Web 2.0 – Wie viel Wahrheit steckt in einem Studivz-Profil?

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Die weite Welt des anonymen Internets. Jeder ist frei und kann sich ausgeben für wen er möchte. Jedem sollte daher klar sein, dass nicht jedes Benutzerprofil, in einem Social Network, tatsächlich eine Person präsentiert, wie sie wirklich ist. Die Verlockung sich selbst als Utopie eines perfekten Selbst darzustellen scheint häufig einfach zu groß. Hierzu überraschende Ergebnisse präsentierte vor kurzem das psychologische Institut der Uni Mainz in einer Studie zur Selbstdarstellung und sozialer Wahrnehmung in Online Social Networks.

Drei Netzwerke, 15,5 Millionen Mitglieder, 385 Millionen Einzelbesuche pro Monat (Januar 2009). Das ist das Ergebnis der in Deutschland am häufigsten genutzten Netzwerke Studivz/MeinVZ/SchuelerVZ. Weitere Netzwerke wie wer-kennt-wen.de oder das stark kommende Facebook sind in dieser Statistik nicht mal eingerechnet. Weltweit sollen über 700 Millionen Nutzer in verschiedenen social networks agieren. Die Nutzer können sich Nachrichten zusenden, zu bestimmten Themen Diskussionen starten, alte Freunde wiederfinden oder neue Kontakte knüpfen und sich vor allem im Netz präsentieren.

Bisher kaum Erkenntnisse

Auf dieser Grundlage war es für Dr. Back, Forscher am psychologischen Institut der Uni Mainz, besonders interessant, die Genauigkeit eines ersten Eindrucks von anderen Personen in verschiedenen Kontexten zu erforschen und besonders die zugrunde liegenden Prozesse zu verstehen, die für den Ausdruck der Persönlichkeit und der Eindrucksbildung verantwortlich sind. Frühere Studien zeigten bereits, dass ein Blick in ein fremdes Büro oder Schlafzimmer und selbst eine simple email Adresse bereits ausreicht, um sich von einer fremden Person einen Eindruck von ihrer  Persönlichkeit zu machen. Obwohl in der heutigen Zeit ein Großteil der Online Kommunikation über soziale Netzwerke läuft, gibt es bisher kaum Erkenntnisse darüber, was ein Online-Profil über einen aussagt und wie Kommunikation in sozialen Netzwerken eigentlich funktioniert. Eben hier setzten die Forscher an mit der Frage, ob man einem Online-Profil vertrauen kann oder ob es doch nur durch die idealisierten Selbstdarstellungen der Benutzer verzerrt wird.

Idealisiertes Selbstbild oder doch wahre Persönlichkeit?

„Online-Profile vermitteln tatsächlich ein sehr genaues Bild der Profilinhaber“, so Back. Also kann man jetzt beruhigt den Angaben eines Benutzerprofils Glauben schenken? Nach den Ergebnissen der von der Universität Münster und zwei weiteren amerikanischen Universitäten unterstützen Untersuchung, offenbar schon.

Bei der Studie wurden insgesamt 236 Benutzerprofile der bekannten Netzwerke Studivz/MeinVZ sowie dem amerikanischen Pendant Facebook untersucht. Zunächst wurde den Inhabern dieser Profile ein ausführlicher Fragebogen vorgelegt. Mit diesem wurden zum einen die wahren Persönlichkeitseigenschaften erfasst, zum anderen aber auch nach dem eigenen idealisierten Selbstbild gefragt. Anschließend bekamen fremde Personen die Benutzerprofile gezeigt, zu denen sie dann eine Persönlichkeitseinschätzung abgaben. Bei der Auswertung dieser Einschätzung und den eigenen Angaben der Profilbesitzer stellte sich heraus, dass diese übereinstimmen und das Onlineprofil somit nicht als ideales Selbstbild, sondern vielmehr als realistische Selbsteinschätzung gesehen werden kann. Überraschend hierbei ist, dass damit exakt der Meinung widersprochen wird, dass Online-Profile für eine idealisierte Selbstdarstellung missbraucht werden.

Bei der Untersuchung zeigte sich ebenso, dass besonders Themen wie Extraversion und Offenheit für Erfahrungen von den fremden Beurteilern besonders gut eingeschätzt werden konnten. Das heißt, es konnte sehr gut erkannt werden, ob die jeweilige Person viele Freunde hat, gerne Partys macht, verträumt, künstlerisch oder lustig ist. Dagegen konnte Neurotizismus, also die Eigenschaft sich schnell Sorgen zu machen, leicht nervös zu werden oder generell stressanfällig zu sein nur sehr schlecht eingeschätzt werden.

Das Online-Profil als Aushängeschuld der eigenen Persönlichkeit

Für Dr. Mitja Back ist es kein Wunder, dass soziale Netzwerke sich explosionsartig vergrößern. So ist seiner Meinung nach das täglich gepflegte Online-Profil ebenso ein Aushängeschild der eigenen Persönlichkeit wie der Musikgeschmack oder der Kleidungsstil. Es scheint geradezu dafür prädestiniert zu sein. Zum einen durch preisgegebene persönliche Angaben, aber auch indirekt durch Fotos oder Mitgliedschaft in Interessensgruppen.  Überhaupt scheint es hierdurch den Nutzern sehr schwer zu fallen sich zu verstellen. Pinnwandeinträge mit Feedback anderer Nutzer, Fotoalben und Fotoverlinkungen  etc. suggerieren ein ausgeschweiftes, aufregendes Leben. Wer in Wirklichkeit ein couch potato ist, kann dies nicht einfach erfinden. „Entweder ist dies vorhanden (weil man extravertiert ist) oder nicht (weil man es eben nicht ist).“ so Dr. Back.

Der komplette Forschungsartikel wird Anfang 2010 in der Fachzeitschrift Psychological Science veröffentlicht.

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