The Imitation Game – Fakt oder Fiktion

Mit 8 Oscar-Nominierungen zählt Morten Tyldums Historiendrama The Imitaion Game – Ein streng geheimes Leben zu den Favoriten im Rennen um die begehrten Goldjungen. Der Film gewährt dem Zuschauer einen Einblick in das Leben des Wissenschaftlers Alan Turing. Doch wie zuverlässig tut er das?141126_BB_TuringCumberbatch.jpg.CROP.promovar-mediumlarge

Alan Turing vor The Imitation Game – Ein Name, den man schon einmal gehört hat, aber nicht eindeutig zuordnen kann.

Alan Turing nach The Imitation – Mathematiker, Informatiker, Vater des vorläufigen Computers und nicht zuletzt entscheidender Faktor für den Sieg der Alliierten im 2. Weltkrieg.

Hollywood stellt erneut seine Befähigung zur allgemeinen Rezeptionsveränderung unter Beweis. The Imitation Game erzählt die jahrzehntelang unter Verschluss gehaltene Geschichte des Mannes, der den als unlösbar geltenden Enigma-Code geknackt hat, den die Deutschen zur Verschlüsselung ihrer Nachrichten verwendeten. Ein Mann, der von Winston Churchill zum Kriegshelden ernannt, und später wegen seiner (damals noch verbotenen) Homosexualität vor Gericht verurteilt wurde. Angelehnt an Andrew Hodges biographischen Roman Alan Turing – Enigma und getragen von einem schauspielerisch brillierenden Benedict Cumberbatch (bekannt durch Sherlock) wird dem Zuschauer das Genie mit dem tragischen Doppelleben greifbar gemacht. Jedoch genehmigt sich Regisseur Tyldum auch einige künstlerische Freiheiten.

Wahrheiten in Bletchley Park

Zunächst die Fakten: Wahrheitsgetreu zeigt The Imitation Game, wie der überdurchschnittlich begabte Wissenschaftler Alan Turing im britischen Bletchley Park abgefangene Funksprüche der deutschen Wehrmacht dechiffriert, um einen entscheidenden Vorteil für die Alliierten im Krieg zu erhalten. Historisch korrekt werden auch Personen wie sein Kollege in Bletchley Park Hugh Alexander sowie seine kurzzeitige Verlobte Joan Clarke dargestellt. Mit Hilfe einer von Turing entwickelten Maschine gelingt es ihnen schließlich den Code zu knacken und den Krieg nach Berechnung heutiger Historiker um mindestens zwei Jahre zu verkürzen (was angesichts der Tatsache, dass der Kriegsausgang allgemein bekannt sein dürfte, nicht zu weit vorgegriffen sein sollte).

Der Autist, der keiner war

Auffällig ist jedoch die Vielzahl historischer Ungenauigkeiten, diedem Film unterlaufen, angefangen bei der Portätierung Turings: Schüchternheit, Exzentrik und Ungeduld gegenüber Irrationalität sind Attribute die Turing-Biograf Andrew Hodges dem Wissenschaftler zukommen lässt. The Imitation Game zeigt zwar einen Alan Turing, dem diese Charakteristika sehr wohl zu eigen sind, diese jedoch in autistisch anmutendem Ausmaß präsentiert. So ist es ihm beispielsweise kaum möglich alltägliche Floskeln richtig zuzuordnen und auch jegliches Gefühl für gesunde Empathie scheint dem filmischen Turing versagt. Derartige Veranlagungen habe Hodges nie erwähnt. Er sei sogar ein durchaus humorvoller und leicht zugänglicher Mann gewesen – Aspekte, die im Film nicht zur Geltung kommen. Auch Turings Umgang mit seiner Homosexualität wird nicht originalgetreu dargestellt. Dieser war nämlich tatsächlich – anders als im Film impliziert – für damalige Verhältnisse äußerst offen gehalten.

Der wohl größte Fauxpas unterläuft den Filmemachern jedoch bei der Einführung des britischen Geheimagenten John Cairncross als unmittelbaren Arbeitskollegen Alan Turings. Im Film erfährt Turing von Cairncrosss Spionageaktivitäten für die UdSSR, meldet dies seinen Vorgesetzten jedoch nicht. Obwohl Cairncross tatsächlich zu der Zeit in der auch Turing dort arbeitete, in Bletchley Park war, beschreibt Hodges es als „aberwitzig“, dass es zu einem Kontakt der beiden gekommen sein soll. Ferner entstehe die Darstellung Turings als Landesverräter, da er sich hierbei der Spionagedeckung schuldig mache.141125_MOV_THEIMITATIONGAME.jpg.CROP.promo-mediumlarge

Hollywoods Hochglanzpolitur

Es gibt noch einige weitere Punkte die an dieser Stelle noch ergänzt werden könnten (beispielsweise die Dechiffriermaschine, die sogenannte Turingbombe, im Film unter dem Namen Christopher auftretend, als handwerkliche Eigenleistung Turings). Die wesentlichen Punkte, die einen beliebten Trend Hollywoods zeigen, sind aber schon genannt. In Biopics aller Art kommt es immer wieder vor, dass Authenzität und Realität, „packenderen“ Ergänzugen und Fiktionalisierungen im Namen des Unterhaltungskinos weichen müssen. Dies kann zwar einerseits zum Anstieg am Box-Office führen, erzeugt aber gleichzeitg eine breitere Angriffsfläche für Kritiken, die sich hinsichtlich anstehender Preisverleihungen als wahres „Gift“ erweisen könnten. Große schauspielerische und filmische Leistungen stehen somit hinter dem Schatten der historischen Ungenauigkeit. Was im letzten Jahr Dallas Buyers Club war, ist 2015 The Imitation Game.

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