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Quo vadis, vierte Gewalt? - Gespräch mit Prof. Christoph Klimmt

Juni 26, 2008

Debatten um Web 2.0, Internetzugang als Menschenrecht und öffentlich-rechtliches Onlineangebot lassen es erahnen: Das Internet avanciert zum Massenmedium. Logisch, dass eine solche Entwicklung an der Journalismusbranche nicht spurlos vorbeigeht. LeOn sprach mit Prof. Dr. Christoph Klimmt, Juniorprofessor für Onlinekommunikation am Institut für Publizistik der Uni Mainz, über neue Herausforderungen durch den Einzug von Onlineangeboten in die Medienlandschaft - nicht nur für Journalisten und Verleger, sondern auch für die Kommunikationswissenschaften.

LeOn: Die neuen Medien und nicht zuletzt auch Ihr Forschungsschwerpunkt, die Computerspiele, waren in den letzten Jahren stets Gegenstand kontroverser öffentlicher Diskussion. Was macht für Sie den Reiz dieser Themen für die Wissenschaft aus?

Prof. Klimmt: Das Internet nutzt man in unserem Beruf zwangsläufig intensiv. Im Bereich Computerspiele habe ich insofern eine intrinsische Motivation, als ich das früher ausgesprochen intensiv betrieben habe. Da habe ich hauptsächlich Ego-Shooter gespielt, die viel gescholtenen Killerspiele, aber auch Strategiespiele wie Transport Tycoon.
Prof. KlimmtBei der Onlinekommunikation ist das enorme Tempo der Entwicklungen reizvoll - nicht nur in Hinblick auf die Technologie, sondern auch auf die kommunikativen Geschäftsmodelle, die Anbieterstrukturen und vor allem was die Menschen letztendlich mit dem Medium anstellen. Seit knapp 20 Jahren haben wir jetzt das WWW, seit neustem tun sich zudem unter dem merkwürdigen Label “Web 2.0″ ganz interessante Dinge auf… Allein was Google täglich an neuen Diensten anbietet, hat unglaubliches Innovationspotential und führt letztlich zu einer Transformation des gesamten altbekannten Mediensektors. Die Forschung kann da natürlich kaum mithalten. Wenn man systematisch und theoriegeleitet arbeitet, ist man notgedrungen langsamer als solch ein dynamischer Gegenstand, aber es ist auch besonders reizvoll, weil man wirklich jeden Tag auf neue Entwicklungen stößt, die man untersuchen will.

LeOn: Was für Konsequenzen haben die neuen Medien für die Kommunikationswissenschaft?

Prof. Klimmt: Im Grunde müssen wir viele unserer althergebrachten Konzepte komplett überdenken. Das, was wir aus der klassischen Medienwirkungsforschung zu wissen glauben, muss für die Onlinekommunikation nicht genauso anwendbar sein. Nehmen wir so etwas einfaches wie Agenda-Setting - funktioniert das überhaupt noch, wenn die Bezugskanäle für aktuelle Informationen so weit auffächern? Ein Leitmedium, das eine Agenda vorgeben könnte, droht da zu verschwinden. Der Agenda-Setting-Prozess wird also so viel chaotischer, dass man sich von einem linearen Medienwirkungsbegriff hin zu einem Netzwerkmodell bewegen muss. Es genügt also nicht, neue Medien anhand der Erkenntnisse der etablierten Kommunikationswissenschaft zu untersuchen, sondern man muss auch seine bereits bestehenden Theorien hinterfragen.

LeOn: Auch so etwas Grundlegendes wie die Einteilung in Sender und Empfänger wird ja durch solche News-Communities wie digg oder reddit aufgeweicht, wo jeder seine eigenen Nachrichten zusammenstellen und kommentieren kann. Sehen Sie darin eine Gefahr für journalistische Qualität, wenn im Internet jeder Journalismus betreiben kann?

Prof. Klimmt: Nein, überhaupt nicht. Ich glaube Journalisten haben derzeit Angst, dass ihnen die Definitionsmacht über das, was wichtig ist, entgleitet. Es gibt jetzt viel mehr Leute, die sich zu Wort melden und die journalistische Einzelleistung in Frage stellen. Dass jetzt viel mehr Leute bloggen und kommentieren sehe ich eigentlich als eine Bereicherung, mit der der Journalismus lernen muss umzugehen.
Was mir viel mehr Sorgen macht, ist dass es nach wie vor kein vernünftiges Finanzierungsmodell für Onlinejournalismus gibt. Deutschlands Qualitätsblätter verschleudern hochqualifizierte journalistische Leistungen im Netz, in der Hoffnung, mit Bannerwerbung noch einen Teil der Verluste zu decken. Da Qualität nun einmal teuer ist, sind sie also auf Quersubventionierung durch ihr Printgeschäft angewiesen. Auf Dauer wird das nicht funktionieren, da sich in 20 Jahren unsere Nutzungsgewohnheiten so weit in Richtung Netz verschoben haben werden, dass sich viele Printerzeugnisse nicht mehr aus eigener Kraft tragen werden können. Man muss vielmehr ein Online-Pendant zur Abonnementzeitung schaffen. Den Leuten, die täglich qualitativ hochwertige Informationsdienste nutzen wollen, muss man dafür auch wieder einen Obolus abluchsen.

LeOn: Und wie könnte man das den Leuten verkaufen, die jetzt schon gewohnt sind, diese Dienste umsonst in Anspruch zu nehmen?

Prof. Klimmt: Eine Möglichkeit wäre da, durch Redaktionskooperation Abonnementbündel zu schnüren, die individuell auf den Rezipienten zugeschnitten sind. Zum Beispiel die Weltnachrichten von der Süddeutschen Zeitung, zu der man sich dann den Sportteil vom Kicker und den Regionalteil der Pirmasenser Nachrichten hinzukaufen kann. Die Preise könnten da trotzdem unter denen der Zeitungsabos liegen, weil die Kosten für Druck und Vertrieb wegfallen. Alle sagen mir ich sei ein Luftschlossbauer, die Kostenlosmentalität sei einfach schon zu weit verbreitet. Aber nur, weil sich das Medium geändert hat, kann das ja nicht heißen, dass für die gleiche Leistung plötzlich kein Geld mehr gezahlt wird.

LeOn: Eine Finanzierung von Onlineangeboten durch bessere Werbetechniken halten Sie also nicht für möglich?

Prof. Klimmt: Der Erfolg von Google spricht da durchaus Bände, derzeit arbeiten sie an einem online nutzbaren Officepaket, das sicher den Microsoft-Office-Produkten ernsthafte Konkurrenz machen wird. Das ist der Trick von Google, sie machen es einfach besser und kostenlos. Dadurch locken sie enorm viele Nutzer auf ihre Seiten, die sie für hochmoderne Werbetechniken nutzbar machen können. Durch diese Bündelung von Werbegewinnen sind sie auch in der Lage, Leistungen wie Google Maps kostenlos anzubieten, die früher viel Geld gekostet haben. Das Konzept kann aber nicht aufgehen, wenn es jeder so versucht. Stattdessen wird Google da der Konkurrenz - wie etwa den Kartenverlagen - die Geschäftsgrundlage entziehen, indem es deren Leistungen entwertet. Insofern sollte sich auch der Journalismus nicht darauf verlassen, dass die Werbeeinnahmen im Internet irgendwann schon noch steigen werden, indem man mit Google kooperiert. Das Werbegeld wird nämlich nicht bei den Redaktionen, sondern bei Google hängenbleiben.

LeOn: Die Alternative der Abonnementangebote würde doch aber dazu führen, dass nur diejenigen, die es sich leisten können, umfassend informiert sind. Wäre ein öffentlich-rechtliches Internetangebot ein Mittel, dem vorzubeugen?

Prof. Klimmt: Eine kostenlose Grundinformation wird es sicher auch in Zukunft im Internet geben, aber auch die Zeitungen kosten ja Geld. Der gut informierte Bürger zahlt auch jetzt schon jede Woche seine 5 Euro für die Zeit. Ob man es Knowledge Gap oder jetzt Digital Divide nennt, das ist kein neues Problem. Man könnte zwar durch das Internet versuchen, die gesamte Bevölkerung mit einem umfassenden Angebot in Berührung zu bringen, aber es wäre trotzdem ein Großteil nicht in der Lage, diese Inhalte überhaupt zu verarbeiten und zu verstehen. Man muss aufpassen, keine übertriebenen normativen Anforderungen an das Internet zu stellen, dass es jetzt alle zu ideal informierten partizipierenden Bürgern machen könnte - so funktioniert Demokratie nicht.
Was die Öffentlich-Rechtlichen angeht, deren Rolle ist hoch problematisch. Wir haben uns jetzt 50 Jahre lang darauf verlassen, dass das Rückgrat der politischen Information, das Zeitungswesen, in privatwirtschaftlichen Händen bleibt. Den öffentlich-rechtlichen Rundfunk hat man immer damit begründet, dass es anfangs unmöglich war, ein vielfältiges, wettbewerbsbasiertes Angebot aufzubauen, und das stimmte 1948 wahrscheinlich auch noch. Man hat sich damit ein mit verfassungsrechtlichen Freibriefen ausgestattetes Monster geschaffen. Das muss man in der Deutlichkeit sagen, sieben Milliarden Euro, das ist ein Wahnsinn, was wir dafür ausgeben! Und der Begriff Grundversorgung, der früher einfach sicherstellen sollte, dass es überhaupt ein Rundfunkprogramm geben konnte, wird heute ausgelegt als die letzte Bastion gegen den Raubtierkapitalismus oder dergleichen. Wenn jetzt die öffentlich-rechtlichen Sender auch noch massiv online auftreten wollen, dann muss zumindest unterbunden werden, dass dadurch die vielen privaten kleineren und großen Informationsanbieter im Netz in ihrer Existenz bedroht werden. Das Internet ist ja gerade ein besonders niedrigschwelliges Medium, das vielen Anbietern verschiedenen Professionalitätsgrades den Einstieg ermöglicht. Für ein gebührenfinanziertes Angebot besteht da derzeit einfach kein Bedarf.

LeOn: Zuletzt noch ein Blick in die Zukunft des Journalismus als Beruf: Welchen neuen Anforderungen muss sich der Onlinejournalist im Vergleich zu klassischen Medien stellen?

Prof. Klimmt: Die wichtigste Veränderung ist wohl, dass der Job viel hektischer wird. Bei den konventionellen Medien ist der Redaktionsalltag noch durch das Erscheinungsintervall strukturiert. Das gibt den Journalisten die Möglichkeit, ihren Arbeitsrhythmus zu organisieren. Im Onlinejournalismus gibt es das nicht mehr, weil Nachrichten immer so schnell wie möglich online gestellt werden müssen. Das erhöht die Schlagzahl bei der Produktion journalistischer Angebote ganz erheblich. Die Schlüsselqualifikationen, um das zu bewältigen, sind dann sowohl Selbstmanagement als auch die Fähigkeit, an drei Artikeln gleichzeitig arbeiten zu können. Wenn man dann auch noch hohen Qualitätsstandards entsprechen will, muss man sich die zeitlichen Freiräume zur intensiven Recherche in einer Onlineredaktion viel stärker erkämpfen als im Printbereich, weil Geschwindigkeit zu einem Wert per se erhoben wird. Die Herausforderung liegt also darin, Schnelligkeit nicht zu Lasten der Gründlichkeit gehen zu lassen.

LeOn: Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Julia Reda.

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Am Anfang war es nur ein Spiel: Mainzer Ambulanz für Computerspielsucht.

Der blaue Planet…?

Juni 19, 2008

Wasser gilt als Quell allen Lebens. In unseren Breiten zudem als fast selbstverständliche Ressource. Es ist überall frei zugänglich, billig und wird zumeist ohne größere Bedenken großzügig konsumiert. Die hiesige „solide“ Wasserversorgung gilt in vielen Teilen der Welt allerdings nicht als selbstverständlich. In der, im Rahmen des Studium Generale an der Uni Mainz stattfindenden, Vortragsreihe zum Thema „Wasser: Molekül, Lebensstoff und Menschheitsproblem“ referierte Prof. Dr. A. Bronstert zu diesem Thema.

Die Trockenregionen dieser Erde nehmen stetig zu...

Die Trockenregionen der Erde nehmen stetig zu...

Engländer trinken am meisten…Wasser!

Aus dieser ungleichen Verteilung folgt natürlich auch eine ungleiche Wassernutzung. Am schlechtesten ist die Versorgung auf dem afrikanischen Land. Während ein Afrikaner täglich im Durchschnitt 47 Liter Wasser verbraucht, beansprucht ein Amerikaner pro Tag 578 Liter. Ein Sechstel der Weltbevölkerung hat gar keinen Zugang zu sauberem Wasser.

Die Klimaänderung als elementarer Faktor

Das Klima gilt als wichtigster Einflussfaktor für die Wasserverfügbarkeit auf der Erde, stellt es doch den „Motor“ für den globalen Wassertransport dar. Aber auch hinsichtlich der regionalen Temperaturen und insbesondere Temperaturschwankungen wird die Bedeutung klimatischer Vorgänge erkennbar. Man denke in diesem Zusammenhang an die intensive Berichterstattung der letzten Jahre und der damit einhergehenden dramatischen Bilder riesiger ins Polarmeer abstürzender prähistorischer Eismassen.

Weitere deutliche Zeugnisse der klimatischen Einflussnahme werden jedoch auch im lokalen Rahmen sichtbar: So zum Beispiel der Rhein im Winter, der vor 200 Jahren in bestimmten Gebieten noch komplett mit einer Eisschicht bedeckt war. Generell werden Eisaufbrüche in nordischen Flussgebieten zunehmend früher verzeichnet.

Andere Einflussfaktoren

Aber auch andere Einflüsse, welche auf den Menschen zurückzuführen sind, beeinflussen die Wassernutzung maßgeblich: Landwirtschaft und Industrie. Diese beiden Sektoren stellen den größten Verbrauch von Wasser mit zusammengenommen 87 Prozent.

Mit den, im Laufe der letzten 200 Jahren, entstandenen technischen Innovationen und einer wachsenden und zunehmend konsumierenden Weltbevölkerung ist das Leistungspotential unserer Erde also – besonders in Bezug zu den verfügbaren Ressourcen – erschöpft. Es kann längst nicht mehr von einer nachhaltigen Entwicklung gesprochen werden. Das beste Beispiel hierfür findet sich im Yemen: Hier wird mithilfe immer leistungsfähiger Pumpen Tiefengrundwasser zur Bewässerung der landwirtschaftlichen Flächen gefördert, was aufgrund der starken Verdunstungsrate und der schlechten Bewässerungssysteme extrem ineffizient genutzt wird. Die Folge: Der Pegel des unwiederbringlichen Grundwassers fällt jährlich um fünf Meter ab.

Ausblick

Schlußendlich lässt sich sagen, dass nicht Effekte des Klimawandels, sondern vor allem das Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum und deren steigende Anforderungen auf der Erde die Ausgewogenheit und Verfügbarkeit des Wassers bedrohen. Dies wird anhand der Tatsache deutlich, dass Schätzungen zufolge im Jahr 2025 mehr als drei Milliarden Menschen unter Wassermangel zu leiden haben werden.

Der blaue Planet...wie lange noch?

Der blaue Planet...wie lange noch?

Noch wichtiger ist aber ein verantwortungsvoller Umgang mit dem flüssigen Gut, auch in den gesegneten Gebieten dieser Erde – bedrohen territoriale Konflikte aufgrund von Ressourcensicherung, und seien sie noch so weit entfernt von der westlichen Welt, doch mindestens im globalpolitischen Sinne, auch uns und erfordern von jedem von uns einen bewussten Verbrauch des kostbaren Gutes Wasser.

Kommentar: Ein Tornado namens JOGU-StINe oder viel Wirbel um nichts?

Juni 19, 2008

Ab dem 1. Februar 2009 soll JOGU-StINe, das neue Internetportal für Studierende und Lehrende, an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz eingeführt werden. Momentan befindet sich das Portal noch in der Entwicklungsphase. Das hält JOGU-StINe jedoch nicht davon ab, viel zu versprechen. Können diese Versprechen eingehalten werden oder entpuppen sie sich im internationalen Vergleich doch eher als Versprecher?

Werbeflyer für JOGU-StINe in der InfoboxTest eins, zwei, drei…
Die Testphase hat begonnen: Seit dem 9. Juni 2008 können alle Interessierten einen ersten Blick mit ein paar Klicks verbinden und das neue Internetportal der Johannes Gutenberg-Universität Mainz vor seiner offiziellen Einführung am 1. Februar 2009 testen. In der Infobox neben dem ReWi gibt es noch bis Mitte Juli 2008 die Gelegenheit, JOGU-StINe – das JOhannes GUtenberg StudienInformationsNetz – bei einem Schluck Kaffee zur Freude seiner Gründer zu bewundern oder vor dem Bildschirm zu kritisieren.

Die Funktionen von JOGU-StINe basieren auf dem Programm „CampusNet”, das aktuell bereits von der Hamburger Universität verwendet wird. Das, woran zurzeit in Mainz viele kluge Köpfe arbeiten, ist die Ausgestaltung der Weboberfläche von JOGU-StINe. Bis zur Fertigstellung des Portals haben seine IT-affinen „Modellierer“ in den Bereichen Inhalt und Grafik alle Hände voll zu tun: Die Inhalte müssen vervollständigt werden. Das heißt, die Prüfungsordnungen aller Fachbereiche müssen im System abgebildet, Kurse und Module angelegt werden. Das Design muss noch übersichtlicher aufbereitet werden, wovon die Farben, lesbare Schaltflächen und weitere Teile des Layouts von JOGU-StINe betroffen sind. Der kleine Wirbelsturm namens JOGU-StINe ist demnach noch in seiner Wachstumsphase. Das ist ja legitim – doch sind dies auch die Versprechungen, welche vor der Endversion von JOGU-StINe auf dem Campus und darüber hinaus kursieren?   

Der Umbruch schlechthin? Ein erster Eindruck von JOGU-StINe am Bildschirm.
Der Trommelwirbel um das neue Internetportal war unglaublich groß – er kam schon einem Tornado gleich: Aus den unterschiedlichsten Richtungen und im Sinne eines Lobgesangs vorab wurde für JOGU-StINe geworben. Dement-sprechend wurden auch die Erwartungen hoch gesteckt. Doch der erste Kontakt mit dem neuen Portal ruft bei vielen Studierenden entweder Ernüchterung oder gar Enttäuschung hervor. Sätze wie „Bei den ganzen Ankündigungen habe ich da aber mehr erwartet.“ oder „Das Layout ist echt bedürftig – kann sich die Uni nichts Anderes leisten?“ ertönen von frustrierten Gesichtern vor den Bildschirmen in der Infobox. Der Beginn einer neuen Ära ist zumindest zu diesem Zeitpunkt noch nicht in Sicht.

Was JOGU-StINe an Neuerungen anpreist, ist bekannt: Anmeldung zu Lehrveranstaltungen, Zugriff auf Lehrmaterialien, Erstellung eines Stundenplans, Anmeldung zu Prüfungen, Bewerbung, Übersicht über erbrachte Studien- und Prüfungsleistungen, Antragstellung auf Fachwechsel oder Beurlaubung und Verfügbarkeit von Studienbescheinigungen – alles online, versteht sich. Wer bislang nicht gerade mit Scheuklappen studiert hat, wird erkennen, dass dies kaum Innovationen sind. Vielmehr werden einzelne Portale wie das UnivIS aufgelöst und Funktionen von Reader Plus oder Ilias verschoben beziehungsweise durch JOGU-StINe ersetzt. Das Einzige, was neu ist, sind die Leistungsübersicht, die Antragstellung und die Studienbescheinigungen zum Ausdrucken. Na wenigstens etwas: Diese Neuerungen können sich sehen lassen und sorgen dafür, das JOGU-StINe im Zuge der Kritik nicht ganz den Boden unter den Füßen verliert - zumindest hier in Mainz. Wie sieht es außerhalb aus?

Hochmut kommt vor dem Fall
Zu diesem Fall führt ein einfacher Blick über den Tellerrand. Schaut man sich eine renommierte US-amerikanische Universität wie die University of California in Los Angeles (UCLA) an, so fällt auf, dass diese auch ein Internetportal besitzt: URSA. Dieses Internetportal ist lediglich für Studenten der Universität bestimmt und bietet um so viele Längen mehr an Funktionen als das Mainzer Portal JOGU-StINe, dass einem die Tränen kommen können. Mit URSA sind die Studenten anhand ihres UCLA-spezifischen E-Mail-Benutzernamens und ihres Passworts in der Lage, neben den Funktionen, die JOGU-StINe bietet, den Registrierungsstatus für Anmeldungen sowie Noten einzusehen, sich fertige Scheine per Post zuschicken zu lassen, benötigte Bücher direkt im Uniportal zu kaufen, die Studierendenidentifikationskarte zu bestellen, Wohnunterkünfte zu organisieren, Parkplätze zu buchen, Krankenversicherungen abzuschließen, Fördermöglichkeiten und Stipendien zu beantragen und sämtliche Informationen rund ums Thema Campusleben einzusehen.
Das Internetportal URSA für Studierende an der UCLA.
Was JOGU-StINe dagegen als absoluten Fortschritt proklamiert, ist bei URSA nur ein Teil von vielen weiteren Möglichkeiten, die Studierende an der UCLA online wahrnehmen können. Das soll nicht heißen, dass JOGU-StINe gar keine Verbesserungen für die Mainzer Universität mit sich bringt. Es ist lediglich zu bemängeln, dass diese großen Versprechen in keinem Verhältnis zu den tatsächlichen Veränderungen im Frühjahr 2009 stehen. Dazu kommt noch, dass JOGU-StINe im internationalen Vergleich eher schlecht abschneidet. URSA stellt JOGU-StINe in mehr als nur einer Anwendung deutlich erkennbar in den Schatten.

Vom Tornado zur Brise
Da kann man sich nur fragen, ob der angekündigte Tornado seine Kreise überhaupt in Mainz ziehen wird, wenn er über See schon zur Brise abflacht. Der Beginn einer neuen Ära kann vielleicht in Mainz gefeiert werden – und das auch nur mit zwei zugedrückten Augen. Doch im internationalen Vergleich – also: über den Tellerrand hinaus – kann JOGU-StINe mit Sicherheit noch keine Preise abstauben. Denn hier liegt es meilenweit hinter anderen universitären Internetportalen wie dem URSA der University of California in Los Angeles. Dabei sollte Letzteres doch Maßstäbe setzten. Schließlich befinden wir uns in einem Zeitalter, in dem Globalisierung, internationale Standards und Austausch ganz weit oben auf der Themenagenda der Universitäten stehen. Ein Austauschsemester in Mainz würde zumindest den Studierenden der UCLA beim Anblick von JOGU-StINe ein Lächeln entlocken – und zwar in Kombination mit einem schüttelnden Kopf vor Erstaunen über die inhaltlich erschreckend einfach gestrickte und grafisch noch völlig unausgereifte Oberfläche des Portals.

„Zwei-Klassen-Mediengesellschaft“ oder Verlust der Meinungsvielfalt?

Juni 13, 2008

 

von Lena Bassermann

Die Öffentlich-rechtlichen: Mehr Freiheiten zur Sicherung der Grundversorgung und Qualität
In der deutschen Medienlandschaft wird dieser Tage heftig gestritten. Für Diskussionsstoff sorgen der Entwurf zur 12. Änderung des Rundfunkstaatsvertrages im Generellen und die Online-Aktivitäten der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten im Besonderen. Wie das bei Streitigkeiten bekanntlich so ist, gibt es zwei herausragende Positionen. Da sind zum einen die, die der ARD und dem ZDF viele Freiräume eingestehen wollen. Ihr großes Argument ist, dass die öffentlich-rechtlichen Anbieter ihrem Grundversorgungsauftrag nachkommen müssen. Grundversorgen mit Information, Bildung und Unterhaltung sollen sie die ganze Gesellschaft. Um das zu leisten sei in einer zunehmend konvergenten Medienlandschaft ein umfangreiches Internetangebot unverzichtbar – vor allem um die jüngere Zielgruppe zu erreichen. Genau das gelingt mit dem reinen Rundfunkangebot nämlich kaum noch.

Die Öffentlich-rechtlichen: Bangen um die jungen Zuschauer
Soll das belegt werden, bedarf es keiner großen Argumentationslinien, vielmehr lässt man am besten die Zahlen sprechen: Mehr als 90 Prozent der 14-29 Jährigen informieren sich regelmäßig im Internet. Bei einem Blick auf die Alterspyramide der öffentlich-rechtlichen Anstalten wird nachvollziehbar, was ARD und ZDF befürchten.  Der durchschnittliche ARD-Zuschauer ist 59 Jahre alt, der Durchschnitts-ZDF-Seher gar 61 – nah dran also am Mittel des Renteneintrittsalters (im Jahr 2006 lag das bei 63,3 Jahren). Sämtliche Versuche, das Programm krampfhaft zu verjüngen sind bislang kläglich gescheitert. Werde nun der Handlungsspielraum im Internet eingeschränkt, untergrabe das die Akzeptanz von ARD und ZDF bei jungen Menschen noch mehr. Außerdem seien die Angebote von ARD und ZDF ein Garant für Qualität. Die Befürchtung hier: Die Vielfalt des Internetangebots den privaten Anbietern zu überlassen führe zu einem Qualitätsverfall.

Politiker fürchten „Zwei-Klassen-Mediengesellschaft“
Schwer ist es nicht zu erraten, wer diese Position unterstützt. An prominenter Stelle zu nennen ist vor allen der rheinland-pfälzische Ministerpräsident und SPD-Chef Kurt Beck. Der hat nämlich noch weitere Ämter inne. Als Verwaltungsratsvorsitzender des ZDF und Vorsitzender der Rundfunkkommission verwundert sein Engagement für einen Ausbau des dualen Systems auf den Online-Bereich nur wenig. Unterstützt wird das becksche Lager von sämtlichen Lobbygruppen und Regierungsmitgliedern. Sie sprechen gar von einer „Zwei-Klassen-Medienlandschaft“, wenn das öffentlich-rechtliche Angebot im Internet eingeschränkt würde, dem kommerziellen Rundfunk jedoch alles erlaubt sei.

Die Privaten: Wettbewerbsnachteile und Verstoß gegen die Grundidee der „Freien Presse“
An dieser Stelle kommt die Gegenseite ins Spiel. Gebildet wird sie - grob umrissen – von Oppositionsparteien, Interessensverbänden der IT- und Medienbranche, Verlegerverbänden und Privatsendern. Sie argumentieren vor allem mit der Gebührenfinanzierung. Durch diese seien die öffentlich-rechtlichen Anbieter nämlich komfortabel versorgt und müssten sich keine Gedanken ums Geld verdienen machen – ganz im Gegensatz zu den privaten Anbietern. Die fürchten ein Anwachsen der Meinungsmacht von ARD und ZDF und das kollidiere mit den Grundideen der freien Presse in Deutschland – die bewusst nicht den strengen Reglementierungen des Rundfunks unterworfen ist. ARD und ZDF sollen auf elektronische Presse verzichten, denn damit würden sie direkt mit den Angeboten der freien Presse in Konkurrenz treten und das bringe Wettbewerbsnachteile für die Verlage mit sich. Die Verlage verfügten schließlich nicht über GEZ-Gebühren, denn eine gebührenfinanzierte Presse gibt es schließlich nicht – und das mit Grund, nämlich der Sicherung der Meinungsfreiheit- und Vielfalt. Die parteiliche Besetzung der Rundfunkräte ist ein weiter Punkt, ebenso wie das Fehlen einer klaren Definition von „elektronischer Presse“. Hinzu kommt noch die Debatte um das EU-Wettbewerbsrecht.

Noch viele Fragen offen
Eine Menge offener Fragen also, von denen wohl zuerst klar festgelegt werden muss, wo die Grenzen des Handlungsspielraums der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanbieter sind. Am Donnerstag haben die Ministerpräsidenten vorläufig enge Grenzen für ARD und ZDF gesetzt. Die endgültige Entscheidung steht jedoch noch aus – bis dahin zeigen sich die Öffentlich-rechtlichen optimistisch, diese Grenzen ausdehnen zu können.

ARD und ZDF online - Vielfaltgewinn durch Freiheitsverlust?

Juni 12, 2008

Heute beraten die Ministerpräsidenten der Länder in Berlin über den 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag. Ein viel diskutierter erster Entwurf sieht unter anderem vor, dass die Internetangebote der Öffentlich-Rechtlichen (z.B. tagesschau.de) entgegen der bisherigen Praxis textbasierte Inhalte nur noch dann anbieten dürfen, wenn sie sich direkt auf eine Sendung beziehen, und auch diese sollen nur maximal eine Woche nach Ausstrahlung der entsprechenden Sendung online verfügbar sein.

In der Praxis würde dies bedeuten, dass neben Dossiers und Serviceangeboten mit weiterführenden Informationen auch die Veröffentlichung von Nachrichten, die nicht im TV oder Hörfunk ausgestrahlt werden, unzulässig wäre.

Brüssel fürchtet unlauteren Wettbewerb im Internet

Diese Reform fordert allen voran der Verlag Deutscher Zeitungsverleger (VDZ), der in der gebührenfinanzierten Internetpräsenz der Öffentlich-Rechtlichen einen unlauteren Wettbewerb gegen kommerzielle Nachrichtenportale im World Wide Web sieht. Unterstützt wird der VDZ in dieser Befürchtung von der Europäischen Kommission. Nachdem sich EU-Medienkommissarin Viviane Reding am Wochenende in einem Interview mit faz.net deutlich gegen ein redaktionelles Angebot der Öffentlich-Rechtlichen im Internet ausgesprochen hatte, wies Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes ihre Kollegin zwar zu Recht darauf hin, dass die Beobachtung der öffentlich-rechtlichen Onlineaktivitäten in den Kompetenzbereich der Wettbewerbskommission falle, dennoch gab sie Reding in der Sache Recht und kündigte an, gegen Wettbewerbsverzerrungen zu kämpfen. Sollte die Politik also - wie von den Vertretern von ARD und ZDF gefordert - nur das Verbot von Onlineangeboten der Öffentlich-Rechtlichen beschließen, die wie Presseerzeugnisse gestaltet sind (gemeint sind ausdruckbare e-papers, nicht etwa alle textbasierten Angebote), könnte Brüssel dieses Gesetz zu Fall bringen, um den freien journalistischen Wettbewerb im Internet zu schützen.

Ein Blick ins Gesetz erspart viel Geschwätz

Um diesen Streit zu verstehen, kommt man nicht umhin, das Grundgesetz und die Existenzberechtigung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks unter die Lupe zu nehmen. Warum ist die Presse frei von staatlichem Einfluss, für den Rundfunk gelten aber trotz im Grundgesetz festgeschriebener Rundfunkfreiheit andere Regeln? Und was bedeutet das für neue Medien wie das Internet?
Der Unterschied in der Ausgestaltung von Presse und Rundfunk geht auf eine Zeit zurück, als aufgrund der Funktechnik nur die Einrichtung einer kleinen Anzahl von Fernseh- und Hörfunksendern möglich war. Angesichts dieser „Sondersituation” und der hohen Kosten für den Betrieb eines Rundfunksenders sah das Bundesverfassungsgericht keine Möglichkeit für einen fairen, freien Wettbewerb gegeben, der eine Meinungsvielfalt ähnlich der Presse garantieren würde. Um dem Bürger dennoch vielfältige Informationen im besonders beeinflussend wirkenden Massenmedium Fernsehen garantieren zu können, sah man in der Rundfunkfreiheit also einen staatlichen Auftrag, eine Grundversorgung mit Informationen in Form der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten zu bieten.
Auf das Internet angewandt muss man feststellen, dass alle Argumente, die den staatlichen Eingriff in die Rundfunkfreiheit rechtfertigten, auf das Internet noch weniger zutreffen als auf die Zeitungspresse. Die mögliche Zahl der Onlineangebote ist grundsätzlich unbegrenzt und nur durch den Wettbewerb beschränkt, zumal die Kosten für die Unterhaltung einer Internetseite weit hinter denen einer Zeitung und erst recht eines Rundfunksenders liegen. Das erlaubt auch solchen Angeboten einen leichteren Einstieg, die nur für Minderheiten interessant sind, eine staatliche Vielfaltssicherung ist also weit weniger dringlich als im Fernsehen. Auch der Einwand, die besondere Suggestionskraft bewegter Bilder verlange eine staatliche Kontrolle - unabhängig davon, ob man ihm nun zustimmen mag oder nicht - ist für die derzeitige Diskussion irrelevant, da die Öffentlich-Rechtlichen ja nur in der Veröffentlichung textbasierter Angebote im Internet eingeschränkt werden sollen. Videos aus ihrem Fernsehangebot sollen sie weiterhin online verfügbar machen dürfen.

Schleichende Untergrabung der Meinungsfreiheit

Es bleibt also festzuhalten, dass durch die gesetzliche Regelung der Internetpräsenzen von ARD, ZDF und co. diese nicht nachträglich eingeschränkt werden, sondern ein rechtlicher Rahmen für ihre Online-Aktivitäten geschaffen wird, nachdem sie die die Grenzen ihrer Kompetenzen bereits weiträumig ausgetestet haben. Die Unterhaltung öffentlich-rechtlicher Internetangebote stellt genau wie die der Rundfunksender einen Eingriff in die Meinungsfreiheit dar, welcher hinreichend begründet werden muss. Dies kann nicht allein durch den Nutzwert dieser Websites geschehen, so lange unabhängige deutsche Internetportale ein ähnlich hochwertiges Informationsangebot liefern. In diesem Punkt hebt sich das deutschsprachige Internetangebot nach Einschätzung der Europäischen Kommission sogar positiv von dem anderer europäischer Staaten ab, dennoch wird der freien Presse hierzulande weit weniger Vertrauen geschenkt und auf die Informationsversorgung des Bürgers durch einen paternalistischen Staat bestanden.
Dass jede Freiheit auch ein gewisses Gefahrenpotential für die Freiheiten anderer birgt, betont bereits die Formulierung der allgemeinen Handlungsfreiheit aus Artikel 2 des Grundgesetzes. Dies aber als Anlass zu sehen, massiven staatlichen Einfluss auf den Informationswettbewerb auch im freisten aller Medien auszuüben, zeugt von einem unbegründeten Misstrauen gegenüber dem Bürger, obwohl die Freiheitsrechte ganz im Gegenteil Ausdruck eines historisch berechtigten Misstrauens gegenüber dem Staat sein sollen.

Von haariger Musik…

Juni 5, 2008

Seit dem 23. Mai präsentiert die studentische Theaterproduktion Musical Inc. nun schon das Musical „Hair” und thematisiert damit die stets präsenten Einflüsse von „Love, Peace & Happiness“ der Epoche der 68er. Doch damit nicht genug: In Zusammenarbeit mit dem Studium Generale der Universität Mainz hat das Team eine eigens zu diesem Anlass konzipierte Vortragsreihe organisiert, in der sich Wissenschaftler der Universität mit Themen des Musicals fachlich auseinandersetzen.

Diese Reihe der kurzen Werkseinführungen eröffnete direkt vor der Musical-Premiere der Amerikanist Prof. Dr. Alfred Hornung mit seinem Vortrag “Die 1960er Jahre in den USA und in Deutschland”. Gefolgt von weiteren Rednern an den Folgetagen wurden weitere bedeutende Themen dieser Epoche vom Vietnam-Krieg über die „Babyboomers“ und Rauschdrogen bis hin zur Musikkultur behandelt. Die 68er-Bewegung - Eine Prostestkultur für alternative Lebenswege und \

Den letztgenannten Aspekt präsentierte Prof. Dr. Ludwig Striegel von der Mainzer Hochschule für Musik, die „Musik in den 1960er Jahren”. So mancher mag an dieser Stelle an die heute noch allerorts präsenten musikalischen Werke à la Stones und Beatles denken. Gar nicht so weit gefehlt. Tatsächlich konnten die Hörer des Vortrags zum Ende hin Klangbeispiele der Pop-Ikonen genießen. Zuvor jedoch sollte Exotischeres dargeboten werden: Mit einem musikalisch bewusstseins- erweiternden Bogen präsentierte Striegel klassische Beispiele der 68er. Dies gelang aufgrund der extraordinären selektiven Kompetenzen des Musikwissenschaftlers. Mit Klangbeispielen wie „Atmosphere“, „Threnos den Opfern von Hiroshima“ von Penderecki, „Minimal Music“ und einem Stück von György Ligeti begab sich der Hörer auf eine akustische Abenteuerreise mit der Garantie akustischer Verstörung, hypnotischer Einflussnahme und rhythmischer Verwirrung.

Die Rolling Stones - Pop-Ikonen bis heuteNach diesen dem Ohr unvertrauten Klängen wurden die Hörer jedoch wieder auf altbekanntes Terrain geführt, denn nun folgten zwei Beispiele der Popmusik, natürlich verkörpert durch die Rolling Stones („Ruby Tuesday“) und die Beatles („All you need is love“). Interessant waren hierbei natürlich weniger die Klangbeispiele an sich, sondern die Interpretationen seitens Striegel. So verdeutlichte er anhand konkreter Textstellen die kulturellen Elemente der 68er-Bewegung hinsichtlich alternativer Lebensentwürfe und zeigte den intellektuellen kritisch-satirischen Charakter des Beatles-Textes auf.
Damit wurde die enorme Bandbreite der musikalischen Innovationen der Epoche der 70er Jahre und ihrer enormen Bedeutung für ein Verständnis gegenwärtiger Musikstile deutlich. Striegel sensibilisierte damit für den Charakter der Gegensätzlichkeit und des Protests dieser Zeit und erweiterte, sicherlich auf eine musikalisch halluzinogene Art, das Bewusstsein der Teilnehmer.

Von Benjamin Kashlan

„HAIR“ – Von ungepflegten Haaren zu Drogen, Androgynität und politischem Sex

Juni 5, 2008

Vom 23. Mai bis zum 3. Juni 2008 wurde das Musical „HAIR“ an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz aufgeführt. Anlässlich der Aufführung am 30. Mai gab Univ.-Prof. Dr. phil. Winfried Herget vor Beginn des Musicals eine Werkseinführung im Forum des Hörsaals P1. In seinem Vortrag sprach er über die Schock-Kultur der Hippies, ihre Wurzeln und Facetten sowie die politische Wirkung dieser Bewegung. 

Das Musical „HAIR“ steht für die Bewegung der Hippie-Kultur und verkörpert das Lebensgefühl der 1960-er Jahre in Amerika. Die Uraufführung von „HAIR“ fand 1967 in New York statt; am Broadway wurde es erstmalig 1968 aufgeführt. Danach verbreitete sich die Nachricht vom Musical mit dem kulturellen Schockpotential wie ein Lauffeuer und die Nachfrage nach Auftritten stieg rasant an. Das, wovon „HAIR“ handelte, war brandaktuell und der Stoff des Stückes war keineswegs fiktional, sondern so real wie das Leben der Protestkultur dieser Zeit.

Die Szenerie eines Generationenkonflikts: Protest, Drogen und Gewalt
Prof. Herget eröffnete seinen Vortrag „Die Protestkultur der Babyboomers – zwischen Bürgerschock und utopischem Potential“ mit einer kleinen Anekdote, die einen Einblick in die Situation der damaligen Zeit gab: Er hatte Karten zur ersten Aufführung von  „HAIR” in Boston. Diese wurde jedoch von der katholischen Kirche verboten – nicht zuletzt wegen der Aktszene am Anfang des Stückes und den „deutlich blasphemischen Zügen“, die sich durch „HAIR“ wie ein roter Faden ziehen. Die Anhänger der Hippie-Kultur protestierten gegen dieses Vorgehen und verriegelten am Harvard Square in Cambridge, Massachusetts, die Fensterscheiben mit Sperrholz. Von beiden Seiten gab es Gewalt, wobei die Polizei um einiges brutaler vorging. Aber nicht nur Protest und Gewalt standen auf der Tagesordnung, sondern auch ein Drogenmissbrauch in übertriebenem Maße: Auf dem Cambridge Common war schon aus großer Entfernung eine Dunstwolke zu erkennen und sobald man sich dieser näherte, war es unmöglich, den süßlichen Geruch von Marihuana, welcher in der Luft lag, nicht wahrzunehmen.
 
Die Protestkultur der 1960-er Jahre hat ihre Wurzeln in der Generation der Babyboomers, die zwischen 1946 bis 1964 geboren wurde. Hierbei handelt es sich um ca. 46 Mio. Menschen, die in einer spezifischen Umgebung der Nachkriegsgesellschaft in Suburbs aufwuchsen. Als Werte hielten sie Anständigkeit, ein geregeltes Leben, Wohlstand der Eltern und Zufriedenheit hoch. Die Mutterrolle dominierte über die väterliche Rolle; der Vater war allenfalls zum Arbeiten bestimmt. Gegen diesen „Quasi-Wohlstand“ richtete sich die dort behütet aufgewachsene Generation: Die Bewegung der Hippies war im Grunde ein Generationenkonflikt – um nicht zu sagen, der Generationenkonflikt überhaupt. Denn etwas Vergleichbares gab es danach nicht mehr in der Geschichte der USA.

Die Elemente der Schock-Kultur und ihre Wirkung
Die Inhalte der Hippie-Kultur kreisten um zwei Pfeiler: Erstens, nicht wie die Eltern zu sein, und zweitens, nicht wie die Eltern zu leben. Diese Grundsätze fanden ihren Ausdruck in zahlreichen Verhaltensänderungen: Der ordentliche, junge Mann wurde abgelöst durch denjenigen, der langes und ungepflegtes Haar trug, dazu meist noch ein Haarband, was die Konventionen der damaligen Zeit völlig sprengte. Auch die Kleidung wurde bewusst unordentlich gewählt, frei nach dem Spruch: „Besser ein sauberes Gewissen als einen sauberen Hals zu haben.“ Die Frauen erfreuten sich an der Befreiung von Büstenhaltern und der Konsum von Bier wurde durch die Drogenkultur abgelöst. Die Mode veränderte sich auch weit unterhalb der Gürtellinie: Plötzlich fehlten die Schuhe – man lief stattdessen barfuß. Der Hang zur Androgynität führte zu einer Vermischung von ursprünglich männlichen und weiblichen Attributen in Kleidung, Aussehen und Verhalten. Außerdem trugen die Anhänger der Protestbewegung die kleine rote Bibel bei sich. Die Maoistische Bibel galt als Zeichen des Protests und richtete sich gegen alles, was die Gesellschaft damals hochhielt. Der Folk-Song erlebte seine Renaissance, wobei das Ganze durch das Medium Fernsehen unterstützt wurde. Als letztes bedeutendes Gesicht der Hippie-Kultur lässt sich die „Free Love“, die freie Liebe, herausstellen.

Die Bewegung der Hippies mündete in eine deutliche Veränderung der Sexualität: Herbert Marcuse deklarierte 1964 in seinem Buch „One Dimensional Man“, dass die Repression der Sexualität zur Repression in anderen Bereichen führen würde. In diesem Sinne galt die Sexualität zunächst als Trieb, der ohne jegliche Einschränkung ausgelebt werden sollte. Darüber hinaus glaubte man, dass in der Erfahrung der Sexualität die tiefere Erfahrung der Wirklichkeit läge. Unter dem Slogan „Make Love not War“ wurde die Sexualität als politischer Akt proklamiert. Ab 1965 wurde die Pille für Frauen allgemein zugänglich, was definitiv als ein Meilenstein dieser Zeit anzusehen ist.

Von der Politisierung zum utopischen Potential der Bewegung 
Bei einer reinen Schockwirkung blieb es allerdings nicht, sondern die Bewegung geriet in politische Bahnen und führte zu einem „erstaunlichen Engagement“ der Hippie-Anhänger, so Prof. Herget. Bislang galten die Amerikaner immer als Überflussgesellschaft – jetzt wurde publik, dass es auch eine breite Masse gab, die arm war. Bis 1960 wussten die meisten Amerikaner nicht, dass es hellhäutige Arme überhaupt gab. Zudem engagierten sich die Hippies in der Bürgerrechtsbewegung. „Weiße“ Babyboomers fuhren in den Süden, um den „Schwarzen“ Beistand zu leisten. Des Weiteren setzten die Protestanhänger die Befreiung vom Einzug in den Vietnamkrieg für Studenten durch. Doch es blieb nicht bei den politischen Einsätzen vor Ort, sondern es kristallisierte sich ein unglaublich starkes utopisches Potential in der Bewegung heraus: Man wollte eine gerechte und für alle Bürger freie Gesellschaft schaffen sowie ein neues Gemeinschaftsgefühl in einer neuen Gesellschaft – „Frei von Repression und Aggression“ – begründen. Die Unterdrückung jeglicher Art sollte in Zukunft weder möglich noch nötig sein.

Die Hippie-Kultur führte also eine politische Komponente mit einer idealistischen zusammen. Aus der heutigen Sicht blicken die damaligen Babyboomers nostalgisch auf die 1960-er Jahre zurück. Denn die Werte dieser Zeit wurden in der folgenden Dekade durch absolute Gegensätze abgelöst: Es galt nicht mehr „beautiful together“, sondern „jeder für sich, so schnell und so gut es geht“. In den 1970-er Jahren ersetzte der Karrieretyp die Gemeinschaft der Hippies. Das, was das Musical „HAIR“ macht, ist nicht mehr und nicht weniger als die Werte der Protestkultur der Hippies aufzuheben und in ästhetisch symbolischer Weise zu konservieren.

Kommentar: What have you got, 1968?

Juni 5, 2008

Mein Chemielehrer - konfrontiert mit drei schwarz gewandeten Schülern mit Vogelnestern auf den Köpfen, die zu spät zum Unterricht kamen, begründete es so: „Wir waren damals wenigstens noch bunt!“, Frank Zappa fasste es so zusammen: „I’m completely stoned, I’m hippy and I’m trippy, I’m a gypsy on my own, I’ll stay a week and get the crabs and take a bus back home“. Aber werden diese Einschätzungen der Faszination gerecht, mit der wir die 68er-Generation auch heute noch betrachten? Was hebt sie von all den anderen Protestbewegungen ab, die sich über die Jahrzehnte gebildet und wieder zersetzt haben? Was bringt 40 Jahre später ebensoviele Studenten der Uni Mainz dazu, zahllose Nachmittage dafür zu opfern, mit dem Musical „Hair“ einen Meilenstein der 68er-Kultur nachzuspielen?

Es wäre sicher zu kurz gegriffen, nur auf die schrille Mode, freie Liebe, die Musik und den Reiz des Drogenkonsums zu verweisen - alles Themen, die in den Werkeinführungen zum Musical „Hair“ auf dem Campus ausführlich behandelt wurden. Doch keiner der Dozenten vermochte das Publikum so in die Zeit der Hippies zurückzuversetzen, wie das der Musicalcrew scheinbar völlig mühelos gelang. Der Eindruck, der sich aus der Kombination von Vorträgen und Aufführung ergab, war vor allem der, dass sich die Anziehungskraft der 68er-Bewegung der wissenschaftlichen Analyse entzieht.

Wer also am 6. und 7. Juni nicht die Gelegenheit hat, sich an der Showbühne Mainz bei den letzten beiden Aufführungen von „Hair“ auf eine Zeitreise ins Jahr 1968 mitnehmen zu lassen, dem bleibt nichts anderes übrig, als sich über Zeitzeugen ein Bild von jener Zeit zu verschaffen, die auch im 21. Jahrhundert noch die Gemüter bewegt. Viel Aufmerksamkeit wurde der Beschreibung von Hunter S. Thompson in seinem Roman „Fear and Loathing in Las Vegas“ zuteil:

„Funken schlagen konnte man überall. Und es herrschte dieses fantastische universale Gefühl, alles, was wir taten, sei richtig. Keine Zweifel, wir würden gewinnen. Und das, glaube ich, war der Haken - dieses Gefühl, der Sieg über die Kräfte des Alten und Bösen sei unausweichlich. Ein Sieg, ganz und gar nicht auf niederträchtige oder militante Weise: Das hatten wir nicht nötig. Unsere Energien würden sich ganz einfach durchsetzen. Es hatte keinen Zweck zu kämpfen - weder auf unserer noch auf ihrer Seite. Hinter uns stand die Naturgewalt; wir ritten auf dem Kamm einer hohen und wunderschönen Welle“.

Kommentar: Am Anfang war es nur ein Spiel

Mai 30, 2008

von Benjamin Kashlan

Seit kurzem gibt am Mainzer Universitätsklinikum deutschlandweit die erste Therapiestelle für Computerspielsucht. In der Ambulanz für Spielsucht sollen künftig bis zu 150 Spielsüchtige pro Jahr ambulant behandelt werden. Ist das notwendig?

Das Phänomen Spielsucht bei Computerspielen wird seit längerer Zeit in den Medien, insbesondere im Kontext so genannter „Killer-Spiele“, thematisiert. Man denke in diesem Zusammenhang an die, mittlerweile sich häufenden, schockierenden Berichte über Amokläufe wie in Erfurt im Jahr 2002 oder unlängst an der amerikanischen Technischen Universität in Virginia, bei denen zahlreiche Tote zu verzeichnen waren. Aber auch Meldungen über, zumeist minderjährige „Zocker“, die sich bis zur totalen Erschöpfung und sogar bis ins Koma spielen, treten immer mehr in den Fokus der Berichterstattung. Die Helden des Internets...

Es zeichnet sich ein Wandel im Bewusstsein ab: Der Computer wird nun nicht mehr als harmloses Unterhaltungsmedium gesehen. Spätestens mit dem Eintritt in das Internetzeitalter und dem Aufkommen erster Studien zum Thema Suchtverhalten im Rahmen von Internet- und Computer(-spiele)-Nutzung beschäftigt sich die Öffentlichkeit zunehmend mit diesen Phänomenen.

Hierzu der Psychiater Dr. Bert te Wildt in einem ARD-Panorama-Interview vom 05.04.2008: „Ich denke schon, dass man im Zusammenhang mit Computerspielen und Internetabhängigkeit bei Kindern und Jugendlichen von einem Massenphänomen im Moment sprechen kann. Wir können noch nicht genau abschätzen, inwieweit das eine wirkliche pathologische Dimension hat, wo es dann überall zu Behandlungen kommen muss. Aber ich glaube, dass da ganz schön was auf uns zukommt.“

Diese Einschätzung macht die Notwendigkeit therapeutischer Institutionen wie der Ambulanz für Spielsucht deutlich. Eine neue Studie des Max-Planck-Insitiutes unterstreicht dies. Diese stellte aufgrund fundierter Forschungsergebnisse klare Parallelen im Suchtverhalten von Computerspielern mit Cannabis- und Alkoholabhängigen heraus.

Trotz diverser Berichte in der internationalen Forschungswelt zu einem immer stärkeren Aufkommen von „digitaler“ Spielsucht sieht die gegenwärtige Bundesregierung noch keinen Handlungsbedarf. So schreibt man in einer Antwort auf die Anfrage von Abgeordneten der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN zu geplanten Novellierungen des Jugendmedienschutzgesetzes, dass „ […] noch keine Untersuchungen vor(liegen), die auf der Basis repräsentativer Daten gesicherte Aussagen über den Umfang der Problematik in Deutschland zulassen. Die Bundesregierung wird die Entwicklung und wissenschaftliche Bewertung des Suchtpotenzials von Video- und Computerspielen weiter verfolgen. Sollten sich Hinweise auf eine Zunahme spielsüchtiger Verhaltensweisen bestätigen, werden von Seiten der Bundesregierung entsprechende Konsequenzen zur Prävention dieses Problemverhaltens eingeleitet.“

Es bleibt trotzdem zu hoffen, dass solcherlei therapeutische Einrichtungen keine Einzelfälle bleiben, sondern eine flächendeckende Betreuung für diese neue gesellschaftliche Suchtform eingerichtet wird. Eine stärkere staatliche Fokussierung auf das problematische Phänomen Spielsucht und eine diesbezügliche Unterstützung wäre in diesem Zusammenhang mehr als angebracht.

Am Anfang war es nur ein Spiel

Mai 29, 2008

Die Behauptung, dass Computerspiele wie World of Warcraft, Counter Strike & Co. ein hohes Suchtpotential für die Spieler haben, ist allseits bekannt. Was neu aufkommt, sind wissenschaftliche Therapiemöglichkeiten zur Behandlung der Spielsucht. Die Ambulanz für Spielsucht am Johannes Gutenberg-Universitätsklinikum Mainz behandelt erstmalig in Deutschland das Krankheitsbild „Computerspielsucht“.   

Diagnose: Computerspielsucht
Viele Freunde, gute Noten in der Schule, Baseball als Hobby, ein ausgeglichenes Verhältnis mit seinen Eltern – all das hatte Alex vor rund zwei Jahren. Heute ist das Leben des 16-jährigen Amerikaners aus New York kaum wieder zu erkennen: Mindestens 15 Stunden und in manchen Hochphasen etwa 20 Stunden am Tag verbringt Alex mit dem Computerspiel „World of Warcraft“ vor dem Bildschirm. Dieses Jahr wird er wegen mangelhaften Noten und zu vielen Fehlzeiten nicht in die nächste Klasse versetzt. Den Kontakt zu seinen Freunden hat er gänzlich abgebrochen. Denn jetzt braucht er alle Zeit des Tages für seine virtuelle Welt am PC – zumindest ist er davon überzeugt und das reicht in diesem Fall.  

Die Symptome sind eindeutig und das Krankheitsbild steht fest: Computerspielsucht. Das Problem, mit dem Alex zu kämpfen hat, lässt sich längst nicht mehr nur in Nordamerika verorten. Der Einzug der Egoshooter-Spiele und derjenigen mit Multiplayermodus in den deutschen Elektronikfachhandel und auch die Ausweitung der Kaufmöglichkeiten im Internet haben die Verhältnisse in Deutschland denen in Amerika nahezu angeglichen. Der einzige Unterschied besteht in verschiedenen Kaufversionen der Spiele. Dabei unterscheiden sich die deutschen Versionen von den amerikanischen Originalspielen in manchen Fällen drastisch: Hier sind die Szenen, in denen Blut spritzt, nicht oder nur minimal zu sehen und auch die Anwendung von Gewalt wird in einem beschränkten Maß gezeigt.

Kaum Behandlungsmöglichkeiten in Deutschland
Die Betroffenen wissen, was sie wollen: Je blutrünstiger, gewalthaltiger und gefährlicher die Missionen der Spiele sind, umso beliebter sind sie. Was auch zählt, ist die möglichst realitätsnahe grafische Gestaltung der PC-Spiele – damit es nicht nur mit Unmengen an Fantasie annäherungsweise echt aussieht, sondern sich beim ersten Blick auch sofort real anfühlt. Doch reicht das zum Leben? Im Ernstfall reicht es noch nicht einmal zum Überleben. In den Nachrichten kursierten bereits schockierende Fälle von Spielern, die sich zu Tode gespielt haben. Ja, richtig: Die von der Sucht befallenen Spieler vergessen neben vielen anderen Dingen die Nahrungsaufnahme.

Wenn die Süchtigen noch zu Hause wohnen, haben nicht nur sie mit ihrem Problem umzugehen. Auch Eltern und andere Angehörige sind emotional involviert und wissen oft nicht weiter. Die Nerven liegen blank. Das muss allerdings nicht so bleiben. Denn es gibt vielversprechende Behandlungsmöglichkeiten, die den Betroffenen wieder zurück ins richtige Leben verhelfen. Der Haken an der Sache ist nur, dass Deutschland bislang bei der Behandlung von Computerspielsucht eher im Schatten lag, anstatt sich als Vorreiter zu diesem Thema in Wissenschaft und Forschung zu positionieren.  

Neue Ambulanz für Spielsucht in Mainz
Aktuelle Entwicklungen lassen jedoch auf das Licht am Ende des Tunnels hoffen: Mit der Eröffnung der neuen Ambulanz für Spielsucht am Johannes Gutenberg-Universitätsklinikum in Mainz wird erstmalig in Deutschland neben der pathologischen Spielsucht auch die Computerspielsucht behandelt. Das Therapieangebot besteht aus ambulant durchgeführten Gruppensitzungen für jeweils acht bis zehn Personen. Psychologe Klaus Wölfling sieht zwei entscheidende Vorteile dieses Behandlungskonzeptes: Erstens werden die Süchtigen bei ambulanten Therapiestunden nicht aus ihrem gewohnten Umfeld herausgerissen, was bei einer stationären Behandlung der Fall wäre. Zweitens bieten Gruppentreffen die Chance, sich über ähnliche Verhältnisse mit anderen Betroffenen auszutauschen und somit Einsicht in das eigene Problem zu gewinnen.

Obwohl wissenschaftliche Befunde nur von 6-9% der Fälle sprechen, die das auffällige Verhalten eines Computersüchtigen aufweisen, ist die Tendenz zur Erkrankung stetig steigend. Immer mehr Menschen schaffen sich PCs an – und damit die Möglichkeiten für ausgiebiges Spielen in der Freizeit. Auch die Verbreitung des Internets nimmt rasant zu – und somit auch die Vernetzung mit anderen Spielern und das gemeinsame Spielen auf bestimmten Servern. Die täglichen Anfragen bei der Ambulanz für Spielsucht bestätigen, dass das Thema gefragt ist und an Bedeutung zugenommen hat. Die Homepage der Mainzer Ambulanz www.verhaltenssucht.de gibt Betroffenen und deren Angehörigen einen ersten Einblick in die Facetten der Computerspielsucht sowie ihre therapeutischen Behandlungsmöglichkeiten und verweist auf Ansprechpartner für weitere Fragen.