Zeitverschiebung

Was ist, wenn die Geschwindigkeit der Berichterstattung die Geschwindigkeit von realen Vorgängen überholt?Eine Hyperbel über Online-Journalismus via GPS/UMTS

Schweißperlen rinnen langsam den Geheimratsecken des Genossen G. herunter. Heute soll man ihm endlich einmal zuhören. Und dafür hat er sich etwas ganz besonderes ausgedacht; einen provokanten Einleitungssatz. Heute ist er mal ganz Rebell.

Und es kommt, was kommen muss.

Das erste Wort einer Sitzung kann schon online sein, bevor der Erstredner seinen Vortrag überhaupt beendet hat – und während er noch nichts ahnend seine Rede fortsetzt, entbrennen schon hitzige Diskussionen über seinen provokanten Einleitungssatz.Vor allen anderen, ist der Online-Community eines schon klar; der Genosse G. ist nicht mehr tragbar. Per SMS wird er noch am Rednerpult informiert, dass er morgen seinen Rücktritt ankündigen wird.

So schnell kann es gehen.

Es sei denn, der Genosse G. besitzt seinerseits ein mobiles Endgerät, auf dem ihn rechtzeitig ein Memo ereilen kann:

„Eingangssatz erneut aufgreifen und erklären,

dass das ganz anders gemeint war. Nämlich wie

folgt (…) Erklärung später! LG, Genosse H.“

Helfer-Genosse H. arbeitete früher als Berater Ackermanns, und perfektionierte über die Jahre ein System der schnellen und unauffälligen Informationsweitergabe im Falle völliger Ahnungslosigkeit in Pressekonferenzen. Er ist routiniert. Und nun auch digital.

Nun also noch einmal gut gegangen. Ob unser Erstredner G. da jetzt auf sein Skript geschaut hat, oder auf sein Palm, fällt ja eh niemandem auf. Vor allem nicht der Opposition O., die sich am besagten Einleitungssatz aufgehängt hat und zwischen iPhones und Blackberries wie wild hin und her zwitschert. Nebenbei lästert jemand über den Kollegen aus der Dritten, der wohlbemerkt eigenen Reihen, der noch – wie unfortschrittlich! – einen „Schlepptop“ dabei hat. Der muss ja stets erst hochgefahren werden und man muss ja noch manuell die Webseiten aufrufen und Fotos erst noch uploaden! Aha, jetzt schließt er eine Kamera an – mit einem Kabel! LOL! Foto knipsen und direkt neuen Post schreiben: „Kollege mit Kabel nicht mehr tragbar.“

Denn tragbar ist nur noch, wer Tragbares hat, nämlich ein Smartphone.

Die Smartphone-Technologie hat das scheinbar unmögliche möglich gemacht; den Online-Journalisten ziemlich alt aussehen zu lassen. Er wurde überholt. Hier und da noch gefeiert, lacht man über den lahmen Onlinejournalisten in Fachkreisen schon.

Denn wer weiß eigentlich noch, wer nach Usain Bolt Zweiter im Hundert-Meter-Lauf wurde? Muss man ja eigentlich auch gar nicht mehr wissen; Google ist ja nun auch immer in der Hosentasche…

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