Roger Willemsen

Roger Willemsen: „Irgendein Mangel entstellt mich derartig, dass ich permanent reden muss“

Bild RW1

Der zum TV-Studio hergerichtete Hörsaal RW1. Foto: Daniel S. Fröb

MAINZ (dsf). Auf Einladung des Universitätspräsidenten der Johannes Gutenberg-Universität Univ.-Prof. Dr. Georg Krausch und dem Südwestdeutschen Rundfunk fand am 1. Dezember 2014 ein ganz besonderer Gast den Weg in den Hörsaal RW 1 auf dem Mainzer Campus. Unter dem Motto: „Nahaufnahme Deutschland – Alles Roger in der Republik“ sprach der SWR Moderator Fritz Frey mit dem Grimme Preisträger Roger Willemsen über Angela Merkels Ähnlichkeit zu Helene Fischer, Sahra Wagenknechts Stiefelletten, Jürgen Klopps Talfahrt, Heidi Klums Frauenfeindlichkeit und Madonnas Psychiater. Aber auch das Engagement Willemsen in Afghanistan wurde ausführlich behandelt. Im, für das Fernsehen tauglich gemachten, Hörsaal RW1 fanden sich zu der Gesprächsrunde etwa 300 interessierte Menschen ein. Mit diesem Zuschauerzuspruch zeigte sich Roger Willemsen sehr zufrieden. Das „Bühnenbild“ wurde von zwei weißen Sesseln bestimmt. Um kurz nach 19 Uhr nahmen die Gesprächspartner auf diesen Sitzgelegenheiten Platz. Indigofarbenen Kuben rundeten das Bild ab. Das Geschehen und die Kulisse wurden von zahlreichen Kameras eingefangen. In dieser Atmosphäre, die einem TV-Studio auf erstaunlicher Weiße glich, ging es dann im lockeren Plausch um die Themen Politik, Afghanistan, Fußball, und das Fernsehen. Es gab aber auch sehr persönliche Ansichten, die von Willemsen eindrucksvoll vermittelt wurden.

Ich sehe doch die bewusstseinserweiternden Substanzen

Als lustiger Einstieg diente Willemsens‘ (früherer) Hanfkonsum. So habe Willemsen vor geraumer Zeit die Idee für eine neue Fernsehsendung gehabt. Das Konzept sah vor, dass Willemsen mit seinem jeweiligen Gast während des Gespräches kiffen sollte. Dies aufgreifend stellte Frey die Frage an das Publikum, ob jemand einen Joint dabei habe, um das Konzept nun Wirklichkeit werden zu lassen. Die vor der Aufzeichnung einstudierte Antwort „PFUI“ wusste Willemsen sofort einzuordnen. Er unterstellte dem Publikum, dass es vom SWR gekauft worden sei und fügte hinzu, dass er die bewusstseinserweiternden Substanzen im Zuschauerraum doch sehen könne.

Angela Merkel ist die Transposition von Helene Fischer auf die Politik

Nach diesem Einstieg richtete Frey den Fokus auf das aktuelle Buch von Willemsen mit dem Titel „Das Hohe Haus – Ein Jahr im Parlament“. Er attestierte deshalb seinem alten Bekannten neuerdings eine masochistische Ader, da er sich die Besuche Willemsens aller Bundestagssitzungen im Jahre 2013 nicht anders erklären könne. Auf die Frage was ihn am Meisten in dieser Zeit überrascht habe, antwortete Willemsen dann auch folgerichtig ebenso flapsig: „Die größte Überraschung war die Ausdauer, die mein Rektum bewiesen hat.“ Dass er aber auch ernsthafte Studien im Bundestag angestellt hat, erläuterte er am Beispiel von Sahra Wagenknecht. Sie zeige im Gegensatz zu denen, die am Rednerpult wegen ihrer Angst vorm Sprechen nichts zu suchen hätten, einen gesunden politischen Angriffsgeist. Dieser offenbare sich darin, dass sie immer zu ihren Gegner spräche, während die ängstlichen Abgeordneten sich nur an die eigenen Leute richten würden, da sie dort in Gesichter blickten, die wenigstens „Ja“ sagen würden. Diese Einschätzung sei anders als von Frey vermutet nicht hormonell von Wagenknechts Stiefelletten beeinflusst: „Wenn du wüsstest wie resistent ich gegenüber Stiefeletten bin.“ Die beeindruckendste Person im Bundestag sei ohnehin die „Hinterbänklerin“ Diana Golze von den Linken gewesen, die sich durch persönliches Engagement und Herzblut und nicht durch ihre Kostüme ausgezeichnet habe. Von der Bundesregierung indes fühlt er sich nicht repräsentiert. Die Zustimmung für die Bundeskanzlerin erklärt er sich daher so: „Angela Merkel [ist] die Transposition von Helene Fischer auf die Politik. […] Niemals einen Standpunkt haben, niemals Schärfe zeigen.“ Auch stellte er fest, dass die Neujahrsrede von Merkel im gesamten Jahr 2013 nur 5891 mal (Stand 26.03.2015: 9500) angeklickt wurde. Da habe jedes Katzenvideo mehr. Abgesehen davon, sei das Verhalten im Bundestag, unter anderem beim NSU-Skandal, frei von jeder Disziplin und von jedem Taktgefühl gewesen. Zum Abschluss dieses Themenbereiches stellte Willemsen resigniert fest: „Demokratie funktioniert ohne Gerechtigkeit! Ist nicht schön zu sagen, ist aber so!“

Irgendein Mangel entstellt mich derartig, dass ich permanent reden muss

Dieser Erkenntnis folgten ganz private Einsichten in Willemsens Gefühlswelt. In einem Interview mit der FAZ verkündete Willemsen: „Ich fürchte mich davor, aufgrund von Nichtwissen bloßgestellt zu werden.“ Diese Aussage löste in Frey ein gewisses Unglauben aus, doch Willemsen bestätigte: „Weißt du bestimmte Höchstleistungen im celebralen Trakt, bringt man nur zu Standen durch kompensatorische Anstrengungen. Das heißt ich bin redselig, weil ich irgendetwas verhüllen will, ich weiß nur noch nicht was es ist. Irgendein Mangel entstellt mich derartig, dass ich permanent reden muss oder mir über Dinge Gedanken mache. […] Es wäre mir recht, wenn ich auf dem Sterbebett plötzlich wüsste, ah Das war‘s. Aber bis dahin würde ich mit dieser Lebenslüge gerne Leben. Bis heute bilde ich mir ein, es ist Tatsache, dass ich früh erfahren habe, dass ich nicht tauglich bin.“ Diese schonungslose Darstellung seines Innenlebens gipfelt in der Beschreibung des frühen Todes seines Vaters und der politischen Diskussion um die aktive Sterbehilfe.

Jetzt lassen die mich nicht mal mehr vorher auf’s Klo gehen

Ein besonderes Anliegen von Willemsen ist Afghanistan. Er ist Schirmherr des Afghanischen Frauenvereins und unternahm schon einige Reisen nach Afghanistan. Ein Interview führte ihn nach Kabul in ein Haus voller Taliban. Dort interviewte er Abdul Salam Zaaef, der erst zwei Wochen zuvor aus Guantanamo entlassen worden war. Die Tatsache, dass er sich in einem Haus voller schwer bewaffneter Taliban befand, sei ihm erst aufgefallen, als er zur Toilette musste. Willemsen sei sich im Anblick der Männer mit Kalaschnikows sicher gewesen, dass er nun zum letzten Mal seine Notdurft verrichten werden würde. Als er sich nun für den letzten (Toiletten-) Gang bereit gemacht habe, dass heißt seine Hose ausgezogen habe, klopfte es an der WC-Tür. Willemsen dachte sich in diesem Moment: „Jetzt lassen die mich nicht mal mehr vorher auf’s Klo gehen.“ Doch statt der befürchteten Liquidierung habe ihn ein Taliban erwartet, der ihm eine Rolle Klopapier reichte. Trotzdem hätten er und seine Begleiterin und Übersetzerin Nadia Nashir (Vorsitzende des Afghanischen Frauenvereins) das Haus nach dem Interview fluchtartig verlassen, da die Taliban wohl Überlegungen angestellt hätten, die dem Wohlergehen Willemsens und Nashirs nicht zuträglich gewesen wären. Willemsen zeichnet insgesamt ein düsteres Bild von Afghanistan, auch wenn es kleine Hoffnungsschimmer gäbe. Die Lage in Afghanistan sei schlechter und die Stellung der Taliban gefestigter als vor dem Krieg.

Jürgen Klopp ist einer der Besten, den man sich wünschen kann und ein Glücksfall für den Fußball

Nun widmeten sich die Gesprächspartner dem, nicht nur nach Bill Shankly (schottischer Fußballspieler und -trainer; „Es gibt Leute, die denken Fußball ist eine Frage von Leben und Tod. Ich mag diese Einstellung nicht. Ich kann ihnen versichern, dass es noch sehr viel ernster ist“), „wichtigsten“ Thema der Welt. Willemsen bezog, nur auf das Themengebiet Fußball angesprochen, direkt für Jürgen Klopp Stellung. Klopp (ehemals Trainer des 1. FSV Mainz 05) stand in der Kritik, da er mit seinem Verein Borussia Dortmund Anfang Dezember die Tabelle der Fußballbundesliga von der falschen Seite anführte. Willemsen argumentierte dagegen: „Wie kann man diesem Mann jetzt Kompetenz absprechen und sagen er habe kein Gefühl für die Motivation der Mannschaft in der Niederlage. Er ist einer der Besten, den man sich wünschen kann und ein Glücksfall für den Fußball.“ Frey ging es aber darum, die Freundschaft Willemsen mit Thomas Hitzlsperger (u.a. VfL Wolfsburg, VfB Stuttgart) näher zu beleuchten. Der ehemalige Nationalspieler (52 Einsätze) outete sich nach seiner aktiven Karriere als homosexuell. Dieses „Coming-Out“ habe aber nach Willemsen schon heute keinerlei Wirkung mehr. Aktuell ist Hitzlsperger Autor beim Fußballmagazin 11Freunde.

Ich bin auf die Champs-Elysee gerannt, weil ich dachte Madonna ist hinter mir

Von der Fußballbühne war es jetzt nur noch ein Katzensprung zur „glitzernden“ Medienwelt. So erinnert sich Willemsen an ein Interview mit Madonna, welches in Paris stattfand. Während des Interviews stellte Madonna fest, dass sie das Gefühl habe, ihrem Psychiater gegenüber zu sitzen. Willemsen antwortete, dass es vermutlich deshalb so sei, weil er aus Europa komme. Das führte zu der Erkenntnis Madonnas, dass das stimme könne, da ihr Psychiater auch aus Argentinien (!) käme. Nach dem Interview verließ Willemsen, ähnlich wie in Kabul Jahre später, fluchtartig das Gebäude: „Ich dachte die Kassette gibt die mir niemals und dann habe ich die Kassette bekommen und bin bis auf die Champs-Elysee gerannt, weil ich dachte Madonna ist hinter mir.“ Aber auch bei den Medien bewahrt Willemsen seinen kritischen Blick. So erneuerte er seine Vorwürfe an Heidi Klum, die er für frauenfeindlich hält, und ihrem Vater Günther, der in seinen Augen aus dem „Mädchenhandel“, also dem Modelbusiness, entfernt gehört.

Ich gucke ja so viel Schrott und geniere mich über mich selbst

Es folgt ein Rundschlag gegen das Fernsehen, den er aber nicht als TV-Bashing bezeichnen würde. So seien wir heute in einer „Sammelkläranlage“ gelandet, „in der sich so viel tote Unterhaltung der 60er und 70er reanimiert.“ Aber Willemsen wäre nicht Willemsen, wen er hier nicht auch Positives zu berichten wüsste. Selbst wenn sich dem Lob an das ZDF für seine Kabarettsendungen ein Seitenhieb anschließt: „Ich fordere alle auf, mal sehr genau aufzupassen auf welchem Programmplatz Jan Böhmermann geschoben wird. Vor Mitternacht? Das wäre kühn!“ Aber er ist auch selbstkritisch in Bezug auf seine Fernsehnutzung: „Ich gucke ja so viel Schrott und geniere mich über mich selbst. Ich lasse mich vom Fernsehen permanent unterfordern.“ Dabei sieht er den wesentlichen Bestandteil der Kultur in der Überforderung. „Wir sind irgendwie davon überzeugt, dass kulturelle Leistung […] nur möglich [ist] in dem Augenblick, wo ich mich überfordere. Und ich wünsche mir ein Fernsehen, dass von dieser Idee nicht komplett Abstand nimmt. Das heißt ein Fernsehen, das Räume lässt in denen ich dann und wann den Phantomschmerz einer Welt noch empfinden kann, die es mir so schwer macht, wie sie es mir draußen macht.“ Mit diesem Postulat der Überforderung schloss die klassische Fragerunde ab.

Ich wende Schaden ab von der Welt, indem ich alleine lebe

Als Übergang zu den Fragen aus dem Publikum diente eine Fragevariante, in der Willemsen auf von Frey vorgegebene Satzanfänge mit Halbsätzen antworten musste. So erfuhren die Zuschauer, dass Roger Willemsen weder einen Führerschein noch ein Handy besitzt. Interessantes förderte auch der Satzanfang: „Ich muss unbedingt alleine leben, weil…“ zu Tage. Über seine Antwort: „ich zu marottenhaft bin um das nicht zu tun und ich wende Schaden von der Welt ab, indem ich alleine lebe“ lässt sich sicherlich trefflich streiten.

Eine eindeutige Antwort auf die Frage, ob jetzt wirklich alles Roger in der Republik ist, blieb Willemsen zwar schuldig, dafür gab er den anwesenden Studenten einen Rat mit auf den Weg: „Findet den Punkt eures Interesses. Wendet den größtmöglichen Enthusiasmus auf für das, was euch im Leben unbedingt bestimmt. Glaubt eurem Stern, glaubt nicht den Studienordnungen, macht der Universität Probleme!“ Diese und ähnliche Aussagen dürften dem anwesenden Herrn Univ.-Prof. Dr. Georg Krausch nicht sonderlich gefallen haben, mit der Veranstaltung insgesamt dürfte er jedoch durchaus zufrieden gewesen sein. Den Abschluss bildete eine offene Fragerunde, in denen sich die anwesenden Studenten und der Universitätspräsident einbringen konnten. Nach gut 1 ½ Stunden ganz besondere Unterhaltung, gingen die Zuschauer mit neuen Erkenntnissen nach Hause. Wer den SWR UniTalk verpasst hat und sich ein eigenes „Bild“ von der Gesprächsrunde machen möchte, der kann sich eine Zusammenfassung der Veranstaltung in der SWR-Mediathek anschauen.

Johannes Gutenberg-Universität Mainz

WS 2014/15

FB 02: Sozialwissenschaften, Medien und Sport

Fach: Publizistik

Kurs: Nachrichtenproduktion

Beitrag: „Roger Willemsen“

Verfasser: Daniel S. Fröb

Dozent: Gregor Mayer

Abgabetermin: 31.03.2015

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