kunstmann: Ja, primärer Analphabetismus liegt vor, wenn eine Person keine Schreib- und Lesekenntnisse erworben hat. Andere Bezeichnungen sind totaler oder natürlicher Analphabetismus. Ausländische Analphabeten sind häufig in Ländern aufgewachsen, wo sie die Schule nur wenige Jahre oder gar nicht besucht haben. Unter den ausländischen Analphabeten gibt es daher mehr Menschen ohne ausreihende Buchstabenkenntnisse.

Es gibt auch Analphabeten trotz Schulbesuchs: das sind Erwachsene, die ihre Schulpflicht erfüllt haben und dennoch kaum lesen und schreiben können. Ihre Kenntnisse reichen nicht, um zum Beispiel, eine Arbeits- oder Ausbildungsstelle zu finden. Bei ihnen handelt es sich um funktionalen Analphabetismus. Die sekundären Analphabeten haben ihre während der Schulzeit erworbenen Kenntnisse und Fähigkeiten vergessen oder verlernt. In meinem Kurs habe ich vorwiegend mit den primären Analphabeten zu tun.

Und welche Gründe gibt es dafür, dass die Menschen von Analphabetismus betroffen sind?

Fr. Kunstmann: Der Hauptgrund aller Formen des Analphabetismus sind keine Lese- oder Schreibvorbilder in der Familie. Bei solchen Verhältnissen wird Lesen und Schreiben nicht als subjektiv bedeutsam erlebt. Es gibt natürlich auch politische, kulturelle und soziale Ursachen  wie z.B. Armut, Bürgerkrieg, Vernachlässigung u.a.

Frau Kunstmann, gibt es Veränderungen in Ihrer Tätigkeit hinsichtlich aktueller Flüchtlingssituation?

Fr. Kunstmann: Ja, es gibt schon einige. Zurzeit besteht ein deutlich höherer Bedarf an Teilnehmerplätzen in Integrationskursen. Vor kurzem war die Höchstteilnehmerzahl eines Alphabetisierungskurses 8 Personen, jetzt beträgt sie 14 Personen.

Aus welchen Ländern kommen Ihre Teilnehmer?

Fr. Kunstmann: Die meisten Teilnehmer sind Flüchtlinge aus Somalia, Syrien und Eritrea. Ich habe auch Teilnehmer aus dem Pakistan, aus dem Afghanistan und aus Marokko.

Könnten Sie bitte noch ein bisschen über die Methoden und Ansätze erzählen, die Sie im Unterricht verwenden?

Fr. Kunstmann: Am Anfang des ersten Moduls sind Visualisierung und Wahrnehmung wichtig. Wir machen verschiedene auditive, visuelle, fein- und grobmotorische Übungen. Einigen Teilnehmern bringe ich sogar die Stifthaltung bei. Besonders einem primären Analphabeten ist es nicht bewusst, was Lernen überhaupt bedeutet. Im Unterricht muss immer wieder die ganze Vielfalt des Lernens wie Regelmäßigkeit der Teilnahme, Konzentration und Ausdauer beim Lernen, Pünktlichkeit, Anwendung und Übung auch außerhalb des Unterrichts thematisiert werden. Die Teilnehmer erkennen nicht, was bei einer speziellen Aufgabe zu machen ist, ohne dass ich es ihnen zeige. Was den Wortschatz betrifft, hilft es nicht immer, die Wortbedeutung mit Umschreibungen bzw. Beispielen zu erklären. Ich muss den Wortschatz durch Gegenstände, Prospekte, Bilder, Pantomime visualisieren. Die meisten Teilnehmer sind einfach nicht in der Lage, mit einem Wörterbuch zu arbeiten, weil sie ihre Muttersprache schriftlich nicht beherrschen. Auditiv wird die Sprache auch durch Vorlesen, Silben klatschen, Chorsprechen vermittelt. Puzzles, Memorys, Wortschatzkarten geben den Kursteilnehmern die Möglichkeit, das Unterrichtsmaterial anzufassen, zu ordnen und zu strukturieren.

Welche Bedeutung hat diese Tätigkeit für Sie persönlich?

Fr. Kunstmann: Mit dem Problem des Analphabetismus habe ich mich noch vor ein paar Jahren nicht auseinandergesetzt. Selbst die Zahlen waren für mich schockierend. Inzwischen unterrichte ich schon im zweiten Alpha-Kurs. Mein Beruf macht mir wirklich Spaß. Ich freue mich sehr über die Lernfortschritte meiner Teilnehmer. Glück und Freude in Augen der Menschen, die am Anfang dieses anstrengenden Weges erstes Mal im Leben den eigenen Namen richtig schreiben und am Ende des Deutschkurses zu einem Vorstellungsgespräch  gehen und eine Ausbildungsstelle bekommen, sind einfach unbeschreiblich. Lernen ist wirklich nie zu spät.

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