Mainz Tag & Nacht – Was meenzt du?: Das Phänomen Pegida oder: warum Menschen nicht verschwinden, obwohl man sie beleidigt

Mainz. Tag & Nacht: Was meenzt du

Je suis Charlie – so lautet das Motto der trauernden Gemeinde, im Internet wie auf der Straße. Nach den islamistischen Attentaten unter anderem auf die französische Satirezeitung „Charlie Hebdo“, der 17 Menschen das Leben kostete, bekundeten Millionen weltweit ihre Solidarität. Inzwischen steht Charlie Hebdo für viel mehr als bloß für provokative Karikaturen: es geht um die Verteidigung des demokratischen Gutes schlechthin, der Meinungsfreiheit. Die Botschaft der Demonstranten lautet: Wir stehen zusammen für ein friedliches Miteinander, gegen den Terror. Egal, an welchen Gott wir glauben.

Nach den Attentaten ist die Situation für Muslime in westlichen Ländern angespannt: sie befürchten, unter Generalverdacht gestellt zu werden. Die zahlreichen anti-muslimischen Übergriffe in Frankreich geben ihnen Recht, europäische rechte Gruppierungen melden sich medienwirksam zu Wort. Auch in Deutschland zeigen sich deutliche Konsequenzen: das junge Sorgenkind Pegida erhält weiter Zulauf. Kürzlich hat Angela Merkel überraschend klar Stellung bezogen: Der Islam gehöre zu Deutschland. Justizminister Heiko Maas verurteilte die aktuellen Pegida-Märsche als „widerliches“ Ausschlachten der Pariser Anschläge. Rund hunderttausend Menschen gingen bundesweit gegen Pegida auf die Straße, sie waren den Demonstranten insgesamt fast vierfach überlegen. Zahlreiche französische und deutsche Karikaturisten fordern die selbsternannten Patrioten auf, zu verschwinden. Aber wohin eigentlich?

Die Zahl der Teilnehmer steigt. Wieso ändern die Demonstranten nicht ihre Meinung, obwohl immer mehr Menschen ihnen genau das sagen? Stellt sich wirklich die Frage, warum sie nicht „verschwinden“, nachdem man sie fremdenfeindliche Heuchler nennt? Warum Beleidigungen sie nicht bekehren und sie zu toleranten Mitbürgern transformieren? Pegida ist eine bunt zusammengewürfelte Truppe aus Rechten, Fremdenfeindlichen, aber vor allem aus Leuten, die am allermeisten eines treibt: Angst. Angst vor Überfremdung, vermeintlicher Kriminalität durch Asylanten und davor, dass ihre Stimme nichts zählt. Und wie wenig Substanz oder Fakten auch immer dahinter stehen mögen, so ist diese Angst dennoch da, und sie verschwindet auch nicht, je lauter man gegen sie anschreit. Im Gegenteil.

Es ist gut und es ist wichtig, sich deutlich gegen fremdenfeindliche Propaganda aufzustellen, zu zeigen, dass die Bundesrepublik sie nicht toleriert. Aber das allein reicht nicht: die Politik steht nun in der Pflicht, zu handeln. Es gilt, diese Gruppe zu spalten, und sich dazu ihre Sorgen anzuhören und mit Fakten zu reagieren. Es ist Zeit, dem Teil der Demonstranten Gehör zu schenken, der nicht einer menschenverachtenden Ideologie verfallen ist. Bevor sich die Fronten vollkommen verhärten, Pegida als Akt der Rebellion gefeiert wird und der Spalt, der in der Gesellschaft entsteht, nicht mehr überbrückt werden kann.

Auch Pegida muss endlich Stellung beziehen. Die Organisatoren müssen nun zeigen, wo sie hingehören: wollen sie weiter NPD-Funktionären eine Bühne bieten? Oder einen ernsthaften Dialog mit der Politik eröffnen, sich deutlich distanzieren von jenen, die der Demokratie feindlich gegenüberstehen? Erst dann kann Pegida mit Recht und glaubhaft versichern, dass sie „keine Nazis“ sind. Und dann müssen ihre Sorgen auch angehört werden.

Kathrin

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