Bildgewaltig, melancholisch, großes Kino

 

In der Kinolandschaft ist momentan viel los. Die Oscars stehen vor der Tür und Hollywood bombardiert sein Publikum förmlich mit einem großen Titel nach dem anderen.
Benedict Cumberbatch, Bradley Cooper, Michael Keaton. Stars soweit man blicken kann und man darf wirklich gespannt sein, was die Traumfabrik aus Kalifornien uns alles zum Jahresanfang 2015 kredenzt.
Aber wer genug hat von Blockbustern; vom vermeintlichen Popcornkino und den großen Namen, hat auch reichlich Möglichkeiten, ein anderes Terrain des Kinos kennenzulernen.
Deshalb blicken wir heute einmal über den Tellerrand auf fremde Länder und Kontinente. Von der Türkei über Russland bis hin nach Mauretanien und zu den Philippinen.

1. Winterschlaf (Kış Uykusu)

„Als hätte Ingmar Bergman ‚The Shining‘ überarbeitet“ schreibt die Süddeutsche Zeitung über Winterschlaf  vom türkischen Regisseur Nuri Bilge Ceylan. Und man kann gewisse Parallelen zu Kubricks Horror-Klassiker nicht leugnen, selbst wenn das Drama mit Horror sonst überhaupt nichts zu tun hat.

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© Nuri Bilge Ceylan

In den verschneiten Bergen Kapadokiens betreibt der ehemalige Schauspieler Aydin ein kleines Hotel und gehört somit zu den wohlhabenderen und gebildeteren Männern der Gegend. Mit ihm leben dort seine Frau und seine Schwester, die beide versuchen, über die Runden zu kommen. Und während der Winter in den Bergen wütet, spielt sich im Hotel ein ruhiges, aber umso spannenderes Theaterstück ab.

Wer Ausschau hält nach einem Film zum Nachdenken, sollte Winterschlaf definitiv eine Chance geben. Auch wenn sich die tatsächliche Handlung des Films in wenigen Worten nacherzählen lässt, fesselt der Film trotzdem über eine Laufzeit von über drei Stunden durch seine guten Darsteller und seine brillanten Dialoge. Eine ernste, erwachsene aber ebenso interessante Reise. Ein ehrliches und ungeschöntes Bild von menschlichen Beziehungen.

Winterschaf; Regie: Nuri Bilge Ceylan; Herkunftsland: Türkei;
Kinostart:11.12.14; Laufzeit: 196 Minuten. In der Nähe
Gewinner der Goldenen Palme in Cannes 2014.

 

2. Norte – The End of History (Norte, hangganan ng kasaysayan)
Fabian ist ein verbitterter Jurastudent auf den Philippinen. Eigentlich ein intelligenter und attraktiver Mann, hat er genug von der modernen Gesellschaft und hält lange Tiraden vor seinen Bekannten über die missratene Zivilisation und die Hoffnungslose Zukunft seines Landes. Hoch verschuldet begeht er eines Abends einen brutalen Mord an seiner Gläubigerin ihrer Tochter. Die Schuld dafür bekommt allerdings Joaquin; ein armer Familienvater, der seine Frau und Kinder zurücklassen muss, um für ein Verbrechen zu büßen, das er nicht begangen hat.

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© Grandfilm

Was in Norte gezeigt wird, ist definitiv nichts, was den Zuschauer mit guter Laune zurück lässt. Zwar ist es der kürzeste Film von Regisseur Lav Diaz, doch das heißt in diesem Fall: knapp über vier Stunden. Sehr lange Einstellungen tragen diesen Film langsam, aber packend über seine enorme Überlänge. Mit malerischen Landschaftsaufnahmen und der trockenen Darstellung von menschlichem Leid, ist Norte einer der anstrengendsten, aber auch beeindruckendsten Filme der letzten Monate.

Norte- The End of History; Regie: Lav Diaz; Herkunftsland: Philippinen;
Kinostart: 25.12.14; Laufzeit: 250 Minuten

3. Leviathan (Leviafan)

Nikolai betreibt eine kleine Werkstatt, mitten auf dem Land. Doch der Bürgermeister der kleinen russischen Stadt will ihn und seine Familie zur Räumung zwingen, um auf dem Grundstück ein großes Bauprojekt umzusetzen. Um sich aus der misslichen Lage zu befreien, zieht er die Hilfe eines alten Freunds und Anwalts aus Moskau hinzu. Doch dadurch entspinnt sich ein dramatisches Spiel von Macht und Glaube.

Auch Leviathan bietet alles andere als spaßiges Kino. Der tief greifende und berührende Blick in das moderne Russland und immer weiter ansteigende Unglück eines Familienvaters lässt den Zuschauer auch nach Fall der Vorhänge nicht mehr los. Untermalt mit imposanten Bildern und tollen Darstellern schafft Leviathan den Balanceakt zwischen ergreifendem Familiendrama und subtiler Systemkritik.

Leviathan; Regie: Andrey Svyagintsev; Herkunftsland: Russland
Kinostart: 12. 03.15; Laufzeit: 144 Minuten
Gewinner für das beste Drehbuch in Cannes 2014
Gewinner des Golden Globes für den besten fremdsprachigen Film
Nominiert für den Oscar für den besten fremdsprachigen Film.

4. Timbuktu

Timbuktu, im Westafrikanischen Staat Mali. Außerhalb der Stadt lebt der Hirte Kidane mit Frau und Kindern. Der Ort jedoch ist in die Besatzung islamistischer Fundamentalisten geraten, die den Dschihad führen und den Einwohnern ihre Herrschaft aufzwingen.

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© Arsenal Filmverleih

Timbuktu zeigt auf jeden Fall ein anderes Bild einer Besetzung. Auf der einen Seite das Landleben eines Hirten, auf der anderen Seiten die islamistischen Besetzer, die mit abwegigen und manchmal gar absurden Regelungen die Stadt unter ihrer Gewalt halten. Doch ist der Film dabei keineswegs plakativ oder propagandistisch. Regisseur Abderrahmane Sissako schafft es, ein unglaublich menschliches Bild der Situation zu schaffen. Auch mit starken, ungeschönten Bildern, die einen tiefen Eindruck hinterlassen.

Timbuktu; Regie: Abderrahmane Sissako; Herkunftsland: Mauretanien;
Kinostart: 11.12.14; Laufzeit: 96 Minuten; In der Nähe
Nominiert für den Oscar für den besten fremdsprachigen Film.

Mit Ida wurde noch ein schwerwiegendes Drama dieser Art für den Auslands-Oscar nominiert, in das Polen sein ganzes Vertrauen setzt. Leider wurde der Film nur in sehr wenigen Kinos gezeigt und taucht deshalb hier nicht auf. Aber das sollte doch vorerst einen guten Überblick geschaffen haben und alle genannten Filme kann man uneingeschränkt empfehlen. Sie bieten alle einen bildgewaltigen Blick in fremde Gesellschaften, Systeme und in das innerste des Menschen selbst. Oft mit Überlänge, die den Zuschauer an seine Grenzen stoßen lassen, aber jede Minute ist es absolut Wert, gesehen zu werden.

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