,,Die Afghanistan-Mission ist gescheitert – auch wegen der Ignoranz in Deutschland“

Mainz. Roger Willemsen war am Montag zu Gast im SWR Uni Talk bei Moderator Fritz Frey. Ein Thema, das den Publizisten besonders beschäftigte, war die Politik des Westens in der islamischen Welt, vor allem die in Afghanistan – ein Herzensprojekt Willemsens. Er sprach über mangelndes Interesse der Menschen in Deutschland und die daraus resultierende Frustration in Afghanistan.

Laut Willemsen liege das Scheitern insbesondere an einem hohen Maß an Ignoranz vonseiten des Westens. Diese verortet er nicht nur bei den Politikern sondern auch bei normalen Bürgern: ,,Ich habe viel mehr von den Zerstörungen gesehen als etwa der ehemalige Minister Niebel und die meisten Verteidigungsminister, die mit Panzerschutz von Militärcamp zu Militärcamp fahren. Ich bin Schirmherr einer NGO (Non-Governmental Organization) und muss sagen, wir haben nie militärischen Schutz gebraucht. Das einzige Mal, dass wir das Militär überhaupt bemerkt haben, war als Querschläger unsere Schule getroffen haben und wir den Eltern, die wir erst kurz zuvor überzeugt hatten, dass dort kein Sicherheitsrisiko für ihre Kinder besteht, erklären mussten, dass die Deutschen die Schule beschossen hatten. Wir müssen endlich begreifen, dass es mehr Wahlmöglichkeiten als Weggucken und militärisches Eingreifen gibt. Ich habe das zivile Afghanistan gesehen. Was dort geschieht oder gesagt wird, hört in Deutschland niemand. Ich habe etwa eine Gruppe von Feministinnen besucht, die sagten, sie bräuchten die Hilfe des Westens, es hätte sich aber nie jemand für sie interessiert. Auch von Feministinnen aus Europa hätten sie nie etwas gehört.“
Willemsen beschreibt das Desinteresse in Deutschland: ,,Jeder westliche Übergriff brennt sich tief in das Gedächtnis der Afghanen ein. Alles hat Auswirkungen auf ihre Meinung. Mit einer teils gespenstigen Form von Duldsamkeit und Akribie was die Richtigkeit der Angaben angeht, können sie die Ereignisse wiedergeben. Der sogenannte Luftschlag von Kunduz hat das Ansehen Deutschlands in Afghanistan stark beschädigt. Damals wurde unsere Organisation beauftragt, die Verteilung der deshalb anfallenden Entschädigungsgelder zu regeln. Das mussten wir ablehnen, weil wir es uns nicht mehr leisten konnten mit der deutschen Regierung oder gar mit der Bundeswehr in Verbindung gebracht zu werden. Aber auch weniger dramatische Aktionen wie die Entsendung von zwei Überflugspürflugzeugen der Bundeswehr zur Auskundschaftung militärischer Stellungen der Taliban, von der hierzulande kaum berichtet wurde, werden in Afghanistan sehr wohl wahrgenommen. Ich weiß es noch genau, damals sagten meine afghanischen Freunde zu mir: ,,Jetzt werdet ihr zu Besatzern“. In Deutschland hingegen herrscht nur eine namenlose Empörung über das, ,,was denen angetan wird“. Das ist Heuchelei! Ich habe mittlerweile gelernt, das jeder Einzelne, indem er Interesse zeigt, indem er auch materielle Hilfe leistet, viel bewirken kann. Das hat auch symbolische Bedeutung für Menschen, die jahrelang ignoriert wurden. Die Botschaft ,,Ich interessiere mich für euch, ich schreibe über euch“ ist sehr wichtig. Kürzlich hatte Willemsen eine etwas seltsame Begegnung, die seine Eindrücke bestätigte: ,,Ich habe einen ehemaligen Guantanamo-Häftling getroffen. Er war seit einem Monat draußen und in schlechtem gesundheitlichen Zustand. Ein großer Mann, dürr, frierend und ohne Händedruck. Während des Interviews fragte er mich ständig: ,,Können wir nicht aufhören?“ Er konnte sich kaum in seinem Stuhl halten, es war eine Qual für ihn. Ich musste ihn immer wieder zum Durchhalten motivieren. Dann musste ich zwischendurch auf die Toilette. Und als ich diesen Raum betrat, sah ich da gut zwanzig Kämpfer auf dem Boden sitzen, massig Waffen vor sich – und wusste: ich war bei den Taliban. Darauf hatte nichts hingedeutet. Ich dachte, ich befände mich in einem ganz normalen Bürgerhaus. Ich betrat schnell die Kabine und verrammelte die Tür. Ich dachte, ich müsste sterben. Kurz darauf klopfte es dann auch an der Tür. Als ich öffnete, stand zu meiner Verwunderung einer der Kämpfer vor mir, nur um mir eine Rolle Klopapier zu reichen. Später ging ich zurück, um das Interview fortzuführen. Danach begab ich mich nach draußen, wo meine Dolmetscherin schon auf mich wartete und mit Angst sagte: ,,Lauf, Roger, lauf!“. Als ich mich umdrehte, sah ich, wie mein Interviewpartner und einige der Kämpfer vor dem Haus standen und sich offensichtlich überlegten, ob sie uns beseitigen sollten. Aber ich spürte, dass er mir vertraute. Dass er mir glaubte, dass ich die Schließung Guantanamos erreichen wollte. Es war ein hochintelligenter Mann, der ehemalige afghanische Botschafter in Pakistan. Er wollte gehört werden und so ließ er uns laufen.“
Willemsen meint, dass der Westen von Anfang an die Seite der Taliban hätte anhören müssen: ,,Wir erleben derzeit eine geradezu fatale Entpolitisierung von Gewalt. Wenn etwa Innenminister de Maiziere bei Salafistenaufmärschen davon spricht, dass es sich nur um ,,Gewaltversessene“ handelt, dann ist das fatal. Man darf auch, wenn man vom elften September spricht nicht sagen, dass das nur ,,irre Leute mit Teppichmessern“ waren. Wir müssen das alles hinterfragen: ,,Wofür steht das World Trade Center? Warum ausgerechnet dieses Symbol? Was ist die politische Bedeutung?“ Und so ist es auch notwendig, dass man sich die Seite der Taliban zumindest anhört. Ich kann diese ganzen Freund-Feind-Schemen sowieso nicht verstehen. Saudi-Arabien zum Beispiel betrachten wir als Verbündeten im mittleren Osten. Im Mali-Konflikt, den die Öffentlichkeit schon wieder vergessen hat, sind neulich deutsche Waffen in den Händen der islamistischen Rebellen in Erscheinung getreten. Diese Waffen wurden ihnen aus Saudi-Arabien geliefert. Die Saudis wiederum bekommen die Waffen, weil sie Verbündete sind, ganz legal mit Zustimmung der Bundesregierung aus Deutschland. Soviel dazu.“
Das Kalifat Saudi-Arabien steht ebenso wie sein Nachbar und enger Verbündeter Katar in dem Ruf, der islamistischen Terrororganisation IS ideologisch nahezustehen. Der katarische Scheich Al Thani war erst vor kurzem auf Staatsbesuch in Berlin. Sowohl Katar als auch Saudi-Arabien wird vorgeworfen, den IS zu finanzieren.
Für die Afghanistan-Mission zieht Willemsen ein klares Fazit: ,,Wir sind in Afghanistan gescheitert. Die Situation ist heute schlechter als zu Beginn des ISAF-Einsatzes. Man hätte das Land von Beginn an unter den ISAF-Mächten aufteilen müssen, da wir jetzt eine extreme Zentralisierung auf Kabul erleben, die sich katastrophal auf die anderen Landesteile auswirkt. Diese geraten in Vergessenheit, den Menschen wird nicht geholfen. Auch die NGOs beschränken sich daher zum großen Teil auf Kabul, was dort die Miet- und Lebensmittelpreise in die Höhe schießen lässt. Außerdem sitzen im sogenannten Parlament dieselben Kräfte, also Warlords und die Taliban, die auch früher schon an der Macht waren.“

von Bastian Zimmer

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