Quo vadis, vierte Gewalt? - Gespräch mit Prof. Christoph Klimmt
Juni 26, 2008Debatten um Web 2.0, Internetzugang als Menschenrecht und öffentlich-rechtliches Onlineangebot lassen es erahnen: Das Internet avanciert zum Massenmedium. Logisch, dass eine solche Entwicklung an der Journalismusbranche nicht spurlos vorbeigeht. LeOn sprach mit Prof. Dr. Christoph Klimmt, Juniorprofessor für Onlinekommunikation am Institut für Publizistik der Uni Mainz, über neue Herausforderungen durch den Einzug von Onlineangeboten in die Medienlandschaft - nicht nur für Journalisten und Verleger, sondern auch für die Kommunikationswissenschaften.
LeOn: Die neuen Medien und nicht zuletzt auch Ihr Forschungsschwerpunkt, die Computerspiele, waren in den letzten Jahren stets Gegenstand kontroverser öffentlicher Diskussion. Was macht für Sie den Reiz dieser Themen für die Wissenschaft aus?
Prof. Klimmt: Das Internet nutzt man in unserem Beruf zwangsläufig intensiv. Im Bereich Computerspiele habe ich insofern eine intrinsische Motivation, als ich das früher ausgesprochen intensiv betrieben habe. Da habe ich hauptsächlich Ego-Shooter gespielt, die viel gescholtenen Killerspiele, aber auch Strategiespiele wie Transport Tycoon.
Bei der Onlinekommunikation ist das enorme Tempo der Entwicklungen reizvoll - nicht nur in Hinblick auf die Technologie, sondern auch auf die kommunikativen Geschäftsmodelle, die Anbieterstrukturen und vor allem was die Menschen letztendlich mit dem Medium anstellen. Seit knapp 20 Jahren haben wir jetzt das WWW, seit neustem tun sich zudem unter dem merkwürdigen Label “Web 2.0″ ganz interessante Dinge auf… Allein was Google täglich an neuen Diensten anbietet, hat unglaubliches Innovationspotential und führt letztlich zu einer Transformation des gesamten altbekannten Mediensektors. Die Forschung kann da natürlich kaum mithalten. Wenn man systematisch und theoriegeleitet arbeitet, ist man notgedrungen langsamer als solch ein dynamischer Gegenstand, aber es ist auch besonders reizvoll, weil man wirklich jeden Tag auf neue Entwicklungen stößt, die man untersuchen will.
LeOn: Was für Konsequenzen haben die neuen Medien für die Kommunikationswissenschaft?
Prof. Klimmt: Im Grunde müssen wir viele unserer althergebrachten Konzepte komplett überdenken. Das, was wir aus der klassischen Medienwirkungsforschung zu wissen glauben, muss für die Onlinekommunikation nicht genauso anwendbar sein. Nehmen wir so etwas einfaches wie Agenda-Setting - funktioniert das überhaupt noch, wenn die Bezugskanäle für aktuelle Informationen so weit auffächern? Ein Leitmedium, das eine Agenda vorgeben könnte, droht da zu verschwinden. Der Agenda-Setting-Prozess wird also so viel chaotischer, dass man sich von einem linearen Medienwirkungsbegriff hin zu einem Netzwerkmodell bewegen muss. Es genügt also nicht, neue Medien anhand der Erkenntnisse der etablierten Kommunikationswissenschaft zu untersuchen, sondern man muss auch seine bereits bestehenden Theorien hinterfragen.
LeOn: Auch so etwas Grundlegendes wie die Einteilung in Sender und Empfänger wird ja durch solche News-Communities wie digg oder reddit aufgeweicht, wo jeder seine eigenen Nachrichten zusammenstellen und kommentieren kann. Sehen Sie darin eine Gefahr für journalistische Qualität, wenn im Internet jeder Journalismus betreiben kann?
Prof. Klimmt: Nein, überhaupt nicht. Ich glaube Journalisten haben derzeit Angst, dass ihnen die Definitionsmacht über das, was wichtig ist, entgleitet. Es gibt jetzt viel mehr Leute, die sich zu Wort melden und die journalistische Einzelleistung in Frage stellen. Dass jetzt viel mehr Leute bloggen und kommentieren sehe ich eigentlich als eine Bereicherung, mit der der Journalismus lernen muss umzugehen.
Was mir viel mehr Sorgen macht, ist dass es nach wie vor kein vernünftiges Finanzierungsmodell für Onlinejournalismus gibt. Deutschlands Qualitätsblätter verschleudern hochqualifizierte journalistische Leistungen im Netz, in der Hoffnung, mit Bannerwerbung noch einen Teil der Verluste zu decken. Da Qualität nun einmal teuer ist, sind sie also auf Quersubventionierung durch ihr Printgeschäft angewiesen. Auf Dauer wird das nicht funktionieren, da sich in 20 Jahren unsere Nutzungsgewohnheiten so weit in Richtung Netz verschoben haben werden, dass sich viele Printerzeugnisse nicht mehr aus eigener Kraft tragen werden können. Man muss vielmehr ein Online-Pendant zur Abonnementzeitung schaffen. Den Leuten, die täglich qualitativ hochwertige Informationsdienste nutzen wollen, muss man dafür auch wieder einen Obolus abluchsen.
LeOn: Und wie könnte man das den Leuten verkaufen, die jetzt schon gewohnt sind, diese Dienste umsonst in Anspruch zu nehmen?
Prof. Klimmt: Eine Möglichkeit wäre da, durch Redaktionskooperation Abonnementbündel zu schnüren, die individuell auf den Rezipienten zugeschnitten sind. Zum Beispiel die Weltnachrichten von der Süddeutschen Zeitung, zu der man sich dann den Sportteil vom Kicker und den Regionalteil der Pirmasenser Nachrichten hinzukaufen kann. Die Preise könnten da trotzdem unter denen der Zeitungsabos liegen, weil die Kosten für Druck und Vertrieb wegfallen. Alle sagen mir ich sei ein Luftschlossbauer, die Kostenlosmentalität sei einfach schon zu weit verbreitet. Aber nur, weil sich das Medium geändert hat, kann das ja nicht heißen, dass für die gleiche Leistung plötzlich kein Geld mehr gezahlt wird.
LeOn: Eine Finanzierung von Onlineangeboten durch bessere Werbetechniken halten Sie also nicht für möglich?
Prof. Klimmt: Der Erfolg von Google spricht da durchaus Bände, derzeit arbeiten sie an einem online nutzbaren Officepaket, das sicher den Microsoft-Office-Produkten ernsthafte Konkurrenz machen wird. Das ist der Trick von Google, sie machen es einfach besser und kostenlos. Dadurch locken sie enorm viele Nutzer auf ihre Seiten, die sie für hochmoderne Werbetechniken nutzbar machen können. Durch diese Bündelung von Werbegewinnen sind sie auch in der Lage, Leistungen wie Google Maps kostenlos anzubieten, die früher viel Geld gekostet haben. Das Konzept kann aber nicht aufgehen, wenn es jeder so versucht. Stattdessen wird Google da der Konkurrenz - wie etwa den Kartenverlagen - die Geschäftsgrundlage entziehen, indem es deren Leistungen entwertet. Insofern sollte sich auch der Journalismus nicht darauf verlassen, dass die Werbeeinnahmen im Internet irgendwann schon noch steigen werden, indem man mit Google kooperiert. Das Werbegeld wird nämlich nicht bei den Redaktionen, sondern bei Google hängenbleiben.
LeOn: Die Alternative der Abonnementangebote würde doch aber dazu führen, dass nur diejenigen, die es sich leisten können, umfassend informiert sind. Wäre ein öffentlich-rechtliches Internetangebot ein Mittel, dem vorzubeugen?
Prof. Klimmt: Eine kostenlose Grundinformation wird es sicher auch in Zukunft im Internet geben, aber auch die Zeitungen kosten ja Geld. Der gut informierte Bürger zahlt auch jetzt schon jede Woche seine 5 Euro für die Zeit. Ob man es Knowledge Gap oder jetzt Digital Divide nennt, das ist kein neues Problem. Man könnte zwar durch das Internet versuchen, die gesamte Bevölkerung mit einem umfassenden Angebot in Berührung zu bringen, aber es wäre trotzdem ein Großteil nicht in der Lage, diese Inhalte überhaupt zu verarbeiten und zu verstehen. Man muss aufpassen, keine übertriebenen normativen Anforderungen an das Internet zu stellen, dass es jetzt alle zu ideal informierten partizipierenden Bürgern machen könnte - so funktioniert Demokratie nicht.
Was die Öffentlich-Rechtlichen angeht, deren Rolle ist hoch problematisch. Wir haben uns jetzt 50 Jahre lang darauf verlassen, dass das Rückgrat der politischen Information, das Zeitungswesen, in privatwirtschaftlichen Händen bleibt. Den öffentlich-rechtlichen Rundfunk hat man immer damit begründet, dass es anfangs unmöglich war, ein vielfältiges, wettbewerbsbasiertes Angebot aufzubauen, und das stimmte 1948 wahrscheinlich auch noch. Man hat sich damit ein mit verfassungsrechtlichen Freibriefen ausgestattetes Monster geschaffen. Das muss man in der Deutlichkeit sagen, sieben Milliarden Euro, das ist ein Wahnsinn, was wir dafür ausgeben! Und der Begriff Grundversorgung, der früher einfach sicherstellen sollte, dass es überhaupt ein Rundfunkprogramm geben konnte, wird heute ausgelegt als die letzte Bastion gegen den Raubtierkapitalismus oder dergleichen. Wenn jetzt die öffentlich-rechtlichen Sender auch noch massiv online auftreten wollen, dann muss zumindest unterbunden werden, dass dadurch die vielen privaten kleineren und großen Informationsanbieter im Netz in ihrer Existenz bedroht werden. Das Internet ist ja gerade ein besonders niedrigschwelliges Medium, das vielen Anbietern verschiedenen Professionalitätsgrades den Einstieg ermöglicht. Für ein gebührenfinanziertes Angebot besteht da derzeit einfach kein Bedarf.
LeOn: Zuletzt noch ein Blick in die Zukunft des Journalismus als Beruf: Welchen neuen Anforderungen muss sich der Onlinejournalist im Vergleich zu klassischen Medien stellen?
Prof. Klimmt: Die wichtigste Veränderung ist wohl, dass der Job viel hektischer wird. Bei den konventionellen Medien ist der Redaktionsalltag noch durch das Erscheinungsintervall strukturiert. Das gibt den Journalisten die Möglichkeit, ihren Arbeitsrhythmus zu organisieren. Im Onlinejournalismus gibt es das nicht mehr, weil Nachrichten immer so schnell wie möglich online gestellt werden müssen. Das erhöht die Schlagzahl bei der Produktion journalistischer Angebote ganz erheblich. Die Schlüsselqualifikationen, um das zu bewältigen, sind dann sowohl Selbstmanagement als auch die Fähigkeit, an drei Artikeln gleichzeitig arbeiten zu können. Wenn man dann auch noch hohen Qualitätsstandards entsprechen will, muss man sich die zeitlichen Freiräume zur intensiven Recherche in einer Onlineredaktion viel stärker erkämpfen als im Printbereich, weil Geschwindigkeit zu einem Wert per se erhoben wird. Die Herausforderung liegt also darin, Schnelligkeit nicht zu Lasten der Gründlichkeit gehen zu lassen.
LeOn: Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Julia Reda.
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