„Stellt euch vor, Twitter wäre ein Marktplatz“

Teil 4 der Serie Wahlkampf im Web: SPD

Steinmeier strahlt - und bloggt.

Schon ein halbes Jahr vor der Bundestagswahl hatte die SPD sich online warmgelaufen. StudiVZ, Youtube-Channel, facebook und twitter sind seit Monaten in die Wahlkampf-Seite eingebunden und werden kräftig bespielt. Hübsche Fotos von Frank-Walter-Steinmeier findet man bei flickr. Auch rapid response spielt eine große Rolle: Schon während des Townhall Meetings, der Merkel-Fragerunde von Spiegel TV und RTL im Mai, bezog die SPD online in Echtzeit Stellung zu den Antworten der Kanzlerin. LeOn hat mit Sebastian Reichel, dem Leiter des Online-Wahlkampfs der SPD gesprochen.

LeOn: Welche Rolle spielt der Online-Wahlkampf im Jahr 2009?

Reichel: Der Online-Wahlkampf ist das Herzstück unserer Kampagne. Das Internet als Komplettmedium bietet die Möglichkeit direkt zu informieren, zu organisieren und zu kommunizieren. Letztlich ist das persönliche Gespräch vor Ort ausschlaggebend für die Entscheidung der Wähler.

LeOn: Warum klappt der Online-Wahlkampf in Deutschland nicht so gut wie bei Obama?

Reichel: Bei der Wahl von Barack Obama haben viele Faktoren eine Rolle gespielt: die politische Wechselstimmung, zwei Kriege, die Bush begonnen hat, ein schwacher Gegenkandidat. Bei der Rezeption der Obamakampagne in Deutschland spielt das Internet natürlich eine überragende Rolle, was aber vermutlich eher daran liegt, das der Wahlkampf hier überwiegend über das Internet wahrgenommen wurden. Die „realen“ Strukturen werden hier oft außer Acht gelassen. Wenige von denen, die heute über die letzten Monate des Wahlkampfes in den Vereinigten Staaten schreiben haben sich direkt vor Ort ein Bild darüber gemacht.

Zudem gibt es zentrale Unterschiede in der politischen Kultur, das „commiten“ für einen der Kandidaten ist stärker ausgeprägt, die Bereitschaft zu spenden ebenso. Ähnliches gilt für das politische System und das Mediensystem. Ich würde nicht behaupten, dass der Onlinewahlkampf hier besser oder schlechter funktioniert. Er funktioniert anders.

LeOn: Wie wollen Sie den Online- und den Offline-Wahlkampf miteinander verbinden?

Die Wahlkampfzentrale auf dem Handy: ispd
Die Wahlkampfzentrale auf dem Handy: ispd

Reichel: Im Bundestagswahlkampf werden wir uns verstärkt darum bemühen, den realen Wahlkampf online widerzuspiegeln. Dafür ist unsere neue iPhone-Applikation iSPD ein ganz wichtiges Tool. Es sieht erst mal aus wie eine Spielerei, soll aber die Menschen animieren, selbst mitzumachen. Als „Wahlkampfreporter“ kann jeder zum Beispiel Fotos seiner offline-Wahlkampf-Aktionen hochladen und so den Wahlkampf für andere erlebbar machen.

Aber natürlich wird das online-Netzwerk meineSPD auch umgekehrt dabei helfen, den offline-Wahlkampf zu organisieren. Die Mitglieder werden dazu angeregt, auch mal Flyer auszudrucken und zu verteilen. Diese Mobilisierung wird besonders in der heißen Phase eine wichtige Rolle spielen.

LeOn: Gibt es eine Empfehlung der Partei an ihre Kandidaten, Twitter zu nutzen?

Reichel: Der Kanal, den ich nutze, muss immer zu meiner Persönlichkeit passen. Das ist auch der Grund, warum Frank-Walter Steinmeier sich für ein Blog auf www.wahlkampf09.de entschieden hat. Wir geben den Kandidaten Hilfestellungen für den Umgang mit sozialen Netzwerken und sozialen Diensten an die Hand. Die Entscheidung, ob und welchen Kanal sie nutzen, treffen sie selber.

LeOn: Gibt es denn eine Leitlinie, wie getwittert werden soll oder was man besser lassen sollte?

Reichel: Wir haben einen Leitfaden mit Tipps zum Verhalten in sozialen Netzwerken herausgegeben, da ist auch twitter dabei. Eine Empfehlung lautet: Stellt euch vor, Twitter wäre ein Marktplatz. Auf Twitter würde ich nichts sagen, was ich nicht auch öffentlich auf einem Marktplatz sagen würde. Die virtuelle Identität muss zur realen Persönlichkeit passen. Der Account der SPD selbst kann natürlich nicht persönlich sein, weil er ja für die ganze Partei mit ihrer ganzen Heterogenität steht.

Auch die SPD twittertLeOn: Wie messen Sie Ihren Erfolg bei twitter?

Reichel: Die echte Reichweite eines Tweets kennt man nur bedingt messen. Wir beobachten aber, wie häufig ein getwitterter Link angeklickt wird. Da liegen wir etwa zwischen 50 und 500 Klicks pro Tweet. Die Zahl wird sich in den nächsten Wochen bis zu Wahl sicher vervielfachen. Zurückverfolgen können wir das, weil wir als URL-shortener eine SPD-Plattform verwenden, über die wir dann die Klicks zählen können.

LeOn: Angela Merkel scheint in diesem Wahlkampf extrem schwer angreifbar zu sein. Welche Rolle wird rapid response und Negative Campaigning bei der SPD spielen?

Partei-Fotoalbum online: flickr

Reichel: Zu jeder Kampagne gehört eine Linie in der man bilanziert, in der man sagt, was man vor hat. Es wird aber auch darüber zu sprechen sein, wofür die anderen Parteien und Personen stehen. Das Florett wird dabei sicher wichtiger als der Holzhammer.

LeOn: In Ihrem Forum moderieren Sie die Einträge vor. Haben Sie keine Angst vor dem Vorwurf der Zensur?

Reichel: Das ist nicht mein Zensurbegriff. Wir moderieren die Kommentare und Beiträge entlang bewährter Netiquette. Nicht um Diskussionen zu bestimmten Themen zu verhindern oder Meinungen einzuschränken, sondern um eine sachliche und zielorientierte Debatte zu ermöglichen.

LeOn: Wie gehen Sie mit Fake-Profilen bei Twitter um?

Reichel: Fake Profile werden dann zum Problem, wenn diejenigen, die daraus zitieren sich nicht die Mühe machen die Echtheit nach zu recherchieren. Ein gefälschtes Profil von Franz Müntefering und Frank-Walter-Steinmeier sperren lassen, das ginge schon. Sie können allerdings sicher sein, dass nur Minuten nach der Sperrung neue Profile auftauchen. Wir bestätigen oder dementieren die Echtheit von Profilen aktiv und auf Nachfrage. Hilfreich sind auch Plattformen wie www.wahl.de, wo Fake Profile gekennzeichnet sind. Zur Zeit arbeitet twitter an sogenannten „certified-“Profilen, die eine Echtheit von bekannten Personen garantieren sollen.

LeOn: Der twitter-Account F_W_Steinmeier ist ziemlich gut gemacht. Ist er ein Test-Account?

Reichel: Nein.

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