Der alte Mann und der Rasenmäher

„The Pursuit of Hapiness“ – Das Streben nach Glück ist Grundbestandteil der amerikanischen Verfassung. Und unter genau diesem Thema steht die seit Herbst 2014 laufende Reihe des AlleWeltKino in Mainz. „Das AlleWeltKino lässt Menschen ihre Geschichte erzählen und fremde Kulturen zur Sprache kommen“, heißt es in der Broschüre des Programms.
Seit Oktober werden dort (in der Regel) an jedem ersten Montag des Monats ausgewählte Filme gezeigt, die sich mit der Suche nach dem Glück und dem Umgang mit der amerikanischen Kultur beschäftigen. Eröffnet wurde die Reihe mit Burn after Reading der Gebrüder  Coen und machte am Montag, den 01.12. die dritte Etappe mit dem Roadmovie The Straight Story von Kultregisseur David Lynch. Doch, bevor wir auf den Film zu sprechen kommen, mag sich vielleicht dem ein oder anderen die Frage stellen: Wer ist David Lynch überhaupt?

David Lynch ist ein amerikanischer Regisseur und Produzent. Am bekanntesten ist er wohl für die  TV-Serie Twin Peaks mit Kyle MacLachlan in der Hauptrolle. Für die eigentlich vor fast 25 Jahren abgeschlossene Serie wurde vor Kurzem eine 2016 kommende, dritte Staffel angekündigt, was von den Fans gemischt aufgenommen wurde. Auch weit bekannt ist das Drama Der Elefantenmensch mit dem jungen Anthony Hopkins, doch der größte Anteil seines Schaffens fällt in das Genre Mystery und Thriller. Dabei arbeitet Lynch mit sehr eindrucksvollen, surrealen, teilweise bizarren bis alptraumhaften Bildern und spickt seine Filme mit Szenen, die den Zuschauer in Verwirrung, Verstörung oder sogar Abscheu zurücklassen. Filme wie Mulholland Drive, Lost Highway oder Blue Velvet erfreuen sich unter Fans des psychedelischeren Kinos an höchster Beliebtheit und sein Erstlingswerk Eraserhead hat als Midnight Movie Kultstatus erlangt. 1990 bekam Lynch für seinen Film Wild at Heart die Goldene Palme bei den Filmfestspielen in Cannes und wurde 2006 in Venedig für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Neben dem Film ist Lynch auch als Maler und Musiker aktiv.

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© Senator Filmverleih

 

Wer aber bei The Straight Story ein radikales Roadmovie mit wilden Surrealismus Sequenzen erwartet, liegt weit daneben. Ich war wirklich überrascht, etwas derart Klassisches und Herzerwärmendes von Lynch zu sehen. Der Film aus dem Jahr 1999 erzählt die wahre Geschichte von Alvin Straight. Und dieser ist nicht wirklich der Kandidat, den man für ein Roadmovie erwarten würde. Alvin Straight ist alt, sieht schlecht, kann kaum aufrecht gehen und hat noch einen ganzen Stall anderer Probleme, die einen 73-jährigen eben belasten. Zusammen mit seiner Tochter Rose lebt er  in der Kleinstadt Laurens, Iowa. Als er den Anruf erhält, sein Bruder Lyle hätte einen Schlaganfall erlitten, will er aufbrechen, diesen zu besuchen und sich nach zehn Jahren wieder mit ihm zu versöhnen. Das Problem bei der Sache ist: Lyle wohnt 390 Kilometer entfernt in einem anderen Staat. Und Alvin kann aufgrund seiner Sehschwäche kein Auto fahren. Doch sein eiserner Wille und seine Sturheit lassen ihn nicht von seiner Reise abbringen. Kurzerhand schnallt er einen Anhänger mit seinen Sieben Sachen an einen Aufsitz-Rasenmäher und begibt sich auf ein spannendes, wenn auch gemächliches Abenteuer der besonderen Art.

Wem nicht der Sinn steht nach groteskem und eher anstrengendem Film, dem kann ich The Straight Story als Lynch-Film nur wärmstens empfehlen. Während Lynch sonst oft mit verschachtelten Zeitebenen arbeitet, hat er hier wirklich einmal eine sehr angenehme Ruhe bewahrt und eine nette Abenteuergeschichte inszeniert. Die Rolle des Alvin Straight übernahm dabei Richard Farnsworth, der den alten, ländlichen Mann wirklich sympathisch spielt und dafür auch für den Oscar nominiert wurde. Mit sehr eindrucksvollen Landschaftsaufnahmen und liebenswerten Charakteren trägt der Film einen fast zwei Stunden durch eine ruhige und liebenswerte Geschichte, die einem wirklich ans Herz wächst. Man könnte an mancher Stelle sagen, dass der Film in den Kitsch abgleitet oder zu pathetisch wird. Aber wer dagegen nichts hat und bereit ist, sich darauf einzulassen, kann mit The Straight Story doch einen wirklich netten Abend verbringen.

Mich hat David Lynch hier wirklich überrascht, aber dennoch seine Handschrift nicht abgelegt. Zum Beispiel tauchen einzelne seiner Stammschauspieler für kleine Rollen auf und auch für den Soundtrack hat Lynch auf Angelo Badalamenti zurückgegriffen. Beide haben schon oft zusammen gearbeitet und erneut ein tolles Zusammenspiel aus Bild und Klang erschaffen.

Nach der Projektion des Films wurde noch zu einer Diskussionsrunde mit kleiner Einführung eingeladen; wie bei jeder Vorführung im Rahmen des AlleWeltKino.

Unter der Thematik The Pursuit of Hapiness laufen noch zwei Filme in den kommenden Monaten: Winter’s Bone am 12.01. und Out of Rosenheim am 02.02. 2015.
Beide um jeweils 19:30 Uhr im Palatin in Mainz. Alle Filme werden in Originalton mit Untertiteln (OmU) gezeigt. Der Eintritt kostet 4,50€ und für Studenten 3,50€. Diese Termine sollte man sich vormerken und wir dürfen gespannt sein, was das AlleWeltKino im nächsten Jahr noch zu bieten hat.

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