Vom Stolpern über Opfer und Geschichten

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In Deutschland und einigen anderen Ländern Europas werden seit 1997 Stolpersteine verlegt . Stolpersteine sind 10×10 cm große Messingplatten, befestigt auf ebenso großen Betonquadern. Diese wurden in Gedenken an im zweiten Weltkrieg ermordete Juden ebenerdig in den Boden eingelassen. Sie werden vor den Häusern verlegt, die die Opfer als letzten frei gewählten Wohnort bestimmt hatten. Die Inschrift der Messingplatte enthält den jeweiligen Namen, Geburtsjahr, das Deportationsdatum und den Ort des Todes.

Mittlerweile wurden schon über 46.000 Steine verlegt, das macht die Stolperstein-Aktion zum weltweit größten, dezentralen Mahnmal. In Deutschland sind sie in über 8oo Orten vertreten.

Erfinder der Aktion ist der studierte Kunstpädagoge Gunter Demnig. Einer seiner Schüler antwortete auf die Frage, ob man denn wirklich über die Steine stolpere, ganz in Demnigs Sinne: „Nein, nein, man stolpert nicht und fällt hin, man stolpert mit dem Kopf und mit dem Herzen.“ Seine Intention sei es, das Mahnmal nicht an eine einzige Stelle im Ort zu begrenzen, sondern mit den verlegten Steinen die Namen der Ermordeten, Verfolgten und Vertriebenen wieder zurück an die Orte ihres Lebens zu führen, so Demnig in einer Pressemitteilung. Für seine Arbeit und sein Engagement wurden ihm bereits diverse Kunstpreise verliehen.

Doch es regt sich auch negative Kritik. Daniel Killy, der Sprecher der jüdischen Gemeinde in Hamburg, äußerte Anfang November in der „Jüdischen Allgemeinen“, er halte die Verlegung von Stolpersteinen für eine „moralische Stolperfalle“ und wirft Demnig vor, damit ein „Millionengeschäft“ ins Rollen gebracht zu haben. Ein Bekannter Demnigs äußerte allerdings im NDR, der Künstler „lebt bescheiden in einem kleinen Kölner Atelier fährt mit einem alten Transporter durch Europa und verrichtet schwere körperliche Arbeit.“

Finanziert wird das Großprojekt aus zahlreichen Privatspenden. Für 120 Euro ist es möglich, eine Patenschaft für einen Stolperstein und seine Verlegung zu übernehmen, so Demnig auf seiner Homepage.

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Auch in Mainz lassen sich bereits zahlreiche Stolpersteine finden. Die nächste Verlegung ist für den 3. Februar 2015 geplant. Straße und Zeitpunkt sind noch nicht bekannt.

Wie man jedoch auf die spontane Konfrontation mit der eigenen Geschichte reagiert, wenn man beim Spaziergang auf einen Stolperstein stößt, ist jedem selbst überlassen. Der Eine mag bedrückt nachdenken, der Andere erschrickt, Manche hingegen ignorieren gekonnt- es ist ein Mahnmal, es soll zum Nachdenken anregen – Und diesen Zweck erfüllt es ohne Zweifel.

Foto: Lisa Maria Christ, Stolperstein in Mainz Bretzenheim in der Zaybacher Straße

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