20151204_074257-Header

Hin und zurück – Die Entbehrungen einer Pendlerin

Kommentar

Es entbehrt wohl einer gewissen Ironie, dass Ich noch während des Verfassens dieser Zeilen mit den ennervierendsten Ärgernissen einer Pendlerin konfrontiert wurde und Stunde um Stunde mit Umleitungen und Verspätungen zu tun hatte. Die Entbehrungen einer Pendlerin sozusagen. Und das soll erst der Anfang sein…
Studentsein bietet gänzlich neue Möglichkeiten. Es ist ein neuer Lebensabschnitt, der mit großen Veränderungen einhergeht. Viele davon sind unbestreitbar fantastisch. Sie bestehen aus durchzechten Nächten, unter Umständen aus vollmundigen Mittagspausen in der Mensa oder wenn es denn der Fall sein kann, auch aus spannenden Vorlesungen.
„Der Student ist faul und feiert ohne Unterlass“ ist schon beinahe ein ungeschriebenes Gesetz und ebenso im Volksmund gängig, wie die Meinung zum öffentlichen Personenverkehr. Ob nah oder fern spielt dabei kaum eine Rolle. Und da mag etwas dran sein. Doch neben den erfreulichen Dingen des Studentenlebens gibt es eben auch einige Schattenseiten, die im Vergleich dessen gerne untergehen. Denn wie lebt es sich, wenn man jeden Tag zur Universität pendeln muss? Von Darmstadt nach Mainz – hin und zurück?

Im Idealfall ist das eine Sache von rund einer Stunde an reiner Fahrtzeit. Plusminus zehn Minuten. Dazu wiederum dreimal umsteigen bis der Campus erreicht ist. Alles gar kein Problem möchte man meinen. Man sucht sich am Abend zuvor mittels hipper App die geeignete Verbindung heraus und überprüft am nächsten Morgen, ob der Zug pünktlich vom Bahnhof abfährt. Ob sich das Aufstehen also überhaupt lohnt oder ob man sich besser gleich wieder umdreht. Falls ja ist alles prima, falls nein fängt der Tag schon mal gut an. Etwas, das (im Winter) ohnehin jedem Pendler bekannt vorkommen dürfte… Aber von so einer Kleinigkeit wie einer Verspätung lässt sich ein eifriger Student ja nicht abbringen. Da wartet er eben fünf Minuten. Oder zehn. Im schlimmsten Fall eine komplette Stunde, also auf die nächstbeste Verbindung der beiden Universitätsstätten. Kommt man eben eine Stunde zu spät zur Vorlesung oder dem Seminar. Ist ja nichts dabei, die meisten Dozenten sind da sowieso sehr kulant. Der einzige der schon jetzt vollkommen gestresst ist, ist dabei lediglich der Student.
Um diese Wartezeit also zu überbrücken schaut man sich im schon längst bekannten Kiosksortiment um und kauft sich aus Frust mal wieder ein Buch, das er oder sie eigentlich gar nicht braucht, genehmigt sich passend dazu ein Heißgetränk und holt Nichterledigtes nach. Im Idealfall, also im Falle von Pünktlichkeit, erledigt man besagtes auch im völlig über-, bzw. unterheizten Zug oder überbrückt die Fahrtzeit anderweitig. Mittlerweile ist das alles dank Netbook oder Smartphone ja gar kein Problem mehr und die Zeit vergeht wie im Flug. Es folgt eine gute halbe Stunde Fahrtzeit, genug Zeit also, um ein Buch aufzuschlagen oder besagten Stoff aufzuarbeiten. Das ist dabei aber wieder so wenig, dass sich das Aufschlagen des Notizblocks meist nicht rentiert. Man schafft ja ohnehin nicht alles. Denn schneller als man lesen kann, ist man schon längst in Mainz. Und hier fängt es mit den eingangs erwähnten Entbehrungen schon an: Ein Pendler muss fit im Zeitmanagement sein und häufig in den sauren Apfel beißen. Jeder Augenblick muss nach Möglichkeit vollends genutzt werden, denn durch das Pendeln schrumpft die eigene Arbeits- sowie freie Zeit erheblich.

Party? Ja gerne, aber…

Freizeit. Ein schöner Begriff. Freie-Zeit. Freie Zeit, die sich als Student unter anderem gerne mit den Kommilitonen verbringen lässt. Kneipentouren, Kino- oder Theaterbesuche, vielleicht aber auch nur ein gemütlicher Abend im Studentenheim. Im Grunde ist das alles kein Problem – für Leute, die in der entsprechenden Stadt wohnen. Bei einem Pendler hingegen sitzt immer der Druck im Nacken, irgendwie wieder nach Hause kommen zu müssen, sofern sich keine Übernachtungsmöglichkeit bietet. Und bitte, in welchem Bett liegt es sich schöner als im eigenen? Ein bisschen eigenes Leben und solche Dinge. Als Pendler verbringt man ohnehin schon einen nicht unerheblichen Teil der freien Zeit in der Universitätsstadt, da möchte man zumindest zwischendurch auch mal abschalten können und privates trennen.
Und das ist beinahe ein Ding der Unmöglichkeit. Entschließt man sich nun also trotzdem mit den neugewonnenen Freunden um die Häuser zu ziehen, dann ist ständig der Blick auf die Uhr geheftet. Dadurch ergibt sich wiederum eine gehetzte Stimmung, möglichst viel lachen in kurzer Zeit, damit sich der Abend zumindest etwas rentiert hat. Ehe man sich dann wieder viel zu früh auf den Weg zum Bus und somit auch zum Bahnhof macht. Der letzte Zug kennt keine Gnade und wartet nicht. Schon gar nicht auf feierwütige Studenten. Das funktioniert nur andersrum.

Als Pendler entgeht einem unglaublich viel. Das habe ich zumindest am Anfang nicht in diesem Maß erwartet. Gerade das Studentenleben zieht einfach ohne einen weiter, während man selbst ständig am rotieren ist. Noch während der Vorlesung werden die Fahrtzeiten überprüft, über kleine Verspätungen freut man sich sogar. Schließlich bleibt so etwas mehr Luft, um den Zug zu erreichen. Die einzig wichtigen Fragen lauten also „Wann fährt welcher Zug?“ „Erwische ich den überhaupt noch oder muss ich schon wieder eine Stunde rumbekommen?“ Bei so manch unglücklicher Vorlesungszeit ist letzteres gnadenloser Alltag. Das Zeitfenster ist zu klein und man kalkuliert bereits, in was sich die Zeit sinnvoll investieren lässt. Dahingegen ist die Freude groß, wenn der Dozent ein paar Minuten früher Schluss macht. So ergibt sich oft genug zumindest die Illusion es noch zu schaffen. Und mit etwas Glück wird der Zug gerade so noch erreicht, der Weg nach Hause ist dann ein Klacks. Doch wem ist das Glück schon dauerhaft hold? Dann sitzt man da. Dreht Däumchen und wartet. Eine geschlagene Stunde. In der sich allmählich, wenn nicht sogar schon längst geschehen, die Erschöpfung breitmacht. Vielleicht ein Buch aufschlagen? Selbst das ist schnell zu anstrengend. An Unistoff ist gar nicht erst zu denken. Egal wie es auch drückt, die Luft ist raus. Und sollte dann noch der erwartete Zug Verspätung haben… dann ist der ultimative Stresspegel endgültig erreicht. Wenn man aufgrund diverser Störungen im Bahnbetrieb über zig Umleitungen und Umstiege rund dreimal so lange wie üblich unterwegs ist, dann möchte man innerlich nur noch schreien. Zumindest für diesen Tag ist man fertig mit der Welt. Dabei lässt sich nur hoffen, dass der nächste Tag besser wird. Eine Einstellung, die eine Menge Optimismus erfordert, welche von Woche zu Woche zusehends abnimmt, je tiefer man im Pendlerleben steckt. Und auch hier ist es wieder völlig irrelevant, ob es sich um den Nah- oder Fernverkehr handelt. So ein Bus fällt salopp formuliert auch mal eben aus. Und man steht drängend da, während der Zug vor dem innerlichen Auge allmählich abfährt.

Du, Ich und wer ist das?

Doch all das lässt sich verkraften. Vielleicht mit viel Mühe, aber es geht. Sobald die Füße endlich hochgelegt sind. Doch es gibt eine Sache, die noch unerwähnt geblieben ist. Und dabei handelt es sich um etwas, das wohl das Unerträglichste am Dasein als PendlerIn ist: Man ist schlicht und ergreifend zu faul, um nach dem ganzen hin und her des Tages noch etwas Mühe aufzubringen, mit den Kommilitonen „abzuhängen“. So hat man zwar im Universitätsalltag seine Gruppe an Freunden zusammengescharrt, aber dann, wenn man sich näher kennenlernen möchte, steigt man aus. Die innere Uhr tickt unablässig, der erschöpfte Geist drängt einen geradewegs dazu, sich auf den Heimweg zu machen. „Das nächste Mal bestimmt!“… Dabei beobachtet man das Geschehen wortwörtlich von hinter dem Zugfenster und bereut wieder einmal die Entscheidung, sich nicht dazu aufgerafft zu haben. Während im Hintergrund die WhatsApp-Chatgruppe Sturm läuft und die nächsten Verabredungen unter den Kommilitonen klargemacht werden. Von denen man die meisten noch nicht einmal richtig kennt, obwohl das Semester schon zur Hälfte durch ist…

Natürlich kann einem auch der stressigste Tag die Freude am Studentenleben nicht nehmen, doch das Pendeln zehrt an den Nerven. Routine mag sich vielleicht irgendwann einstellen, doch wer die Dienste des öffentlichen Personenverkehrs in Anspruch nimmt, der weiß, dass selbst der normalste Trip zu einem kleinen Abenteuer werden kann. Verspätungen mögen dabei hart sein, wiegen aber bei weitem nicht so schwer, wie der restliche Verzicht – nämlich mit den Freunden die nötige Zeit zu verbringen, ohne dabei zum drängelnden Quälgeist zu werden. Und das ist die größte Entbehrung für eine pendelnde Studentin.

Ein Gedanke zu „Hin und zurück – Die Entbehrungen einer Pendlerin

  1. Schlopsi Autor

    Hat dies auf Infernal Cinematic Affairs rebloggt und kommentierte:

    Es ist derzeit erstaunlich still hier geworden. Gefällt mir persönlich ja gar nicht und ich weiß nicht, wie es euch damit geht. Jedenfalls möchte ich ein kleines persönliches „Update“ einschieben, was zumindest teilweise erklärt, was bei mir gerade so abgeht. Denn ich bin, obwohl das Studentenleben selbst noch recht flax ist, nur im Stress. Und dann hat man auch gar keine Lust mehr, sich spätabends noch einen Film einzuschieben. (Da studiert man Filme schon, die Watchlist wird dank sämtlichen Kursen noch länger als sie ohnehin schon ist, und kommt nicht mehr dazu. Pah! Hoffentlich pendelt sich das bald ein, denn der SuF ist wieder mächtig angewachsen…) Aber es wird sich einiges ändern, denn nach Jahren des Klagens konnte ich heute endlich meinen neuen Computer abholen, der sogleich aufgesetzt werden möchte. Und dann wird gezockt bis zum Umfallen. Kennt ihr ja… nech? ;) Trotzdem bemühe ich mich, zumindest einigermaßen konstant mit den Beiträgen zu bleiben, auch wenn es nicht immer einfach ist. Aber was ist schon einfach? Nicht einmal das Pendeln, von dem ich heute berichten möchte. (Jaja, die armen Studenten. Nur am jammern!)

    Antwort

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s