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Kommentar: Friedliches Fußball-Fest

Juni 13, 2008

Die Fähnchen flattern im Wind, die Fans feiern und feuern ihre Mannschaften an. Und die befürchteten Ausschreitungen zwischen rivalisierenden Fußball-Anhängern, vor allem zwischen Polen und Deutschen, Schweizern und Türken? Die halten sich bisher erfreulicher Weise in Grenzen.

Was war nicht alles befürchtet worden, als sich 750 deutsche Polizisten auf den Weg in die Schweiz und nach Österreich machten, um ihre Kollegen zu unterstützen. Die erste angstvoll erwartete Begegnung in Klagenfurt (Österreich) hieß Deutschland – Polen. Das polnische Boulevardblatt „Super Express“ hatte auf seiner Titelseite zuvor eine Fotomontage veröffentlicht, die den Trainer der polnischen Nationalmannschaft mit den abgeschlagenen Köpfen von Michael Ballack und Jogi Löw zeigt. „Leo, bring uns ihre Köpfe“, lautet die Überschrift. Mit harscher Kritik antworteten nicht nur der entrüstete polnische Trainer sondern auch zahlreiche Politiker und deutsche wie polnische Medien.

Die „Medienschlacht“, wie die Süddeutsche Zeitung titelte, drohte die Stimmung zwischen rivalisierenden Fans gefährlich aufzuheizen. Doch statt Prügeleien kam es auf den Fan-Meilen und vor den Großleinwänden zu vielen demonstrativen Verbrüderungsszenen zwischen deutschen und polnischen Fans, die die Medien begeistert aufgriffen – getreu dem Motto: Wir lassen uns die friedliche Feier-Laune von so einer geschmacklosen Entgleisung nicht vermiesen.

Umso ärgerlicher, dass es trotz der massiven Sicherheitsvorkehrungen dennoch zu Prügeleien kam und sich die bösen Vorahnungen zumindest in Klagenfurt erfüllten. 140 deutsche Neonazis provozierten polnische Fans und wurden abgeführt, am Tag zuvor prügelten sich deutschen und polnischen Hooligans. Für weitere Schlagzeilen sorgten türkische Fans, die nach der 0:2-Niederlage gegen Portugal in Frankfurt gegen die Polizei randalierten.

Und die noch ängstlicher erwartete Begegnung zwischen der Schweiz und der Türkei am Mittwoch? Alle hatten noch die Bilder von den Prügeleien zwischen Schweizern und türkischen Spielern beim WM-Qualifikationsspiel 2005 vor Augen. Was geschah auf den Fan-Meilen? Nichts. Friedliche Feier-Laune überall, Verbrüderungsszenen auch hier. Bleibt zu hoffen, dass die deutschen Einsatzkräfte bei ihrer Rückkehr nach der Euro 2008 von einem friedlichen Sommer-Märchen berichten können.

Langen – Mainz, Mainz – Langen: Ein Leben zwischen zwei Städten

Mai 27, 2008

Das StudiTicket macht’s möglich: Wer im Rhein-Main-Gebiet lebt, in Mainz studiert und sich dort keine Wohnung leisten kann, der nimmt einfach die Bahn und pendelt – ein Erfahrungsbericht von Sandra Dorn.

Der Wecker klingelt, es ist sechs Uhr morgens – entschieden zu früh. Und schon beginnt die Rechnerei: Die Vorlesung ist um neun. Wenn ich das Auto nehme, kann ich noch eine Stunde länger schlafen. Aber der Sprit ist so teuer… In einer Stunde fährt der Zug… Ist die Vorlesung überhaupt so wichtig?

Seit fünf Jahren mindestens einmal die Woche dasselbe Dilemma. Immer dann, wenn sich Neun- oder, noch schlimmer, Acht-Uhr-Veranstaltungen nicht aus dem Stundenplan streichen lassen. Langen – Mainz, Mainz – Langen. Jeden Tag. „Wo bitte liegt Langen?“, werde ich immer wieder gefragt. Die Standardantwort: „Ziemlich genau zwischen Darmstadt und Frankfurt. Langen hat 36.000 Einwohner, ist Sitz der deutschen Flugsicherung und im Sommer kann man im Langener Waldsee schwimmen gehen.“

„Warum tust du dir das an?“

Mit dem Auto brauche ich 45 Minuten nach Mainz, mit der Bahn etwa das Doppelte – dafür jedoch zum Nulltarif. Bei Spritpreisen von 1,50 Euro pro Liter bleibt das Auto meist in der Garage. Ein etwas holprig gereimter Slogan auf www.studiticket.de bringt es auf den Punkt: „Ist der Tank schon wieder leer? Bus und Bahn sind günstiger!“ Daneben strahlt den pendelnden Studierenden ein fröhlich grinsender Bus an. Recht haben sie ja, die Macher des StudiTickets. Schließlich sind die entfallenden Fahrtkosten der einzig vernünftige Grund fürs Pendeln und das überzeugendste Argument auf die Frage: „Warum tust du dir das überhaupt an?“

Leider kommt die Bahn häufig nicht so, wie man das gerne hätte. Da kann es schon mal passieren, das man morgens um sechs den inneren Schweinehund überwindet, aufsteht, duscht, einen Kaffee hinunterstürzt, auf dem Weg zum Fahrrad die Zeitung aus dem Briefkasten zerrt, zum Bahnhof sprintet, mit letzter Kraft die Treppen zum Gleis 2 erklimmt, gerade als der Zeiger der Bahnhofsuhr auf 7.16 Uhr springt – um dann folgende Durchsage zu hören: „Die Regionalbahn nach Heidelberg, planmäßige Abfahrt 7.16 Uhr, hat voraussichtlich zehn Minuten Verspätung.“ Zu dumm, dass der Anschlusszug in Darmstadt nicht zehn Minuten wartet, sondern um Punkt 7.34 Uhr abfährt.

Bahnfahren kann so schön sein …

Aber das passiert ja zum Glück nicht jeden Tag und irgendwo hat das Pendeln ja auch seine Reize: Man hat Zeit – Zeit zum Lesen. Zeitungslesen, Texte für die Uni lesen, Bücher lesen … Oder überhaupt nicht lesen, sondern aus dem Fenster schauen. Zurzeit wird wieder Spargel gestochen – und entlang der Strecke Darmstadt-Mainz wächst richtig viel Spargel. Und wen die landschaftlichen Reize nicht überzeugen, der kann ja immer noch die anderen Fahrgäste beobachten. Ein Klassiker: Der Geschäftsmann, der die Höhe der Gepäckablage überschätzt und sich nach unüberhörbarem „Boing“ beschämt an den Kopf greift.

Woran man den routinierten Pendler erkennt? Pendler strahlen von Natur aus eine gewisse Gelassenheit aus. Wo andere panisch nach dem richtigen Gleis suchen, bahnt sich der Pendler gelassen seinen Weg. Er kennt sämtliche Fahrzeiten auswendig und ist der richtige Ansprechpartner für jeden, der trotz korrekter Infos auf der Anzeigetafel noch mal sichergehen möchte, ob dieser Zug denn auch wirklich nach Mainz fährt. Im Zug selbst ist er meistens an seinem MP3-Player zu erkennen, mit dem er erfolgreich das Telefongespräch seines Gegenüber ausblendet oder verzweifelt versucht, den Lärm der Schulklasse zu ignorieren, die mit ihrer Lehrerin einen aufregenden Ausflug nach Mainz macht. Da sage noch einer, Bahnfahren wäre langweilig.

 

Als Mainz noch ein Sumpf war

Mai 21, 2008

Sandra Dorn sprach mit dem Mainzer Landesarchäologen Dr. Gerd Rupprecht über die römischen Wurzeln von Mainz (einst Mogontiacum) und seine Arbeit.

Sandra Dorn: Herr Dr. Rupprecht, dass die Römer ihre Spuren in Mainz hinterlassen haben, ist unübersehbar – jüngst wurde die Bahn-Station „Mainz Süd“ in „Römisches Theater“ umbenannt. Welche Rolle spielte Mainz im römischen Imperium?

Gerd Rupprecht: Mainz war die große Militärbasis des Römischen Reiches auf germanischem Boden und Hauptstadt der Provinz Germania Superior, die sich vom Neuwieder Becken bis zum Genfer See erstreckte.

S. Dorn: Ein gewaltiges Gebiet… Wie viele Menschen lebten in der Provinzhauptstadt?

G. Rupprecht: Allein an Militär kann man von zirka 30.000 Menschen ausgehen. Hinzu kamen etwa 10.000 Kelten, die sich um die Militärbasis herum ansiedelten.

S. Dorn: Gab es keine Konflikte mit der keltischen Bevölkerung, als die Römer die Gegend besetzten?

G. Rupprecht: Kaum. Sie müssen ja bedenken: Mit den Römern konnte man gut Geschäfte machen. Hinzu kommt, dass sie viel Kulturgut mitbrachten: Den Hausbau aus Stein, die Fußbodenheizung, verglaste Fenster, neues Saatgut, Nutztiere… Die Einheimischen wollten sogar Römer werden, um an deren Errungenschaften teilzuhaben. Wenn die römische Zivilisation nicht solch ein Erfolgskonzept gewesen wäre, hätte sie sich hier kaum 470 Jahre lang gehalten.

S. Dorn: Warum wählten die Römer ausgerechnet Mainz als Militärstandort aus?

G. Rupprecht: Der Hauptgrund ist sicherlich das Verkehrsnetz – zu Land wie zu Wasser. Mainz ist direkt am Rhein gelegen, gegenüber der Mainmündung. Auch im Hinterland gibt es keine Barrieren, keine verkehrshemmenden Berge.

S. Dorn: Und wie muss man sich die Anfänge der Siedlung vorstellen?

G. Rupprecht: Ab 13 v. Chr. finden sich Nachweise römischer Zivilisation in Mainz. Davor gab es hier gar nichts. Das Gelände war ein Sumpf.

S. Dorn: Ein Sumpf?

G. Rupprecht: Ja. Die Römer leisteten hier Pionierarbeit. Zunächst wurden Straßendämme gebaut. Recht schnell hat sich um das Militärgelände herum dann eine Siedlung gebildet. Bedenken Sie, die Soldaten bekamen Sold und dafür wollten sie sich auch etwas kaufen. Sie suchten außerdem nach Unterhaltung. So entstanden Geschäfte und später auch das römische Theater. Ende des ersten, Anfang des zweiten Jahrhunderts dürfte die Stadt ihre größte Ausdehnung erreicht haben.

S. Dorn: Das römische Theater gehört neben dem Isis-Heiligtum oder dem Drusus-Stein sicherlich zu den bekanntesten Spuren der Römer in Mainz. Wie sehr haben die Römer das heutige Stadtbild geprägt?

G. Rupprecht: Die Römer haben die Grundstruktur der Stadt errichtet, die noch heute die Form der Innenstadt bestimmt. Die römische Stadtmauer war bis in die Neuzeit die Grenze der Stadt.

S. Dorn: Herr Dr. Rupprecht, Sie graben und forschen seit 1979 in Mainz. Wie kommt es zur Entdeckung neuer Funde?

G. Rupprecht: Wir sind dauernd auf dem Sprung. Viele Hinweise bekommen wir aus der Bevölkerung. Es kann sein, dass jemand anruft und dann muss ich mir überlegen, wie wir am besten vorgehen. Von Bauvorhaben erfahren wir automatisch. Bauvorhaben sind für uns immer zugleich eine Chance als auch eine Pflicht. Wenn der Boden erst einmal abgetragen ist, ist es zu spät.

S. Dorn: Stoßen Sie bei den Bauherren häufig auf Schwierigkeiten?

G. Rupprecht: Nein, in den 28 Jahren, die ich hier arbeite, hat es nie einen ernsthaften Konflikt gegeben, nur ein einziges Mal musste ich einen Bau stilllegen lassen. Das erfordert viel Kompromissbereitschaft: Einerseits das Verständnis von Seiten der Bauherren, andererseits auch Augenmaß von unserer Seite. Für einen Bauherrn ist Zeit schließlich Geld.

S. Dorn: Was war Ihr spektakulärster Fund?

G. Rupprecht: Das ist gar nicht so einfach zu sagen. Extrem aufregend und spannend war in letzter Zeit die Auffindung des Isis-Heiligtums. Aber wissen Sie: Es gibt immer wieder etwas Neues. Mal eine Grabkammer, mal ein interessantes Straßenprofil… Manchmal kann man sich auch über Kleinigkeiten freuen. Es geht immer darum, den Menschen zu finden. Der Fundgegenstand ist nur ein Ding. Der Befund dagegen zeigt, was geschah. Am meisten freue ich mich, wenn es mir bei geringem Personal und geringen finanziellen Mitteln immer wieder gelingt, Archäologie zu ermöglichen und zu sehen, dass eine Grabung erfolgreich läuft.

S. Dorn: Vielen Dank!

Internetseite der Mainzer Landesarchäologie

Nicht nur die Römer hinterließen Spuren

Mai 21, 2008

Die Stadt Mainz – Spuren der Römer und der römischen Geschichte überall, scheint es. Doch wie sah es in Mainz eigentlich in den letzten 200 Jahren aus? Das Stadthistorische Museum zeigt, wie die Mainzer zu Zeiten der Industrialisierung lebten.

Wer auf Spuren der Römer zum Drusus-Stein an der Zitadelle pilgert, mit dem der berühmte Feldherr und Gründer von Mainz Drusus Germanicus nach seinem Tod geehrt wurde, sollte die Gelegenheit nutzen, einen Abstecher ins stadthistorische Museum zu machen. Sein Eingang befindet sich direkt neben dem Denkmal – unscheinbar, aber durchaus sehenswert.

Ein wuchtiger Fassboden steht am Eingang des Museums, das 2000 gegründet wurde, um eine Epoche darzustellen, die das heutige Stadtbild entscheidend geprägt hat, aber bisher in keinem der städtischen Museen präsent war: Das Mainzer Wirtschafts- und Arbeitsleben im 19. und 20. Jahrhundert. „Wir wollten zeigen, wie die Menschen vor 100 bis 200 Jahren gelebt haben“, sagt die Geschäftsführerin des Museums-Fördervereins Dr. Hedwig Brüchert. Den größten Raum des 160 Quadratmeter kleinen Stadtmuseums nehmen eine Arbeiterküche der 1920er Jahre und ein bürgerliches Wohnzimmer von 1910 ein. Ein weiterer Ausstellungsraum beleuchtet zudem die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Mainz; ein langer Flur schließlich informiert anhand vieler Bilder und Informationstexte über die Stadtgeschichte von der Steinzeit bis heute.

„Mainz hatte immer sehr ungünstige Bedingungen für die Entwicklung von Industrie“, weiß Brüchert. Abgeschirmt durch die mittelalterliche Stadtmauer und immense Wallanlagen, hat sich Mainz über Jahrhunderte nicht vergrößern können und bot wenig Raum für Industrie. „Nach dem schwedischen Krieg im 17. Jahrhundert wurden Wallanlagen gebaut, die die gesamte Stadt in einem Halbkreis umgaben“, erklärt Brüchert und zeigt auf eine alte Karte, die Mainz als sternförmige Festung zeigt. „Erst ab 1872 durften die ersten Wälle eingeebnet werden und es entstand Raum für die erste Mainzer Stadterweiterung zwischen Hauptbahnhof und Rhein“, erläutert die Historikerin. „Mit der Zeit wurden dann fast alle Wälle beseitigt. Mainz hätte heute nicht so einen schönen Grüngürtel, wenn diese Festungsanlagen nicht gewesen wären.“

Es war vor allem die Holz- und Metallverarbeitende Industrie, die sich in Mainz entwickelte, als endlich ausreichend Raum dazu war. „Die Möbel etwa, die Sie in diesem Wohnzimmer sehen, stammen von der traditionsreichen Firma Bembé“, sagt Brüchert. Bembé habe unter anderem das alte Hotel Adlon in Berlin ausgestattet, erläutert die Historikerin. Von der boomenden Metallverarbeitung aus dieser Zeit zeugen nicht nur eine Wein- und eine Bierpumpe, sondern auch Blechblasinstrumente des Mainzer Traditionshauses Alexander.

Das stadthistorische Museum am Drususstein wird rein ehrenamtlich vom 1996 gegründeten Förderverein geführt und befindet sich noch im Aufbau. Die Idee zum Museum hatte der frühere Mainzer Kulturdezernent Keim bereits in den 80er Jahren – die Suche nach einem Investor erwies sich jedoch als schwierig, so dass der Förderverein schließlich die Initiative ergriff. Eine erste Dauerausstellung im Haus zum Stein wurde 2000 eröffnet. 2003 zog das Museum dann in das städtische Gebäude neben dem Drususstein. „Hier haben wir den Vorteil, dass sich räumliche Erweiterungsmöglichkeiten bieten“, sagt Brüchert. „Leider sind wir nicht mehr im Zentrum.“ Dennoch: „Viele Touristen kommen zu uns ins Museum. Manche finden uns auch zufällig beim Wandern auf den Wällen der Zitadelle.“ Brüchert hofft, bereits im Juli einen neuen Raum eröffnen zu können. „Dann hätten wir endlich auch Platz für Wechselausstellungen.“

http://www.stadtmuseum-mainz.de/

Kommentar: Kampf gegen die Konsum-Mühlen

Mai 15, 2008

“Ich konsumiere, also bin ich?”, fragten die Organisatoren des diesjährigen OpenOhr-Festivals. “Geld, Gut, Güter” lautete das Motto – und Konsumkritik kommt an, wie schon allein die Zahl von mehr als 6.000 Besuchern zeigt. Kein Wunder eigentlich, betrachtet man die aktuellen Trends zu Bio- und FairTrade-Produkten, zu denen selbst Studenten mit klammem Portemonnaie bewusst greifen. Gegen die Einflüsterung der Werbung möchte man sich zur Wehr setzen und bewusst entscheiden, ob man denn tatsächlich ein neues Handy mit Internetzugang oder den neuesten iPod braucht, während anderswo Menschen verhungern.

Doch klar ist auch: ohne Geld geht es nicht. Wer wüsste das besser als die Organisatoren des OpenOhr? Jedes Jahr steht erneut auf der Kippe, ob das gesellschaftskritische Jugendkulturfestival schwarze Zahlen schreibt oder sich als Verlustgeschäft entpuppt – und ob die Stadt das finanzielle Risiko im nächsten Jahr erneut tragen möchte. Mit einem Eintrittspreis von 28 Euro für die viertägige Veranstaltung ist das OpenOhr nach wie vor eines der Günstigsten in der als kommerziell verschrienen Festival-Landschaft. Schließlich würde es gegen die Grundprinzipien der Veranstalter verstoßen, die Eintrittspreise so hoch anzusetzen, dass der Besuch für die als Zielgruppe anvisierten Jugendlichen und Studenten unerschwinglich wäre.

Viel Kritik allerdings ernteten die Veranstalter für die Beschränkung der Mitnahme alkoholfreier Getränke auf 1,5 Liter und für Bierpreise von 2,50 Euro für den 0,3-Liter-Plastikbecher. Und so macht selbst bei einem als betont “nichtkommerziell” konzipierten Festival wie dem OpenOhr das “Konsummonster” nicht vor den Absperrungen des Festival-Geländes halt.

Online-Journalismus: Schnelligkeit um jeden Preis?

Mai 9, 2008

Brandaktuell, interaktiv, kostenlos – Online-Journalismus bringt viele Vorteile mit sich, hat aber auch seine Schattenseiten.

 

Zeitungsredakteure stehen immer vor demselben Dilemma: Kommt eine wichtige Meldung nach Druckschluss rein, kann sie in der aktuellen Ausgabe nicht mehr veröffentlicht werden. Frei von derartigen organisatorischen Zwängen eröffnen sich im Online-Journalismus ganz neue Möglichkeiten: Zwischen dem Schreiben eines Beitrages und dessen Veröffentlichung im Netz steht häufig nur ein Klick. Hohe Aktualität wird damit erzielt – aber wie ist es um die journalistische Sorgfalt bestellt?

 

In den klassischen Medien ist eine nachträgliche Korrektur unmöglich – was einmal gedruckt ist, ist nun einmal gedruckt, ist ein Beitrag erst ausgestrahlt, lässt sich hinterher nichts dran ändern. Anders im Internet. Man muss nur die Agentur-Ticker verfolgen und mit einer Seite wie Spiegel-Online vergleichen, um Folgendes festzustellen: Sobald die Agenturen eine „Eilmeldung“ verkünden, erscheint genau diese einige Minuten später mit schwarzer Schrift auf gelbem Grund auf Spiegel-Online. Egal, ob es sich nun um den Anstieg des Benzinpreises um fünf Cent handelt oder eine Umweltkatastrophe mit tausenden von Opfern: Aktualität und Schnelligkeit stehen an erster Stelle – erst die Meldung, dann die Recherche. Schließlich können Überschriften permanent geändert, Bilder hinzugefügt und der Inhalt revidiert werden.

 

Eines ist selbstverständlich für die Nutzer: Online-Journalismus ist kostenlos und soll es auch bleiben. Wichtig ist also vor allem, möglichst viele User auf die eigene Seite zu locken, um für Werbekunden attraktiv zu sein. Nicht gerade einfach bei dem schier unüberschaubaren Angebot des Internets. Keine Zeitung, kein Radio- oder Fernsehsender ist heute noch ohne Online-Auftritt denkbar, doch selten rechnet sich der Aufwand. Immer wieder gibt es daher vor allem im Internet Fälle, die sich in der Grauzone von Schleichwerbung und Product Placement bewegen. So gelangt man etwa beim Online-Auftritt von Bild (www.bild.de) derzeit mit einem Click zur  „Volks-Aktion“ „Maxi-Zins“ (http://www.bild.de/BILD/ratgeber/geld-karriere/koso/kqv/volksmaxizins/startseite/monatsgeldanlage.html). Was aussieht, wie ein redaktioneller Beitrag, ist mit einem winzigen Hinweis als „Anzeige“ der Karstadt-Quelle-Versicherung gekennzeichnet. Was für den Laien kaum zu entdecken ist, ruft Andere auf den Plan: Die Medienkritik im Internet boomt. Schier endlos ist die Liste der medienkritischen Blogs wie www.bildblog.de.

 

Online-Journalismus ist also ein spannendes Genre. Doch beim Frühstück oder im Zug eine Zeitung in den Händen zu halten - darauf werden wohl auch in Zukunft nur Wenige verzichten wollen.

 

Sprungbrett Lokaljournalismus

April 25, 2008

Wie eine 23-jährige Publizistik-Studentin auf die Idee kam Journalistin zu werden

“Wollen Sie nicht lieber gleich als freie Mitarbeiterin bei uns einsteigen?” Eigentlich wollte ich nur ein Praktikum bei der Offenbach Post machen, als mich mein Chef vor drei Jahren mit dieser Frage überrumpelte. Aus den ersten kläglichen Anfängerversuchen nach dem Motto “learning by doing” wurde daraus ein Studentenjob in einer Lokalredaktion, bei dem ich nicht nur interessante Menschen kennen lerne, sondern auch Zutritt zu manchen Bereichen habe, die den meisten verschlossen bleiben. So kletterte ich im Schutzanzug durch Kanalöffnungen in Wasser-Rückhaltebecken, begleitete männliche Kindergärtner bei ihrer täglichen Arbeit und verdichtete bei einem Hörfunk-Praktikum auch schon mal zwei Stunden Tonmaterial zu einem Drei-Minuten-Beitrag über ein Hamburger Vogelschutzgebiet.

Auch wenn ich zwischenzeitlich Praktika im Verlagswesen, im Bereich PR oder im Goethe-Institut gemacht habe – immer wieder zog es mich zurück in den Journalismus. Anstatt Journalisten bei mitorganisierten Pressekonferenzen darum zu beneiden, dass sie mitschreiben und Fragen stellen durften, berichtete ich während eines Auslandssemesters in “Briefen aus Frankreich” lieber über meine Erfahrungen mit der französischen Streikkultur.

Zwar habe ich mich im Rahmen meines Publizistik-Studiums auch intensiv mit den Schattenseiten des Journalismus beschäftigt. Ein allzu idealistisches Berufsbild ist angesichts des wachsenden finanziellen Drucks der Werbewirtschaft auf redaktionelle Inhalte längst hinfällig geworden und die Aussichten auf eine frühe Festanstellung gering. Dennoch sind es vor allem der enge Kontakt zu anderen Menschen, der intensive, genaue Umgang mit der Sprache und eine trotz allem gewisse kritische Distanz, die mich an diesem Beruf so sehr faszinieren, dass ich ihn nach meinem Studium auf jeden Fall ausüben möchte.

von Sandra Dorn