Fünf oder Fünftausend

Die Soul-Popband WagnerLove liebt jedes Publikum. Das Quartett aus dem Rhein-Main-Gebiet über ein Leben zwischen dem Mainzer Campus und gefüllten Hallen in Japan

Soulpop-Quartett in schwarzen Anzügen und Sneakers

WagnerLove

Was war das Überwältigendste, das euch in eurer Musikkarriere widerfahren ist?

TILMANN (Bassist): Als wir in Japan nach dem Konzert – ich glaube es war in Osaka oder in Fukuoka- rauskamen und Leute im Kreis um uns standen und applaudiert haben. Diese ganzen Leute! Wo du erst mal nicht wusstest, wer das jetzt ist. Das waren Leute von Radiosendern, Plattenfirmen, die einfach so einen Kreis um uns gebildet hatten und applaudierten! Und man musste dann zu denen gehen und sich verbeugen und vorstellen und dann haben die einen ganz unterwürfig begrüßt..

RAVEL (Keyboards): Ja, definitiv Japan. Für mich waren es die Werbeplakate und Pappaufsteller, die in Japan in den Ganzen Stores standen. Weil ich mir denke, das sind vier Typen aus dem Rhein-Main-Gebiet, die dort jetzt abgebildet sind. Beworben werden. Riesengroß! Auf Ständern mit Fotos von uns, – in Tokio! Also eigentlich absurd. Beeindruckend. Völlig unvorstellbar! Vier Heinis haben so ein Glück – und das sind so viele Zufälle, die dazu führen, dass das so passiert. Das ist einfach überwältigend.

Nur zwei von vielen Geschichten aus Japan? Das klingt, als gebe es noch mehr…

TILMANN: Ja, auch das erste Konzert in Japan, wo wir überhaupt nicht wussten, was uns erwartet und wir kommen auf die Bühne und der Laden ist voll gepackt mit Leuten, die einfach nur da sind um uns zu sehen – da hat keine andere Band gespielt an dem Abend – die sofort von Anfang an abgehen und die Texte mitsingen und völlig abfeiern, und ich denk, wo bin ich denn jetzt hier eigentlich? Das ist vollkommen absurd!
RAVEL: Ja, die Absurdität, dass da Menschen sind, Radiomoderatoren, die auch schon viel gesehen haben und sich wirklich freuen, uns in Tokio zu begrüßen…
MARCEL (Schlagzeug): …die aufgeregt sind! Weil wir da reinkommen!
RAVEL: Die denken, wir sind Stars oder so was.

 
Seid Ihr das nicht?
 
RAVEL: In Japan vielleicht ein bisschen. (grinst)
Da wurden wir am Flughafen von Mädels begrüßt. Mit Geschenken. So japanische Süßigkeiten und Küsschen und so.
 
Ist es euch leichter gefallen, in die große weite Welt zu gehen und mit der Band durchzustarten, weil ihr alle als Plan B ein Studium in der Tasche habt – für den Fall, dass es mit der Musikkarriere nicht klappt?

TILMANN: Ja klar, also wir sind ja alle Studenten. Marcel studiert Politik in Mainz, Ravel macht Jura und ich bin jetzt fertig mit Medienwissenschaft und Politik und es ist uns auch schon wichtig gewesen, noch was anderes zu machen. Jacob (Gesang) studiert Musik; bei ihm ist das ein bisschen anders, er bildet sich halt einfach als Musiker aus. Wir haben aber auch alle damit schon vor WagnerLove angefangen. Ravel, Marcel und ich wollten uns weiterbilden auf einem anderen Gebiet und uns nicht nur als Musiker ausbilden um dann auf dem freien Markt als Musiker bestehen zu müssen.
MARCEL: Verdient man ja eh nichts, weil heute keiner mehr Platten kauft.
 
Bei welchem Publikum seid ihr mehr aufgeregt, beim lokalen oder beim internationalen?

TILMANN: Gute Frage.
RAVEL: Ich bin natürlich nie aufgeregt! Nee ich bin immer aufgeregt!
MARCEL: Ich eigentlich auch.
TILMANN: Ja also man muss auch unterscheiden, zum Beispiel bei einem Abend wie heute denkt man eigentlich „Heimspiel“, aber dadurch, dass heute auch noch zwei andere Bands spielen, weiß man nie genau, sind die jetzt für die da oder für uns? Mögen die unsere Musik vielleicht gar nicht? Muss man die erst überzeugen? Stimmt der Sound, klappt alles?
RAVEL: Also es gibt Situationen, wie heute Abend in der Räucherkammer im Schlachthof, da passen so um die 200 Leute rein. Wenn dann fünf dastehen würden, würde ich vor Aufregung kaum spielen können. Wenn der Laden voll ist, dann ist’s egal, weil dann haben die Leute eh Spaß. Aber wenn’s da so leer ist, kotzt das die Leute selbst an.
 
Kam das schon mal vor, dass Ihr vor fünf Leuten gespielt habt?

MARCEL: Wir haben auch schon vor niemandem gespielt. (lacht)
RAVEL: Genau, wir haben schon mal vor KEINEM gespielt, das war in Limburg. Sommer. Das war so ein ganz kleiner Laden, wo vielleicht fünfzig Leute reinpassen und wie gesagt, es war Sommer und die Leute saßen alle draußen und haben was getrunken und keiner kam rein. Wir haben angefangen zu spielen, Til hat sich die Schuhe ausgezogen und hat mit dem Bass auf der Tanzfläche alleine getanzt, weil keiner da war.
TILMANN: Wir haben schon vor fünf Leuten und wir haben schon vor 5.000 Leuten gespielt. Bei Lenny Kravitz waren es sogar 8.000!
RAVEL: Ja da waren wir auch sau aufgeregt. Aber auch echt auf den Punkt!
TILMANN: Man braucht ja auch diese Aufregung, dieses Adrenalin, wenn man auf die Bühne kommt, damit man richtig bei der Sache ist.

Wie kam es dazu, dass ihr als Vorgruppe für Lenny Kravitz gespielt habt?

WagnerHeartDrumset

WagnerLove in der Räucherkammer des Kulturzentrum Schlachthof Wiesbaden

RAVEL: Korruption, wie immer. (lacht) Nee, also wir sind ja bei der gleichen Plattenfirma wie Lenny Kravitz, also bei EMI. Und die Plattenfirma hat beim Management von Lenny Kravitz angefragt, ob das Hannover-Konzert schon mit einem Voract verbucht sei. Und dann hat sich das Management nicht gemeldet, weil die sich nie melden, wenn da jemand deutsches nachfragt. Egal wer das ist. Dann hat die Plattenfirma herausgefunden, dass er keine Vorband hat für Hannover und hat angefragt, ob WagnerLove als Vorband für Lenny Kravitz spielen könne. Und dann hat sich bis eine Woche vor dem Konzert niemand gemeldet. Dann haben sie gesagt, wir können kommen, müssen aber alles selbst besorgen, also Technik etc. Das war ein ganz schöner Akt für unsere Plattenfirma.
 
Musikstile haben meist ihre spezifischen Idole und Images.
Mit Popmusik, wie ihr sie macht, verbindet man keine HipHop-Gangster, Hard-Rocker oder die Elektro-Partycrowd.
Habt ihr die Erfahrung gemacht, dass man zu Musik mit eingängigeren Melodien, die keine vermeintlich coole Randgruppe repräsentiert, weniger steht?

TILMANN: Da hole ich mal ein bisschen aus, darüber, wie man sich als Band so entwickelt und sich behaupten muss. Das passiert ja oft durch eine Indie-Szene, durch die lokale Musikszene und kleine Clubs. Da hatten wir am Anfang schon ein bisschen zu kämpfen, weil wir eben nicht so Indie-Rock oder so gemacht haben, sondern eben poppigere Musik, die auch im Radio laufen kann und so. Aber dadurch, dass wir halt schon ’ne richtige Live-Band sind die das dann auch auf der Bühne anders rüberbringen kann, als das auf der Platte klingt, sind die Leute gewöhnlich eher positiv überrascht, als dass sie sagen, oah das ist ja Popmusik, das find ich doof.
Aber grundsätzlich ist dieses Identifikationspotential halt bei kommerzieller Popmusik schon nicht so da, wie bei Indie-Musik oder generell Subkultureller Musik.

Lasst ihr deswegen in eure Live-Auftritte auch andere Stile einfließen?

RAVEL: Na ja, es ist uns halt auch einfach zu langweilig, das Album einfach runterzuspielen.
TILMANN: Es ist ja auch ein ganz anderes Arbeiten, als wenn man im Studio aufnimmt. Wie man die Instrumente spielt und wie man sich ausdrückt. Live versucht man ja auch immer zu unterhalten. Das machen die großen Popacts zum Teil, indem sie irgendwelche krassen Tanzperformances aufs Parkett legen und dazu wie Britney Spears playback singen. Wir wollen einfach dieses Live-Feeling aufkommen lassen und versuchen eben jenen Entertainment-Effekt durch die Live-Performance zu schaffen. Indem wir improvisieren, Sachen abändern und so eben die Sachen zum Teil mal ganz anders spielen, als sie auf dem Album sind.

Das geht – wie ich heute hörte – bis ins Covern beziehungsweise Zitieren?

RAVEL: Ja es sind ja nie ganze Cover-Stücke. Wir mischen mal was rein; spielen etwas an etc. Wir finden es schön, den Leuten mitzuteilen, was wir selbst gerne hören, oder was die Einflüsse sind. Um auch so ein bisschen die Bandbreite unserer musikalischen Sozialisation zu zeigen.
TILMANN: Hat natürlich auch den Grund, dass man die Leute so noch mal mitnehmen kann. Es gibt ja immer Leute, die vielleicht nicht so häufig auf Live-Konzerten sind oder vielleicht einfach nicht so musikaffin, dass sie sich gleich in einen unbekannten Live-Song einfühlen können und da holen wir die Leute dann mit Songausschnitten ab, die sie alle kennen und geben ihnen so ein bisschen was, woran sie sich festhalten können.

Ich habe heute einen neuen Song gehört… gibt es noch mehr?

TILMANN: Ach ja, „Sur la plage“, der war nicht auf dem deutschen Album drauf, sondern nur auf der Japan-Release, da waren 15 Lieder drauf – in Deutschland nur 12. Der ist aber auch schon älter. Ansonsten basteln wir an neuen Ideen, haben aber keinen Druck bis irgendwann was veröffentlichen zu müssen. Deswegen sind wir da völlig frei und probieren Sachen aus und wenn uns was gefällt, dann bringen wir es raus. Völlig ungezwungen jetzt erst mal.

Was ist aus „Lets get connected“ geworden?

RAVEL: Was? Woher weißt du denn davon?
TILMANN: Ja den hast du (Ravel) doch mal mit Jacob gejammt.
RAVEL: Den mussten wir mal bei Antenne Thüringen spontan unplugged spielen, weil die vier songs eingeplant hatten, wir aber nur 3 hatten. Den Song gibt’s gar nicht, das war nur so ein Entwurf… den haben wir dann ad-hoc gespielt und es hat funktioniert. Wir haben viele Songs in der Art und manchmal denken wir uns erst einen Titel aus und schreiben dann den Song… (lacht) Nein, das passiert eigentlich nicht.

Letztes Jahr der Titelsong zum Hollywoodstreifen „Love Vegas“, dieses Jahr habt ihr auf dem Summersonic Festival neben u.A. Mando Diao, Lady Gaga, Beyoncé, Placebo und Linkin Park gespielt – was ist das nächste nahe liegende Ziel von WagnerLove?

TILMANN: Marcel schließt hoffentlich bald sein Studium ab. (lacht) Ich hab da immer ein Auge drauf.
MARCEL: Er ist da ein bisschen wie mein Pate! (lacht)
TILMANN: Jein, also wir widmen seitdem wir das machen sehr viel Zeit der Musik. Und haben auch vor, das weiter zu tun.
Aber es jetzt nicht so, dass wir alles andere an den Nagel hängen, nur weil wir da irgendwie Land sehen oder ein bisschen erfolgreicher sind, als vielleicht andere lokale Bands. Das ist jetzt für uns nicht ausschlaggebend um zu sagen, so wir brechen jetzt unser Studium ab, schmeißen alles hin und machen nur noch Musik. Also so nicht.

Wie lange könnt ihr euch noch vorstellen, Musik zu machen?

ALLE einstimmig: Für immer!
MARCEL: Auch wenn irgendwann aus 5.000 wieder nur fünf Leute im Publikum geworden sein sollten.
fas

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