WG-Leben: harmonisches Zusammeleben oder doch gemeinsam einsam?

Wenn man heute von Wohngemeinschaften spricht, dann denkt man nicht mehr nur an Zweckgemeinschaften für Studenten. Heute gibt es verschiedene Varianten von Wohngemeinschaften: Angefangen bei WGs für Berufstätige, die nur kurz in einer Stadt bleiben, solange der befristete Arbeitsvertrag besteht. Oder das Zusammenleben aus ökonomischen Gründen, getreu dem Motto: geteiltes Leid ist halbes Leid, besonders wenn es um die finanzielle

Lage geht. Auch generationsübergreifende Wohngemeinschaften sind nicht selten; hierbei können die Mitbewohner voneinander profitieren, indem sie die Vorteile ihrer Altersklasse miteinander teilen.

Mittlerweile leben in Deutschland laut Statista 3,6 Millionen Menschen in Wohngemeinschaften. Wir haben unsere Türen und Köpfe immer weiter für neue Wohnideen geöffnet. Dies ist ein gutes Zeichen für mehr Aufgeschlossenheit und mehr Vertrauen.

Auch ich habe mich vor zwei Jahren getraut; ich bin in eine WG gezogen. Nachdem das Apartment in Bretzenheim zu teuer und zu einsam wurde, musste eine Alternative her: eine Wohngemeinschaft. Ich war am Anfang meines Studiums und wollte es voll auskosten. Ich wollte das komplette Studentenpaket. Viele meiner Freunde, die auch studierten, wohnten bereits in WGs und so konnte ich immer mal als Besucher ins WG-Leben hineinschnuppern. Die Meinungen waren geteilt: Einige beschwerten sich über das chronische Drecksgeschirr, andere erzählten begeistert von gemütlichen WG-Abenden und den guten Partys.

Ich ließ mich auf das Experiment „Wohngemeinschaft“ ein und der Anfang war holprig. Mein neuer Mitbewohner und ich verstanden uns außerhalb der Wohnung gut, das Zusammenleben wollte dann doch nicht so ganz funktionieren. Man hatte unterschiedliche Vorstellungen und Interessen, was für sich genommen kein Grund ist, nicht in einer harmonischen Wohngemeinschaft zu leben. Allerdings wird es schwierig, mit jemanden seine vier Wände und seine Privatsphäre zu teilen, wenn die Sauberkeitsvorstellung oder das Maß an Rücksicht nicht übereinstimmen. Da können ganz schnell aus Freunden auch mal Feinde werden.

Doch ich war nie jemand, der die Flinte gleich ins Korn wirft, auch wenn dies bedeutete, dass ich den Mitbewohner wechseln musste. Und so war es auch. Mit Oliver, dem Neuen, funktionierte es wunderbar: Das Geschirr wurde gewaschen, man hielt sich an Abmachungen, teilte Brot und Butter und unternahm sogar vieles zusammen. Ich habe das WG leben genossen und zu schätzen gelernt.

Jedoch war die Harmonie leider nur von kurzer Dauer, denn Oliver verliebte sich bald und nach einem Jahr zog er mit seiner Freundin zusammen. Nun hieß es wieder: Mitbewohnersuche.

Aber ich hatte jetzt etwas WG-Erfahrung und wusste, worauf ich Wert legte und wie man Konflikte und kleine Probleme in einer Wohngemeinschaft gut lösen konnte.

Das WG-Leben hat mir ganz viel finanzielle und räumliche Flexibilität geboten. Aber es ist auch viel mehr als das; es förderte meine sozialen Kompetenzen. Ich musste mich auf andere, teilweise fremde Menschen einstellen und ein Stück Privatsphäre mit ihnen teilen. Ich bin mit einer Schwester aufgewachsen und auch wenn mir Zusammenhalt und Trubel nichts Fremdes sind, so sind Wohngemeinschaften doch was anderes als das Familienleben, wenn auch ganz ähnlich.

Man geht Kompromisse ein und teilt sich Hausarbeiten auf. Es ist schon fast eine Art Beziehung, die man mit seinen Mitbewohnern eingeht.

Heute leben Lisa, Christian und ich in einer Dreier-WG.

Wir sind alle drei unterschiedlich, in dem was wir beruflich machen, in der Musik, die wir hören, und in den Essensgewohnheiten, die wir haben. Jedoch nehmen wir Rücksicht aufeinander, sprechen über das gemeinsame Leben und wollen es stets besser machen, um uns zusammen wohl in unserer Wohnung zu fühlen. Wir sehen uns, bedingt durch unseren Alltag, nicht sehr häufig, aber wenn wir uns sehen, dann verbringen wir die Zeit gerne miteinander.

Aus heutiger Sicht bereue ich die Entscheidung, in eine Wohngemeinschaft gezogen zu sein, nicht – ich würde sie erneut treffen. Ich habe sehr viel durch mein Zusammenwohnen mit anderen gelernt, überwiegend über mich selbst. Beim nächsten Umzug (der nicht in naher Zukunft geplant ist) werde ich mich wieder nach WGs umschauen, allerdings auch bei Apartments oder Einzimmerwohnungen die Augen offen halten.

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