Gong-Show

Die goldene Gurke von FILMZ: Frust und Leid bei der „Gong-Show“

„Der Abend der Toilettenfilme“, wie die Moderatorin des Abends zwischendurch kommentierte, löste gemischte Gefühle aus.
Im Mainzer Kulturclub „schon schön“ „kocht“ es ja gerne mal, aber normalerweise, weil der DJ den Tanzwütigen kräftig einheizt. Heute kochte das Publikum der „Gong Show“ allerdings eher vor Wut.
Aber von vorne. Auch dieses Jahr fand im Rahmenprogramm des FILMZ, Festival des deutschen Kinos, die „Gong Show“ statt, in Zusammenarbeit mit dem Wiesbadener exground-Filmfest. Die Show sei „ein Garant für kurzweilige Unterhaltung abseits der großen Hochglanzproduktionen der Filmwelt“, so die Ankündigung. Jedermann kann hier kurze Filme einreichen, nicht nur Filmprofis und angehende Filmprofis: „je obskurer, verrückter oder abseitiger desto besser.“
Eine fünfköpfige Jury bewertet die Filme nach einer 10-Punkte Skala, und der Gewinner erhält die „Goldene exground-FILMZ-Gurke“ und fünfzig Euro Preisgeld.
Der besondere Clou dieser Veranstaltung: Die fünfköpfige Jury darf einen Film „ausgongen“: ertönt der Gong, wird der Film abgebrochen, und der Film fliegt aus der Wertung. Und genau dieses Gongen war es, was das Publikum aufregte. Was war passiert? Der nächste Kurzfilm beginnt: Zwei Frauen tauschen intensive Blicke aus, kommen sich langsam näher, immer näher. Küssen sie sich jetzt? Das Publikum erfährt es nicht, denn die Jury brach den Film im entscheidenden Moment ab. Ein Teil des Publikums war sichtlich verärgert; „Da wär‘ was passiert!“. Ein enttäuschter Mann rief laut „Gong für die Jury!“ in den vollen Saal. Der nächste Film wurde angekündigt: „Prostituierte“ hieß er, und aus dem Publikum raunte es „Der wird ja gleich weggegongt!“ – Was diesmal aber nicht passierte.
Die Jury handelte sich durch ihr „ausgongen“ noch weitere laute Buh- und Pfui-Rufe ein an diesem Abend, oder auch, wenn sie einen Film nicht abbrachen und das Publikum gelangweilt war.
Aber es gab auch reichlich Applaus und Filme, die begeisterten. Der Gewinner-Film war das studentische Werk „Kopfkino“ von Malin Koch, das sich mit dem Filmemachen beschäftigt, und wie Filme im Kopf entstehen. Auch der Dokumentarfilm „Detroit“, der die Stadt in ein positives Licht rückte, kam gut an.
Das war allerdings ein weiterer Punkt, der Publikum und Filmemacher irritierte: Die Gong-Show wurde nicht als ernsthafter Filmwettbewerb, angekündigt, und es liefen auch ein paar obskure Filme wie „Ride the toilet“, die die Moderatorin zum Kommentar „Abend der Toilettenfilme“ reizten. Aber es liefen eben auch sehr ernsthafte Filme wie „Johanna Sichel“, der die NS-Zeit zum Thema hatte. In einer atmosphärisch dichten Collage stellte der Film die Verurteilung und Deportierung der jüdischen Lehrerin Johanna Sichel dar. Sie war Mainzerin und wurde gemeinsam mit der Mutter von Anna Seghers deportiert. Man kann sich mit Recht fragen, ob so ein Film in einer „Gong-Show“ richtig aufgehoben ist.
Doch nicht nur das Publikum war „enttäuscht und irritiert“– so wurde Kritik auf der facebook-Seite der Veranstaltung laut – auch Filmemacher zeigten sich deshalb vor den Kopf gestoßen. „Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich was anderes eingereicht!“, so klagte der Filmemacher Jan Czmok, der absichtlich eher „trashige“ Filme eingereicht hatte.
Malin Koch erhielt als Gewinnerin die goldene „Gurke“, die sich als seltsames Gebilde aus grün-glänzendem Stoff und einer goldenen Kette erwies. Das seltsame Gebilde „Gong-Show“ sollte sich vielleicht klar werden was es sein will; ein abgedrehter, witziger Abend oder ein ernsthafter Filmwettbewerb.

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