Gemeinsam brüllt sich’s besser

Vorgeschichte: In Reaktion auf den Artikel vom 25. Januar „Schwach gebrüllt Tiger“ besuchte vergangenen Freitag ein Mitglied des deutschen Presserats die LeOn-Redaktion. Aus der Diskussion ergaben sich für beide Seiten neue Einblicke und die Erkenntnis, dass man in aller Uneinigkeit gar nicht so weit voneinander entfernt ist…

Meine erste Vorlesung – ganz zu Beginn des Publizistikstudiums – war eine so genannte Einführungsveranstaltung. Diese sollen den Erstsemestern laut Empfehlung des Instituts (IfP Mainz) die unabdingbaren Grundkenntnisse zu verschiedenen Teilgebieten der Publizistikwissenschaft vermitteln. In meiner ersten Veranstaltung „Einführung in den Journalismus“ gab es auch gleich eine Hausaufgabe. Das im Internet zur Verfügung gestellte Lehrmaterial über den deutschen Presserat und den Pressekodex sollte zur Vorbereitung auf die nächste Vorlesung gelesen werden.
Der Presserat und der Pressekodex musste ja eine ungeheure, gar existenzielle Bedeutung für die Lehre am Institut und für mein nachfolgendes Studium haben! Auch in der Klausur am Ende des ersten Semesters wurde diese Hausaufgabe erneut gebührend abgefragt. Im Laufe meines Studiums habe ich immer mehr über den Presserat erfahren, hörte auch viel Kritik daran. Aber meinen Eindruck vom Anfang des Studiums über dessen Bedeutung habe ich nie revidiert. Im Gegenteil, die Kritik an einer Sache und die Diskussion darüber bestätigte für mich nur ihre Wichtigkeit. Die ständige Diskussion, das Üben von Kritik und das zeitweise In-Frage-stellen finde ich sogar gesund für ihr Bestehen und unabdingbar für ihre Weiterentwicklung. Darüber hinaus liegt das ständige Hinterfragen in unserer Natur als Demokraten.

Aus dieser Überzeugung resultiert unser Interesse, den Presserat durch Kritik und – zugegeben – Provokation herauszufordern.
Denn wer fordert, der fördert.

Es hat uns erfreut, dass sich der Presserat für unsere Kritik interessiert und uns sogar überraschend ein Mitglied in der Redaktion privat besucht hat. Doch gilt es nun, Kritik nicht nur zu hören, sondern auch anzunehmen und sich im Wandel der Zeit auch selbst wandeln zu können.
Denn wer rastet, der rostet.

Wenn man die Schlagworte „Presserat“ und „Kritik“ in eine beliebige Suchmaschine eingibt, bekommt man zahlreiche, über die letzten Jahrzehnte und auf namenhafte Zeitungen und Onlinedienste verstreute Artikel, die oftmals kein gutes Haar am deutschen Presserat lassen. Woran es allerdings fehlt, sind tiefere Einblicke in interne Probleme, konkrete Verbesserungsvorschläge und das Aufzeigen von Chancen für eine Institution, die man doch eigentlich nicht beraten müssen sollte. Oder doch?

Am Wasserloch geht es auch immer um das eigene Überleben

Zugegeben, es ist immer leicht, zu kritisieren – man muss auch die Arbeitssituation im Presserat betrachten. Mitglieder, die die Arbeit im Presserat einerseits und ihren Beruf als Journalist andererseits vereinen und bei ihrem Einsatz stets das eigene Überleben, also die Selbsterhaltung als Journalist im Hinterkopf behalten müssen, sind unter Umständen nicht die optimale Besetzung ihrer Stelle. Denn insbesondere freie Journalisten müssen stets daran denken, ob sie den nächsten Job auch bekommen, wenn sie sich mit ihrem Engagement eventuell unbeliebt machen. Darüber hinaus sind die Zahlen der Beschwerdeeingänge 2009 durch die neu eingeführte Möglichkeit der Onlinebeschwerde im Vergleich zum Vorjahr immens gestiegen. Die Folge: Überlastete und übernächtigte Mitglieder. Und so viel weiß auch jeder Unternehmer; bei erschöpften Mitarbeitern, bzw. in diesem Fall Mitgliedern fehlt es zwangsweise irgendwann an Kreativität und Elan um Lösungen für sowohl altbekannte, als auch neue Probleme zu finden.
Den Kritikpunkt der Untätigkeit, der als Vorwurf der Faulheit ausgelegt wurde, konkretisiert und entschärft LeOn hiermit. Jedoch sollte man nicht aufhören, nach einem besseren, moderneren Presserat zu begehren.
Die Presse braucht den Presserat. Wir alle brauchen den Presserat. Insbesondere weil die Herausforderung an die Erhaltung von Qualitätsjournalismus täglich wächst. Es muss also in all unserem Interesse liegen, den Presserat schneller, moderner, handlungsfähiger und zeitgemäßer zu machen.

Die Grenzen der Verwaltungskapazitäten des Rates sind mehr als erreicht, das weiß niemand besser als der Rat selbst. Der bürokratische Aufwand für eingehende Beschwerden wächst den Ratsmitgliedern scheinbar über den Kopf. Was zu den aktuell kursierenden Überlegungen geführt hat, den Presserat um eine Beschwerdekammer (zum Beispiel speziell für Onlinejournalismus) zu erweitern. Sozusagen Expansion statt Prävention. Denn sollte nicht die Frage sein: Wie kann verhindert werden, dass es überhaupt zu so vielen Beschwerden kommt? Wie kann unprofessionellem Journalismus, der jene Beschwerden hervorruft vorgebeugt werden?

Alternativen gesucht!

Es gilt natürlich weiterhin eine gesetzliche Norm vom Gesetzgeber zu vermeiden und das Prinzip der freiwilligen Selbstkontrolle fortzuführen. Dies war schließlich der Grund für die Entwicklung des Pressekodex.
Damit die erteilten Rügen des Presserats nicht zukünftig zur Farce werden (die Bild-Zeitung beispielsweise hält sich bereits jetzt vor, Rügen erst auf ihre Begründetheit zu prüfen und schließlich selbst zu entscheiden, ob sie sie abdrucken oder nicht) müssten sie allerdings eine größere mediale Präsens einnehmen. Sonst verschwinden die Rügen irgendwann nur noch in den Papierkörben der Redaktionen. Die Rüge müsste beim Leser ankommen, einen richtigen Image-Schaden verursachen. Denn innerredaktionelle Vorgänge bekommt der Leser wohl kaum mit. Ein öffentliches „an den Pranger stellen“, nach der Bild-Blog Manier würde dies beispielsweise gewährleisten und zusätzlich dem Nachdrucken von Richtigstellungen im entsprechenden Blatt vorweg greifen. Zeitnah, unbürokratisch, unkompliziert. Und in keiner Weise den Artikel 5 zur Pressefreiheit des Grundgesetztes einschränkend. Doch diesen Zug im Schienennetz der neuen Medien, der eigentlich genau das Steckenpferd des Presserats gewesen wäre, hat man leider verpasst. Spezialisierten sich die Medienjournalisten Stefan Niggemeier und Christoph Schultheis vom Bild-Blog anfangs noch nur auf die Bild-Zeitung und deren Ableger, machen sie nun eine Art Blattkritik für die gesamte deutsche Presselandschaft. Doch auch auf anderem Wege könnte der Presserat mehr Aufklärungsarbeit für die Leser leisten, die dem unbemerkten, da schleichendem Prozess der Qualitätsminderung und Sensationslust ausgesetzt sind. Es könnte dem Verbraucher helfen, ein Auge dafür zu bekommen, besser seriöse von unseriösen Angeboten zu unterscheiden.

Der Wunsch nach Veränderung – gehemmt von Ratlosigkeit?


Nur eine von vielen spontanen Ideen seit der Diskussion in unserer Redaktionssitzung inklusive Überraschungsbesuch vom 29. Januar. Aus der im Übrigen außerdem hervorging, dass der ausdrückliche Wunsch einiger Mitglieder des Presserats bestünde, den Anteil an jungen Mitgliedern, also Nachwuchsjournalisten zu erhöhen.
Damit einhergehen muss allerdings die Erleichterung überhaupt Zugang zu einer Stelle im Presserat zu erhalten. Konkurriert nämlich in der Realität ein Nachwuchsjournalist mit zwangsweise lückenhaftem Lebenslauf mit einem Journalisten mit zwanzigjähriger Berufserfahrung endet das Märchen vom jungen Nachwuchsjournalisten im Presserat erst einmal.
Und den ein oder anderen „erfahrenen Journalisten“ würde ich gerne mal in die Einführungsveranstaltungen am Institut für Publizistik mitschleppen. Der „zahnlose Tiger“ darf sich nicht zu schade sein, auch die naive Kreativität einer Hauskatze einzusetzen (oder alternativ eines Erstsemesters) und einfach einmal zu experimentieren. Daraus entstehen manchmal die besten Lösungen.
Denn wir wollen mehr. Mehr als die Äußerung von Wünschen. Mehr als sich der Kritik, die wohl bemerkt immer mal wieder von allen möglichen Seiten auf den Presserat einprasselt, zu stellen, sondern diese auch anzunehmen und etwas daraus zu machen.
Und mal ganz unter uns: Wenn sie jetzt noch anfangen, ihre Jahresstatistiken sinnvoll zu interpretieren (das IfP bietet dazu Kurse für Studenten jeden Alters an), kann 2010 nur ein Erfolg im Kampf für Qualitätsjournalismus werden.

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