Mephisto wütet im Staatstheater

Aufführung der Oper Faust (Margarete) nach Charles Gounod

Mainz. Das Staatstheater führt Gounods romantische Version von Goethes bekanntester Tragödie auf. Faust als lebensmüder Ehemann, ‚Shoot Your Bunny‘ auf dem Dorffest, die Gretchentragödie als katastrophaler Höhepunkt. Doch liegen wirklich Welten zwischen dieser modernen Interpretation und der Vorlage?

Der klassische Faust ist ein Suchender. Goethe erweckt mit ihm einen Strebenden, den sein Durst nach Wissen nicht zur erhofften Befriedigung führt, der ausbricht und sich mit dem Teufel einlässt. Mephistopheles lockt den rastlosen Gelehrten mit einer Wette: Der Geist der Verneinung provoziert Faust, welcher glaubt, nie mehr wahres Glück und Liebe empfinden zu können. Jene Verzweiflung entfacht in ihm die Bereitschaft, mit teuflischer Hilfe die junge Margarete zu erobern. Mephisto und Faust muten in ihrer Beziehung fast jener der Liebenden an, die trotz des brüderlichen Widerstandes zusammenfinden. Ein ungleiches Paar, eine Person mit zwei Polen, Geist und Kenntnis treffen auf derbe Liebeslust. Die Hinwendung zum Leben vollzieht sich in großen Begriffen, von Sinn über Kraft zur Tat. Faust wird charakterisiert als der auf der Immanenz der modernen Welt bestehende Mensch, welcher nicht Mephistos Künste glaubt. Die Endgültigkeit seiner Entscheidung ist ihm scheinbar bewusst, bis er an seiner Gier scheitert und Margarete in den Abgrund drängt. Der Walpurgisnacht und ihrer vulgären Erotik überdrüssig, erkennt Faust, dass nicht der Verdruss sein Wunsch ist, sondern die Harmonie. Die verteufelte Ruhe scheint greifbar, bis Margarete in ihrer Verzweiflung zur Kindsmörderin wird und dem Wahnsinn verfällt. Für Faust bleibt die ersehnte Sicherheit ein Traumbild, der einzige Hoffnungsschimmer: die himmlische Aufnahme des schuldig gewordenen Gretchens.

Die Aufführung des Staatstheaters Mainz beruht auf der frühromatischen Interpretation des Komponisten Gounod, der Mitte des 19. Jahrhunderts Frankreich nicht etwa für den Gelehrten Johann Georg Faust begeistert, sondern für die Tragödie der verlorenen Liebe, die verschmähte Margarete und die Vereinigung mit dem Teufel. Von der Hausregisseurin Elisabeth Stöppler nach einer Aufführung des Oldenburgischen Staatstheaters inszeniert, rückt die Gretchentragödie in den Fokus. Hier stürmt ein diabolischer Mephisto über die Bühne, verhöhnt mit dröhnendem Bass die verlogene Dorfgesellschaft, reißt Faust mit in die Ekstase. Der listige Zyniker als Gegenpol, aber unverzichtbarer Teil des Doktor Faust, dazu eine fast zerbrechliche und immer weiblichere Margarete, eine naive Ausgestoßene- die Inszenierung als „Wechsel zwischen intimen Akten und Massenszenen“, wie das Programmheft schreibt. Je weiter die Tragödie der Liebenden und Margartete selbst in den Vordergrund rückt, desto blasser wird der Puppenspieler Mephisto. Der Chor beeindruckt mit einer fast autonomen Rolle und untermalt den Albtraum des Savoir-vivre, der erst Faust, und schließlich seine Geliebte verschluckt.

Die französische Oper mit deutschen Untertiteln dauert dreieinviertel Stunden.
Weitere Termine: 17. Dezember, 17. Januar, 14. Februar.
Die Theaterkasse ist Montag bis Freitag von 10-19 Uhr geöffnet, Samstag von 10-15 Uhr. Telefon: 06131 2851 222 oder http://www.staatstheater-mainz.de

Lena Walbrunn

 

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