Das Stockholm-Weihnachts-Syndrom

Meckernder PfefferkuchenmannNachdem wir den heiligen Abend, den ersten und zweiten Weihnachtsfeiertag und die gesamte vorangegangene Adventszeit nun hinter uns gebracht haben, können wir das gesamte Weihnachtsspektakel Revue passieren lassen. Mit wiedererlangter geistiger Klarheit, ausgenüchtert von Eierlikör und Weihnachtspunsch fragen wir uns, wie ehemals Verliebte, die auf eine beendete Beziehung zurückblicken, was genau unser Hirn so vernebeln konnte. Denn Weihnachten und Liebe haben eines gemein: Sie machen blind. Blendende Lichter, lockende Düfte, Gemütlichkeit und Kerzenschein entführen uns Jahr für Jahr und lassen uns alle Zweifel und Kritik vergessen. Wir Geiseln des Weihnachtsfests verlieben uns in unseren Entführer und tun vieles für ihn, das uns ansonsten lächerlich vorkommen würde.

In der Weihnachtsmeckerei

Mit den Weihnachtslichtern zusammen könnten sich auch alle Jahre wieder die Gemüter entzünden. Könnte man meinen. Über die Preise auf dem Weihnachtsmarkt, nicht vorhandenes Weihnachtswetter, Stress und Aufwand für Fest und Feier. Steigende Kosten, steigendes Gewicht. Diskussionen um das vermeintlich Nervige und Schöne am Fest der Liebe. Das alljährliche Gemecker beginnend mit der Adventszeit. Erste Kerze; erste Runde. Wäre da nicht das dicke, unerbittliche Stück Klebeband, das uns unser Entführer über den Mund geklebt hat. Das Weihnacht-Feeling verbietet uns über die Feiertage die Mecker-Habitüden des restlichen Jahres beizubehalten und veranlasst uns – es ist ja schließlich Weihnachten – auf die Zunge zu beißen und Harmonie walten zu lassen.

Kriminelles Weihnachten

Ver- bzw. Entführungen sind ja eigentlich eine spannende Sache. Wäre da nicht das Lösegeld. Menschen stürzen sich jedes Jahr in finanzielle Schwierigkeiten, um ihre große Liebe, das Weihnachtsfest zu finanzieren und zahlen einen hohen Preis für ihren Peiniger. Das Weihnachtsfest fordert eben seine Opfer. Opfer des Gebens. Opfer der Nächstenliebe. Entführungsopfer eben.
Wir Verschleppten schleppen jährlich horrende Summen in die Geschäfte, getrieben vom allgegenwärtigen Weihnachtsgeist, der uns scheinbar mit unsichtbar an die Schläfe gehaltener Knarre zum Geschenke-, Tannenbaum-, Süßkram- und Dekorationsartikelkauf treibt. Mageres Konto, üppige Hüften. Das traurige Resümee der Feiertage. Scherben einer Ehe quasi.
Der durch Lametta maskierte Geiselnehmer kettet uns stilecht an einen Schaukelstuhl und zwingt uns zu Gemütlichkeit und Romantik. Als hätte er uns einen Jute-Sack über den Kopf gezogen, schlendern wir verklärt, nur sehend, was wir sehen wollen durch die Adventszeit.

Cholesterinhölle Weihnachten

Viel zu früh beginnt der Verkauf der Komplizen, der weihnachtlichen Schwergewichte unter den Süßigkeiten, mit denen man im Allgemeinen doch eine Art Hassliebe verbindet. Manch Einer kommt ohne Leb-, Würz- und Honigkuchen gar nicht erst in Vorweihnachtsstimmung und so manch Anderer ist mittlerweile auf die Low-Fat-Variante der Vanille-Kipferl umgestiegen. Um es diesmal im Januar nicht mehr ganz so schwer zu haben, was den erneuten Verlust angefutterten Winterspecks betrifft.
Dabei ist es doch so einleuchtend wie der Weihnachtsstern selbst, dass das Reduzieren von Zucker die Winterdepression nur verstärken kann. Gut, dass unser fürsorglicher Geiselnehmer dafür Sorge trägt, uns auch ausreichend vollzustopfen mit Plätzchen und sonstigen Schweinereien.

Doch wenn uns endlich ein mal aufgefallen ist, welch kriminelle Machenschaften da um die Feiertage vorherrschen, sind dessen Verbrechen längst verjährt. Alle Jahre wieder. Wiederholungstäter Weihnachten. So werden also weder Entführung, noch Nötigung geahndet. Das nächste Weihnachten kommt bestimmt und zieht uns wie gewohnt in seinen Bann.

Nahaufnahme eines glitzernd geschmückten WeihnachtsbaumsVerliebt in den Entführer

Man könnte das dämlich finden. Man könnte all das zum Anlass nehmen, Weihnachten abzusagen. Doch was wäre das Jahr ohne diese Entführung? Was wäre das für ein Leben, aus dem man sich nicht – und sei es nur für kurze Zeit entführen lassen könnte. Weg vom Alltag. Zurück zum Wesentlichen. Familie, Plätzchenduft, Überraschungen, Süßkram, Albernheiten, Tannenbaum, Kind sein, Unvernunft, Gemütlichkeit, Liebe. Würden wir durch den kalten Winter ohne all das kommen und Kräfte tanken können für das neue Jahr? Im Namen des Volkes ergeht also folgendes Urteil: Die Anklage der Entführung und Nötigung vereitelt durch das Weihnachtsfest wird fallengelassen. Jedoch mit der Bedingung, die Tat doch bitte jährlich zu wiederholen.

Das Stockholm-Syndrom:
Identifikation des Opfers mit den Interessen des Täters; benannt nach einer Geiselnahme 1973 in einer Stockholmer Bank; beschreibt eine auf den ersten Blick paradoxe positive Gefühlsbeziehung, die ein Geiselopfer während einer Geiselnahme zum Täter aufbaut; auch in Fällen häuslicher Gewalt beobachtet; wird u. a. erklärt als Überlebensstrategie durch Kooperation mit dem Täter in einer Art „Notgemeinschaft“.
Aus Spiegel-Wissen Lexikon

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