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Quo vadis, vierte Gewalt? - Gespräch mit Prof. Christoph Klimmt

Juni 26, 2008

Debatten um Web 2.0, Internetzugang als Menschenrecht und öffentlich-rechtliches Onlineangebot lassen es erahnen: Das Internet avanciert zum Massenmedium. Logisch, dass eine solche Entwicklung an der Journalismusbranche nicht spurlos vorbeigeht. LeOn sprach mit Prof. Dr. Christoph Klimmt, Juniorprofessor für Onlinekommunikation am Institut für Publizistik der Uni Mainz, über neue Herausforderungen durch den Einzug von Onlineangeboten in die Medienlandschaft - nicht nur für Journalisten und Verleger, sondern auch für die Kommunikationswissenschaften.

LeOn: Die neuen Medien und nicht zuletzt auch Ihr Forschungsschwerpunkt, die Computerspiele, waren in den letzten Jahren stets Gegenstand kontroverser öffentlicher Diskussion. Was macht für Sie den Reiz dieser Themen für die Wissenschaft aus?

Prof. Klimmt: Das Internet nutzt man in unserem Beruf zwangsläufig intensiv. Im Bereich Computerspiele habe ich insofern eine intrinsische Motivation, als ich das früher ausgesprochen intensiv betrieben habe. Da habe ich hauptsächlich Ego-Shooter gespielt, die viel gescholtenen Killerspiele, aber auch Strategiespiele wie Transport Tycoon.
Prof. KlimmtBei der Onlinekommunikation ist das enorme Tempo der Entwicklungen reizvoll - nicht nur in Hinblick auf die Technologie, sondern auch auf die kommunikativen Geschäftsmodelle, die Anbieterstrukturen und vor allem was die Menschen letztendlich mit dem Medium anstellen. Seit knapp 20 Jahren haben wir jetzt das WWW, seit neustem tun sich zudem unter dem merkwürdigen Label “Web 2.0″ ganz interessante Dinge auf… Allein was Google täglich an neuen Diensten anbietet, hat unglaubliches Innovationspotential und führt letztlich zu einer Transformation des gesamten altbekannten Mediensektors. Die Forschung kann da natürlich kaum mithalten. Wenn man systematisch und theoriegeleitet arbeitet, ist man notgedrungen langsamer als solch ein dynamischer Gegenstand, aber es ist auch besonders reizvoll, weil man wirklich jeden Tag auf neue Entwicklungen stößt, die man untersuchen will.

LeOn: Was für Konsequenzen haben die neuen Medien für die Kommunikationswissenschaft?

Prof. Klimmt: Im Grunde müssen wir viele unserer althergebrachten Konzepte komplett überdenken. Das, was wir aus der klassischen Medienwirkungsforschung zu wissen glauben, muss für die Onlinekommunikation nicht genauso anwendbar sein. Nehmen wir so etwas einfaches wie Agenda-Setting - funktioniert das überhaupt noch, wenn die Bezugskanäle für aktuelle Informationen so weit auffächern? Ein Leitmedium, das eine Agenda vorgeben könnte, droht da zu verschwinden. Der Agenda-Setting-Prozess wird also so viel chaotischer, dass man sich von einem linearen Medienwirkungsbegriff hin zu einem Netzwerkmodell bewegen muss. Es genügt also nicht, neue Medien anhand der Erkenntnisse der etablierten Kommunikationswissenschaft zu untersuchen, sondern man muss auch seine bereits bestehenden Theorien hinterfragen.

LeOn: Auch so etwas Grundlegendes wie die Einteilung in Sender und Empfänger wird ja durch solche News-Communities wie digg oder reddit aufgeweicht, wo jeder seine eigenen Nachrichten zusammenstellen und kommentieren kann. Sehen Sie darin eine Gefahr für journalistische Qualität, wenn im Internet jeder Journalismus betreiben kann?

Prof. Klimmt: Nein, überhaupt nicht. Ich glaube Journalisten haben derzeit Angst, dass ihnen die Definitionsmacht über das, was wichtig ist, entgleitet. Es gibt jetzt viel mehr Leute, die sich zu Wort melden und die journalistische Einzelleistung in Frage stellen. Dass jetzt viel mehr Leute bloggen und kommentieren sehe ich eigentlich als eine Bereicherung, mit der der Journalismus lernen muss umzugehen.
Was mir viel mehr Sorgen macht, ist dass es nach wie vor kein vernünftiges Finanzierungsmodell für Onlinejournalismus gibt. Deutschlands Qualitätsblätter verschleudern hochqualifizierte journalistische Leistungen im Netz, in der Hoffnung, mit Bannerwerbung noch einen Teil der Verluste zu decken. Da Qualität nun einmal teuer ist, sind sie also auf Quersubventionierung durch ihr Printgeschäft angewiesen. Auf Dauer wird das nicht funktionieren, da sich in 20 Jahren unsere Nutzungsgewohnheiten so weit in Richtung Netz verschoben haben werden, dass sich viele Printerzeugnisse nicht mehr aus eigener Kraft tragen werden können. Man muss vielmehr ein Online-Pendant zur Abonnementzeitung schaffen. Den Leuten, die täglich qualitativ hochwertige Informationsdienste nutzen wollen, muss man dafür auch wieder einen Obolus abluchsen.

LeOn: Und wie könnte man das den Leuten verkaufen, die jetzt schon gewohnt sind, diese Dienste umsonst in Anspruch zu nehmen?

Prof. Klimmt: Eine Möglichkeit wäre da, durch Redaktionskooperation Abonnementbündel zu schnüren, die individuell auf den Rezipienten zugeschnitten sind. Zum Beispiel die Weltnachrichten von der Süddeutschen Zeitung, zu der man sich dann den Sportteil vom Kicker und den Regionalteil der Pirmasenser Nachrichten hinzukaufen kann. Die Preise könnten da trotzdem unter denen der Zeitungsabos liegen, weil die Kosten für Druck und Vertrieb wegfallen. Alle sagen mir ich sei ein Luftschlossbauer, die Kostenlosmentalität sei einfach schon zu weit verbreitet. Aber nur, weil sich das Medium geändert hat, kann das ja nicht heißen, dass für die gleiche Leistung plötzlich kein Geld mehr gezahlt wird.

LeOn: Eine Finanzierung von Onlineangeboten durch bessere Werbetechniken halten Sie also nicht für möglich?

Prof. Klimmt: Der Erfolg von Google spricht da durchaus Bände, derzeit arbeiten sie an einem online nutzbaren Officepaket, das sicher den Microsoft-Office-Produkten ernsthafte Konkurrenz machen wird. Das ist der Trick von Google, sie machen es einfach besser und kostenlos. Dadurch locken sie enorm viele Nutzer auf ihre Seiten, die sie für hochmoderne Werbetechniken nutzbar machen können. Durch diese Bündelung von Werbegewinnen sind sie auch in der Lage, Leistungen wie Google Maps kostenlos anzubieten, die früher viel Geld gekostet haben. Das Konzept kann aber nicht aufgehen, wenn es jeder so versucht. Stattdessen wird Google da der Konkurrenz - wie etwa den Kartenverlagen - die Geschäftsgrundlage entziehen, indem es deren Leistungen entwertet. Insofern sollte sich auch der Journalismus nicht darauf verlassen, dass die Werbeeinnahmen im Internet irgendwann schon noch steigen werden, indem man mit Google kooperiert. Das Werbegeld wird nämlich nicht bei den Redaktionen, sondern bei Google hängenbleiben.

LeOn: Die Alternative der Abonnementangebote würde doch aber dazu führen, dass nur diejenigen, die es sich leisten können, umfassend informiert sind. Wäre ein öffentlich-rechtliches Internetangebot ein Mittel, dem vorzubeugen?

Prof. Klimmt: Eine kostenlose Grundinformation wird es sicher auch in Zukunft im Internet geben, aber auch die Zeitungen kosten ja Geld. Der gut informierte Bürger zahlt auch jetzt schon jede Woche seine 5 Euro für die Zeit. Ob man es Knowledge Gap oder jetzt Digital Divide nennt, das ist kein neues Problem. Man könnte zwar durch das Internet versuchen, die gesamte Bevölkerung mit einem umfassenden Angebot in Berührung zu bringen, aber es wäre trotzdem ein Großteil nicht in der Lage, diese Inhalte überhaupt zu verarbeiten und zu verstehen. Man muss aufpassen, keine übertriebenen normativen Anforderungen an das Internet zu stellen, dass es jetzt alle zu ideal informierten partizipierenden Bürgern machen könnte - so funktioniert Demokratie nicht.
Was die Öffentlich-Rechtlichen angeht, deren Rolle ist hoch problematisch. Wir haben uns jetzt 50 Jahre lang darauf verlassen, dass das Rückgrat der politischen Information, das Zeitungswesen, in privatwirtschaftlichen Händen bleibt. Den öffentlich-rechtlichen Rundfunk hat man immer damit begründet, dass es anfangs unmöglich war, ein vielfältiges, wettbewerbsbasiertes Angebot aufzubauen, und das stimmte 1948 wahrscheinlich auch noch. Man hat sich damit ein mit verfassungsrechtlichen Freibriefen ausgestattetes Monster geschaffen. Das muss man in der Deutlichkeit sagen, sieben Milliarden Euro, das ist ein Wahnsinn, was wir dafür ausgeben! Und der Begriff Grundversorgung, der früher einfach sicherstellen sollte, dass es überhaupt ein Rundfunkprogramm geben konnte, wird heute ausgelegt als die letzte Bastion gegen den Raubtierkapitalismus oder dergleichen. Wenn jetzt die öffentlich-rechtlichen Sender auch noch massiv online auftreten wollen, dann muss zumindest unterbunden werden, dass dadurch die vielen privaten kleineren und großen Informationsanbieter im Netz in ihrer Existenz bedroht werden. Das Internet ist ja gerade ein besonders niedrigschwelliges Medium, das vielen Anbietern verschiedenen Professionalitätsgrades den Einstieg ermöglicht. Für ein gebührenfinanziertes Angebot besteht da derzeit einfach kein Bedarf.

LeOn: Zuletzt noch ein Blick in die Zukunft des Journalismus als Beruf: Welchen neuen Anforderungen muss sich der Onlinejournalist im Vergleich zu klassischen Medien stellen?

Prof. Klimmt: Die wichtigste Veränderung ist wohl, dass der Job viel hektischer wird. Bei den konventionellen Medien ist der Redaktionsalltag noch durch das Erscheinungsintervall strukturiert. Das gibt den Journalisten die Möglichkeit, ihren Arbeitsrhythmus zu organisieren. Im Onlinejournalismus gibt es das nicht mehr, weil Nachrichten immer so schnell wie möglich online gestellt werden müssen. Das erhöht die Schlagzahl bei der Produktion journalistischer Angebote ganz erheblich. Die Schlüsselqualifikationen, um das zu bewältigen, sind dann sowohl Selbstmanagement als auch die Fähigkeit, an drei Artikeln gleichzeitig arbeiten zu können. Wenn man dann auch noch hohen Qualitätsstandards entsprechen will, muss man sich die zeitlichen Freiräume zur intensiven Recherche in einer Onlineredaktion viel stärker erkämpfen als im Printbereich, weil Geschwindigkeit zu einem Wert per se erhoben wird. Die Herausforderung liegt also darin, Schnelligkeit nicht zu Lasten der Gründlichkeit gehen zu lassen.

LeOn: Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Julia Reda.

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ARD und ZDF online - Vielfaltgewinn durch Freiheitsverlust?

Juni 12, 2008

Heute beraten die Ministerpräsidenten der Länder in Berlin über den 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag. Ein viel diskutierter erster Entwurf sieht unter anderem vor, dass die Internetangebote der Öffentlich-Rechtlichen (z.B. tagesschau.de) entgegen der bisherigen Praxis textbasierte Inhalte nur noch dann anbieten dürfen, wenn sie sich direkt auf eine Sendung beziehen, und auch diese sollen nur maximal eine Woche nach Ausstrahlung der entsprechenden Sendung online verfügbar sein.

In der Praxis würde dies bedeuten, dass neben Dossiers und Serviceangeboten mit weiterführenden Informationen auch die Veröffentlichung von Nachrichten, die nicht im TV oder Hörfunk ausgestrahlt werden, unzulässig wäre.

Brüssel fürchtet unlauteren Wettbewerb im Internet

Diese Reform fordert allen voran der Verlag Deutscher Zeitungsverleger (VDZ), der in der gebührenfinanzierten Internetpräsenz der Öffentlich-Rechtlichen einen unlauteren Wettbewerb gegen kommerzielle Nachrichtenportale im World Wide Web sieht. Unterstützt wird der VDZ in dieser Befürchtung von der Europäischen Kommission. Nachdem sich EU-Medienkommissarin Viviane Reding am Wochenende in einem Interview mit faz.net deutlich gegen ein redaktionelles Angebot der Öffentlich-Rechtlichen im Internet ausgesprochen hatte, wies Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes ihre Kollegin zwar zu Recht darauf hin, dass die Beobachtung der öffentlich-rechtlichen Onlineaktivitäten in den Kompetenzbereich der Wettbewerbskommission falle, dennoch gab sie Reding in der Sache Recht und kündigte an, gegen Wettbewerbsverzerrungen zu kämpfen. Sollte die Politik also - wie von den Vertretern von ARD und ZDF gefordert - nur das Verbot von Onlineangeboten der Öffentlich-Rechtlichen beschließen, die wie Presseerzeugnisse gestaltet sind (gemeint sind ausdruckbare e-papers, nicht etwa alle textbasierten Angebote), könnte Brüssel dieses Gesetz zu Fall bringen, um den freien journalistischen Wettbewerb im Internet zu schützen.

Ein Blick ins Gesetz erspart viel Geschwätz

Um diesen Streit zu verstehen, kommt man nicht umhin, das Grundgesetz und die Existenzberechtigung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks unter die Lupe zu nehmen. Warum ist die Presse frei von staatlichem Einfluss, für den Rundfunk gelten aber trotz im Grundgesetz festgeschriebener Rundfunkfreiheit andere Regeln? Und was bedeutet das für neue Medien wie das Internet?
Der Unterschied in der Ausgestaltung von Presse und Rundfunk geht auf eine Zeit zurück, als aufgrund der Funktechnik nur die Einrichtung einer kleinen Anzahl von Fernseh- und Hörfunksendern möglich war. Angesichts dieser „Sondersituation” und der hohen Kosten für den Betrieb eines Rundfunksenders sah das Bundesverfassungsgericht keine Möglichkeit für einen fairen, freien Wettbewerb gegeben, der eine Meinungsvielfalt ähnlich der Presse garantieren würde. Um dem Bürger dennoch vielfältige Informationen im besonders beeinflussend wirkenden Massenmedium Fernsehen garantieren zu können, sah man in der Rundfunkfreiheit also einen staatlichen Auftrag, eine Grundversorgung mit Informationen in Form der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten zu bieten.
Auf das Internet angewandt muss man feststellen, dass alle Argumente, die den staatlichen Eingriff in die Rundfunkfreiheit rechtfertigten, auf das Internet noch weniger zutreffen als auf die Zeitungspresse. Die mögliche Zahl der Onlineangebote ist grundsätzlich unbegrenzt und nur durch den Wettbewerb beschränkt, zumal die Kosten für die Unterhaltung einer Internetseite weit hinter denen einer Zeitung und erst recht eines Rundfunksenders liegen. Das erlaubt auch solchen Angeboten einen leichteren Einstieg, die nur für Minderheiten interessant sind, eine staatliche Vielfaltssicherung ist also weit weniger dringlich als im Fernsehen. Auch der Einwand, die besondere Suggestionskraft bewegter Bilder verlange eine staatliche Kontrolle - unabhängig davon, ob man ihm nun zustimmen mag oder nicht - ist für die derzeitige Diskussion irrelevant, da die Öffentlich-Rechtlichen ja nur in der Veröffentlichung textbasierter Angebote im Internet eingeschränkt werden sollen. Videos aus ihrem Fernsehangebot sollen sie weiterhin online verfügbar machen dürfen.

Schleichende Untergrabung der Meinungsfreiheit

Es bleibt also festzuhalten, dass durch die gesetzliche Regelung der Internetpräsenzen von ARD, ZDF und co. diese nicht nachträglich eingeschränkt werden, sondern ein rechtlicher Rahmen für ihre Online-Aktivitäten geschaffen wird, nachdem sie die die Grenzen ihrer Kompetenzen bereits weiträumig ausgetestet haben. Die Unterhaltung öffentlich-rechtlicher Internetangebote stellt genau wie die der Rundfunksender einen Eingriff in die Meinungsfreiheit dar, welcher hinreichend begründet werden muss. Dies kann nicht allein durch den Nutzwert dieser Websites geschehen, so lange unabhängige deutsche Internetportale ein ähnlich hochwertiges Informationsangebot liefern. In diesem Punkt hebt sich das deutschsprachige Internetangebot nach Einschätzung der Europäischen Kommission sogar positiv von dem anderer europäischer Staaten ab, dennoch wird der freien Presse hierzulande weit weniger Vertrauen geschenkt und auf die Informationsversorgung des Bürgers durch einen paternalistischen Staat bestanden.
Dass jede Freiheit auch ein gewisses Gefahrenpotential für die Freiheiten anderer birgt, betont bereits die Formulierung der allgemeinen Handlungsfreiheit aus Artikel 2 des Grundgesetzes. Dies aber als Anlass zu sehen, massiven staatlichen Einfluss auf den Informationswettbewerb auch im freisten aller Medien auszuüben, zeugt von einem unbegründeten Misstrauen gegenüber dem Bürger, obwohl die Freiheitsrechte ganz im Gegenteil Ausdruck eines historisch berechtigten Misstrauens gegenüber dem Staat sein sollen.

Kommentar: What have you got, 1968?

Juni 5, 2008

Mein Chemielehrer - konfrontiert mit drei schwarz gewandeten Schülern mit Vogelnestern auf den Köpfen, die zu spät zum Unterricht kamen, begründete es so: „Wir waren damals wenigstens noch bunt!“, Frank Zappa fasste es so zusammen: „I’m completely stoned, I’m hippy and I’m trippy, I’m a gypsy on my own, I’ll stay a week and get the crabs and take a bus back home“. Aber werden diese Einschätzungen der Faszination gerecht, mit der wir die 68er-Generation auch heute noch betrachten? Was hebt sie von all den anderen Protestbewegungen ab, die sich über die Jahrzehnte gebildet und wieder zersetzt haben? Was bringt 40 Jahre später ebensoviele Studenten der Uni Mainz dazu, zahllose Nachmittage dafür zu opfern, mit dem Musical „Hair“ einen Meilenstein der 68er-Kultur nachzuspielen?

Es wäre sicher zu kurz gegriffen, nur auf die schrille Mode, freie Liebe, die Musik und den Reiz des Drogenkonsums zu verweisen - alles Themen, die in den Werkeinführungen zum Musical „Hair“ auf dem Campus ausführlich behandelt wurden. Doch keiner der Dozenten vermochte das Publikum so in die Zeit der Hippies zurückzuversetzen, wie das der Musicalcrew scheinbar völlig mühelos gelang. Der Eindruck, der sich aus der Kombination von Vorträgen und Aufführung ergab, war vor allem der, dass sich die Anziehungskraft der 68er-Bewegung der wissenschaftlichen Analyse entzieht.

Wer also am 6. und 7. Juni nicht die Gelegenheit hat, sich an der Showbühne Mainz bei den letzten beiden Aufführungen von „Hair“ auf eine Zeitreise ins Jahr 1968 mitnehmen zu lassen, dem bleibt nichts anderes übrig, als sich über Zeitzeugen ein Bild von jener Zeit zu verschaffen, die auch im 21. Jahrhundert noch die Gemüter bewegt. Viel Aufmerksamkeit wurde der Beschreibung von Hunter S. Thompson in seinem Roman „Fear and Loathing in Las Vegas“ zuteil:

„Funken schlagen konnte man überall. Und es herrschte dieses fantastische universale Gefühl, alles, was wir taten, sei richtig. Keine Zweifel, wir würden gewinnen. Und das, glaube ich, war der Haken - dieses Gefühl, der Sieg über die Kräfte des Alten und Bösen sei unausweichlich. Ein Sieg, ganz und gar nicht auf niederträchtige oder militante Weise: Das hatten wir nicht nötig. Unsere Energien würden sich ganz einfach durchsetzen. Es hatte keinen Zweck zu kämpfen - weder auf unserer noch auf ihrer Seite. Hinter uns stand die Naturgewalt; wir ritten auf dem Kamm einer hohen und wunderschönen Welle“.

Uncertain about quantum mechanics?

Mai 28, 2008

Die Vorlesungsreihe “Physik am Samstagmorgen” an der Uni Mainz bietet Schülern der Oberstufe und Lehrern die Möglichkeit, sich mit aktuellen Forschungsfragen der Physik auseinanderzusetzen. “Vom Quark zum Kosmos” sollte den Gästen dieses Jahr an sechs Samstagen die Welt erklärt werden - ein ehrgeiziges Ziel.

Drei junge Männer schlendern an einem Samstag um neun Uhr früh über den ungewohnt stillen Campus - alle drei haben sie lange Haare, einer ist mit einem Kettenhemd bekleidet und trägt ein Trinkhorn im Gürtel. Ihr Ziel ist nicht etwa eine Mittelalter-Convention, sondern die Vorlesung Physik am Samstagmorgen. Heute leitet Dr. Matthias Neubert, Professor für theoretische Elementarteilchenphysik, die letzte Veranstaltung der Reihe. “Kosmologie und Quantenphysik” lautet das Thema.

Der Hobbit, das Spaghettimonster und die dunkle Seite der Macht

Wer einen Schein für den Besuch der Vorlesung erhalten möchte, muss erst einige Anmeldeformalitäten inklusive Herr der Ringe-Referenzen (”Du darfst nicht vorbei!!!”) über sich ergehen lassen, bevor er in den gut gefüllten Hörsaal der Physik vorgelassen wird. Bemerkenswert aus der Sicht des Sozialwissenschafts-Studenten ist hier, dass die Technik inklusive Beamer und Kameras einwandfrei funktioniert und sofort in den Vortrag eingestiegen werden kann. In knapp drei Stunden erläutert Professor Neubert anhand von einfachen Experimenten und “so wenigen Gleichungen wie möglich”, wie das ganz Große mit dem ganz Kleinen zusammenhängt.
Dabei wird nicht Halt gemacht vor Touched by His Noodly Appendage - the Flying Spaghetti MonsterForschungsfeldern wie dem der dunklen Materie, die nach dem derzeitigen Stand der Wissenschaft noch weit mehr Fragen aufwerfen als sie überhaupt beantworten können.
Das junge Publikum zeigt sich in seinen zahlreichen Fragen bemerkenswert fachkundig und obendrein dankbar über alle Anspielungen auf Star Wars oder das Flying Spaghetti Monster, die an mehr oder weniger passenden Stellen in den Vortrag eingebaut sind. Liegt am Ende in der Allianz aus theoretischer Physik und Popkultur der Schlüssel zur Begeisterung der Jugend für die Wissenschaften?

“Die Vorlesung lebt!” - Physik am Samstagmorgen stößt bei Schülern auf großes Interesse

Die Vorlesung erreicht ihre Zielgruppe in jedem Fall problemlos - mit “eins plus” bewertet der 17jährige Ramin K. die Veranstaltung: “Ich bin extra aus Frankfurt angereist, aber das macht man gerne, wenn einen das Thema so interessiert, da steht man mit Freude um fünf Uhr auf!” Er findet, dass die Themen weit besser aufbereitet sind als im Physikunterricht, sogar besser als die Vorlesungen, die er als Schülerstudent bereits an der Uni Frankfurt besucht hat. “Hier entwickeln sich Diskussionen, man kann auch jederzeit Fragen stellen anstatt dass hier Totenstille herrscht - die Vorlesung lebt!” Ramin findet es schade, dass er aus seinem Physik-Leistungskurs der einzige ist, der die Reise nach Mainz auf sich genommen hat - dafür verschlägt es ihn bald in noch weitere Ferne, denn er ist der Gewinner einer Reise zum Kernforschungszentrum CERN in der Schweiz, das die Veranstalter von Physik am Samstagmorgen unter allen Teilnehmern in einem abschließenden Quiz verlost haben.

Man will keine reine Schülerveranstaltung sein

Aber auch für Lehrer hat Physik am Samstagmorgen einiges zu bieten. “Es ist sehr schwierig, als Lehrer immer auf dem neuesten Stand zu bleiben, gerade bei Themen, die aus der aktuellen Forschung kommen”, meint Professor Neubert. Deshalb sieht er in dem Aktualitätsbezug der Themen von Physik am Samstagmorgen auch eine Chance, diese über die Lehrer in den Schulunterricht einzubringen. Die Aktualität der behandelten Themen zeigt sich nicht zuletzt durch den häufigen Verweis auf Forschungsprojekte des CERN, die in den nächsten Jahren - so die Hoffnung - viel zur Beantwortung der Fragen beitragen werden, die im Laufe des Vortrags aufgeworfen worden sind. Vor diesem Hintergrund wird für die Teilnehmer von Physik am Samstagmorgen auch eine gemeinsame Reise zum CERN angeboten, um das Gelernte zu vertiefen und in den Schülern die Freude an der aktuellen Forschung zu wecken, die auch Professor Neubert selbst zeigt. “Wir leben in spannenden Zeiten”, sagt er in seinem Schlusswort, “und es ist ein Privileg, dass wir an diesen Fragen forschen dürfen, während andere Geld verdienen müssen.”

Das CERN aus der Vogelperspektive
Das CERN aus der Vogelperspektive. Autor: User Silberstein
auf pl.wikipedia. Freigegeben unter der GFDL

Tanz der Kulturen

Mai 22, 2008

Am morgigen Donnerstag, den 22. Mai, finden in 39 Staaten des euromediterranen Raums Veranstaltungen zum Dialog der Kulturen statt. Neben Vorträgen finden sich auch Kunstausstellungen, Konzerte und Filmvorführungen in dem Programm, das von der Anna Lindh Stiftung für den Dialog der Kulturen ins Leben gerufen wurde. Auch das Zentrum für interkulturelle Studien (ZiS) an der Johannes-Gutenberg-Universität hat sich schon am Vorabend mit der Dialogue Night an dem Projekt beteiligt - einer Diskussionsrunde zum Thema offene und dynamische Kulturkonzepte. Ina Zukrigl-Schief, Ethnologin und Koautorin des Buches “Tanz der Kulturen”, erläuterte in ihrem Vortrag die Wichtigkeit eines neuen, dynamischen Kulturbegriffes.

Die Relevanz des kulturellen Dialoges in einer globalisierten Welt zeigt sich schon durch unsere Alltagserfahrungen. Immer mehr Menschen befinden sich täglich im kulturellen Dialog, sei es auf dem Campus, an der Dönerbude oder im Freundeskreis. Verschiedene Kulturen erlangen immer mehr Berührungspunkte, was zu gegenseitiger Bereicherung und Verschmelzung oder auch zum Konflikt, zum Clash of Civilizations, führen kann, wie der US-amerikanische Politikwissenschaftler Samuel Huntington ihn beschworen hat. Gegen dessen Kulturbild, das sich vor allen Dingen an ethnischer Zugehörigkeit festmacht und Kultur als ein statisches Konstrukt sieht, das der Abgrenzung von Gegnern und Feinden dient, wendet sich Frau Zukrigl-Schief in ihrem Buch.

Dem Kulturbild Huntingtons stellt sie die Annahme gegenüber, dass Kultur ein dynamischer Prozess sei, die Globalisierung somit auch weder zu einer reinen Verhärtung der Fronten führe, noch eine globale Amerikanisierung kulturelle Unterschiede einebnen werde. Sie illustriert dies anhand von Studien zur Handynutzung, die belegen, dass trotz der weltweiten Verbreitung der gleichen Technologien diese in verschiedenen kulturellen Kontexten sehr unterschiedlich eingesetzt werden. So empfinden z.B. viele Jamaikaner die Handynutzung als Stressminderung, da in ihrem Umfeld funktionierende öffentliche Telefone keine Selbstverständlichkeit sind und Kommunikationsmangel sehr viel eher als Stress empfunden wird als Zeitknappheit. Durch die Wichtigkeit sozialer Netze versteht man in Jamaika Armut gemeinhin als Mangel an sozialen und familiären Kontakten.

Frau Zukrigl-Schief sieht außerdem neben dem Konfliktpotential in kulturellen Begegnungen einen Prozess der Kreolisierung - das heißt, dass aus der Begegnung etwas Neues, eine Mischform, entsteht, die ihrerseits wieder identitätsstiftend wirken kann und sich weiterentwickelt. Sie geht sogar so weit, zu sagen, dass alle Kultur künstlichen, konstruierten Ursprungs sei und man deshalb neu auftretende kulturelle Erscheinungen nicht als weniger authentisch ansehen dürfte als Kulturen mit langer Tradition. Kultur ist also nicht nur, was seit Generationen in einer ethnischen Gruppe weitergegeben wird, sondern alles, womit sich Menschengruppen identifizieren und das sie mit Inhalten zu füllen bereit sind. So entwickeln nicht nur Volksgruppen Kultur, sondern auch Studenten, Blogger oder Biker, wenn diese sich zusammenfinden und aus der Gruppenzugehörigkeit ihre Identität schöpfen. So ist jeder Mensch Teil von zahlreichen Kulturkreisen, die miteinander agieren und sich im Fluss befinden - ein Kulturverständnis, das zwar keine Konfliktfreiheit suggeriert, aber den Umgang mit kulturellen Phänomenen, die über ethnische Grenzen hinausgehen, überhaupt erst ermöglicht.

Homepage des Zentrums für interkulturelle Studien

Weitere Veranstaltungen der Dialogue Night

Kleine Gäste, große Herausforderung: KinderUni on the Road

Mai 14, 2008

Zum ersten Mal hat sich am vergangenen Wochenende das Kinderprogramm der Universität Mainz auf Reise begeben. Auf der Landesgartenschau in Bingen konnten sich besonders die Gäste im Grundschulalter über “Erde, Wasser, Luft und Feuer - Chemie in der Natur” informieren. Dr. Heike Funk, Dr. Christa Welschof und Andi Höfler führten durch die Vorlesung, in der mit anschaulichen Experimenten an Chemie im Alltag herangeführt wurde.

Trotz kurzfristiger Raumänderung finden sich gut 200 Kinder im Rheintal Kongress Zentrum ein, viele von ihnen kennen die KinderUni bereits von früheren Veranstaltungen. “Sonst ist das noch cooler, da sitzt man im richtigen Hörsaal mit Tischen und so”, weiß eine junge Besucherin zu berichten. Die Eltern sind übrigens auf die hinteren Ränge verbannt, dennoch wollen sich viele von ihnen die Vorlesung nicht entgehen lassen. “Da lernt man immer noch selbst etwas dazu”, sagt ein Vater, der mit seinen drei Kindern extra für die Kinderuni zur Landesgartenschau gekommen ist.

Anhand von Alltagsgegenständen werden den Kindern physikalische und chemische Prozesse vorgeführt. Die Dozenten der KinderUni in AktionSo zeigt sich, dass man mit einer schockgefrorenen Banane Nägel einschlagen kann, wie man buntes Feuer macht und wie sich - begleitet vom Gelächter der kleinen Gäste - die Stimme der strengen Professorin in die von Mickey Mouse verwandelt.
Das liege daran, dass in dem Helium, das sie zuvor eingeatmet hat, eine höhere Schallgeschwindigkeit herrsche als in unserer Atemluft und darum ihre Stimmbänder mit einer höheren Frequenz schwingen können, erklärt sie den staunenden Kindern. Durch die schnellere Schwingung ergebe sich dann die höhere Stimme. Klingt logisch.
Hier horcht aber vielleicht der ein oder andere in den hinteren Reihen auf und erinnert sich dunkel an seinen eigenen Physikunterricht. Stimmt denn das so?
Gleich zuhause mal nachgeschlagen stellt sich heraus, dass diese Erklärung doch etwas zu simpel ist.
Das Geräusch, das die Stimmbänder erzeugen, ist zunächst nur eine Art Schnarren, der so genannte Primärschall. Erst durch die Lage der Resonanzfrequenzen im Mundraum entsteht die Stimme, wie wir sie hören. Diese Resonanzen hängen auch von der Schallgeschwindigkeit ab, welche in Helium tatsächlich höher ist als in gewöhnlicher Atemluft. Daher erscheint uns die Stimme insgesamt höher, obwohl sich der Primärschall in diesem Vorgang überhaupt nicht verändert. Wer es ganz genau wissen will, kann versuchen, eine Flöte und eine Ukulele in einem mit Helium gefüllten Raum zu spielen - die Flöte klingt dort höher, weil sich der Ton in ihrem Innenraum bildet, so wie unsere Stimme im Mundraum. Die Tonhöhe der Ukulele bleibt hingegen gleich, da der Klang durch die Schwingung der Saiten selbst erzeugt und der Hohlraum nur als Verstärker dient.

Es lässt sich darüber streiten, ob solche Detailgenauigkeit für eine Veranstaltung wie die KinderUni überhaupt nötig ist, da ja vor allem die Freude an wissenschaftlichen Themen geweckt werden soll. Andererseits merkt die Dozentin während der Vorlesung selbst an, dass man Kinder nicht unterschätzen darf und diese z.B. mit komplizierten Fachbegriffen oft weniger Probleme haben als Erwachsene. Dass viele der Vorlesung sehr aufmerksam folgen, zeigt schon die große Zahl an Wortmeldungen, über die sich so mancher Universitätsprofessor sicher auch in seinen Vorlesungen freuen würde. Es ist also schon deshalb ratsam, bei der KinderUni so nah wie möglich an den Tatsachen zu bleiben, damit man eine befriedigende Antwort auf die Lieblingsfrage der Besucher geben kann: “Warum”?

Bäumchen wechsel dich!

Mai 5, 2008

Es war lange ein beliebter Vorwurf, dass die Internetauftritte so mancher Zeitungen nur schlechte Kopien ihrer Print-Ausgaben seien. Auf die besonderen Ansprüche und Möglichkeiten des Mediums Internet werde nicht genug eingegangen, und lediglich die Artikel eins zu eins in ein Webformat gepresst. Mittlerweile haben zumindest die finanzstärkeren Printmedien stark in ihre Webauftritte investiert, und der Nutzer kann neben verbesserter Aktualität mitunter sogar Anflüge von Interaktivität und thematischer Vernetzung genießen.

Umso erstaunlicher ist es, dass ein Projekt, das wie kaum ein anderes die Vorzüge des Internets in sein Konzept inkorporiert hat, den entgegengesetzten Weg zu gehen scheint. Die Wikipedia kommt auf den Printmarkt. Das Bertelsmann Lexikon Institut will das Online-Lexikon ab September als Einbänder in den Buchhandel bringen - freilich in deutlich abgespeckter Form. Das Nachschlagewerk, das zum Preis von 19,95 € erhältlich sein wird, soll den jeweils ersten Absatz der 50.000 meistgesuchten Begriffe umfassen. Durch dieses neuartige Relevanzkriterium setzt sich die Wikipedia zwar auch in gedruckter Form von anderen Enzyklopädien ab, es drängt sich aber schon die Frage auf, ob für dieses Produkt überhaupt ein Markt besteht.

Im stern-Test, in dem die deutschsprachige Wikipedia deutlich besser abschnitt als der kostenpflichtige Online-Brockhaus, wurde als Stärke der Wikipedia insbesondere seine Aktualität angeführt. Gerade diese ginge bei einer Printausgabe aber verloren. Auch der große Vorteil der Wikipedia gegenüber Printmedien, durch die Verlinkung von Artikeln und externen Quellen Informationen in einem breiten Kontext zu präsentieren, lebt von der Verwendung von Hypertext.

Nun läutet dieser Ausflug auf den Printmarkt sicher nicht das Ende der Wikipedia ein. Aber er ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, dass Print- und Onlineinhalte nach wie vor häufig als austauschbar angesehen werden - auch von denen, die es eigentlich besser wissen sollten. Es bleibt zu hoffen, dass die geplante Überarbeitung der Wikipedia-Inhalte für die Buchfassung nicht dazu führt, dass für den Einbänder konzipierte Inhalte letztlich wiederum in die Onlineversion kopiert werden.

Man kann sich nur wundern, warum es überhaupt der Erwähnung bedarf, dass für solch verschiedene Medien wie Internet und Print auch verschiedene Darstellungsformen notwendig sind, wenn man ihr Potential voll ausschöpfen will. Schließlich kommt auch niemand auf die Idee, einen Radiobeitrag im Fernsehen zu senden.

Im Anfang war das Wort.

April 25, 2008

Seit Menschengedenken werden dem Wort übermenschliche Kräfte nachgesagt. Wer den wahren Namen eines Menschen kennt, übt Macht über ihn aus. Das Schlüsselwort offenbart Geheimnisse - das Zauberwort, zur richtigen Zeit ausgesprochen, kann gar die Gesetze von Raum und Zeit außer Kraft setzen! Wer mit Worten umzugehen weiß, kann als Redner, als geistlicher Führer, als Schamane seine Mitmenschen lenken.

„Alles Hokuspokus!“ sagt der aufgeklärte Weltbürger der Gegenwart. Wir leben in einer materiellen Welt, Magie gibt es nicht, und man ist ja außerdem Agnostiker! Und doch baut sein gesamtes Weltbild auf den Informationen auf, die täglich durch Zeitung, Fernsehen und Internet auf ihn einströmen. Die Journalisten, die Schamanen der Neuzeit, weben die auf sie einströmenden Informationen in ein Netz, das die Welt umspannt. Sie bannen die Vielfalt unserer Existenz auf Papier. Damit setzen sie sich zwar nur in Einzelfällen über Raum und Zeit hinweg, doch die journalistische Agenda bestimmt, was die Gemüter bewegt. So binden sich in San Francisco Menschen an Brücken fest, um für Tibet zu protestieren. Doch ohne die Medien hätten sie wohl nie gewusst, was Tibet überhaupt ist.

Haben wir uns also kein Stück weiterentwickelt von der Gesellschaft, in der die breite, entmündigte Masse von einer kleinen Zahl sprachbegabter Führer dominiert wird?

Nein! Die Aufgabe des Journalisten liegt nicht darin, die Menschen zu kontrollieren. Er kann das Wissen - und damit die Macht - über das eigene Leben an die Menschen weitertragen, etablierte Denkmuster aufbrechen und seine Leser und Zuschauer einladen, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Er führt sie an fremde Welten heran und stellt ihnen dann frei, die so gewonnenen Einblicke auf ihre eigenen Lebenswelten zu übertragen. Er macht Informationen verdaubar und trägt so dazu bei, dass Menschen die Kraft entwickeln, über das Wissen der Welt zu verfügen und sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen.

Das Verfolgen der Medien gibt ständig neue Denkanstöße - nicht nur für die Leser, sondern auch für den Journalisten selbst. Er ist gezwungen, sich täglich mit neuen Themen auseinanderzusetzen, immer etwas schneller zu sein als die anderen, immer etwas tiefer zu schürfen - und hört dadurch niemals auf zu lernen. Sein Beruf ist lohnenswert über das reine Brötchenverdienen hinaus. Da das Rad der Zeit niemals stillsteht, hat er die Chance, sich täglich neu zu erfinden. Er lernt, mit der aberwitzigen Geschwindigkeit der Welt Schritt zu halten. Und attestiert man ihm auch eine besonders geringe Lebenserwartung, so muss den Journalisten das nicht stören. Was machen schon ein paar Jährchen weniger Zeit aus, wenn man zeitlebens dreimal so viel erlebt und bewegt wie der behäbige Angestellte, der Jahre seines Lebens damit verschwendet, auf 17 Uhr zu warten?

Julia Reda