Stimmengewirr. Die Besucher der Vorlesung reden alle wild durcheinander. Dort hinten tratscht eine Dreiergruppe halb flüsternd und kichernd über die Party vom Vorabend, weiter vorn unterhalten sich zwei Studenten über den Prüfungsstoff. Der Dozent betritt den Saal, langsam wird es leiser. Er geht nach vorn und beginnt mit seiner Vorlesung, etwa 90 Minuten ist er jetzt damit beschäftigt, sein Wissen in Form von Worten weiterzugeben.
Uni ist Kommunikation. Einer der wichtigsten Kanäle des Austausches und der Wissensvermittlung ist die Lautsprache. Ob im Seminar diskutiert wird oder eben der Dozent seinen Vortrag hält, wer Schwierigkeiten hat akustisch zu verstehen, dem fällt es auch schwer inhaltlich zu folgen. Ein Problem, vor dem viele hörgeschädigte Studenten stehen, auch hier an der Uni Mainz.
Zwischen Uni und Behörden
Liona ist eine von wenigen gehörlosen Studenten in Mainz. Sie studiert Buchwissenschaft, Kunstgeschichte und Portugiesisch auf Magister, meist ist sie im Philosophicum zu finden. Kurzzeitig wurde sie auf diesen Wegen auch von einem kleinen Kamerateam der Hörgeschädigten-Sendung „Sehen statt hören“begleitet, das ihr Studentendasein dokumentierte.
Die typischen Themen des Studentenlebens beschäftigen auch Liona. Umstellung auf Bachelor, Auslandssemester, Freizeit in Mainz, Gedanken über den Studienverlauf. Aber durch die Gehörlosigkeit kommen auch noch einige nicht alltägliche Herausforderungen hinzu. Kaum hatte sie mit dem Studium begonnen, musste sie sich zum Beispiel durch einen mühsamen Behördendschungel schlagen um Dolmetscher finanziert zu bekommen.
Aller Anfang scheint schwer
Der Kontakt zur Behindertenbeauftragten der Uni erwies sich zunächst als sehr ernüchternd. „Sie sagte, ich könne doch in der Nähe meiner Eltern studieren, dann könnte ich mit der gesparten Miete den Dolmetscher bezahlen“, schildert Liona. Bis dann dem gestellten Antrag tatsächlich stattgegeben wurde vergingen neun Monate, was 1 ½ Semester unter erschwerten Bedingungen bedeutete. Die Behindertenbeauftragte von damals ist übrigens mittlerweile nicht mehr an der Uni und mit der neuen Beauftragten läuft die Zusammenarbeit gut.
Inzwischen wird Liona oft von Dolmetschern unterstützt, meist in Vorlesungen oder Seminaren für Buchwissenschaft. Für Gehörlose gibt es zwei Arten von Dolmetschern: Schriftdolmetscher, die alles Gesagte protokollieren, sodass Inhalte im Anschluss an die Veranstaltung nachgelesen werden können, oder Gebärdendolmetscher, die während der Veranstaltung das Gesagte in die Deutsche Gebärdensprache übersetzen.
Liona favorisiert Gebärdendolmetscher, denn „so kann ich dem Gesagten direkt folgen.“ Gebärdendolmetschen ist im mit Fachwörtern gespickten Universitätsalltag allerdings sehr anstrengend. Daher stehen immer zwei Dolmetscher zur Verfügung, die sich im 10-Minuten-Takt abwechseln. Die Gebärdensprache zählt im Gegensatz zu der von Hörenden verwendeten Lautsprache zu den visuellen Sprachen, neben den Gebärden wird auch noch die Mimik verwendet um sich anderen mitzuteilen. Die Grammatik der Deutschen Gebärdensprache unterscheidet sich ebenfalls von der der Lautsprache.
Gesucht und auch gefunden
Mittlerweile beherrscht die Studentin drei verschiedene Gebärdensprachen. Die deutsche als „Muttergebärdensprache“, die brasilianische, die sie während eines einjährigen sozialem Engagement in Brasilien erlernt hat, und die italienische, mit der sie sich während des Erasmus-Aufenthalts in Bologna verständigte. Dass sie mit ihrem Handicap so selbstverständlich umgeht wie jetzt war nicht immer so. Erst durch einen einjährigen Aufenthalt in Brasilien nach der Schulzeit, wo Liona die Lehrer einer Gehörlosenschule unterstützte, hat sich das geändert. „Früher in Deutschland tat ich mich schwer mit meiner Identität. Mal fühlte ich mich gehörlos, mal schwerhörig, mal hörend“, erzählt sie. „In Brasilien habe ich ein ganzes Jahr lang 24 Stunden täglich nur mit Gehörlosen zusammengelebt und habe meine gehörlose Identität verinnerlicht.“
Besonders begeistert wird Liona dann, wenn sie von ihrem Auslandssemester erzählt. Hier hat sie als erste gehörlose Erasmus-Studentin in Bologna gemeinsam mit etwa 30 anderen gehörlosen Studenten die Universität besucht. „Gehörlose haben eine eigene Kultur“, sagt Liona. In Bologna konnte sie sich in Gebärdensprache auch über typische Universitätsthemen austauschen und voll in diese Kultur eintauchen. „Diese große Gruppe fehlt mir hier schon sehr.“
Das ist allerdings kein Grund, mit der Rückkehr nach Deutschland in Trübsal zu versinken. Zwar ist die Studentin an der Uni selbst bisher nur eher wenigen Hörgeschädigten begegnet, aber gemeinsam mit Anna und Jens, zwei Freunden aus Mainz, hat sie einen Stammtisch ins Leben gerufen, der sich etwa einmal im Monat trifft. Gebärdensprache, Lautsprache, hier geht es wild durcheinander. Stimmengewirr, Gebärdengewirr. Denn nicht nur Uni ist Kommunikation.
Tags: gehörlos studieren, Hörgeschädigt, schwerhörig, Studieren mit Behinderung

Januar 30, 2010 um 7:37 am |
Das ist ein schöner Bericht über eine gehörlose Studentin. Ich finde es toll, dass sie einen Stammtisch gegründet hat, wo sich befreundete hörgeschädigte Studenten zusammenfinden.
Solche Menschen sind super Botschafter, dass alles möglich ist!
Lieben Gruß
Judith Göller
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