„Ich hatte Angst, keine Aufgaben mehr zu haben.“

Allgemeine Ursachen für Vaterschaften im Alter von 40+ sind der demographische Wandel, bessere Aussichten auf eine berufliche Karriere oder häufigerer Partnerwechsel als früher. Aber trifft das auch im Einzelnen zu?

Theo Peters (Name von der Redaktion geändert) ist Vater von fünf Töchtern im Alter zwischen 2 und 23 Jahren. Im Interview spricht der 45-jährige über die Gründe für weitere drei Kinder mit seiner jetzigen Frau und wie es ist, mit Anfang 40 nochmal von vorne anzufangen.

Interview: Claudia Vierheilig

Frankfurt am Main, 08.12.2015

1.Was war die Motivationen für drei weitere Kinder?

Das Erste war ungeplant, das Zweite, damit die Kleine nicht als Einzelkind aufwachsen muss. Meine Frau wollte ein Drittes haben. Ich fand es nicht verkehrt, wobei sie meinte, sie wolle noch ein Viertes. Es ist ja auch eine Bereicherung.

2. Bleibt genug persönliche Zeit?

Ja, die nehme ich mir auch, wenn ich das Bedürfnis habe. Es gibt Momente, da wird es Zeit, die Kinder an die frische Luft zu schicken. Dies ist allerdings schwierig ohne Garten. Das heißt, auch dann muss immer eine Aufsichtsperson da sein. So gesehen nehme ich mir in solchen Momenten eines der Kinder, und wir gehen ganz gemütlich einkaufen. Das sind solche Momente, die genieße ich richtig. Zum Beispiel mit meiner Jüngsten. So eine Langsamkeit der Fortbewegung mit ihren 30 cm Schrittchen entschleunigt meinen hektischen Alltag sehr. Man hört dem Kind zu; es entwickeln sich Unterhaltungen. Aber selbst wenn ich dann mal einen Moment ohne meine Kinder bin, habe ich immer das Gefühl oder Bedürfnis, ich müsste irgendetwas machen.

3. Sie kamen damals von einer Familie in die nächste. Hatten Sie kein Bedürfnis nach einem ruhigen Erwachsenenleben?

Erstmal war das nicht ganz freiwillig. Auf der anderen Seite war das auch einer der Trennungsgründe von meiner Exfrau, weil ich mir auch nicht vorstellen konnte, was dieses ruhige Erwachsenenleben noch beinhalten sollte. Nachdem das Haus damals fertig gebaut war, wusste ich nicht, was soll da jetzt noch kommen?

4. Wie war die Reaktion der ersten zwei Kinder auf den Nachwuchs?

Da kann ich mich noch sehr genau daran erinnern. Bei meiner ältesten Tochter (23) spürte ich eine tiefe Kränkung. Sie reagierte sehr intensiv. Meine jüngere Tochter (20) dagegen war voller Verständnis. Sie sagte, da könne doch das Kind nichts dafür, dass es da sei. Es sei doch mein Leben, und meine Entscheidung, was ich damit mache. Beide waren bestimmt nicht begeistert. Bei den nächsten zwei Kindern kann ich mich an die Reaktionen aber gar nicht mehr erinnern.

5. Hatten Sie das Gefühl der Midlife – Crisis?

Nein, höchstens der inneren Leere. Das Ziel hat gefehlt. In diesem Sinne war es wohl doch eine Midlife – Crisis. Durch die „neuen“ Kinder konnte ich diese Leere wieder ausfüllen. Es ist eine Bereicherung. Fakt ist, ich hätte auch gerne mit meiner Exfrau mehr Kinder gehabt, aber sie wollte nicht mehr als zwei. Nachdem meine ersten zwei Töchter älter wurden, hatte ich Angst, keine Aufgaben mehr zu haben. So ist für die nächsten 10 bis 15 Jahre klar, was meine Aufgabe ist. Was hätte man denn sonst in der Beziehung machen sollen? Ich stelle mir eine Partnerschaft ohne Kinder, nach dem Motto: Wir haben uns bewusst gegen Kinder entschieden, als eine faule Ausrede vor.

6. Spätes Vaterglück wird auch „Start over Dads“ genannt. Sehen Sie sich als einen solchen an?

Nein, ich mache alles genauso wie früher auch.

7. Was sind die Unterschiede in der Erziehung als junger und älterer Vater?

Es gibt eine größere Gelassenheit beziehungsweise Entspanntheit, was die kleinen Katastrophen angeht, wie Schule, Verletzungen oder Krankheiten. Diese Erfahrungen konnte man schon sammeln. Allerdings hat es nichts mit dem Alter zu tun. Es gibt genug erstmalige Väter in meinem Alter, die einen Zirkus um jede Kleinigkeit machen.

8. Gab es Überlegungen im Bezug auf den gesundheitlichen Aspekt?

Das ist auch definitiv meine Hauptsorge bei noch einem Kind. In erster Linie würde ich mir Gedanken um meine Frau machen. So eine Schwangerschaft ist natürlich auch kein Spaziergang. Der ganze Haushalt des Körpers ist im Ausnahmezustand. Obwohl wir wahrscheinlich auch einen Gentest machen würden, könnten wir beide nicht sagen, ob wir uns für eine Abtreibung des Kindes entscheiden würden, wenn es krank wäre. Aber ich würde mich sehr gerne vor der Option drücken, ein Leben wissentlich zu beenden.

9. Thema Zukunft: Wie sieht es später mit der finanziellen Situation aus, beispielsweise der Studiumsfinanzierung von drei Töchtern gleichzeitig? Hinzu kommt, dass im Rentenalter weniger Geld zur Verfügung steht.

Das schiebe ich vor mir weg. Das ist nichts, womit ich mich gedanklich beschäftigen wollte. Es war auch nie ein Argument für oder gegen Kinder – ob man sie sich im Alter leisten kann.

10. Machen Sie sich auch generell Zukunftsgedanken?

Bei drei Kindern gleichzeitig in der Pubertät? Ja, da bin ich hart an der Grenze des Erträglichen (lacht). Auch das schiebe ich weg. Nach dem Motto: Es wird schon nicht so schlimm werden. Also da mach ich mir überhaupt keine Gedanken. Ich lass es einfach auf mich zukommen.

11. Sind noch mehr Kinder in Planung?

Wenn es nach mir ginge, muss es nicht unbedingt sein. Ich wäre dagegen – aber nur aus den gesundheitlichen Gründen. Wenn es aber keine Risiken geben würde, würde ich sagen: Ja, noch eins. Also: sag niemals nie.

 

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