Das Kreuzberg von Mainz

Der Gartenfeldplatz inmitten von Mainz erlebt eine moderne Renaissance. Wo vorher ein Ort war, an dem man in den späten Abendstunden lieber nicht vorbeilaufen mag, ist jetzt eine innerstädtische Oase mit ihrem ganz eigenen Charme.

 

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MAINZ. In den vergangenen Jahren hat sich in Mainz entwickelt, was man sonst von Berlin und Hamburg kennt. Ein Stadtteil, der mit seinen Läden und öffentlichen Plätzen auf eine alternativ frische Art heraussticht aus der Masse der grauen Einheitsläden und Franchise-Unternehmen. Die Mainzer Neustadt, eingepfercht zwischen der leerstehenden Tristesse des Bahnhofplatzes und dem Rheinufer, erlebt eine beispiellose Wiedergeburt. Nur einen Steinwurf von den hohen Schatten der Bonifaziustürme entfernt, liegt der Gartenfeldplatz, eingerahmt von renovierten, aber dennoch ihrem alten Charme überlassenen Altbauhäusern. Es hat sich viel verändert. Verkehrsberuhigte Straßen und dezente Begrünung zogen kleine, junge Familien an, die den multikulturellen Stadtteil um eine Zielgruppe bereicherten. Der kleine Spielplatz am hinteren Ende des Gartenfeldplatzes bietet sich an, die Kinder zu beschäftigen, wenn man in einem der zahlreichen kleinen Läden Besorgungen macht. Wer den Gartenfeldplatz im Sommer einen Besuch abstattet, der weiß, dass eine halbe Stunde anstehen vor dem Neustadteis keine Seltenheit ist. Der winzige Eckladen mit dem zuckersüßen Eulenlogo, platzt in der Hochsaison aus allen Nähten. Die Stimmung in der Warteschlange ist dennoch gut, denn die Eisdiele begeistert mit einer kleinen, aber dafür umso hochwertigeren Produktpalette. Täglich wechselt das Angebot über bekannte Sorten wie Erdbeere und Schokolade, bis hin zu selteneren Kreationen wie Balsamico oder Traube. Die Preise? Nicht über dem Durchschnittsniveau. Die Qualität? Unbedingt empfehlenswert. Derjenige, der in den Genuss vieler Sorten kommen will, kann sich auch halbe Kugeln geschickt mit dem Spatel zusammenstellen lassen. Wer noch nicht genug von Eulen hat, passenderweise das Wappentier der Neustadt, der kommt in der Nähe der Bushaltestelle Lessingstraße in den Genuss von original selbstgebrautem Mainzer Bier, dem „Eulchen“. Zwei Studenten haben hier, in der ehemaligen Trinkhalle, das Thema ihrer Bachelor-Arbeit kurzerhand in ein kleines Startup-Unternehmen verwandelt. Von der jedermann bekannten, schmuddeligen Aura einer Trinkhalle ist nichts mehr zu erkennen, der Fokus liegt ganz klar auf dem Produkt, welches sich laut Hersteller von der übermäßigen Massenkommerzialisierung auf dem Biermarkt abheben soll. Die Flasche fällt ins Auge, der klassische Bügelverschluss und das liebevoll gestaltete Etikett, zu Beginn noch von Hand aufgeklebt, versprechen Qualität. Das Projekt wird sehr gut aufgenommen, wer noch nicht probiert hat sollte sich besser beeilen, denn der Mietvertrag für die kleine Trinkhalle läuft vorerst nur noch bis Ende des Jahres. Zurück zum Gartenfeldplatz, wo sich neben dem Neustadteis noch eine Reihe anderer interessanter Läden angesiedelt haben. Da wäre zum einen das Café Annabatterie mit seiner zusammengewürfelten Einrichtung und vielfältigen Angeboten. Es vergeht keine Tageszeit, zu der das Café nicht wenigstens zur Hälfte gefüllt ist mit Kunden, die das repräsentieren, was der Gartenfeldplatz ist. Jung, urban, selbstbewusst. Wer gerne rücksichtsvoll genießt, der ist gegenüber dem Spielplatz im „Schrebergarten“ richtig. Hier wird eine kleine, frische Produktpalette angeboten, vegetarisch und auf Wunsch auch vegan und es ist kein Problem, den Teller mit auf den Spielplatz zu nehmen, solange man ihn nur wieder zurückbringt. Doch auch der Liebhaber eines guten Schnitzels braucht nicht weit zu laufen, denn die Bagatelle, eine Mischung aus Frühstückscafé, Restaurant und Szenekneipe, bietet zu vernünftigen Preisen Hausmannskost an. Im Winter ist es ruhiger am Gartenfeldplatz, aber immer mehr Mainzer und Nicht-Mainzer werden sich des Angebotes bewusst und pilgern weiterhin in Strömen in die begrünte Mitte der Neustadt. Mainz hat ihn jetzt, seinen Platz mit urbanem Flair, sein eigenes lieblich heruntergekommenes, doch auf eine anziehende Weise frisches, junges Stadtviertel, das in den nächsten Jahren bestimmt noch auf die ein oder andere Art wachsen wird.                                                                                                                                        Von Giulia Canzoneri

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