Geschichten erzählen viele, Journalisten zuerst…

Im Frühjahr 1999 leistete ich während meiner Ausbildung zum Fernsehredakteur im ZDF Landesstudio Hessen eine Station ab. Die Landesstudios des ZDF bestehen aus Teams, die regional bezogen recherchieren und die aufbereiteten Themen den aktuellen Sendungen (heute, heute-journal, Drehscheibe Deutschland, Hallo Deutschland, logo etc.) als Beiträge anbieten. Die Arbeit „vor Ort“ in einem Studio ist für einen noch nicht sehr erfahrenen Hospitanten, Trainee oder Volontär eine gute Möglichkeit, journalistische Realität zu erleben: Wer schneller recherchiert und als Erster anbietet, bekommt den Auftrag zur Produktion des Beitrags. Den Zweiten beißen die Hunde.

Recherche im Internet bringt Zeitvorteil
Ich war in dieser Zeit im Dienst und auch nach Feierabend intensiv im Internet unterwegs: Internationale Nachrichtenseiten, mehr oder weniger „unbekannte“ Fachforen mit Insiderwissen, Webseiten, auf denen man die Standorte von Ü-Wagen (SNG) national und international verfolgen und buchen konnte – ich spürte den Puls der Zeit und war fasziniert davon, mich endlich im realen Wettbewerb messen zu können.

Auf einem meiner Streifzüge stieß ich irgendwann spät in der Nacht auf eine Nachricht, die mich aufmerken ließ: Es war Krieg im Kosovo – und die Info lautete, dass morgen die ersten Flüchtlinge nach Deutschland gebracht werden sollten. Deutschland – das heißt Frankfurt, da nur ein Flieger als Transportmittel in Betracht kam. Und Frankfurt liegt in Hessen, befindet sich also im Einzugsgebiet unseres Studios. Meine Story! Soviel war klar: Die Nachfrage nach Material wird bei demjenigen, der als Erster anbietet, riesig sein. Für mich als Trainee wäre das ein unvorstellbarer Glücksfall. Oder eine wirklich gute Recherche, je nach Sichtweise. Die restlichen Stunden bis zum nächsten Morgen konnte ich trotzdem erstaunlich gut schlafen.

Erste Bestätigung und eine Spur nach Gießen
Um kurz vor sieben klingelte der Wecker und ich schnappte mir sofort das Telefon. Der Anruf beim Flughafen brachte einen direkten Treffer: Die Pressestelle war um diese Zeit schon besetzt – ein sicheres Zeichen dafür, das „was im Busch“ ist. Ein sehr zögerlicher Mensch am anderen Ende der Leitung wollte wissen, woher ich denn die Information hätte? Ein innerliches Grinsen: Kein Dementi bedeutet eine Bestätigung. Ich ging auf die Frage nicht ein und konterte, ob wir Journalisten uns irgendwo zentral bei der Landesregierung anmelden müssen oder ob die Akkreditierung beim Flughafen ausreiche? „Dürfen wir nur bei der Ankunft filmen oder auch anschließend?“ Natürlich hatte ich keine Ahnung, wo oder was „anschließend“ sein würde – ein Schuss ins Blaue. Anmeldung beim Flughafen sein nötig, bestätigte mir nach nochmals kurzem Zögern der Pressemensch. Wenn ich in Gießen noch filmen möchte, dann müsse ich das mit den örtlichen Stellen abklären.

Gießen? Moment, da gab es doch ein Auffanglager für Asylanten, das nur zum Teil ausgelastet war. Kenn‘ ich, hatten wir erst vor kurzem in der Recherche über Asylmissbrauch. Mist – die Telefonnummer liegt im Studio in meinem Ordner und ich habe keinen eigenen Schlüssel! Also direkt die zentrale Telefonauskunft der Landesregierung angerufen, im Anschluss die so erhaltenen Telefonnummer in Gießen. In der Leitung dann der Chef des Auffanglagers – um diese Uhrzeit ein weiteres Indiz für den richtigen Riecher – der mir bestätigte, dass gegen 22 Uhr die Maschine in Frankfurt landen und die Flüchtlinge im Anschluss nach Gießen gebracht würden. Wir erhielten als erstes Team die Drehgenehmigung. Ich schrieb schnell die Themenanmeldung und schickte sie an meine ZDF-Mailadresse, duschte, machte mich fertig und fuhr zum Studio. Nach zehn Minuten kam der Frühredakteur und ließ mich rein. Fünf Minuten später ging die Themenmeldung über den Mail- und Faxverteiler raus, weitere fünfzehn Minuten später kamen die ersten Bestellungen bei uns an. An Ende des Vormittags wollten über zwanzig aktuelle Sendungen mein Material.

Wesen des Journalisten
Der Journalist lebt am Puls der Zeit, sagt man. Die ersten drei Monate im Berufsleben eines aktuellen Journalisten werden oft als sehr hart empfunden. Irgendwie hat man immer zu wenig Schlaf, muss tausend Dinge gleichzeitig machen, hat das Gefühl, man schwimmt mehr als dass man festen Boden unter den Füßen hat – und tritt doch ständig auf der Stelle. Eine permanente Reizüberflutung an Informationen lässt einen abends noch länger wach liegen und raubt den ohnehin knappen Schlaf. Überwindet man diese Phase, hat man sich an das „Pulsieren“ schnell gewöhnt: Es vergeht kein Tag, auch nicht im Urlaub, an dem man nicht schnell noch mal die Agenturen „checkt“ oder „seine“ Website besucht. Das kleine Wiesel in einem ist immer irgendwie auf der Suche nach Nahrung, schnüffelt nach Informationen, hetzt der ultimativen Geschichte hinterher. Tatsächlich gewinnt man dadurch nur einen kurzen Wissensvorsprung – man will ja Publizieren, will, dass wenige Stunden später alle davon sprechen: Die Nachricht von eben wird langweilig – „kenn ich schon“.

Journalist sein bedeutet eben nicht, etwas zu wissen, was andere nicht wissen. Man weiß es einfach nur zuerst…

3 Gedanken zu „Geschichten erzählen viele, Journalisten zuerst…

  1. bonny2punkt0

    Heute habe ich am eigenen Leib erfahren, dass ich den letzten Absatz korrigieren muss: Leider bedeutet Journalist sein wohl nicht für jeden, etwas zuerst zu wissen. Und anscheinend ist es für manche nicht mal entscheidend, etwas überhaupt zu wissen. Denn relativ erschüttert musste ich vorhin auf heute.de lesen, dass in meinem Heimatstädtchen Neustadt/Weinstraße 300 rechtsextreme Demonstranten durch die Innenstadt gezogen seien. Interessant. Denn ich habe nur etwa 100 von ihnen gesehen. Und die konnten auch nicht durch die Innenstadt ziehen, da sie schon auf dem Bahnhofsvorplatz von einer Menschenmenge (eindeutig mehr als 600, wie auf heute.de behauptet) aus Bürgern, Gewerkschaftern und linken Gegendemonstranten blockiert wurden. Nur mit ziemlicher Mühe und durch Unterstützung seitens der Polizei konnten die Rechten das Bahnhofsgelände überhaupt verlassen, sind aber trotzdem nur etwa 20 Meter weit gekommen, gut geschützt durch eine Unterführung.
    Anscheinend leidet im Online-Journalismus die Qualität der Beiträge unter ihrer Aktualität. Ich hatte Glück, als Augenzeugin besser zu wissen, wie die Realität aussieht. Aber das Glück kann nicht jeder haben. Scheinbar nicht mal die Journalisten von heute.de.

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  2. mainzel Autor

    Sehen Sie, genau das ist das Problem: Die Kollegen der heute.de sitzen in der so genannten „Galeere“, einem Großraumbüro im Sendezentrum des ZDF in Mainz. Die kommen mit Sicherheit nicht raus und berichten von „Vor Ort“, sondern verlassen sich – leider manchmal blind – auf das, was Ihnen die Agenturen durchgeben. Wenn da bei DPA, Reuters und AFP steht, dass in Neustadt 300 rechtsextreme Demonstranten waren, dann waren es für den Redakteur 300 rechtsextreme Demonstranten: Selten wird von den Kollegen nochmal nachgefragt (beispielsweise durch Anruf bei der Polizeiführung oder beim Roten Kreuz oder bei der Pressestelle der Stadt) und sich vergewissert, dass die Zahlen stimmen. Diejenigen, die die eigentlichen Nachrichten machen, sind die Nachrichtenagenturen. Und das ist ein großes Problem – unabhängiger Journalismus ist es jedenfalls nicht. Wir sollten uns auf jeden Fall demnächst nochmal über Recherche und Quellenverifizierung unterhalten.

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  3. mainzel Autor

    Noch ein Nachtrag: Vom Prinzip her wäre das ein Fall für den Presserat. IN dessen Pressekodex (finden Sie hier: http://www.presserat.de/Pressekodex.pressekodex.0.html) heißt es in Ziffer 2: Ziffer 2 – Sorgfalt: Recherche ist unverzichtbares Instrument journalistischer Sorgfalt. Zur Veröffentlichung bestimmte Informationen in Wort, Bild und Grafik sind mit der nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen und wahrheitsgetreu wiederzugeben. Ihr Sinn darf durch Bearbeitung, Überschrift oder Bildbeschriftung weder entstellt noch verfälscht werden. Unbestätigte Meldungen, Gerüchte und Vermutungen sind als solche erkennbar zu machen. Symbolfotos müssen als solche kenntlich sein oder erkennbar gemacht werden. – Offensichtlich könnte es hier an der beschriebenen Sorgfalt gemangelt haben, vorausgesetzt, es gab nicht mehrere Agenturen, die alle den gleichen Fehler gemacht haben – oder die sich alle aus ein und dem selben Polizeibericht informiert hatten.

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