Archiv für die Kategorie ‘vomstein’

Kommentar: Thind wir nich sssuper?

Juni 13, 2008

von Jonas Vomstein

König Fußball hat uns alle vor zwei Jahren bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land in eine ziemlich ausgelassene Partylaune versetzt. Dazu konnten die Deutschen ihr Image aufpolieren, sodass das Klischee-Bild vom durchschnittlichen Deutschen nicht mehr ausschließlich von Leistungsfähigkeit, Arbeitswillen und einer starken Führungshand dominiert wird. Nicht zu vergessen, dass die Vergangenheit nicht mehr sofort bei jeder sichtbaren schwarz-rot-goldenen Fahne angemahnt wird. Und unsere Nachbarn – oder sogar die ganze Welt? – liebt uns. Friede, Freude, Eierkuchen oder „Wiehr thind sssuper“, wie es Bela B., der Schlagzeuger der Band Die Ärzte, in einem Lied schreibt.
Fußball bedeutet also, wenigstens teilweise, Völkerverständigung. Das haben wir ja 2006 im eigenen Land gesehen: Eine bunte Party, von der niemand ausgeschlossen war. Sofort standen auch viele Meinungsmacher bereit – Politikwissenschaftler, Soziologen, sogar Pfarrer und der Kaiser sowieso -, um allen zu erklären, wie viele große Probleme König Fußball lösen kann. Tretet gegen den Ball und alles wird gut! Fröhlicher Patriotismus anstatt sich ständig ans Dritte Reich erinnern zu müssen…
Da ist man wohl ein bisschen ein Spielverderber, wenn man nun darauf hinweist, dass in Klagenfurt 140 deutsche Neonazis festgenommen wurden. Es soll an dieser Stelle gar nicht so getan werden, als wäre es absolut verwerflich, sich über Siege der Nationalmannschaft zu freuen. Aber die Frage, warum diese Patriotismussoße den sich vor Scham verkriechenden Riesen Deutschland irgendwo heraus geweckt haben soll, bleibt für mich unbeantwortet. Ja, ich werde auch ein bisschen nostalgisch, wenn ich im Fernsehen zum x-ten Mal sehe, wie Helmut Rahn das 3:2 gegen Ungarn erzielt, aber die neue deutsche Zeitrechnung hat trotzdem nicht 1954 in Bern begonnen. Und ja, ich hab mich auch über die beiden Kisten von Poldi am letzten Sonntag gefreut. Aber es sollte nicht vergessen werden, dass die ganze Geschichte ebenso zwei negative Seiten hat: Die eine ist hässlich und kahlköpfig, die andere weht meist an Autos oder ist auf mal mehr, mal weniger entzückende Bäckchen gemalt und sieht ein bisschen lächerlich aus (na gut, das tun die Glatzköppe mitunter auch). Jedenfalls soll hier am Ende eine viel zitierte Weisheit von Sepp Herberger stehen: „Der Ball ist rund und ein Spiel dauert 90 Minuten.“ Sorry Leute, viel mehr isses nich…

Männer in die Armee und die Jugend auf LSD

Juni 5, 2008

von Jonas Vomstein

Einen ganz schön großen Haufen Hippies brachte die Musical Inc., eine Hochschulgruppe der Uni Mainz, auf die Bühne im Philosophicum. Das Musical „Hair“ entführte das Publikum ans Ende der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, fuhr mächtig Flower Power auf und bewegte die Gemüter.

1968: Die Vereinten Nationen rufen das internationale Jahr der Menschenrechte aus, in Deutschland wird die Mehrwertsteuer eingeführt, in Kambodscha beginnen die Roten Khmer mit ihrem Völkermord, nach dem Sechstagekrieg werden zwei israelische Gefangene gegen 465 Ägypter getauscht, die Vietcong starten die Tet-Offensive, die den amerikanischen Truppen schwere Verluste einbringt, Martin Luther King und Robert F. Kennedy werden ermordet und Richard Nixon gewinnt die Wahl zur 37. Präsidentschaft der USA. Das Jahr wird außerdem begleitet von zahlreichen Studentenunruhen, die unter anderem in Warschau und Paris zu heftigen Ausschreitungen führen. Ihren traurigen Gipfel erreichen die Unruhen am 2. Oktober in Mexiko-Stadt, als bei Protesten etwa 500 Studenten von der mexikanischen Polizei blutig niedergestreckt werden.

Mittendrin in diesem ereignisreichen Jahr befindet sich eine Gruppe Hippies in New York. Aus der Gruppe heraus stechen der von Philipp Masur verkörperte Aufreißer George Berger und der von Jan Reifenberger gespielte Claude Bukowski, der sich als Einziger in der Hippiegruppe weigert, seinen Einberufungsbefehl zum Einsatz als Kanonenfutter in Vietnam zu verbrennen. Claude pendelt zwischen seiner pazifistischen Einstellung und seinem Pflichtbewusstsein hin und her und folgt schließlich dem Ruf der Armee. Vielleicht hat er aber auch tatsächlich seinen Einberufungsbescheid mit seinem Führerschein verwechselt und diesen versehentlich verbrannt. Der Zuschauer erfährt das jedenfalls bis zum Ende nicht. Aufgrund des exzessiven Drogenkonsums erscheint die Verwechslung jedenfalls plausibel.

Bleib doch einfach schwanger
„Hair“ zeigt Amerikas Jugend auf LSD. Daneben werden großzügig Pillen und Joints verteilt und es wird der Konflikt mit der Elterngeneration thematisiert, denn schließlich wird hart gearbeitet, um die Nachkommen zu ernähren, die ihrerseits die freie Liebe propagieren. Das beste Beispiel hierfür ist Sheila (Daniela Wellnitz), die nicht so richtig weiß, von wem sie eigentlich schwanger ist, was ihr offensichtlich auch ziemlich egal ist. Auf das Geständnis „Ich bin schwanger“ bekommt sie von ihren Eltern die Antwort „Dann bleib schwanger!“ Für die Hippies ist „Gammelleben“ und Gruppenzusammenhalt ein Ausbruch aus dem spießbürgerlichen Leben, das sie von ihrem Elternhaus kennen. Claudes Mutter möchte, dass ihr Sohn etwas aus seinem Leben macht und sich auf die Realität vorbereitet, anstatt immerzu rumzugammeln. „Welche Realität meinst du, Mutter“, entgegnet ihr Claude. In der Realität sehen die Hippies einen langweiligen Schreibtischjob plus Haus und Gartenzaun und als Alternative einen schlecht bezahlten Urlaub in Vietnam.

Der Sonnenschein trügt
Politisch gesehen hat „Hair“ kaum an Brisanz verloren. Aussagen wie „Weiß schickt Schwarz in den Krieg gegen Gelb, um das Land zu verteidigen, das Weiß von Rot gestohlen hat“ rufen natürlich unmittelbar Assoziationen an den Krieg im Irak ins Gedächtnis. Laut CNN forderten die Kampfhandlungen bis zum 4. Juni 2008 4.402 Opfer auf Seiten der westlichen Allianz, darunter 4.090 Amerikaner. Claude lässt sich von allen Warnungen seiner Freunde nicht abbringen und zieht in den Krieg. In der Schlussszene sieht der Zuschauer die Trauerfeier für Claude. Zur Kerze und Blumen wird „Let the sun shine“ gesungen. Dies ist der Höhepunkt des Musicals, das nicht nur aufgrund seiner Farbpracht und des gewaltigen Chors beeindruckt, sondern einem am Ende wirklich einen Kloß im Hals entstehen lässt. Loyalität wird bei den US-Amerikanern nun einmal größer geschrieben als in den meisten anderen Ländern der Welt und es bleibt die Erkenntnis, dass es nicht die Präsidenten sind, die die erklärten Feinde bekämpfen. Schließlich muss ich an das Lied „Holiday In Cambodia“ von den Dead Kennedys aus dem Jahr 1980 denken. Darin heißt es: „Now you can go where people are one. Now you can go where they get things done. What you need my son is a holiday in Cambodia where people dress in black, a holiday in Cambodia where you’ll kiss ass or crack.” (http://de.youtube.com/watch?v=XcjzoydyQIY&feature=related)
„Hair” war ein richtiges Erlebnis. War der erste Teil noch ein interessanter und toll in Szene gesetzter Einblick ins Hippiedasein und in Flower Power, bewegte der zweite Teil des Musicals das Publikum, da man vom scheinbar problemlosen Abhängen der Blumenkinder abrupt von der Realität – von Vietnam – eingeholt wird. Bunt bewegend – so lässt sich das Erlebnis „Hair“ der Mainzer

Don’t say motherfucker, motherfucker!

Mai 29, 2008

von Jonas Vomstein

An dieser Stelle sollte eigentlich ein Interview stehen mit einem der Veranstalter von Tonic, Trash’n’Tunes, der Lesung mit und über Dosenmusik. Aber das Leben eines Journalisten ist schwer. Das Interview war vereinbart und auf den Zeitraum nach der Veranstaltung terminiert. Als zu fortgeschrittener nächtlicher Stunde noch kein Ende in Sicht war, bin ich nach Hause gefahren. „Nicht sehr professionell“, könnte man jetzt denken. „Egal“, denke ich. „Schreib ich halt was über den coolsten Menschen der Welt…“

„I headed down the track/my baggage on my back/I left the city far behind/Walking down the road with my heavy load/Trying to find some piece of mind.” Wer hat’s erkannt? Wer jetzt mit den Schultern zuckt, sollte sofort aufhören zu lesen, um auf schnellstem Weg eine eklatante Bildungslücke zu schließen. Bei Tonic, Trash’n’Tunes ging es ja letztendlich darum, die coolste Sau des Planeten zu küren. Seine Konkurrenz war teilweise wirklich Respekt einflößend (Thomas Magnum, Queen Elizabeth), zum Teil aber auch ziemlich erbärmlich (Kurt Beck, Jürgen Klopp). Unabhängig vom Ergebnis kann ich auf jeden Fall sagen: Er ist der Meister der Herzen! Irgendein Trottel hatte ihn ziemlich zu Beginn des lustigen Liederratens von der coolen auf die uncoole Seite gehängt, aber als ich „I was made for lovin’ you“ von Kiss in der finnischen „Humppa-Version“ von Eläkeläiset erkannt hatte, habe ich ihn zurückgeholt. Ich spreche von dem Mann mit der schönsten Frontkörperbehaarung der Welt, mit dem coolsten Auto der Welt und mit dem, der so schön in betrunkenem Zustand Hamburger essen kann (http://de.youtube.com/watch?v=Ls_uzZV51fM&feature=related), wie kein anderer: David Hasselhoff, manch einem auch bekannt als Michael Knight oder als Bademeister Mitch Buchannon.

Sterne am Flughafen

Die Zeilen oben stammen natürlich aus seinem größten Hit „Looking for freedom“. Das bringt mich gleich zum wichtigsten Punkt in der Karriere von „The Hoff“, denn aufmerksame Weltbürger wissen, wie er – eigentlich fast im Alleingang – die Berliner Mauer mit diesem Meisterwerk zum Einsturz brachte. Ja, wahrscheinlich wäre Deutschland noch in Ost und West geteilt, hätte „The Hoff“ nicht bedeutungsschwanger „I’ve been looking for freedom, I’ve been looking so long“ geträllert. Auch heute noch weiß „The Hoff“, was Political Correctness bedeutet, was er in seinem Blog (http://www.davidhasselhoff.com/) eindrucksvoll untermauert. Da hatte er doch tatsächlich das Vergnügen, direkt in die Arme der wahren Sterne von Amerika (also das echte Amerika bzw. die USA) zu laufen, „our brave young men & women of the Armed Forces.“ Wow, zufällig am Flughafen die „fine young patriots“ getroffen, die gerade auf dem Weg nach Afghanistan und in den Irak waren, um Amerika zu verteidigen. Vielleicht kommt jetzt jemand auf die Idee, dass „The Hoff“ doch selbst nach Afghanistan fliegen könnte, um den Taliban endgültig mal in den Arsch zu treten, doch das ist nicht nötig, denn der „The Hoff“ versichert weiter, dass die Soldaten durchweg Positives von der Situation an der Front zu erzählen gehabt hätten. Und außerdem ist es doch logisch, dass jemand bereit stehen muss, falls solche verrückten Mullahs wieder versuchen sollten, einen Fuß auf amerikanischen Boden zu setzen. Sollte das passieren, würde „The Hoff“ K.I.T.T. (http://de.wikipedia.org/wiki/Knight_Rider) aus der Garage holen und alle anderen wichtigen Termine absagen (derzeit moderiert er die Castingshow „America’s got talent“ und versucht seit Februar 2006 seine neue Welttournee zu starten).

Riesenhafte Erfolge im Videotext

Apropos K.I.T.T.: Das tollste Auto der Welt – Hand aufs Herz, Jungs: Wer wollte als kleiner Scheißer nicht mit seinem Auto sprechen können? – wird am 26. und 27. Juli zu Gast beim Fanclubtreffen der Hasselhoff-Foundation in Ebergötzen bei Göttingen sein. Wer dabei sein möchte, muss sich allerdings beeilen, da nur maximal 45 Fans teilnehmen können. Also schnell eine Mail an fanclub@hasselhoff-foundation.de schicken und sich eine Karte sichern! Vielleicht will ja jemand auch gleich Mitglied im traditionsreichen Fanclub werden, der sich im März 1997 gründete und seitdem zahlreiche Highlights durchlebt hat: So durften die Fanclubmitglieder im November 1997 „The Hoff“ backstage bei der ZDF-Hitparade treffen und waren im darauf folgenden April sogar zwei Wochen lang mit ihrer Adresse im Videotext von Sat.1 zu finden.
Ich hoffe, dass ihr jetzt langsam begreift, was für ein toller Typ „The Hoff“ ist. Übrigens hat er in Österreich und in der Schweiz mehr Platten verkauft als irgendein anderer Musiker, was natürlich die Frage aufwirft, warum er nicht den offiziellen Song zur Fußballeuropameisterschaft singt. Man weiß es nicht.
Wer sich nun noch fragt, was die merkwürdige Überschrift zu bedeuten hat, dem sei der Rock’n’Roll-Lifestyle von „The Hoff“ aus dem Lied „Hands up for Rock’n’Roll“ zitiert: „When I wanna party and I wanna have some fun, rock’n’roll will always me number one.“ Alles klar? Merke: You can’t hassel the hoff! And don’t say motherfucker, motherfucker!

Erste Schritte in Sachen Filmdreh

Mai 19, 2008

Das deutschsprachige Kino ist in den letzten Jahren so erfolgreich wie nie zuvor. Damit es auch in Zukunft weiter bergauf geht mit dem deutschen Film sollen Mainzer Studenten der Filmwissenschaft beim filmischen Modellversuch praktische Erfahrungen sammeln. Ich durfte beim Set von „Auf Wiedersehen“ der beiden Nachwuchsregisseure Eva Weber und Florian Mania dabei sein - ein Erfahrungsbericht.

von Jonas Vomstein

Das Treffen für die Abfahrt zum Drehort ist für Samstagmorgen, halb acht, angesetzt. Ich weiß wirklich nicht, wann ich zum letzten Mal an einem Samstag so früh aufgestanden bin. Letzten Mittwoch hat mir Eva erst erzählt, dass wir zu dieser Stunde, die ich persönlich nicht dem Morgen, sondern der Nacht zurechne, aufbrechen werden. Ob das Taktik war, habe ich mich da natürlich gefragt, aber im Endeffekt freue ich mich einfach, dass ich dabei sein kann. Warum wir ausgerechnet in Darmstadt drehen müssen, möchte ich von den anderen Crewmitgliedern wissen. „Weil Flo da wohnt“, lautet die knappe Antwort.
Darmstadt ist überraschenderweise gar nicht so schlecht, wie ich gedacht hatte. Der Drehort im Herrngarten scheint perfekt auf das Drehbuch „Auf Wiedersehen“ von Florian Mania zugeschnitten zu sein. Als Vorlage für sein erstes Filmdrehbuch nennt Flo die Geschichte „Hochzeitsgesellschaft“ von Helmut Heißenbüttel, ein experimenteller Text, der eigentlich recht wenig mit einer Hochzeit zu tun hat. Um den Stoff verfilmen zu können, schrieb Flo eine Kurzgeschichte aus der Kernhandlung von „Hochzeitsgesellschaft“, was ihm laut eigenem Bekunden relativ locker aus der Hand lief. „Schon während dem Schreiben haben sich die Handlung, der Drehort und die Darsteller, die ich dabei haben wollte, vor meinem inneren Auge zusammengefügt“, erklärt Flo. „Auf Wiedersehen“ erzählt eine Geschichte vom zufälligen Aufeinandertreffen recht unterschiedlicher Charaktere, in deren Mitte Flo selbst einen jungen Mann spielt, der im Park etwas zu beobachten scheint. Die anderen Mitglieder der stetig wachsenden Gruppe fragen sich, auf was der merkwürdige Junge unaufhörlich starrt. In der mit zahlreichen Wortspielen gespickten Diskussion ergeben sich einige skurrile Theorien, doch selbst dem Zuschauer bleibt die überraschende Auflösung des Rätsels bis zum Ende des Films verwehrt.

Von Muskelkatern und Schauspielerhunden
An diesem ersten Tag sind wir alle recht froh darüber, dass auch das Wetter mitzuspielen scheint. Wir haben keinen Regen und keine gleißendes Sonnenlicht, das ungewollte Schatten ins Geschehen wirft und die Darsteller oder die Kamera blendet. Nach der dritten Tasse Kaffee fühle ich mich in der Lage, mein verantwortungsvolles Amt als Tonangler anzutreten. Der Fachbegriff für diese Aufgabe lautet Tonassistent, doch für diese Bezeichnung fühle ich mich noch zu unprofessionell. Flo meint später zu mir, dass die Kernaufgaben recht schnell verteilt waren, wohingegen das Verteilen der unbeliebten Jobs etwas schwieriger war. Da ich die Sache völlig olympisch sehe und mir meinen Muskelkater in den Armen bereits ausmalen kann, ist dies alles kein Problem für mich. Am Ende der Angel befindet sich das Mikrofon, das sich bei den Aufnahmen möglichst nahe an den Köpfen der Darsteller befinden soll, freilich jedoch nicht im Bild zu sehen sein darf. Das Schwere an dem Job ist nicht die Angel, sondern die Position, in der man den langen Stab stabil halten muss. Meine Tonmeisterin Kira gibt mir präzise Anweisungen, wie ich das Mikrofon wann zu halten habe. Mit den Kopfhörern auf ihren Ohren hört sie jede Ente im Park pupsen und muss bei ihrem Startsignal öfters warten bis ein Flugzeug am Himmel vorbeigezogen ist. „Das nächste Mal muss einer der Fraport AG Bescheid geben“, geht mir durch den Kopf. Doch nicht nur die Flieger erzeugen störende Geräusche, denn immer wieder rennen unachtsame Passanten durch die hinteren Kulissen, obwohl wir unser Bestes tun, die entscheidenden Wege abzusperren. Hinzu kommt, dass Hündin Lucy ihren Status als Schauspielerin nicht hundertprozentig bewusst zu sein scheint. Sie ist eigentlich ein liebes Tier, aber wo genau das Kamerabild endet, kapiert sie bis zum Ende des Drehtages nicht.
Während sich der technische und organisatorische Teil der Crew ausschließlich aus Studenten zusammensetzt, befinden sich unter den Darstellern fünf professionelle Schauspieler des Staatstheaters Darmstadt, was für einen filmischen Modellversuch schon etwas Besonderes ist. Der Kontakt zu den Theaterschauspielern kam über Tino Lindenberg zustande, ein Freund von Flo, der selbst am Staatstheater spielt und in „Auf Wiedersehen“ einen Geschäftsmann mimt. „Tino hat schließlich die letzte Überzeugungsarbeit bei seinen Kollegen geleistet“, gibt Flo zu Protokoll. Der Kontakt zum Staatstheater ermöglichte darüber hinaus den Zugang zu wichtigen Requisiten, wie einer Polizeiuniform, und ermöglichte Text- und Stellproben auf einer richtigen Theaterbühne.

Spürbare Euphorie
Am Ende des ersten Drehtages habe ich noch keinen Muskelkater in den Armen. Die Stimmung ist sehr euphorisch und wir blicken alle gespannt auf die nächsten drei Tage. Nach dem Schneiden soll der Film sieben bis zehn Minuten lang sein. Die offizielle Premiere wird zusammen mit allen anderen Werken des filmischen Modellversuchs am 10. Juli stattfinden, wobei der Ort der Veranstaltung noch bekannt gegeben wird.
Dass deutschsprachiges Kino erfolgreich sein kann, zeigt sich in den letzten Jahren immer wieder. Dies zeigt sich nicht nur daran, dass mit „Das Leben der Anderen“ und „Die Fälscher“ zweimal hintereinander deutschsprachige Filme den Oscar für den besten ausländischen Film gewonnen haben, sondern auch beim Student Academy Award: 2008 geht die wohl beliebteste Nachwuchstrophäe des Filmgeschäfts zum neunten Mal seit 1988 nach Deutschland. Ausgezeichnet wurde der Film „Auf der Strecke“ von Reto Caffi, einem Absolventen der Kölner Medienhochschule. 2007 ging der Studenten-Oscar an den Film „Nimmermehr“ von Toke Constantin Hebbeln. Der filmische Modellversuch ist vielleicht noch nicht reif für den Studenten-Oscar, aber jeder Filmemacher fängt mal klein an…

Transsylvanien erleben - Das Day-Old Theater brachte Graf Dracula ins Philosophicum

Mai 15, 2008

An der ehrwürdigen Johannes Gutenberg-Universität zu Mainz gehen seltsame Dinge vor sich: Die Anzahl der Menschen, denen man am Tage begegnet, schwindet scheinbar mit jedem Sonnenaufgang und diejenigen, die sich bei Tageslicht zeigen, führen Kruzifixe bei sich und müffeln kräftig nach Knoblauch. Man munkelt über die Existenz einer mysteriösen Gruft unter den Mauern des Philosophicums…

Das Day-Old Theater existiert an der Mainzer Universität bereits seit Ende 1991 und führte 1992 mit „An American Dream“ von Edward Albee sein erstes Stück auf. Bis zum vergangenen Jahr hat es die unabhängige Theatergruppe auf stolze 20 Bühnenspiele gebracht. Dieses Jahr folgten mit „The Importance of Being Earnest“ von Oscar Wilde und „Dracula“ von Hamilton Deane und John L. Balderston die Nummern 21 und 22.
Die Faszination rund um Graf Dracula aus Transsylvanien, einem Gebiet im heutigen Rumänien, ist bis heute ungebrochen. Bram Stoker schuf die Romanfigur im Jahr 1897 nach einem realen Vorbild, dem Fürsten und Feldherren Vlad III Draculea, dessen Vater „Dracul“ genannt wurde. Dracul bedeutet aus dem Rumänischen übersetzt so viel wie „Der Teufel“ und Draculea „Sohn des Teufels“. Dem Sohn des vermeintlich Gehörnten wurde äußerste Grausamkeit nachgesagt, wie zum Beispiel das Aufspießen beziehungsweise Pfählen seiner Feinde bei lebendigem Leib. Stokers Dracula war der erste Vampirroman der Literaturgeschichte, erschien in unzähligen Auflagen und Übersetzungen und wurde in mehr oder weniger dichter Anlehnung an das Buch etwa 30mal verfilmt, wobei die Dracula-Darsteller von Max Schreck über Bela Lugosi, Klaus Kinski und Christopher Lee bis hin zum parodistischen Spiel von Leslie Nielsen in „Dracula – Tot aber glücklich“ von Mel Brooks reichen.
Starker Kaffee macht nachts wachsam

Wer vor dem Öffnen des Vorhangs einen Blick ins Programmheft des Day-Old Theaters wirft, bekommt den Hinweis „a play for people who like their coffee strong“. Für den Autor dieses Artikels war dies schon fast Grund genug, sich in die Tiefen des Philosophicums zu begeben. Im Vorfeld war etwas Skepsis angebracht, ob im Hörsaal P1 tatsächlich so etwas wie eine „transsylvanische“ Atmosphäre entstehen kann, doch am Ende kann gesagt werden, dass ein Ort, der immer wieder zahlreichen Studenten das Fürchten lehrt, für die Gräueltaten des Grafen Dracula wie geschaffen ist. Die gruftartige Atmosphäre ist nicht zuletzt der Lichtinszenierung von Dagmar Noll und dem von Stefanie Bauer gesteuerten Sound zu verdanken. Das zwischendurch immer wieder eingespielte Hundegejaule tut ihr Übriges, damit man sich in die Welt der blutdurstigen, spiegelbildlosen Vampire einfühlt.
Die erste Theaterfassung von Dracula stammt von Hamilton Deane aus dem Jahr 1925 und feierte in Derby seine Premiere. John L. Balderston bearbeitete es für den amerikanischen Markt und brachte es zwei Jahre später in New York zum ersten Mal auf die Bühne, schon damals übrigens mit dem späteren Filmdarsteller Bela Lugosi. Das offensichtlich Ungewöhnliche an der Fassung der Mainzer Studenten ist, dass entgegen dem weit verbreiteten Weltbild, dass nur Männer zu wirklich barbarischen Taten imstande seien, die Hauptrolle nicht vom bösen schwarzen Mann, sondern von der bösen, schwarzen Frau besetzt wurde. Carolin Haas – siehe auch das Interview in diesem Blog – verkörpert Count Dracula derart Furcht einflößend, dass manch ein Theaterbesucher nach dem Stück vermutlich nicht alleine durch die Nacht nach Hause laufen wollte.

Zwischen den Kreuzen

Zur Handlung des Bühnenspektakels: Bevor Dracula in London auf seinen Beutezug gehen kann, ziehen zunächst ein paar Jahrhunderte ins Land, da der Graf auf die Erfindung des Flugzeugs wartet, um von den Karpaten problemlos überall nach Europa gelangen zu können, innerhalb von nur einer einzigen Nacht. Zeit zu warten hatte der Graf zwar genug, doch nach all den Jahren sehnt er sich nach einer Braut und seine Wahl fällt auf Lucy Seward (gespielt von Lisa Pfiester). Als ihr Vater (Felix Kaloianis), seines Zeichens Psychiater in einer Nervenheilanstalt in der Nähe von London, bemerkt, dass seine Tochter etwas blutleer wirkt, bittet er Professor Abraham van Helsing um Hilfe. Der Spezialist für mysteriöse Krankheiten weiß natürlich sofort, was los ist und die zwei roten Punkte an Lucys Hals nehmen ihm auch die letzten Zweifel. Der von Sven Langensiepen verkörperte Vampirjäger versucht nun, bewaffnet mit Kruzifix, Holzpflock, Knoblauch und Weihwasser, gemeinsam mit Doktor Seward und Lucys Verlobtem Johnathan Harker (Stefan Broscheit) Dracula zu zerstören. Dies ist natürlich kein leichtes Unterfangen, da sich der Graf nicht nur dem Verstand des ohnehin schon Verwirrten Renfield bemächtigt, sondern sogar Lucys Hausmädchen (Caroline Stöss) hypnotisiert, das Lucy eigentlich beschützen sollte. Renfield, dessen Charakter von Ralf Keinath gekonnt durch den Wahnsinn von Besessenheit und Verwirrung manövriert wird, öffnet dem Grafen viele Türen, da ihm dieser das ewige Leben versprochen hat. Am Ende siegt selbstverständlich das Gute, als Dracula zwischen den Kreuzen von Doktor Seward, van Helsing und Harker gestellt wird, nicht mehr fliehen kann und sich beim ersten Sonnenstrahl in Rauch auflöst.

Alle Darsteller wurden nach dem letzten Vorhang vom Publikum euphorisch gefeiert. Wer die tolle Bühneninszenierung von Daniel Dawla verpasst hat, dem sei empfohlen, am 23. Juni zum Klubkino in die Muschel zum Film „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ zu kommen. Das Werk von Friedrich Wilhelm Murnau aus dem Jahr 1922 ist direkt an Dracula angelehnt und gilt als Mutter aller Vampirfilme. Der Eintritt zu dieser Veranstaltung ist frei.

Übrigens hätte Bram Stoker als Herkunftsort des Vampirs um ein Haar gar nicht Transsylvanien, sondern die Steiermark gewählt. Fragt sich nur, ob der Graf dann auch im breiten Österreichisch auf die Jagd gegangen wäre…

Verschlagwortete Qualitätssuche im deutschen Mittelgebirge

Mai 8, 2008

Gibt es Qualität im Journalismus? Wer weiß das schon!?

Im April 2006 zog mich das Studium aus meiner Heimat im Schwarzwald nach Mainz. Mein Heimatstädtchen Schiltach hat etwa viereinhalbtausend Einwohner und liegt im Kinzigtal, das den nördlichen vom mittleren Schwarzwald trennt.
Aus der idyllischen Landschaft mit dunklen Tannen, grünen Wiesen und Frauen mit Bollenhüten verschlug es mich hinein in die Mainzer Schläfrigkeit. Wie viele Menschen aus eigener Erfahrung wissen, bringt der Auszug aus dem Elternhaus die eine oder andere Umstellung mit sich: Man muss schmerzhaft mit ansehen, dass sich der Kühlschrank nicht von alleine füllt, muss sich Pünktlichkeit und Disziplin antrainieren und ständig für ein gewisses Maß an Sauberkeit in den eigenen vier Wänden sorgen.
Die Umstellung mit den meisten Vorteilen ist meiner Meinung nach die absolut freie Wahl, wann man welche Medien konsumieren möchte. Konkret bedeutet dies zum einen, dass ich mich morgens am Frühstückstisch nicht mehr von einem hyperaktiven Radiomoderator beschallen lassen muss. Ich lasse das Radio einfach aus und es ist niemand da, der den Laberkasten einschaltet. Viel besser an der Medienwahlfreiheit ist aber, dass in meinem Briefkasten nur die Zeitung landet, die ich selbst abonniert habe und kein regionales Blatt, das neben den üblichen nationalen und internationalen Nachrichten vor allem über Geschehnisse im örtlichen Kleintierzüchterverein oder über das Aufstellen des Maibaums in irgendeinem Dorf berichtet.
Wenn ich mir daher Gedanken darüber mache, ob so etwas wie Qualität im Journalismus existiert, dann besuche ich meine Eltern und lese dort „unsere“ regionale Zeitung (auf eine Namensnennung wird hier verzichtet), in der ich erfahre, dass sich der Schiltacher Skiklub zur Jahreshauptversammlung im „Schwobekarle“ getroffen hat, wer beim Musikfest in Winzeln das Wettmelken und das Maßkrugstemmen gewonnen hat, dass der Bezirksschornsteinfeger aus Aichhalden nach 45 Jahren in den Ruhestand geht und in der Singlebörse sucht TequilaXL eine neue Lebensgefährtin. Die Antwort auf die Frage nach der Existenz von Qualität im Journalismus lautet daher: Wahrscheinlich gibt es Qualität im Journalismus, aber bestimmt nicht überall.
Möglicherweise ist es auch einfach so, dass große Medienunternehmen gar nicht mehr allzu großen Wert auf Qualität legen. Indizien dafür gibt es viele. So steht zum Beispiel in einer Stellenanzeige aus dem Hause Burda, dass ein Online-Journalist gesucht werde, der unter anderem für die Bereiche der „Verschlagwortung“ – gemeint ist die Pflege einer Datenbank – und der „Sponsor-Akkquise“ (kein Tippfehler meinerseits, Anmerkung des Redakteurs) verantwortlich sein soll. Da wird der Verschlag zum Fehlschlag. Und das Lieblingsblatt der Deutschen mit den großen vier Buchstaben erforscht die Frage, ob der Sex-Ronaldo wie Maradona enden wird. Ja, da sieht der Qualitätsjournalist die Felle davonschwimmen…
Ich resümiere: Wahrscheinlich gibt es Qualität im Journalismus. Helfen Sie mit, sie zu finden!

von Jonas Vomstein

Der kleine Schritt vom Studenten zum Onlinejournalisten

April 25, 2008

Einen allgemeinen Hinweis darauf, warum die Tätigkeit als Journalist so attraktiv ist, kommt vom amerikanischen Schriftsteller Mark Twain, der ein Talent dazu hatte, mit wenigen Worten viel auszusagen: „Leute, die ein Leben lang darüber nachdenken, welchen Beruf sie eigentlich verfehlt haben.“

Über Studenten sagen manche Leute, sie würden bis in den Mittag hinein im Bett liegen bleiben, sie seien grundsätzlich faul und sollten sowieso lieber „etwas Ordentliches“ machen. An dieser Stelle sollen solche Vorwürfe einfach als Neid gewertet werden, denn schon Schopenhauer wusste, dass Neid in Deutschland die höchste Form der Anerkennung darstellt.

Neben dem Punkt der Anerkennung gibt es weitere Argumente dafür, dass die Entscheidung, nach dem einen oder anderen Hochschulsemester in den Onlinejournalismus zu gehen, eine absolut logische ist. Man betrachte zum Beispiel das Thema Zeitdruck: „Online-Medien haben keinen Redaktionsschluss, es sei denn, er wird gesetzt.“ Dies lehrt uns das Internetlexikon Wikipedia. Nun wird sich selbst ein Berufseinsteiger ein gewisses Zeitfenster für einen Artikel setzen, doch am Ende wird einem der Chefredakteur schon einen Aufschub gewähren. Als Student muss einem an dieser Stelle fast zwangsläufig die letzte – oder die kurz bevorstehende – Hausarbeit in den Sinn kommen.

Auch ist der Onlinejournalismus im Stande, studentische Gewohnheiten und das Geltungsbedürfnis vieler Studierender unter einen Hut zu bringen. So bemerkte Bertolt Brecht in einer seiner Radiotheorien – was zweifellos auf Internetblogs noch mehr zutrifft als auf das Radio, aber das konnte der gute Brecht zu seiner Zeit noch gar nicht wissen: „Man hatte plötzlich die Möglichkeit, allen alles zu sagen, aber man hatte, wenn man es sich überlegte, nichts zu sagen.“ Man erkennt, dass Onlinejournalismus sogar zur Heimstätte für viele Studierende werden kann.

Der Beruf des Onlinejournalisten ist also perfekt auf das Studentendasein zugeschnitten: hohe Anerkennung, flexible Zeitfenster für die Abgabe von Texten und die Möglichkeit, sich einmal alles von der Seele oder aus dem Geist zu schreiben. Hinzu kommt die geringe Umstellung vom Studenten- zum Journalistenleben.

Und für den Studierenden, der im festen Glauben lebt, er beziehungsweise sie sei noch viel zu jung für einen richtigen Beruf, dem seien die weisen Worte Konrad Adenauers ans Herz gelegt: „Mit kleinen Jungen und Journalisten soll man vorsichtig sein. Die schmeißen immer noch einen Stein hinterher.“ Onlinejournalismus – ein Beruf für studentische Bedürfnisse, der obendrein noch einen beachtlichen revolutionären Geist versprüht.

von Jonas Vomstein