Mandelmilch, Haferkekse und eine Prise Anarchie

„Back- und Schnackgeschichten – veganes Backen“ verheißt mir der Flyer, den ein gelangweilter Student vor mir im Philosophicum auf den Tisch fallen lässt. Veganes Backen klingt in den meisten Ohren zunächst wie ein unüberwindbarer Widerspruch und da ich bereits die veganen Backexperimente meiner Mutter kenne, bin ich, zugegeben, zunächst eher skeptisch. vegan Ich schwänze also meine Statistik Vorlesung und mache mich am Dienstagnachmittag auf den Weg ins Haus Mainusch – jenem Selbstversorgerhaus auf dem Campus, das nach seiner Zeit als besetztes Haus schließlich in die Hände seiner ehemaligen Besetzer übergegangen ist. Ich bin zehn Minuten zu früh, außer mir steht noch ein anderer verunsicherter Interessent vor dem großen Holztor mit Anarcho-Banner, im Inneren des Hauses brennt schwaches Licht. Ich blicke auf mein Handy und täusche vor, Nachrichten zu haben. NSA hin oder her, zumindest bei der Überbrückung unangenehmer Wartezeiten ist die moderne Kommunikation unschlagbar. Gerade als ich überlege, ob drinnen bereits der Backnachmittag in vollem Gange ist und ich hier draußen völlig umsonst in der Kälte stehe, kommen Karsten und Lotte, die beiden Ökologie-Referenten des AStA um die Ecke, beladen mit einem Korb voller Mehl, Rohrzucker, Mandelmus und Backpulver. „Tut mir leid, dass wir spät dran sind“ entschuldigt sich Karsten, „wir mussten noch die Zutaten besorgen.“ Ganze vier Rezepte haben die beide für den heutigen Nachtmittag herausgesucht – ehrgeizig für ein Team, das anfangs nur aus fünf Leuten besteht. Wir räumen die vereinzelten Flyer von den bunt zusammengewürfelten Tischen in dem noch bunter gestrichenen Raum. Mit Graffiti besprühte Fenster, Antifa-Flagge an der Wand zu meiner Rechten und ein ganzer Kühlschrank voller Club Mate entsprechen nicht ganz dem Bild eines Kaffekränzchens bei Mutti. Das Rezept für den „Mandelstollen mit Marzipan“ verlangt unter anderem Orangeat und Nelken – Orangeat haben wir nicht da und Nelken will niemand, also lassen wir beides weg. Margarine wird durch Sojabutter ersetzt, Eier durch Mandelmilch. Neugierig greift einer der Gäste des Haus Mainusch nach dem Beutel und beäugt ihn skeptisch. „Kann ich mal probieren?“ fragte er und gießt sich großzügig ein Glas ein. Ich versuche mich derweil mit Chemiestudent Dennis an den Haferkeksen, die an sich zwar eine bröckelige Angelegenheit sind, aber nach einiger Zeit eine Konsistenz annehmen, die man bereits als Teig identifizieren könnte. Mit musikalischer Untermalung von The Killers und Florence+the Machine schieben wir unsere vollen Bleche in den Gastronomie-Backofen in der Küche, trinken Tee und warten darauf, dass unsere Referentin kommt. Verena Delto arbeitet auf dem Tierlebenshof Hunsrück-Mosel e.V. der es sich zur Aufgabe gemacht hat, insbesondere Tieren, denen ein Tod durch Schlachtung oder Misshandlung bevorstand, ein würdiges Leben zu bieten. So leben auf dem Hof, der nach Deltos eigener Aussage „jenseits jeglicher Zivilisation“ liege, über dreihundert Tiere, darunter achtzehn Hunde, fünf Kühe, ein Pony und etliche Schweine und Kaninchen. Knapp acht Hektar misst der gesamte Hof, der allein von seinen Gründern und dem Verein Tierlebenshof Hunsrück-Mosel e.V. betrieben wird. Finanziert wird das Projekt hauptsächlich durch Spenden in Form von Patenschaften und dem Verein Free Animal e.V., der bundesweit mehrere solcher Höfe betreibt. Ziel des Hofes, so Delto, sei nicht nur den Tieren ein Leben ohne Ausbeutung zu ermöglichen, sondern auch, den Menschen zu zeigen, dass ein anderer Umgang mit Tieren möglich sei. So lehnt Free Animal jegliche Nutzung von Tieren ab und sieht sie als selbstbestimmte Lebewesen. Delto gibt zu, dass dieses Ziel utopisch sei, aber sie glaube dennoch, dass eine bessere Welt möglich sei. Positive Resonanz erhalte der Hof vor allem durch einen offenen Umgang, auch mit den Besuchern des nahegelegenen Dorfes Irmenach, das ausgerechnet Heimat eines Milchbauern und eines kleinen Schlachtbetriebes ist. Doch gerade bei Kindern wecke die eher unkonventionelle Haltung des Lebenshofes Interesse, so Delto. Sie hätten einige junge Freiwillige, die ab und an auf dem Hof aushelfen. Einzig und allein die Hunde seien nicht vegan, gesteht sie ein, die Umgewöhnung der Tiere, die oft ihr Leben lang keine andere Nahrungsquelle kannten, sei eine zu große Belastung. Ich bin noch immer durch den Vortrag nachdenklich gestimmt, als unsere Kekse schließlich fertig sind. Die Haferkekse schmecken sehr süß, aber wirklich gut und auch das Schokoladen-Haselnuss Shortbread verdient dieselbe Bezeichnung wie das berühmte schottische Teegebäck. Ich bin positiv überrascht. Karsten informiert mich sogleich, die nächste Veranstaltung stünde im Januar an, diesmal mit veganem Wintergemüse, der genaue Termin würde bekannt gegeben, eventuell könnte man im Sommer auch Grillabende veranstalten. Ich sage zu, Grillabende mag ich. Und vielleicht gibt es demnächst auch bei mir in der WG Haferkekse und veganes Shortbread.

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