Mainz. Tag & Nacht – Persönlich: Zwischen Europapokal und Exzess

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Uli Borowka erzählt von seiner Krankheit – und einer rücksichtslosen Gesellschaft

Begeisterung, Wut, Spannung – das ist Fußball, das Goldkind der Deutschen. Was zwischen Ruhm, Milliarden und Leistungsdruck mit den Menschen passiert, ist aber eigentlich kaum bekannt. Und Uli Borowka zufolge will es auch niemand wissen.

Uli Borowka heute. Foto: Ripke

Ab 1981 spielte Borowka 17 Jahre lang in der Abwehr von Werder Bremen und Borussia Mönchengladbach. Publikumsliebling, Europapokalsieger, Stammspieler in der Nationalmannschaft. Jetzt gerade sitzt er vor uns, etwa 30 Mann, in einem kleinen Saal im Jugendhaus Mainz, und stellt sein Buch vor. Er erzählt von seinem damaligen Nebenberuf: Alkoholiker.

Im Verein war seine Sucht ein offenes Geheimnis. Ein Anlass zum Trinken fand sich immer: Niederlage, Unentschieden: Frust. Bei Sieg: Feiern. Die Spieler sind mit den Fans bis zwei, drei Uhr morgens um die Häuser gezogen, die ihnen begeistert Runde um Runde spendierten: Uli, dem König der Abwehr und nicht zuletzt sympathischer Entertainer. Ihm wurde sogar ein Fall häuslicher Gewalt ganz selbstverständlich verziehen; „der hat einfach zu viel gesoffen, das kann passieren“, hieß es dann. Für den Verein waren es goldene Zeiten.

Was sich dahinter abspielte, war wohl niemandem so richtig bewusst, am wenigsten Uli selbst. Mit dem Erfolg steigerte sich der Leistungsdruck. Bänderrisse wurden mit Schmerztabletten behandelt. Egal, wie lange er unterwegs gewesen war: um 10 Uhr hatte er auf dem Platz zu stehen und Leistung zu bringen, das nahm Uli sehr ernst. Er war der König, unantastbar, unbesiegbar, solange er nur ordentlich spielte. Von einem Mitspieler auf sein Alkoholpensum angesprochen, erwiderte er nur: „Kümmere dich um deinen eigenen Kram.“, und putzte ihn beim nächsten Training weg. Besagter Mitspieler ermahnte ihn nie wieder. Sogar Otto Rehhagel deckte seine Sucht. Borowka nennt sie alle „coabhängig“; heute spricht Rehhagel kein Wort mehr mit ihm.

1996, nach 12 Jahren der Sucht, kam dann der große Knall. Der Verein hatte ihn ohne großes Federlesen gefeuert. Seine Frau war mit den Kindern zu ihren Eltern geflüchtet. Nach einem Selbstmordversuch brachten zwei alte Freunde den ehemaligen Star, mittlerweile arm und zerlumpt, in eine Entzugsklinik. Nach vier Monaten der Therapie und zehn Jahren Kampf mit Schulden und Scheidungsanwälten sitzt nun vor uns ein neuer Mensch.

Zusammen mit seiner neuen Frau hat Uli einen Verein für Suchtprävention und -hilfe gegründet. Er geht in Jugendvollzugsanstalten, berät Vereine, eröffnet Ärztekongresse und kümmert sich um Hochleistungssportler. Sein Buch steht mittlerweile auf der Spiegel-Bestsellerliste. Einer Studie zufolge leiden 19 Prozent der Vereinsfussballer an einer Sucht, über 20 Prozent sind psychisch krank. Der DFB erkennt keinen Grund zum Handeln.

Der ehemalige britische Nationalspieler Tony Adams wurde für den offenen Umgang mit seiner Krankheit mit Standing Ovations gefeiert und leitet heute eine Suchtklinik. Uli Borowka, den Goldjungen, verließen sowohl Freunde als auch Fans. Die Deutschen, so sagt er, stellen Ex-Alkoholiker unter Generalverdacht: ein Rückfall ist jederzeit möglich, vertrauen kann man auf sie nicht. Kranke seien für uns Menschen zweiter Klasse.

Uli sitzt vor uns und sieht uns offen ins Gesicht. In manchen Momenten, wenn er Anekdoten aus Spielerzeiten erzählt, hat man ihn direkt vor Augen: jung, leichtsinnig, von sich selbst über alle Maßen überzeugt, der Star und Liebling aller. Er zieht die Leute in seinen Bann, er ist immer noch ein Entertainer. Aber über diese Rolle ist er weit hinausgewachsen: aus ihm spricht eine Menge Selbsterkenntnis und Stärke. Mit Mut und Engagement setzt er sich für eine ehrlichere Gesellschaft ein, die Probleme nicht länger ignoriert und sie angeht. Und dafür verdient er Respekt.

 Kathrin

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