„Keinerlei Zerstreuung“ für Wiesbadener Flüchtlinge

Marcus Lanzinger ist als Assistent der Geschäftsleitung des Deutschen Roten Kreuzes Rhein-Main-Taunus (DRK) in Wiesbaden mit der Koordination der Flüchtlingsbetreuung beauftragt. Im Interview spricht er über die Aufgaben und Herausforderungen in den Wiesbadener Notunterkünften.

Wie viele Flüchtlinge werden momentan durch welche Organisationen in Wiesbaden betreut?

MARCUS LANZINGER: Dazu muss man zunächst zwischen den drei Flüchtlingskategorien unterscheiden. Unter den ersten Status fallen jene Flüchtlinge, die erst seit kurzem in Deutschland sind und noch auf keine Weise registriert sind. Davon hat Wiesbaden aktuell 1000 Plätze in der Vorhaltung, 300 werden vom Arbeiter-Samariter-Bund betreut, die restlichen 700 vom Deutschen Roten Kreuz und der Johanniter-Unfall-Hilfe. Das sind die sogenannten Notunterkünfte.

Wie verhält es sich mit den anderen beiden Status?

LANZINGER: Der nächste Status bezieht sich auf die Flüchtlinge, die eigentlich in die hessische Erstaufnahmeeinrichtung verlegt werden. Eigentlich, weil diese Einrichtung eine Kapazität von 3000 Plätzen hat, dort aktuell aber 5600 Menschen leben. Das bedeutet wiederum, dass die Flüchtlinge anderswo untergebracht werden müssen, nämlich in sogenannte Überlaufseinrichtungen. Davon gibt es in Wiesbaden aktuell eine einzige, in der Peter-Sanders-Straße, dort gibt es ungefähr 500 Plätze. Demnächst wird eine zweite Überlaufseinrichtung im ehemaligen „American Arms Hotel“ in Wiesbaden mit zusätzlichen 1000 Plätzen eingerichtet.

Und was hat es mit dem letzten Status auf sich?

LANZINGER: Der höchste Status, den ein Flüchtling bekommen kann, ist, wenn er oder sie durch das Regierungspräsidium registriert wird und der Asylstatus anerkannt wurde. Dann ist man ein sogenannter „zugewiesener Flüchtling“. Das bedeutet, dass man irgendwo in Deutschland einen Platz zugewiesen bekommt, in Wiesbaden sind das beispielsweise die, die in der Bretzlauerstraße vom DRK betreut werden. Sie dürfen die Stadt, der sie zugewiesen wurden, allerdings nicht mehr verlassen, aber zum Beispiel arbeiten.

Was denken Sie, wie wird dieses System von den Flüchtlingen aufgenommen?

LANZINGER: Viele haben ein Problem damit. Wenn man als Familie flieht, möchte man natürlich auch als Familie zusammen bleiben. Durch die Zuweisung kann es aber passieren, dass beispielsweise ein Familienmitglied in München landet, ein anderes Hamburg zugewiesen wird. Und keiner darf „seine“ Stadt verlassen, außer, es wird ein offizieller Antrag auf Familienzusammenführung gestellt.

Das DRK ist ja nicht die einzige Hilfsorganisation, die sich um die Flüchtlingsbetreuung kümmert. Gibt es Kooperationen zwischen den Organisationen? Ursprünglich war ja das Bürgerhaus in Meden die Spendensammelstelle, aktuell gibt es aber nur noch die Kleiderkammer des DRK in der Flachstraße.

LANZINGER: Wenn man nur von den Notunterkünften spricht, ist es ja so, dass der eigentliche Betreiber die Landeshauptstadt Wiesbaden ist. Alle Wiesbadener Hilfsorganisationen sind im Rahmen einer Personalgestellung tätig. Das bedeutet, dass die Anmietung der Gebäude, die Catering-Verträge, Verträge mit Sicherheits- und Reinigungsfirmen, Kosten für Mobiliar und so weiter über die Stadt Wiesbaden läuft. Die Hilfsorganisationen kommen ins Spiel, wenn es um das Personal geht – beispielsweise das Betreuungspersonal.

Dazu mussten sicherlich neue Stellen besetzt werden. Wie schlüsseln sich Ihre Neuanstellungen auf?

LANZINGER: Eine Schicht besteht aus sechs Personen – vier Betreuungskräften mit einem Schichtführer und zwei Sanitätskräfte. Um eine Personalstelle also rund um die Uhr besetzten zu können, sind sechs Personen notwendig. Sechs Stellen sind vorhanden und mit sechs Kräften pro Stelle ergibt sich eine Personalzahl von 36. Da allerdings auch einige Teilzeitkräfte angestellt sind, wurden nun 50 Personen eingestellt. Diese Zahl gilt auch für die Johanniter. Das heißt, auf 700 Flüchtlinge fallen 100 Betreuer, von denen immer 12 Stück vor Ort sind, 24 Stunden am Tag.

Wenn es eine Differenzierung zwischen Betreuungs- und Sanitätskräfte gibt, inwieweit gibt es verschiedene Aufgabenbereiche, für die die Kräfte zuständig sind? Wie kann man sich den Job einer Betreuungskraft vorstellen?

LANZINGER: Die Sanitätskräfte kümmern sich um zwei Punkte: Die Erste Hilfe auf dem Gelände und damit die Überbrückung bis zur Ankunft des Rettungsdienstes und das Betreiben einer Arztpraxis. Jeden Tag besuchen Wiesbadener Hausärzte aller Fachrichtungen das Gelände der Notunterkunft. Dort assistieren die Sanitätskräfte dann wie eine Sprechstundenhilfe und geben beispielsweise Medikamente aus. Die Betreuungskräfte sind vor Ort mit die wichtigsten Ansprechpartner. Sie kümmern sich um alle anfallenden Arbeiten. Die spannendste und wichtigste Aufgabe, um die sie sich kümmern, ist die Essensausgabe. Das mag zwar nach einer äußerst lapidaren Aufgabe klingen, aber die Flüchtlinge haben weder einen Fernseher, noch sonstige Unterhaltung. Es gibt WLAN, das sie nutzen können, falls sie Handys mitgebracht haben, aber ansonsten haben sie keinerlei Zerstreuung. Das heißt, das Highlight des Tages ist das Essen. Macht man dann den Fehler und gibt einem Flüchtling auch nur ein bisschen mehr als einem anderen, kann das schnell eskalieren. Das bedeutet für die Betreuungskräfte, mit ganz viel Fingerspitzengefühl zu agieren – damit ist die Essensausgabe die wichtigste Aufgabe, die es in der Notunterkunft gibt. Gleichzeitig kümmern sich die Betreuungskräfte auch um alltägliche Dinge wie das Kochen von Tee und Kaffee. Auch das klingt zunächst lapidar, aber wenn man überlegt, dass auf eine Kanne Tee in der Unterkunft 10 Pakete Teebeutel kommen und auch Kaffee paketweise gekocht wird, wird man sich dem Umfang der Arbeit erst bewusst. Zu den Aufgaben der Betreuungskräfte zählt auch die Ausgabe von Verbrauchsmaterial wie Shampoo oder Zahnpasta. Natürlich könnte man den Flüchtlingen ganze Packungen geben, damit gibt man ihnen aber auch Tausch- und Handelsware. Deshalb geben wir Verbrauchsmaterial nur portioniert in Plastikbechern an die Flüchtlinge heraus. Das zieht sich natürlich über sämtliche Verbrauchsmaterialien durch.

Auf alle 700 Flüchtlinge hochgerechnet klingt das nach sehr viel Arbeit. Wie werden ehrenamtliche Helfer dabei eingesetzt?

LANZINGER: Als DRK koordinieren wir alle ehrenamtlichen Helfer, die in der Flüchtlingsbetreuung eingesetzt sind. Wir versuchen, pro Essensausgabe 1-2 ehrenamtliche Helfer vor Ort zu haben, die das Betreuungspersonal unterstützen.

Wie kann man sich das Leben als Flüchtling in einer Notunterkunft vorstellen? Vorhin sprachen Sie an, dass die Flüchtlinge nicht hätten außer ihrer Handys und damit Internetzugang.

LANZINGER: Das ist ein schwieriges Thema. Die Beschäftigung wird unter anderem auch über Ehrenamtliche dargestellt. Einmal wöchentlich werden beispielsweise Flüchtlinge in der Unterkunft abgeholt und ins Schwimmbad gebracht, damit auch die Kinder etwas zu tun haben. Wir haben außerdem ein Klavier, das ab und zu genutzt wird, um mit den Flüchtlingen zu musizieren. Die Flüchtlinge dürfen sich natürlich auch frei in der Stadt bewegen. Sobald die Erstregistratur stattfand – nicht die offizielle Registrierung durch das Regierungspräsidium – bei der Name und Geburtsdatum festgestellt werden, erhalten die Flüchtlinge auch ein Taschengeld. Alle sonstigen Freizeitangebote lassen sich aktuell nur über Ehrenamtliche darstellen. Vorletzte Woche hat ein Ehrenamtlicher mit einem kleinen Bus einige Flüchtlinge abgeholt und ist mit ihnen in die Fasanerie gefahren. Allerdings muss man dabei auch kulturelle Unterschiede in Betracht ziehen: Will man weibliche Flüchtlinge mit auf einen Ausflug nehmen, muss man zunächst ihre Väter, Brüder oder Ehemänner fragen, ob sie das Gelände verlassen dürfen. Auch das verkompliziert das Thema Freizeitangebote. Übergeht man diesen Schritt, würden die Frauen aufgrund ihrer Mentalität darauf aufmerksam machen, dass sie zunächst eine Erlaubnis benötigen. Diese Erlaubnis bekommen sie aber nur, nachdem man den entsprechenden männlichen Flüchtlingen beispielsweise das Frauencafé zeigt, zu dem ein Ausflug gehen soll. Dazu muss man Vertrauen aufbauen.

Das klingt nach einer großen Herausforderung. Wie schätzen Sie die Lage ein – was ist die größte Herausforderung, der sie sich aktuell stellen müssen?

LANZINGER: Faktisch ist die Flüchtlingsbetreuung für uns in Wiesbaden der größte Realeinsatz, den wir je hatten. Mittlerweile ist es ja auch so, dass wir in dieser ehrenamtlichen Struktur kaum noch agieren. Alle Leute, die vom DRK in der Notunterkunft sind, sind hauptamtliche Kräfte, die dafür bezahlt werden. Für uns ist das also ein normaler Geschäftsbetrieb.

Mittlerweile gab es allein in diesem Jahr fast 500 Anschläge auf Notunterkünfte in Deutschland. Wie sieht Ihr Sicherheitskonzept in Wiesbaden aus?

LANZINGER: Wir haben einen Sicherheitsdienst, der 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche vor Ort ist. Um zu unseren Häusern Eintritt zu erhalten, muss man entweder Mitarbeiter des DRK bzw. der Johanniter, oder aber Flüchtling mit entsprechendem Ausweis sein.

Werfen wir einen kleinen Blick in die Zukunft: Wie wird es mit Ihrer Unterkunft weitergehen?

LANZINGER: Natürlich gibt es keine Planungssicherheit. Wir können auch nicht voraussehen, wie lange wir diese Notunterkunft noch betreiben werden. Wir haben den Auftrag von der Stadt Wiesbaden, uns um diese Unterkunft zu kümmern und die Stadt kann diesen Auftrag jederzeit mit einer Frist von 1 – 2 Wochen kündigen. Daher sind auch alle Arbeitsverträge, die wir im Zuge der Flüchtlingsbetreuung geschlossen haben, zweckbefristet.

Vielen Dank für das Interview!

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