Koblenzer Musiker im Engagement für Flüchtlinge (Interview)

KOBLENZ. Das Thema Flüchtlingshilfe ist brandaktuell. Auch Jugendliche aus Koblenz-Güls  wollen deshalb nun einen Beitrag leisten und Menschen helfen, die in ihrem Ort Zuflucht gefunden haben. Unter dem Motto „Musik für einen guten Zweck!“ laden sie deshalb am 02. Januar 2016 zu einem Benefizkonzert zugunsten geflüchteter Menschen ein. Im Gespräch ist die Studentin Katharina Hellbach (20), die für die Organisation des Events mit verantwortlich ist.

Katharina – wie seid ihr darauf gekommen, ein Konzert zugunsten der Flüchtlinge in Güls zu organisieren? Und was motiviert euch?

Unser Team besteht aus mehreren Jugendlichen, die in Güls oder Bisholder (Anmerk.: Ortslage des Stadtteils Güls) wohnen, z.T. in unmittelbarer Nähe der Unterkünfte – die also wissen, wie die Zustände dort sind und sich teilweise auch selbst engagieren, beispielsweise bei der Organisation Runder Tisch, die Deutschunterricht für Flüchtlinge gibt. Wir wollten also etwas daraus machen, und da wir eine Menge musikalische Talente in der Gegend haben, haben wir uns entschieden, das zu nutzen und so Spenden zu sammeln. Dahinter steht vor allem der Wunsch, Flüchtlingshilfe zu konkretisieren – dass eben nicht nur geredet wird, dass nicht nur gesagt wird „Wir müssen was tun“ oder „Wir müssen die Bundeswehr nach Syrien schicken“; sondern
dass man konkret dafür sorgt, dass es diesen Menschen, die schon solches Leid erlebt haben, besser geht.

Was dürfen wir uns vom Programm erwarten? Und inwiefern sind die Flüchtlinge selbst daran beteiligt?

Das Programm sieht so aus, dass ganz verschiedene Jugendliche sich musikalisch betätigen werden, vom Instrumentalen bis zum Gesang, von Duo bis Trio bis Band – eine Jugendband haben wir zum Beispiel dabei, den Jugendchor und viele mehr. Es wird ein sehr breites Spektrum an musikalischen Darbietungen geben. Und auch die Flüchtlinge selbst werden zu Wort kommen. Wir haben eine Beauftragte in unserem Team, die sich extra mit den Flüchtlingen beschäftigt und sie über das, was wir tun und was geschieht, unterrichtet. Und einige dieser Menschen haben sich bereit erklärt, über die Beweggründe ihrer Flucht und über ihre Fluchterlebnisse selbst zu sprechen. Damit wollen wir vor allem dem Dialog zwischen den Flüchtlingen und den Einheimischen hier in Güls auf die Beine helfen, weil der im Moment noch etwas auf der Strecke bleibt. Vorsichtig formuliert würde ich sagen, da gibt es noch Nachholbedarf. Davon abgesehen geht es natürlich darum, Spenden einzusammeln und direkt zu helfen.

Für was soll der Erlös des Konzerts denn konkret eingesetzt werden?

Ich habe ja schon den Deutschunterricht erwähnt, der von der Organisation Runder Tisch angeboten wird. Dieser findet momentan ehrenamtlich statt, aber die Finanzierung von Lese- und Schreibmaterial ist immer so eine Sache. Die Einnahmen sollen also in erster Linie in diese dringend benötigten Materialien investiert werden. Wir hoffen, der Organisation so ein bisschen unter die Arme greifen zu können.

Wie darf man sich die Situation der Flüchtlinge in Güls konkret vorstellen? Und wo gibt es vielleicht Probleme?

Derzeit haben wir 55 Flüchtlinge in Güls, die hauptsächlich aus Afghanistan und im Zuge des IS-Terrors auch aus Syrien hergekommen sind. Mittlerweile sind sie auf zwei Unterbringungen verteilt – bei der einen handelt es sich um eine ehemalige Kneipe, oben in Bisholder, das andere ist ein Privathaus, das schon eine Weile leer stand. Da sind kleine Zimmer eingerichtet, und es läuft alles auf privater Basis. Das heißt, Menschen kaufen diese Häuser und werden von der Stadt subventioniert, damit sie sie an Flüchtlinge weitergeben – auch so ein Thema für sich. Fakt ist, dass momentan sehr wenig Raum herrscht. Lange Zeit hatten wir über 45 Menschen oben in der Kneipe untergebracht, bevor das Privathaus dazukam. Da waren, glaube ich, drei Zimmer inklusive Schankraum – das ist einfach viel zu wenig.
Und was ein ganz großes Problem darstellt, was die meisten erstmal gar nicht auf dem Schirm haben, ist die Sache mit der Geschlechtertrennung. Wir haben eine Menge Muslime da, und da ist es nun mal so, dass die Geschlechtertrennung eine große Rolle spielt. Vor kurzem hatten wir eine Frau da, die mit ihrem Kind aus Afghanistan gekommen ist. Und die mit 36 Männern zusammenzustecken, ist so eine Sache – man hat ihr letztlich eine andere Unterbringung möglich machen müssen. Ja, das bringt ganz viele praktische Probleme mit sich, wenn man versuchen möchte, den Menschen den Raum zu gewährleisten, den sie eben brauchen. Gerade wegen des Platzmangels sieht es wirklich nicht rosig aus.

Wie sieht die bisherige Resonanz zu der Veranstaltung aus?

Mit der Resonanz sind wir bis jetzt ganz zufrieden. Dank einer umfangreichen Werbestrategie meinerseits (lacht) haben wir jetzt, Anfang Dezember, etwa 100 Karten verkauft. Platz haben wir in der Begegnungsstätte für 200 Gäste, und ich bin guten Mutes, dass das klappen wird, es wird ja auch eine Abendkasse geben. Die Aktion findet sehr viel Anklang in unserer Gemeinde, und eben auch in der regionalen und lokalen Politik, deren Vertreter auch eingeladen sind. Da hoffen wir auf viel Unterstützung von außen.

Und wie steht es um die generelle Akzeptanz der Flüchtlinge im Ort?

Das ist so eine Sache. Ja, im Grunde genommen wird alles toleriert, das muss man ganz klar sagen. Fakt ist aber – das sehe ich persönlich zumindest so -, dass der Dialog nicht sonderlich gefördert wird. Wir haben zwar tatsächlich ab und an mal so einen Abend, den Runder-Tisch-Abend sozusagen, an dem man mit den Flüchtlingen ins Gespräch kommen kann, wo zum Beispiel auch Übersetzer dabei sind. Leider findet das aber viel zu selten statt, um wirklich ein Gefühl dafür zu bekommen, was die Menschen erlebt haben, und ihnen entsprechend zu begegnen. Und gerade bei älteren Menschen ist mir aufgefallen, dass da auch mal Sprüche kommen – dass angezweifelt wird, „ob die wirklich alle so gelitten haben“ und „ob die wirklich alle aus Gebieten kommen, in denen Krieg herrscht“. Die Problematik mit den Wirtschaftsflüchtlingen wird ganz oft aufgegriffen. Wir haben ein paar Flüchtlinge aus den Balkanstaaten da, und man merkt schon, dass diese Menschen irgendwie anders angesehen werden und dass sich da Vorurteile bilden. Wir werden es zwar nicht unterbinden können, aber wir hoffen, dem ein bisschen entgegenzuwirken – zumindest, was die Menschen betrifft, da an dem Abend erscheinen und sich auch gerne anhören, was die Flüchtlinge zu berichten haben.

Was kann der Einzelne sonst noch tun, um zu helfen?

Im Grunde genommen sind es die Kleinigkeiten, auf die es letztlich ankommt. Das heißt zum Beispiel schon, dass wenn du jemandem begegnest, von dem du weißt, er kommt nicht von hier, dass du ihn grüßt und ihn nicht abschätzig anschaust. Oder ich kann mich an letztes Jahr um diese Zeit erinnern, als meine Mutter unten im Flüchtlingsheim Christstollen vorbeigebracht hat – darüber haben sich die Leute super gefreut. Ich glaube, da geht es noch mehr um die menschliche Begegnung als um die Sachspenden, wobei das natürlich auch wichtig ist, und vor allem geht es darum, den Dialog zu fördern. Gerade zwischen Kindern finde ich das absolut wichtig, weil die auch noch nicht vorbelastet sind und man so viel Potenzial hat, wirklich anzusetzen und eine Verbindung zwischen geflüchteten und einheimischen Kindern aufzubauen. Zuletzt würde ich noch sagen, dass es nicht nur wichtig ist, neue Helfer und Ehrenamtliche zu motivieren, sondern auch den schon jetzt Helfenden anders zu begegnen. Bei solchen Sachen wird einem oft vorgeworfen, sich damit zu profilieren, obwohl das das Letzte ist, was wir als Helfer wollen; davon darf man sich nicht unterkriegen lassen.

Vielen Dank für das Interview!

Das Benefizkonzert wird am 02. Januar 2016 ab 19 Uhr in der Begegnungsstätte Sankt Servatius in Koblenz-Güls stattfinden. Vorverkaufskarten können im Schreibwarengeschäft „Duo Schreibwaren“ (Planstraße 1, 56072 Koblenz-Güls) erworben werden.

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