Raif Badawi wurde zu 1.000 Peitschenhieben verurteilt - und das nur, weil er in Saudi-Arabien sagte, was er wollte: © Amnesty International

Menschenrechtsmob macht mächtig Radau

Raif Badawi wurde zu 1.000 Peitschenhieben verurteilt - und das nur, weil er in Saudi-Arabien sagte, was er wollte: © Amnesty International

Raif Badawi wurde zu 1.000 Peitschenhieben verurteilt – und das nur, weil er in Saudi-Arabien sagte, was er wollte: © Amnesty International

Das Café Awake im Herzen der Mainzer Altstadt ist am Mittwochabend des 3. Dezembers von angeregtem Getuschel erfüllt. Unter dem Motto „Make some noise!“ veranstaltete die Hochschulgruppe Amnesty International eine Lesung zum Tag der Menschrechte im warmen Wohnzimmerflair des verglasten Etablissements.

Mainz. 19.30 Uhr, draußen ist es bereits stockdunkel, die Dezemberfrostwinde geben ihr Bestes, allen Menschen eine Erkältung zu verpassen. Die Möblierung des Café Awake mitten in der Mainzer Altstadt erinnert gleich an Wohnzimmer, dunkle Ledercouch, Tischlampen, verzierter Wandspiegel. Und mitten in diesem heimeligen Hausrat verteilt sich eine circa 30-köpfige Gruppe von engagierten jungen Leuten der Amnesty International Hochschulgruppe der Uni Mainz.

Angeregtes Getuschel, lebhaftes Rascheln von Papier, heiteres Geplauder der übrigen Gäste. Die Lesung der Amnesty International Hochschulgruppe im Rahmen der Veranstaltungsreihe zum Tag der Menschenrechte am 10. Dezember beginnt unter dem Motto „Make some noise!“, was so viel heißt wie „Macht ein bisschen Lärm!“. An diesem Abend stehen Texte zu Freiheit, Menschenrechten, Rassismus und anderen Themen auf dem Plan. Prosa, Drama, Lyrik, ganz egal.

Mirko Luthermann von der Amnesty-Gruppe tritt hervor, es kehrt Ruhe ein, er beginnt mit dem bissigen Gedicht „Hymne auf die Zukunft“ von Ann Cotten, einer deutschsprachigen Schriftstellerin. In ihr kritisiert die Autorin mit scharfzüngigem Zynismus den Hochmut Europas gegenüber der internationalen Gemeinschaft, die ungerechte Wohlstandsverteilung, die Ausbeutung in den globalen Produktionsketten, Frontex und nicht zuletzt die Heuchelei im Ölgeschäft.

Eine andere Geschichte mit dem Titel „Spaghetti für zwei“, geschrieben von Federica de Cesco aus dem Jahr 1975, liest eine junge Dame vor. In der Kurzgeschichte unterliegt der 14-Jährige Heinz dem sehr peinlichen Missverständnis, dass die Suppe, die er im Schnellrestaurant bestellt hatte, schamlos von einem schwarzen Jungen, ohne überhaupt um Erlaubnis zu bitten, mitgegessen wird. Er versucht sich selbst durch Vorurteile zu erklären, wieso der Junge seine Suppe verspeist und denkt dann, dass dies bei Asylbewerbern aus Afrika nun mal üblich sein wird. Das geht bald soweit, dass Heinz herausfordernd zu einem Löffel greift und die Suppe ohne jegliche Worte mitisst. Sein Gegenüber am Tisch bestellt anschließend ebenso wortlos Spaghetti, diesen verspeisen die beiden auch wieder. Heinz entdeckt seine kaltgewordene Suppe am Nachbarstisch, wird puterrot und der Junge bricht in schallendes Gelächter aus. Der schwarze Junge heißt Marcel und verabschiedet sich in perfektem Deutsch.

Der nächste Text ist ein schrecklich homophober Artikel von Matthias Matussek. Bei der Vorlesung hatte man schon fast den Eindruck, der Artikel sei reine Ironie, denn die Argumentation ist verachtend, selbstentlarvend und radikal katholizistisch. Was man bei dem Titel „Ich bin wohl homophob. Und das ist auch gut so“ nicht sehr viel anders hätte erwarten können. Vielen wird klar, eine derartige Einstellung ist weder förderlich für die Stärkung der Menschenrechte, noch dem Respekt vor der Vielfalt menschlichen Lebens.

Viele andere interessante Texte regen weiter zum Nachdenken an. Dann wird noch auf den weltweiten Briefmarathon von Amnesty International hingewiesen, dieses Jahr sollen damit bis zum 17. Dezember Millionen von Briefen verschickt werden, die Menschen, welche justizieller und politischer Willkür ausgesetzt sind, zur Befreiung verhelfen sollen. Unter ihnen sind Whistleblower Chelsea Manning aus den USA, Bürgerrechtsaktivistin Liu Peng aus China, Gewaltopfer Paraskevi Kokoni und ihr Sohn aus Griechenland, Raif Badawi aus Saudi-Arabien und Folteropfer Moses Akatugba aus Nigeria. Dem Briefmarathon kann man sich auch online über die Homepage von Amnesty International anschließen.

Am Mittwoch, den 10. Dezember endet die Veranstaltungsreihe am Tag der Menschenrechte mit einem internationalen Abendessen im „Pengland“ Mainz. Jeder ist herzlich eingeladen, sich zu informieren, Fragen zu stellen und miteinander auszutauschen.

Den Eindruck macht die bunte Hochschulgruppe an diesem Abend allemal.

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