Mainz. Tag & Nacht: Was meenzt du

Mainz. Tag & Nacht – Was meenzt du? : „Das menschliche Streben sollte keine Grenzen kennen“

Mainz. Tag & Nacht: Was meenzt du

„Die Entdeckung der Unendlichkeit“ ist ein Film über Stephen Hawking, der sehr eindringlich zeigt, dass auch Menschen mit Behinderung zu großen Taten fähig sind – aber auch, was die Pflege in der Familie bedeuten kann.

Spätestens seit der Ice Bucket Challenge haben wir alle schon einmal etwas von der Krankheit Amyotrophe Lateralsklerose, kurz ALS, gehört, aber immer noch haben verhältnismäßig wenige eine genauere Vorstellung von dieser Erkrankung des Nervensystems.Einer der wohl bekanntesten Erkrankten ist Stephen Hawking, von dessen Leben in dem neuen Kinofilm „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ von James Marsh erzählt wird.

Wie so oft, wenn ein Film in die Kategorien Drama, Biografie und Romantik fällt, sollte man den tatsächlichen Wahrheitsgehalt mit Vorsicht genießen, da aber die Memoiren seiner Ex-Ehefrau Jane Wilde mitunter als Vorlage dienten, kann man davon ausgehen, dass zumindest der Kern einige Wahrheiten enthält.
Generell sollte man sich diesen Film nicht mit den falschen Erwartungen anschauen, denn wer hier großes Action-Kino erwartet, wird schnell enttäuscht werden. Wer sich aber mit Überlänge, einem ruhigen Erzähltempo und komplexen Charakteren anfreunden kann, wird sicherlich seinen Spaß haben.

Der Filminhalt
Die Handlung beginnt zu Stephen Hawkings (Eddie Redmayne) Studienzeit in den 60er Jahren, wo er sowohl durch Faulheit als auch dafür überraschende Genialität auffällt. Früh lernt er die Kommilitonin Jane Wilde kennen, die Sprachen studiert, zielstrebig und gläubige Christin ist – ein krasses Gegenteil zu Stephen, doch es scheint zu funktionieren: Die beiden verlieben sich. Und sie ist auch diejenige, die ihn wieder auf die Beine bringt, als er mit ALS und zwei Jahren verbleibender Lebenszeit diagnostiziert wird. Ein Schock für alle, doch Jane hält zu ihm. Die beiden heiraten, kriegen Kinder und Stephen arbeitet an seiner Dissertation – oder besser gesagt, die beiden arbeiten daran. Denn Stephens Krankheit behindert ihn mehr und mehr: Die Hände versteifen, sein Körper gehorcht ihm kaum noch, er ist an den Rollstuhl gebunden, seine Sprache wird verwaschener.

Was anfangs noch gut zu klappen schien, wird immer schwieriger. Stephen fühlt sich ausgegrenzt durch seine Abhängigkeit, Jane wachsen ihre Aufgaben mit der Pflege von Stephen, der Erziehung der Kinder und dem Haushalt über den Kopf. Ihrem eigenen Studium kommt sich kaum noch hinterher, was zu wachsener Frustration führt. Auf Rat ihrer Mutter tritt sie dem Kirchenchor bei, wo sie den Witwer Jonathan kennenlernt; dieser begleitet die Familie bald auf Ausflügen, beteiligt sich an der Pflege von Stephen – und ganz nebenbei entwickeln sich Liebesgefühle zwischen Jane und ihm.
Als Stephen zu einem Konzert in Bordeaux ist, kollabiert er aufgrund einer Lungenentzündung und verfällt ins Koma. Statt auf lebensverlängernde Maßnahmen zu verzichten, ordnet Jane eine lebensrettende Operation an, die aber auch Stephen seine Fähigkeit zu sprechen nimmt.

Erstmals wird Jane durch die Pflegerin Elaine Mason unterstützt mit der Stephen sich sehr gut versteht und mittels einer Buchstabiertafel, dann über einen Sprachcomputer kommuniziert. Stephen schreibt nun an seinem Buch „Eine kurze Geschichte der Zeit“ und wird zu einem Vortrag in den USA eingeladen, zu dem er aber nur Elaine mitnehmen wird. Jane entschließt sich schließlich zur Trennung von Stephen und heiratet Jonathan. Dennoch pflegen sie und Stephen eine gute Beziehung zueinander, sie begleitet ihn zu einer Ehrung bei der Königin und in der Schlussszene betrachten sie gemeinsam ihre Kinder.
Ein Leben mit Behinderung, die Rolle der Frau in den 60er bis 80er Jahren, Affären, Depressionen – der Film greift eine Reihe von heiklen Themen auf ohne dem Zuschauer sofort den erhobenen Zeigefinger vorzuhalten und bleibt dabei auf einer sehr menschlichen Ebene.

Ein Bild von Hawking jenseits seines Ruhms
Einer der bemerkenswertesten Aspekte dieses Films ist die Darstellung von Behinderung. Zwar merkt man an einigen Stellen, dass Eddie Redmayne selbst keine Behinderung hat, aber er füllt die Rolle dennoch überzeugend aus. Zumal der fortschreitende Charakter der Krankheit die Besetzung mit einem Schauspieler, der tatsächlich ALS hat, stark erschwert hätte.
Im Film wird sehr schnell deutlich, wie sehr Stephen seine Einschränkungen stören – er lehnt seine Freunde und Familie ab, kämpft mit Depressionen und sieht, wie seine Behinderung nicht nur ihn, sondern auch seine Familie belastet. Genauso wird auch gezeigt wie wichtig Barrierefreiheit und Hilfsbereitschaft der Mitmenschen sein können.
Der zunehmende Verfall seines Körpers durch den Muskelschwund wird sehr explizit dargestellt, man verzichtet dabei aber größtenteils auf übertriebene Tragik und vermeidet ausschließlich Mitleid zu erregen – zum Glück, denn das hätte dem Film viel von seiner Ausstrahlung und Seriosität genommen.
Generell bemüht man sich sehr den Mann Stephen Hawking zu zeigen und ihn nicht nur auf seine Krankheit oder seinen Ruhm zu reduzieren. Man legt den Fokus auf Stephens Innenleben, wie sehr er unter der Abhängigkeit von anderen leidet, aber auch, dass er eine neugewonnene Motivation in sich trägt und versucht, das Leben mit Humor zu nehmen. Denn das wird oft vergessen in der medialen Darstellung von Behinderung: dass man immer noch ein Mensch ist.

Ein Leben mit Behinderung aus der Sicht der Pflegenden
Sehr interessant ist außerdem, dass auch Janes Perspektive sehr menschlich und vor allem nachvollziehbar gezeigt wird. Trotz allen Mitgefühls für Stephen kann man ihr die Zuneigung zu Jonathan nicht verübeln, denn auch ihre Situation ist alles andere als einfach.
Während Stephen trotz seiner Behinderung Weltruhm erlangt, kommt sie aufgrund der Pflege und vielen Aufgaben im Haushalt – wo Stephen sie nicht unterstützen kann – kaum mit ihrer eigenen Dissertation voran und hat keine Minute Zeit für sich, was sie zunehmend frustet. Aber Beachtung von in ihrem Umfeld für ihr Opfer aus Liebe zu ihrem Mann fehlt gänzlich, die Unterstützung durch Freunde nimmt ebenfalls immer mehr ab. Auf ihr mehrmaliges Bitten um Hilfe bei der Pflege wird erst nach Stephens Kollaps reagiert. Und trotzdem steht sie ihrem Mann zur Seite und trotz ihrer Gefühle für Jonathan unterstützt sie ihn, wo sie nur kann, bis sie weiß, dass nun andere gut für ihn sorgen. Der Zwist zwischen Pflichtgefühl, Liebe und Egoismus, den so viele bei der Pflege von Familienmitgliedern empfinden, wird sehr eindringlich dargestellt.

Fazit: Ein Film, der mehr als nur eine einzige Perspektive zeigt
Wer also Interesse an einem Film hat, der das Leben mit Behinderung aus einer sehr humanen Perspektive zeigt und dabei viel Symbolik in seine Bilder legt, wird sicherlich seine Freude an dem Film haben. Und er ist ein Muss für jeden, der bis heute immer noch gedacht hat, dass die ALS Ice Bucket Challenge eine sinnlose Aktion war, und noch nicht verstanden hat, was diese Krankheit für andere eigentlich bedeutet.


Wo läuft der Film?

Mainz
Residenz & Prinzess Filmtheater
Schillerstraße 30 – 32

Frankfurt am Main
Filmtheater Valentin
Bolongarostraße 105

Die DVD wird voraussichtlich am 30. Dezember 2015 erhältlich sein.

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