Oper – nur etwas für die älteren Herrschaften?

 

MAINZ. Am 26. November wurde im Staatstheater Mainz die Oper „Tosca“ von Giacomo Puccini aufgeführt. Wahrscheinlich verdrehen viele Jugendliche heute die Augen, wenn sie „Oper“ hören. Vorne auf der Bühne stehen Schauspieler, die so hoch singen, dass man kein Wort mehr versteht. Vermutlich fällt es vielen schwer, sich darauf einzulassen. Zumindest war so meine bisherige Einstellung.

Doch die Verwunderung war groß, als am vergangenen Donnerstag viele Jugendliche vor dem Theater standen und auf den Einlass warteten. Eine Schulklasse wurde von den Lehrern zu ein bisschen Kultur gezwungen. Vorfreude sah anders aus, aber das konnte ja noch kommen. Ist eine Oper vielleicht doch nicht nur etwas für ältere Herrschaften in Anzügen und Kostümen?

Zunächst war es eine Herausforderung, die Plätze zu finden. 2. Rang bedeutet drei Stockwerke nach oben, danach hat man schon mal den täglichen Bedarf an Sport gedeckt. Die Schulklasse nahm auf dem Rang neben mir Platz, sie hatten es also auch geschafft. Wenn man über das Geländer schaute, konnte man im Orchestergraben die Musiker beim Stimmen ihrer Instrumente beobachten. Und wer ein Fernglas dabei hatte, konnte sogar die Partitur lesen. Nach kurzer Wartezeit begann dann die Oper. Und wie erwartet begannen Schauspieler ziemlich hoch zu singen. Da es eine alte Inszenierung war, wurde die Oper traditionell in Italienisch gesungen. Somit hatte sich das Verstehen erledigt. Neben der Bühne wurde aber der deutsche Text projiziert für all diejenigen, die keinen Italienisch-Kurs vorher an der VHS belegt hatten. Nun begann die Aufgabe des Multitaskings. Ein klarer Punkt auf Seiten der Jugendlichen, denn das haben wir wahrscheinlich in letzter Zeit perfektioniert. Doch das ist gar nicht mal so einfach. Man versucht den Musikern beim Spielen zuzuschauen und gleichzeitig das Geschehen auf der Bühne zu verfolgen. Dann hat man schnell vergessen, den Text zu lesen, damit klar ist, worum es gerade geht. Doch das war bei dieser Oper kein Problem. Die Schauspieler haben es geschafft, trotz minimalem Bühnenbild – verschiedene Gitter und ein ziemlich großer Spiegel – die ganze Bühne auszufüllen. Die Stimmungen wurden gekonnt untermalt von dem Orchester. Da war es nicht dramatisch, wenn man mal vergessen hatte, den Text mitzulesen.

Zudem war der Inhalt alles andere als „verstaubt“, obwohl die Oper 1900 schon uraufgeführt wurde. Die Aktualität war immer wieder zu spüren. Tosca ist eine ziemlich eifersüchtige Frau des Malers Caravadossi. Mit Eifersucht hat wahrscheinlich jeder schon einmal zu kämpfen gehabt. Sei es auf die bessere Note der Freundin in der Schule oder auf die vermeintlich schönere Frau, der der Freund gerade nachgeschaut hat. Das Thema lässt sich auf jede Altersschicht übertragen. In diesem Fall ist Tosca eifersüchtig auf die angebliche Affäre Caravadossis. Sie geht davon aus, dass er sie heimlich in der Kirche trifft, die er gerade verschönern soll. Doch Caravadossi hält dort nur seinen Freund, einen politischen Gefangenen, versteckt, dem er zur Flucht verhelfen möchte. Auch diese Szene lässt sich prima auf die Realität übertragen. Die meisten Besucher werden schon mal einem Freund in einer kniffligen Situation geholfen und sich in dem Moment daran zurückerinnert haben. Vermutlich haben die meisten nicht dafür ihr Leben riskiert und verloren, wie es Caravadossi in der Oper macht. Doch auch kleine Gesten reichen, um Freunde wieder zum Lächeln zu bringen.

Die Reaktionen nach dem minutenlangen Applaus waren viele zufriedene Gesichter. Auf dem zweiten Rang saßen überwiegend junge Menschen, wahrscheinlich auch wegen der beachtlichen Anzahl an Treppenstufen. Doch Opern sind heute noch genauso aktuell wie früher. Und man muss nur wenig Ahnung von Musik haben, um das Zusammenspiel von dem Orchester und den Schauspielern zu verstehen. Zufrieden war auch der Dirigent, der vor der Tür zu den Musikern sagte, dass sie so „zusammen“ noch nie waren. Das Zusammenspiel war also perfekt. So hat jeder etwas anderes an diesem Abend mit nach Hause genommen – egal ob junge oder ältere Menschen.

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