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Schwarzes Mutterherz – Staatstheater schockt mit „Die Ratten“

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Die Finsternis mit der Hauptmanns Tragikomödie „Die Ratten“ im Staatstheater Mainz in die Premiere ging, lässt einem die Knie schlottern.

Die Leiden Frau Johns (Anika Baumann) durch den Tod ihres geliebten Sohnes verwandeln sich in Jan-Christoph Gockels Inszenierung von „Die Ratten“ in einen dunklen Alptraum. Wenn mütterliche Obsession in tödlichen Wahnsinn umschlägt, bleibt nämlich nichts und niemand verschont.

Putzfrau Henriette John lebt ärmlich in einer dreckigen Berliner Mietskaserne. Weil ihr einziger Sohn, liebevoll Adalbertchen genannt, vor Jahren in den unhygienischen Verhältnissen an Brechdurchfall erkrankte und starb, wünscht sich Frau John nichts sehnlicher als einen zweiten Knaben. Ein unheilvoller Handel wird vollzogen, nachdem das Dienstmädchen Pauline (Ulrike Beerbaum) verzweifelt ihr uneheliches Kind verstoßen will. Gegen Geld überlässt die ratlose Hausgehilfin ihr Neugeborenes an Frau John, die fortan das Kind als ihr eigenes ausgibt. Auch ihrem Mann (Johannes Schmidt) gaukelt sie dies vor und spinnt ein Netz aus Lügen, das zu reißen droht, als leibliche Mutter Pauline zurückkommt, um ihren Säugling zurückzufordern.

Dort, wo alle dunklen Fäden zusammenlaufen

Besonderes Highlight auf der Bühne: Die Holzpuppen. Das tote Adalbertchen taucht immer wieder als klackerndes, hölzernes Gespenst vor Frau Johns Augen auf, das nur sie sehen kann. Michael Pietsch, der auch Frau Johns gewalttätigen Bruder Bruno spielt, haucht aus der Höhe mit über 5 Meter langen Fäden dem verstorbenen Sohn Leben ein. Pietsch spielt jedoch nicht nur das Adalbertchen – er hat ihn auch gebaut. Genau wie die zwölf anderen Puppen, die als Kinder und Säuglinge auftreten. Eine originelle Lösung für die Inszenierung der Kinder und Säuglinge: Man unterstreicht nicht nur, dass die jugendliche Unschuld und kindliche Reinheit der Nachkommen in den Händen besitzergreifender Erwachsener zu begehrtem Spielzeug pervertiert, sondern vereint dieses Symbol mit ängstigender Dunkelheit, markerschütterndem Säuglingskeuchen, psychedelischen Kinderliedern und hastigem Lichterflackern zu einer Horrorgeschichte.

Schmerzensschreie einer Mutter

Eine Szene brennt sich dabei besonders ins Gedächtnis – dunkle Kulisse, zwei besetzte Stühle: Die Gestalt Frau Johns nähert sich langsam dem Publikum. Sie trägt ein großes Leinenbündel vor sich her, das ihr Gesicht verdeckt. Während sie es behutsam auf den Boden legt, lichtet sich ihr Kopf: das Antlitz ist eine furchterregende Fratze mit verzerrten Augen, unförmigen Lippen und aufgedunsener Haut. „Wo ist mein Adalbertchen? Hat jemand mein Adalbertchen gesehen?“ haucht eine teuflische Stimme. Die Schreckensgestalt kniet sich auf den Boden, entwirrt das Leinenbündel und reißt schreiend einen fauligen Kinderarm aus dem Stoff, die Bühne verfällt in Scheinwerferchaos. „Adalbertchen“, jammert sie, presst das scheußliche Leichenteil an ihre Brust, taumelt herum, ergreift einen Hammer, geht auf die beiden Sitzenden zu und es bricht wieder verzweifelt aus ihr heraus: „Habt ihr mein Adalbertchen gesehen?“ Rasend bewegt sie sich auf die linke Bühnenwand zu und schlägt außer Rand und Band die graue Pappverkleidung ein, aus der Lichtstrahlen aufwirbelnde Staubwolken sichtbar machen. Dann bricht sie durch das leuchtende Loch hindurch, als ob sie das Grab ihres Babys schänden wollte, verschwindet für ein paar Sekunden und findet mit blutüberströmten Beinen zurück. Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten. Das Leid der Mutter ist tragisch und berührt – doch lässt es einem in dieser Inszenierung auch das Blut gefrieren.

Im Nachhinein wirkt einer der ersten Bilder im Stück unendlich traurig: Ein blauer Luftballon rollt über den Boden, Adalbert läuft ungeschickt hinterher und spielt Fußball damit. Frau John zeigt in den Saal, gibt ihrem Sohn zu verstehen, nicht so schüchtern zu sein und zu winken. Der aber ist verlegen, klammert sich immer wieder an die Knie seiner Mutter, wird in den Arm genommen, spielt wieder Fußball und schüttelt verlegen den Kopf. Das Ganze ist lustig anzusehen, aber letzlich nur das sichtbar gewordene Hirngespinst einer traumatisierten Mutter. Adalbert ist schon lange tot. Das stimmt nachdenklich.

Groteskes Trauerspiel

Das Elend des Proletariats tritt dann zutage, als die schicksal- und drogengebeutelte Frau Knobbe (Anna Steffens) mit ihren sechs (Puppen-)Kindern vor das Publikum tritt und in der Gegenwart der anderen Figuren von ihrem einst glamourösen Leben in Paris erzählt – ihr wird herzlich applaudiert, sie verbeugt sich überglücklich und ihr Lächeln erstirbt wieder. Man bekommt das Gefühl, dass es irgendwann eine tragische Wendung gegeben haben muss. Ihr Zustand in fetzigen Lumpen und mit ausgemergeltem Gesicht zeugt schließlich so gar nicht von der Stadt der Liebe. Irgendwann lässt sie sich, im Griff ihrer Sucht, von einem ihrer Schützlinge eine Zigarette geben, vom nächsten Feuer. Sie raucht und erzählt weiter von ihrem Leben, bekommt einen weiteren manischen Schub, poltert hysterisch zu ihren Kindern zurück und lässt sich von ihnen Morphium in die Venen spritzen. Die Kinder schleifen den regungslosen Körper in die Dunkelheit des Hintergrunds.

Wenn Hauptmanns Tragikomödie zwei Ästhetikschulen vereint, so wird in der Mainzer Fassung eine dritte Dimension aufgebrochen: Die des Gruselns. Ein tragikomischer Gruselschocker? Es ist schon eine beachtliche Leistung, wenn man ein Publikum in nur einem Stück das Fürchten, Lachen und Leiden lehrt. Die innovative Abwandlung Jan-Christoph Gockels von „Die Ratten“ avanciert zu einem kleinen schillernden Diamant des Dramas. Sehenswert ist es deshalb allemal. Bis Ende Mai darf man sich an den Vorstellungen erfreuen. Ab ins Theater!

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